Viertes Kapitel.
Die Heidelberger Professoren. Thibaut. Nägeli. Walch. Graf Sponek. Creuzer. Hegel. Paulus. Daub. Langsdorf. Schweins. Schlosser. Tiedemann. Gmelin. Munke. Konradi. Schelver. v. Leonhard. Die Pedelle, Krings und Ritter.
Thibaut ist ein Mann des Verstandes, zu dessen Ehre er oft die Empfindung zu demüthigen bestrebt ist. Die Art und Weise wie er über den damals empor lodernden Enthusiasmus der Jugend ironisirte, indem er vor allen Dingen die Lieblingsideen der Burschen lächerlich zu machen suchte, gaben ihn in unseren Augen das Ansehn eines kalten gefühllosen Mannes und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. In Heidelberg selbst war die Petition der Bürger noch nicht vergessen, welche Martin mit unterzeichnet, Thibaut aber als strafbar desavouirt hatte. Durch diesen Umstand ward Thibauts bedeutender Einfluß in Carlsruhe gegründet, Martin hingegen bewogen, Heidelberg zu verlassen und einem Rufe nach Jena zu folgen.
Wenn hingegen von Musik die Rede war, so zeigte sich Thibaut auch als Enthusiast. Er lobte aber nur die geistliche, und von dieser die Italienische Musik. Man sagte, er halte Agenten in Rom, welche ihm zu hohen Preisen aus den verschiedenen Kirchenregistraturen manches Requim der trägen Ruhe für das gottseelige Thibautsche Fortepiano entreißen mußten, nichts destoweniger war er in dieser Beziehung jedenfalls einseitig, da er alle neuere Musik total verwarf, und Paer den Kotzebue der Musik nannte. Auf den Letzten schien er es besonders nicht zu haben. Er erzählte mit großem Vergnügen eine Historie von Schiller und Kotzebue. Der letzte hatte bei dem großen Dichter ein von ihm verfertigtes Trauerspiel, ich glaube den Ubaldo einschmuggeln gewollt, und zu diesem Ende vorgegeben, er wünsche Schiller das Product eines jungen hoffnungsvollen Dichters, und zwar ein Trauerspiel vorzulesen. Schiller hatte eingewilligt, indessen hatte Kotzebue noch nicht den ersten Act beendigt, als Schiller nicht mehr seine krampfhaften Zuckungen beherrschen gekonnt und ausgerufen habe: »Das Trauerspiel mag der Teufel auch von einem jungen Dichter sein, das ist das Machwerk eines alten keiffigen Theaterscriblers, der die Bühne durch und durch kennt, dem aber Phantasie und Gefühl mangelt.« —
Nachdem ich ein halbes Jahr studirt hatte, wurde ich von meinem Landsmann, dem gelehrten St. aufgefordert, ihm zu oponiren. Obgleich ich die Collegia nicht sehr fleißig besucht hatte, die rücksichtlich meines Fachs auch nur auf Institutionen und Rechtsgeschichte beschränkt gewesen waren, so nahm ich doch diese Einladung an. Ich hatte die Hamburger Schule frequentirt und sprach ziemlich gewandt Latein. Ich instruirte mich nach Collegien-Heften über die Personalservituten und ob ein Lehn nur durch dolus oder auch durch culpa verloren wird, hatte eine kleine lateinische Anrede formirt, und ging dann getrost in die Aula.
Aber wie erschrack ich, als ich nur einen einzigen, Thibaut auf den für die Professoren bestimmten Sitze gewahrte. Alle meine Vocativi Pluralis waren schon auf meiner Zunge, ich konnte ihnen keine Contreorden mehr ertheilen. Ich gab daher den neugierigen Musensöhnen allen Professorenrang und hub meine Rede etwa mit diesen Worten an:
[4]Cum primum abste rogarer ut verbis tecum altercandi munus susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas. Sed dicendum est coram tantis viris, quorum magna atque divina adeo doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat. Detis egitur veniam viri doctissimi si aures vestras tam teneras in audiendis dissouis latinae linguae vocibus fatigem.
Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen Sapphischen Versen, welche mir doch zu schlecht scheinen, um sie wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah, ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig: »Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen, wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre vocativi pluralis hineinschlucken müssen.«
Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung lehren:
In Heidelberg war ein Doctor juris insigni cum laude promovirt, welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte betreten der Doctor. »Aber da steht ja publice defendet in Ihren Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen vertheidigen werde.« — »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort, »fordern Sie ihr Geld zurück, »publice« heißt ja auf Kosten des Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius zeigen, daß publice institui jussit nichts anderes bedeutet, als: »Er ließ dies oder das auf Kosten des Staats errichten.« Verblüfft stand der insignicum laude geschmückte Doctor da und wähnte so lange sich um sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn belehrte, daß dieser ihn nur zum Besten gehabt habe. —
»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt, der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie einander in die Arme, gaben auch freiwillig das sonst als Urpfede erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren.
»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.«
Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der Meinung aller Juristen die Phrase:
»Herzallerliebstes Schatze mein!«
kein bindendes Eheversprechen enthalte, wol aber der Satz:
»Ich will Dich nehmen, die Leute mögen sagen was sie wollen.«
Einer seiner Hauptfeinde war der Professor Schömann, welcher in der Materie über die culpa eine Abhandlung gegen ihn geschrieben und wovon er geäußert hatte, diese solle Thibaut unter die Erde bringen. Thibaut citirte diese Abhandlung oft mit einem nicht eben angenehmen Lächeln: »Todtschlagsdissertation von Schömann.«
Hospitanten litt er nicht, vor allen keine Zuhörer höheren Alters. Ich habe ihn einen angesehenen Mann, der ihn um die Erlaubniß seine Vorlesung zu besuchen um Gotteswillen bitten gesehen daß er ihm seine Unbefangenheit nicht total rauben möge. —
Auf Göttingen war Thibaut übel zu sprechen. Von einem Professor, der sehr viel auf Etiquette hielt, pflegte er zu erzählen, daß dieser einem Studenten der ihn nicht in Escarpins besucht, mit den Worten empfangen: Mit ihrer Kleidung pflegt man nicht honnette Leute zu besuchen, worauf der Studio geantwortet habe: »Das thue ich auch nicht.«
Der Geheimerath Nägeli war ein geistvoller jovialer Mann. Er ist berühmt geworden namentlich als Accoucheur, hat gezeigt und thut es noch, daß man ein sehr gelehrter Mann sein kann ohne die herrschenden Ansichten über das »mir« und »mich« zu theilen. Ich habe ihn nur einmal bei Thibaut gesehen und erinnre mich noch einer sehr feinen psychologischen Bemerkung, welche er damals zum Besten gab. — »Immer,« sagte er, »wenn ich zu armen Juden gerufen bin, erstaunte ich über die Menge des Silbergeschirrs, das in dem Vorzimmer, durch welches ich zu der Kammer in welcher das Krankenbett stand, geleitet wurde, aufgestellt war. Ich konnte dies anfangs nicht fassen, endlich kam ich auf den Grund. Man wollte mich durch die Schätze nur dazu bestimmen, mich eben so thätig gegen den Patienten zu beweisen, als ob ich einen Rothschild zu behandeln habe.« —
Der Professor Walch war ein grundgelehrter Mann, dem aber alles fremd war was nicht im corpus juris stand. Als er einmal Ebbe und Fluth nicht begreifen konnte, verdeutlichte sie ihm einer meiner jovialen Freunde durch die juristische Formel: Wenn Cajus kommt so geht Sempronius, und wenn Sempronius kommt so geht Cajus. Aha nun verstehe ich Sie vollkommen mein Theurer, das Beispiel macht mir die Sache klar, versetzte der alte Rechtsgelehrte.
Bei den Forstwissenschaften war ein Graf S. angestellt, der beschuldigt wurde, in seine Vorlesungen zuviel von seinen häuslichen Verhältnissen zu mischen. Ich habe den alten Herrn nie gesehen, wol aber in einem von mir dictirten Heft geblättert wo mir dann die Stelle, als ein herrlicher Beitrag für die jetzige Adelszeitung ins Auge fiel:
»Forstmeistern siegeln mit ihren Wappen, Förster mit ihren Petschaften.«
Der Oberforstrath von Gatterer war ein sehr angenehmer geschwätziger Alter. — Immer habe ich in mir lächeln müssen, wenn er von seinem getreuen und klugen Pferde erzählte und dabei fast Thränen der Dankbarkeit vergoß. Er war auf demselben Jahre lang durch den Neckar Abends zu Hause geritten, als es diesen Weg, trotz aller Ansporung zu nehmen verweigert hatte. Während Gatterer sich im Bette schlaflos über den Eigensinn seines sonst so folgsamen Rosses geärgert und eine strengere Züchtigung desselben für den folgenden Tag beschlossen hatte, war der von ihm verkannte Gaul crepirt. Der Oberforstrath meinte, dieser Characterzug des Pferdes, seinen Herrn im nahen Vorgefühl des Todes nicht dem Ertrinken im Neckar exponiren gewollt zu haben, übertreffe noch die rührendsten Beispiele von Hundetreue und anderer wohldenkender Vierfüßler.
In Bezug auf mehrere der Professoren sei es mir erlaubt, einige geistvolle Mittheilungen eines meiner Universitätsfreunde hieher zu setzen welche ich, da ich nie mit fremden Kalbe pflüge in unveränderten Gestalt hieher setzen will.
Meine Lehrer in Heidelberg 1817 1818.
Ich weiß nicht, was mich zurückhalten will, über meine Lehrer einige Worte zu sagen. Es waren lauter tüchtiger Männer, jeder in seiner Art und das Ganze was die Einzelnen bildeten ganz geeignet, in der Jugend einen wissenschaftlichen Geist zu entzünden. Die abstracte Identität wurde verbannt, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch machte das Interesse aus und dieses trieb zur regsten Thätigkeit. Zunächst war ich an Creuzer gewiesen, der wie jeder Scholarch, denn er dachte gewiß an eine Creuzersche philologische Schule, den noch rathlosen Studenten ganz ausschließend in seinen Karren spannen wollte. Seine Symbolik machte Furore. Er trug sie mit dem Schein der höchsten Begeisterung vor, als wenn er selbst eine Incarnation des Wischnu oder Kneph, so nannten ihn auch die Seminaristen, wäre. Mit der höchsten Ehrfurcht wurde der nordasiatisch schmutzige Naturdienst behandelt und ob er gleich unter der rothhaarigen Perrücke die Augen schloß, so wurde er doch gewahr, wenn St. Paul lachte und ermangelte nicht eine Abmahnung profaner Auffassung einfließen zu lassen. Es benahm der Begeisterung nichts, daß das dritte Wort im Citat aus Jablonsky, Zoega, Porphyrius, Sylvester de Sacy etc. etc. war, auch nicht daß er in einer Hand die Kreide in der andern den Schwamm in die Höhe hob, viel Taback nahm und über die ars poetica sprach. Das Komischste war die Überfüllung des Locals, so daß kein Gang zwischen ihm und den Subsellien gelassen war, der letzt hereingetretene Zuhörer so saß, daß man die Thür nicht mehr öffnen konnte und einer sogar seinen Platz im Katheder selber neben den Füßen des Meisters hatte. Aus allen Facultäten waren Zuhörer da und ließen sich das confuseste Gemisch von Wahrheit und Dichtung (oft schon Dichtung bei den Alten, die Creuzer für die Sache selbst nahm) ächt philologischen Wissens und der willkürlichsten Etymologie, ohne Plan und Zweck als etwa den, alles Höchste und Erleuchtetste des Geistes in der vorgeschichtlichen Zeit zu suchen, und das Dasein des Menschengeschlechts ins Unendliche der Vergangenheit auszudehnen, die Methode ohne Philosophie, die Begeisterung ohne Poesie, und doch beides zur Schau tragen wollend, vortragen, verloren sich seine romantischen Reflexionen doch nur in trocknen Adversarienkram. Hegel war gerufen durch Daub, aber wir Studenten wurden zu Paulus geschickt und durften noch bei Schwarz Exegese hören; der treffliche Sohn des Antisymbolikers Voß, war auch so gut wie verpönt, bei dem man aber die Fülle des Griechischen und Lateinischen hätte lernen können, wenn man angeleitet worden wäre, es zu benutzen. Paulus stand damals noch frisch in dem Rufe, in dem jetzt Strauß steht, etwa im Bund mit dem Teufel zu sein, der Christus versucht hatte; aber er meinte es treu wie dieser, und war der freundlichste und wohlwollendste würtembergische Magister. Die alten in Halle gebildeten rationalistischen Theologen schickten ihre Söhne zu ihm und nicht zu Daub. Ich hörte die Exegese der Evangelien, also das Leben Jesu, bei ihm mit dem Vorsatze, sobald er auch nur ein Wunder nicht natürlich zu machen wüßte, meinen Glauben an die Wunder nicht aufzugeben. Diese Bedingung wurde denn auch bald erfüllt, als mir diese und jene Erklärung nicht genügend schien. Überall wurde Geist und Poesie ausgetrieben und an ihre Stelle der platte Verstand und die nackteste Prosa gesetzt. Der Widerspruch war zu grell, als daß er einem mystischen Gemüthe und einer sinnigen Reflexion, deren Bedürfniß er gar nicht erfüllte, hätte etwas anhaben können. Dieses Denken schien mir von Gott verlassen, trostlos und willkürlich, denn Alles was er hatte, selbst die Geschichte, war selbstgemachtes. So auch in der Kirchengeschichte, Pentateuch, Jesaias. Das Pabstthum und die Hierarchie wurde in allen Zeiten mit dem modernen Maßstab der Aufklärung gemessen; die mosaische Verfassung für das klügste Machwerk eines ägyptischen Priesterlehrlings ausgelegt. Überhaupt wurde alles nur getrieben, um es in seiner Nichtigkeit als Subjectives aufzuzeigen, denn Objectives gab es gar nicht, um zuletzt bei dem Subject und seiner Sichselbstgleichheit, abstracten Identität, Überzeugungstreue genannt stehen zu bleiben, wobei es natürlich auf den Inhalt ankam, der wahr oder falsch, gut oder böse sein konnte. — Wenn Paulus für uns ideenlose und bildungsarme Studenten klar wie Wasser war und die Schnitte seines scharfen kritischen Messers zu ihrer Auffassung keiner Sonde bedurften, aber auch eben so schnell wieder heilten, so war es entgegengesetzt bei dem andern Würtemberger Hegel, der sich um unser Verständniß gar nicht bekümmern konnte, dessen kritisches Messer in die Tiefe ging ohne daß wir es fühlten, ja ohne daß wir es ahneten. Da war keine Polemik der Personen und Thaten, und die tiefste Polemik des Denkens gegen jene schlechten Weisen zu existiren war uns gänzlich verhüllt. Wir saßen im Trüben bis zum Schwindel und blieben leer. Nur wenige hatten eine Ahnung von dem, was vorging und ließen sich durch das Vertrauen zur Vernunft halten. Die Leerheit der zuhörenden Köpfe, welche auf der einen Seite hinderlich war, hatte auf der andern den Vortheil der tabula rasa, die nun sogleich mit dem rechten und gediegensten beschrieben werden konnte, Hegel hatte eine zu anspruchlose Persönlichkeit, als daß er sich an besondern Seiten, als der seines Vortrages hätte auffassen lassen. Die Synthesis allein in ihrer Geläufigkeit veranlaßte, daß er jeden dritten Theil eines Satzes oder jeden dritten Satz mit »also« begann, so daß es Hohlköpfe in seinem Auditorio gab, welche sich damit unterhielten, bei jeden »also« einen Strich zu machen. Diese trugen dann immer ein artiges Sümmchen davon, wenn wir andern ganz leer ausgingen. Der Reiz dennoch so lange die Nacht auszuhalten bis der Tag anbrach, kann nur die Dämmrung gewesen sein, die uns doch vergönnt war zu bemerken; sonst wäre es bei dem gleichsam lungenkranken Vortrag, den unbeweglichen hängenden Zügen des Gesichts, den matten in sich gekehrten Augen und der einfachen Ruhe der Hände nicht möglich gewesen. Die nur des Nutzens wegen hingingen, denen es gar nicht dämmerte, gingen auch wieder davon.
Der interessanteste meiner Lehrer war Carl Daub, ein Kurhesse, also Landsmann von Creuzer. Ein Denker, streng und gewandt wie Hegel, der eigentlich für Philosophie nach Heidelberg berufen wurde, aber sogleich theologische Vorlesungen zu übernehmen durch die Umstände genöthigt wurde. Er hatte alle neuere philosophischen Systeme nicht nur studirt, sondern eines nach dem andern zu seinem Eigenthum gemacht und auf die Theologie angewendet, als Methode deren Wahrheit ihm die Theologie war. Bis auf Hegel ist er aus dem reflectirenden Denken nicht hinaus gekommen, und mußte darum consequent die Philosophie für das Subordinirte jenes Philosophirens über den Inhalt der Religion oder des religiösen Bewußtseins, das er Theologie nannte, halten, und heftig gegen die Philosophie abwehrend polemisiren. Dies fiel noch in die Periode meiner ersten Studienjahre oder auch nur Curse, denn innerhalb derselben ließ Hegel seine Encyclopädie drucken, und machte dadurch das ganze System überschaulich, wodurch mithin auch die Stelle der Religion bestimmt wurde. Daub hatte den Ruf Hegels veranlaßt, trieb die Theologen in seinen Hörsaal, und studirte dies System eifrig. Den Zufall und das Böse hatte er bisher abstract als die einfache Negation festgehalten und in diesem dualistischen Sinne den ersten Theil seines Ischarioth drucken lassen. Den verwarf er jetzt zuerst als ein schlechtes Buch, und erklärte dem Buchhändler, den zweiten Theil nicht schreiben zu wollen. Es bedurfte nur geringe Aufklärung über seine Differenz mit Hegel, und er war durchaus versöhnt mit diesem System, in dessen Licht nun sein ganzes theologisches Wissen eine andere Gestalt gewinnen mußte. In diese trübe Gährung, dieses Ringen und Kämpfen mit dem Begriff, fielen nun gerade die Vorlesungen über Dogmatik, die ich drei Jahr lang bei ihm hörte, ohne nur den dritten Theil der Lehre vom Geiste zu bekommen. Da er das Beste unmittelbar auf dem Katheder schuf in der objectiven Stimmung die er mitgebracht und in der subjectiven die ihm seine Zuhörer gaben, so waren diese Vorträge das interessanteste was man hören konnte. So lange ich sie besuchte fing Daub nicht eher an, als bis ich gekommen war, saß, und zum Schreiben gerüstet war. Nie vergesse ich die ernste hohe Gestalt dieses Priesters der Weisheit, mit den vorstrebenden Augen, das kahle Haupt mit den schwarzen Mützchen bedeckt unter dem die dünnen Locken herabwallten, wie er das Taschentuch zu knoten anfing und im tiefsten Basse murmelnd: meine Herren! seine dialektischen mäandrischen Entwickelungen begann, erhoben über alle Endlichkeit des Seins und Denkens, denn es giebt auch ein endliches Denken. Der freie Vortrag war demnach so feierlich und arbeitend, daß die fertige Feder auch jedes Wort nachschreiben konnte. Einer der Zuhörer erwies ihm wohl den Dienst die Vorlesung auch für ihn noch einmal abzuschreiben. Große Episoden in derselben waren der Darstellung der Kantischen, Schellingischen und Hegelschen Philosophie gewidmet. Löste er in der schärfsten Säure der Kritik den Rationalismus auf, dann hatte er immer seinen Collegen Paulus vor Augen. Von Hegel sprach er damals mit der höchsten Achtung und Bewundrung. Und obgleich es außer Hegel gewiß damals keinen tieferen Denker als Daub mehr gab, so meinte er doch, wir jungen Schüler Hegels seien in der Dialektik gewandter als er, was freilich Ironie oder Irrthum war, aber doch Zeugniß gab, wie schwer es auch einem alten geübten Denker ankam, Hegels Schriften zu verstehen, von denen es damals nur Logik, Phänumenologie, Encyclopädie und Naturrecht gab. Manchmal löste eine Stelle aus meinen Hegelschen Heften einen Anstand, über den er nicht hinaus konnte. Außer kritischen Arbeiten ließ er nichts mehr drucken und lebte nicht mehr lange genug, um auf die gährende Theologie den klärenden Einfluß zu haben, den er als Lehrer durch das lebendige Wort gehabt hat. Was er sich gewünscht, geschah auch; er begann auf dem Katheder zu sterben, und mußte von seinen Schülern weggetragen werden. — Den Hofrath Langsdorff kannte ich nicht als Lehrer, denn er hat zu unserer Zeit nicht mehr gelesen. Als Mathematiker war sein Ruf größer als seine Leistungen, die schon verschollen sind. Schweins dagegen hat die Mathematik in einer ansprechenden Nimbus zerstreuenden Methode vorgetragen und lebt in einer Schule junger Mathematiker fort, mit denen er aber, sobald sie etwas drucken lassen, in öffentlichen Streit geräth wegen vermeintlichen Plagiat’s. Es ist dies eine Schwachheit von ihm. Er stand in Heidelberg ganz allein, und hat sich hungernd herauf gearbeitet. Nach unserer Zeit heirathete er hülfsbedürftig seine gesetzte Köchin, und hat noch ein Mädchen gezeugt. Seine Kränklichkeit, Halsleiden, machten ihn sehr pedantisch, so daß er wohl keine Suppe aß, ohne vorher das Thermometer eingetaucht zu haben. Ließen ihn die Schmerzen nicht schlafen, so arbeitete er die ganze Nacht und ich hatte im Winter früh 7 Uhr bei Licht ein Collegium bei ihm, wo ich ihn antraf, als einen Übernächtigten. Mit seinen Collegen konnte er sich nie vertragen, desto besser machte er den Vater und Rather der jungen Leute unter denen er am besten mit den Burschenschaften harmonirte, und sich am liebsten der politisch Gravirten annahm. Angehende Schüler hing er immer mit älteren oder geübteren zusammen, so mußte ich der Lehrer von 3–4 sein, während zwei Jahren. Ohne einen Anfang in der Mathematik, brachte ich sie in 2 Jahren vollständig genug bei ihm durch, und in der schwersten Parthie gab er mir unentgeldlich Privatissima, die ich auf das fleißigste benutzte. Eine Sonderbarkeit in seinem Vortrag war, daß er so viel thunlich deutsche Termini gebrauchte. So sagte er: vervielfachen statt multipliciren, theilen, messen (schöner Unterschied) statt dividiren, — Verbindungen statt Combinationen; die Trigonometrie heißt bei ihm: Kreisfunctionen, die Arithmetik nannte er: Größenlehre, und eine wissenschaftliche Begründung derselben: Theorie der Zahlen. Er ist ein Franzosenfeind und beweiset, daß ein Lacroix und Laplace ihr Bestes von Euler haben, nur hätten sie’s verdorben.
Und noch habe ich des Professors von Jever nicht erwähnt, des als Mensch und Gelehrten so ausgezeichneten Schlosser. Dieser, der so gern mit seinen Zuhörern verkehrte, und niemals von ihnen gelangweilt wurde, hatte mich besonders angezogen, so daß ich ihm seine wunderlichen Vorlesungen vergab. Auffallenderes als diese gab es nicht. Er sprach sehr schnell in einem fremdartigen Idiom, und mit einer Aussprache der Namen, daß auch die gewöhnlichsten unverständlich blieben; nahm einen Anlauf mit einem Satze, fand in der Mitte desselben zur Erläuterung eine kleine Abschweifung für nothwendig, begann darum einen neuen Satz, in welchem ihn wieder etwas zur Bildung eines neuen Satzes verleitete, und brachte so eine Stunde lang keinen Satz zu Ende, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, bald in die gleichzeitige Geschichte sich verlierend. Lehrer und Zuhörer befanden sich in einem wirbelnden Gewirre, welches sinnbetäubend war. Bei der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er übrigens seine Hefte schrieb war es kein Wunder, daß er eine ausführliche Weltgeschichte drucken lassen konnte, die übrigens eben so wenig ein Kunstwerk wurde, wie seine Vorlesung, aber mit ächt historischem Tacte die Data der Quellen auffaßt und in Reih und Glied stellt. Feind aller Declamation, jedes Nebenzweckes, jeder Willkürlichkeit, alles pragmatischen Geschwätzes, welches für alle Zeiten und Nationen nur einen Maßstab fertig hält, ist Schlosser doch nichts weniger, als objectiv, und hat für Alles seine eigene Meinung, was auf die Wahl des Materials, welches er zusammen reihen will, einen entschiedenen Einfluß übt. Er scheut die Philosophie, und erfreut sich der Virtuosität des Denkens eines Plato’s und Aristoteles, denn diese lassen ihm Spielraum für seine christlichen Meinungen, die natürlich auch von dem Inhalte des gläubigen Bewußtseins abweichen. Sein edles Gemüth, sein Erglühen für alles Gute, Große und Schöne und seine unverhüllte Verachtung und Ekel vor allem Schlechten und Gemeinen, sein ächt patriotischer Sinn und deutsche Männlichkeit machen ihn Schiller ähnlich; allein über die stille That der Häuslichkeit und über das vertrauliche Urtheil und die literarische Wirksamkeit geht es bei ihm nicht hinaus, und mit weiblicher Weichheit vermeidet er Conflict und Schmerz des Lebens. Er versäumt nicht zu jedem Bande seiner Werke eine Vorrede zu schreiben, und in dieselbe seine Überzeugung und Selbstbekenntniß niederzulegen, die denn an Voß erinnern. In seiner freisinnigen Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts wird er ein Spittler und Paulus gegen die Könige und Fürsten, wie jene gegen die Päbste, und sucht damit in die Bewegung der Zeit einzugreifen, die doch eines Heilmittels gegen den Königshaß bedurfte. Die Bank der Naturforscher in Heidelberg besetzt von Tiedemann, Gmelin, Munke, damals auch Konradi, Schelver und den Hofrath und Ritter v. Leonhard, ist ohne Zweifel in dem Empirismus sehr tüchtig und nur in dem Puncte sehr bornirt und für die Universität als Pflegerin aller Wissenschaften nachtheilig, weil sie die ärgsten Feinde der Philosophie sind, die sie freilich nicht kennen, die in ihren Köpfen eine nur vorgestellte Existenz hat. Die Schellingianer mit denen für diese Leute nun alle Philosophie indentificirt wird, haben mit ihren willkürlichen Constructionen einen zu üblen Eindruck auf die Naturwissenschaft gemacht, als daß sie nicht alles Denken als etwas die Natur meisterndes und verkehrendes sich vorstellen sollten. Auch haben sie von Hegel nichts verstanden, als seine großen Ausfällen zu §. 320 der Encyclopädie und beurtheilen nun darnach die ganze Philosophie, die sie in feindseliger Tendenz gegen die Empirie begriffen wähnen. Munke wurde von einem Schweizer nur der Taschenspieler genannt, obgleich er keine Ähnlichkeit mit Döbler hat, denn es gelingt ihm keines seiner Experimente, und im Rechnen ist er auch kein Hexenmeister, da der Schweizer sein Exempel im Kopf ausrechnete und vor ihm das Resultat hatte, während das seinige falsch wurde. Darin war er aber einem Taschenspieler ähnlich, daß er seine Experimente wie Kunststücke behandelte, womit man die unkundigen jungen Leute in Erstaunen setzen müsse. Die größte Zeit brachte er mit der Einleitung zu, wo er lehrte, daß die Naturlehre die Lehre von der Natur sei. Auch Tiedemann begann seine Zoologie mit der Etymologie des Wortes Zoologie, dessen Theile er griechisch an die Tafel schrieb. Ein wahrer Hexenmeister ist Gmelin, der in einem halben Jahre 6 St. wöchentlich die dicken Bände seiner Chemie durcheilte, nichts Wesentliches überging und dabei beständig experimentirte. Wir Philosophen wünschten uns nur auch eine solche Anatomie, die aber Tiedemann nur für Mediciner, also zu breit gab, Leonhards Vortrag über Mineralogie, Vulkane, Geognosie ist unterstützt durch seine autoptische Virtuosität im Erkennen der Mineralogie, durch eine köstliche, vollständige auch krystallographische Sammlung durch Modelle und Abbildungen. — Schelver, der Magnetiseur, war mehr im magnetischen Rapport mit der Geschichte (so nannte er die Entwicklung) der Pflanzen, als stark in der Kenntniß einzelner Pflanzen, von denen ihn hin und wieder die aus seinem eignen botanischen Garten in Verlegenheit setzten.
Soweit mein norddeutscher verstorbener Freund.
Der Pedell Krings war ein höchst merkwürdiger Gegensatz seines gutmüthigen Collegen Ritter, der fortwährend an den Don Juanschen Gerichtsdiener erinnerte und sein Amt auch bis zu einem recht hohen Alter in steter Unbesinnlichkeit verwaltet hat. Krings kannte die Studenten durch und durch, ihre Duelle, ihre Liebschaften, ihre Väter, ihre etwaigen Erblasser, und heimlich zusteckenden Oheime und Großmütter, so wie ihre Kenntnisse. Er verlieh viel Geld, nahm zwar eine ziemliche Provision, aber mäßige Zinsen, im Gegensatz zu dem Wucherer M. am Markte, der sich kaum mit zwanzig Procent begnügte und sich dabei das Ehrenwort zur Hypothek setzen ließ.
»Ich werde,« pflegte Krings z. B. von Diesem oder Jenem zu sagen, »vielleicht erst mein Geld in acht Jahren bekommen. Dann wird Herr v. F. mehrere gute Examina gemacht haben und durch eine gute Anstellung in den Stand gesetzt sein, mir Alles mit Zinsen zu vergüten. Herr R. wird wol nicht sein Examen machen, aber den halten die Frauenzimmer über Wasser, Herr L. hat viel zu viel Verstand, um nicht einmal sein rüdes Leben aufzugeben und dann noch Kopf und Kraft genug, allen seinen Landsleuten im Lernen und Wissen zu vorzu kommen.« Von dem reichen unglücklichen v. W. sagte er schon damals die später über ihn verhängte Kuratel voraus. Ich werde mich im Himmel danach sofort erkundigen, was er von mir gesagt, wenn er sich darüber gegen keiner meiner damaligen Freunde ausgesprochen hat, der es mir vor meiner Sterbestunde offenbart. — Damals scheute ich mich vor seiner Prädestinationsgabe. —
Wenn Krings ein Duell witterte, so war er redlich bemüht, dasselbe zu vereiteln. Seine körperlichen Anstrengungen, um einen Zweikampf auf Pistolen bei Neckarsteinnach zu vereiteln, der aber doch später bei Speier vollzogen wurde, und ein dadurch sich fixirender Rheumatismus der sich später auf seine Lungen warf, sind die frühen Ursachen seines Todes geworden. Indessen war die Confiscation der Schläger zu seinem Benefiz auch sehr ermunternd für seine Menschenrettung. Es war oft sehr komisch, wenn man einen Paukanten in voller Rüstung mit farbiger Binde, den Schläger in der Hand, bergauf in den Odenwald hinein vor dem ihm nachsetzenden Pedell wie einen Neger vor einem Bluthund fliehen sah. —
Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell zu arretiren oder besser gesagt, zum Prorector zu entbieten. Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir gleich, sagte der große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe. Es liegt in der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft der Herren Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet. —