Fünftes Kapitel.
Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter. Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer, Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais.
Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und ausgerufen: »Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten, welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die vollkommene Wahrheit der Anfuhr. — Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf, den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen. Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten, er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J. der Vorläufer des Hugoschen Johann von Island, jener Ausgeburt der Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden.
Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nachdem er von Mord, Blut und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer, das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen.
Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur fremd sind. — Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr. — Nun ist Alles klar.
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818 zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen. Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm, ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich versucht hatten. Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing, hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn zum Schutz herbeiholen zu lassen.
Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte, schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme begleitete. Nie vergesse ich den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte:
»Und als er ein Stück gereiset war,
Sieht er sechs Gräber graben.
Wiederum dum da, wiederum dum da,
Sieht er sechs Gräber graben,
Ach liebste liebste Gräber mein
Was grabt Ihr da für’n Grabe,
Wiederum u. s. w.
Was grabt Ihr da für’n Grabe.
Das graben wir für Seine Braut,
Die ist diese Nacht gestorben.
Wiederum u. s. w.
Die ist diese Nacht gestorben.«
Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle. Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte sich der fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt.
Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen. Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt, dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht glaube. — Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten.
Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück hatte sie damals noch mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit. Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden, die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt, ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor sich Hinstarrende, belebte. — Und doch passirte bei meinem Anblick das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich schwer, doch deutlich aussprach, — dann aber mit grinsenden Lächeln wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren der Todesengel erlöst hat. —Der alte Papa Ditteney ist ihr schon mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort Zutraue zu meine Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern, als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre gebettelt.«
Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier des Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es wurde wie man zu sagen pflegte, contrahirt. Der Bruch zwischen den Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten Clarina: »Kattel, kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei was frage ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche, entgegnete die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter gingen jede nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die blonde dicke Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte Realität mit Begriff. Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach Neuenheim, nur nicht dorthin, wo nicht getanzt wurde. — »Ich tanze mit alle Herre Juriste mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler Ausspruch.
Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter, ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben, — aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn zerschellt hat. —
Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren, außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.— (v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen gestellt wurde, ohne Hunde, ohne brennende Pfeife und wenn derselbe kein alibo behaupte, auch im Frack zu erscheinen.
Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen. — Jetzt fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern, was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des Handwerksstandes zu tanzen. — Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen giebt, welche aus der Sphäre ihrer individuellen Aristokratie sich erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei vor Liebe nicht hassen und verachten können. — Ist es mir doch später einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist. Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu bedienen hatte.«
Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen[5], welche übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten: »Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.«
Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher damals die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos vis a vis residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten.
Das rosige kindliche Fränzchen, die Jugendliebe meines theuersten Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und empfangen. Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß. Die treue Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen gegenseitigen Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen Sohn geboren, der mein lieber Pathe geworden ist.
Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist, die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern der blühenden Kinder zu reproduciren.
Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die vielleicht meinen Lesern bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen vorzustellen.
Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn, besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst auch Du mir ein, süße Selmy! Du schönes Mädchen aus N., Du meine erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen Ohren flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst. Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach, einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen. — —
Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte: »Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist sie zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.« —
Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte.
»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd, die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die, selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen. »Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte sich bejahend, mich fremd, fast mit Opheliablicken betrachtend. »Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.« — »Sie haben vielleicht dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich entsinne mich Ihrer nicht mehr.« — »Besinnen Sie sich einmal, ich bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe. — »Heißen Sie von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?« — »Ja!« versetzte die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb, wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie erkennen.« — »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.« — »Nein,« entgegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß; ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten:
»Klopf ich an deine Pforte an,
Einst im Verlauf des Lebens,
So sei es nicht vergebens.«
Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen. Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie, seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte: »Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug. — —
Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818 erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein. Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und nicht mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen hatte, wenn er denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen Pritsche unter dem lauten Zuruf »Herbschthau« gepritscht, und mußte sich durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. — Bald wurde der Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da hatten die armen Schiffer, größtentheils Bewohner des Städtchens Eberbach, welche auf dem trägen Neckar sich langsam in den Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten, da sie stets von den lustigen Weinbergleuten mit den Spottnamen: »Eberbächer Kukuksfresser,« »Eberbächer Säckbrenner!« u. dgl. beehrt wurden. Zur Erklärung dieser Spitzworte muß ich bemerken, daß Eberbach ungefähr den Rang von Schöppenstedt, Schilda, Krähwinkel und Buxtehude hat und daß von seinem Magistrate erzählt wird, daß er einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot gegeben, im guten Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe. Auch soll er bei einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke zeichnen gewollt, sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens bedient und so alle Säcke durchbrannt haben.
Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen Winzerinnen nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen heutigen Tages eine colonne mobile, erstürmten die Weinberge, wo sie sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen Winzer wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse und Weintrauben holten.
Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre, wird er trinkbar und unter den Namen »ä Schoppe neie« gefordert. Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps. — Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa das Bedenken gemacht wurde: — »Eine Herbscht hält der Josep de neie wol aus, aber länger nit.«
Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar! alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten sich todt getrunken.
Adam Müller, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der table d’hôte im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die Zukunft von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich damit entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist es ihm eingebe. — Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. — Der Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner Gemeinde erklärte.
Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr von Drais aus Manheim war. Die Franzosen nannten die Erfindung witzig: »maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze jours«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen. Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia, der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.