Sechstes Kapitel.
Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim. Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier. Metzger Eisengrein.
»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen Odenwald gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als Odins Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin diese Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, ich war selbst im Odenwalde und zweifle nicht an der unumstößlichen Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon, der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich, wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt, meint es gut mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.
Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit. Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. —
Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich im verkleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihre Lust Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren Kartenspielen weiß ich wenig zu sagen, nur daß der König der Schuldenmacher bei ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, in welchem derselbe die geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind ihre Kirchweihen. In dem oft nur aus vier von einander liegenden Häusern bestehenden Dorfe versammeln sich an einem solchen Tage die Bewohner der Umgegend. Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn alles tanzt, wenn auch die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes Frauzimmer entstellt wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus Bier, Kartoffeln- und Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an der ersten Requisite unserer Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser darf man nur einen Fiedler rechnen, der auch nicht einmal immer der Bundesversammlung ihr gehöriges Seitencontingent zu stellen vermag. Nirgends aber erscheint das Sprichwort:
»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« — so wahr als hier. Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an den Hals gelegt, — so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf einer halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:
In meine Seiten greif ich ein,
Sie müssen alle hinter drein.
Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht.
Der Graf von Erbach war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche doch wol der Kirchhof pére la Chaise bei Paris, wo bekanntlich die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und Accessionen requiriren könnte. —
In Eilbach, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein Lustschloß, welches von innen und außen mit Geweihen verziert war. Ein einziger Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen Kopfputzes. Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte der jetzt entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig- oder gar ein hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies Monstrum (nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih der Actäoe) von einem Bäcker u. Weinwirth in Nürnberg erstanden, welcher aber bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte. Denn seine Kunden hatten den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr übel genommen und ihm ihre Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben von seinem Weinschank bitter intimirt. —
Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung.
Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach.
Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn es darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf sich gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewissermaßen tief in seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er schenkte dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih accessit, das zweite, sein ci devant Bestes, dem nur zwei Zacken gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben.
Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch den Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des Roulets oder des trente et quarante, welches mit seinem trügerischen Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten, welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach Rastadt hingingen, — und von den ankommenden Landleuten, die mit Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen, — um dieselben noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch verdorben in das Neckarathen zurückkehrten. — Ein ähnliches Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach, einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg. — Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer Italienischen Reise die Wegelagerer thun. —
Ich wiederhole hier mein Catonisches »caeterum censeo« das wie ein rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der Hölle ausgerottet werden? — Man rechnet Louis Philipp manches, was sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im Pantheon.
Der Wolfsbrunnen, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn hin, tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau noch in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt nach Neckargemünd, Neckarsteinnach und seinen vier Schwesterburgen, wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends bei Fackelschein und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden magischen Anblick, besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.
Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf den schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist auch das Birkenauer Thal bei Weinheim so wie die ganze Gegend um dieses Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen Freund Bender und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten Hause unterhalb des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer Wein reift, als ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, — da bekam ich die Idee, daß hier einstens das Paradies gewesen, welches das liebenswürdige Ehepaar wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel Anderes zu thun, ich würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht historisch zu begründen.
Drei Male in der Woche war in Manheim Schauspiel, wohin man gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr. Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann. — Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines alten Ehepaars Namens »Sauerwein«, die keine andere Kinder als ihren Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. — Das gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig, noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen, den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend, allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S., dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an einem und demselben Tage vertrautest, daß Du kein größeres Erdenglück kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte, und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«
Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren versuchter Vergiftung. — Die meisten lagen in Manheim wo sie einen Clubb hatten, in dem Einem Alles spanisch vorkam, da dort wo möglich, spanisch gegessen, getrunken und geredet wurde. So erscheint die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (Acti labores jacundae.)
Ein Lieutenant L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L. hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige Rettungsmittel verordnet. — L. hatte geschwankt, endlich aber die Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer leise, aber eindringlich das Wort »Terpentin« in die Ohren geraunt hatte. Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus dem Hauptquartier auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger zerschnitten, das Öl hineingegossen und es mit Lappen umwunden.
»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt zum Ankauf, nachdem schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. — Und siehe der Bösewicht leerte mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«
Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster dienen.
Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des Kaisers Napoleon auf der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.« — Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben. Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.
Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.
»O daß ich tief
Im Grünwald schlief
Von wehenden Bäumen umschattet,
Im Erdenschooß
Des Jammers los,
Worunter das Leben ermattet.
Die Thrän’ versiegt
In Ruh’ gewiegt
So lieg ich auf kühlendem Bette;
Im Abendschein
Strahl’n Perlenreih’n,
Und schmücken die ruhige Stätte.
Kein Leichenstein
Auf mein Gebein!
Der Fremde vorüber mag wallen,
Im Frühlingsblau
Im Himmelsthau
So will ich die Ruhstätt’ vor Allen.
O daß ich tief
Im Grünwald schlief
Von wehenden Bäumen umschattet,
Im Erdenschooß,
Des Jammers los,
Worunter das Leben ermattet.«
Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten Charakteren, Poesie und Prosa weckt. —
Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für meine alten Universitätsfreunde, die ewigen Burschen (juvenes perpetui), nicht für die Philister, die Prokrustes der Menschheit, geschrieben. — Also heraus damit:
Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu Pferde comitiren. Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee, die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack, einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener, deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten.
Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles Kriegsrecht sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß des Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der Herr General lasse uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften.
Die Antwort auf dieses Manifest, welches ich im Namen unseres bewaffneten Duals ertheilte, lautete durchaus friedlich und beruhigend. Ich fühlte mich auch von der Gerechtigkeit des Ansinnens überzeugt, wie durch die Wichtigkeit, welche man unsern Flambergen beilegte, geschmeichelt. Nachdem aber der Abschied von unserm P. einige Champagnerpröpfe gelößt, der edle Epercoy und der Trennungskuß von unserm scheidenden Freunde unserm Gemüth über die bürgerliche Ordnung gehoben unsere klappernden Damascener uns wieder an das Kriegsrecht erinnert hatten, bewog ich im kecken Übermuthe den mit mir zu Rosse steigenden v P., eine durchbrochene Bohnenstange, die gerade im Hof lag, zu theilen, mit welcher Hälfte wir Jeder bei mittelmäßiger Beleuchtung, als sei sie ein Sarras durch die schwach erleuchteten Straßen ritten. Aber wir waren kaum mit unsern spatbegabten Rossen bis vor die Hauptwache gelangt, als wir den Ruf eines donnernden Haltes vernahmen und eine große Menge Bayonette zu gleicher Zeit uns entgegen starrten.
Ich entsinne mich nie, selbst nicht von der Hannoverschen reitenden Artillerie ein Mannöver mit solcher Schnelligkeit ausgeführt gesehen zu haben, als diese Umzingelung. Es ist schade, daß sie den Annalen der Kriegskunst zu entgehen droht.
»Meine Herren Sie sein Arestanten, weil Sie den Sabel gezogen« rief ein hervortretender Schwäbischer Officier. — »Um Vergebung unser Säbel schlummert schon in der Scheide wie wir innerhalb zwei Stunden ein Gleiches in Heidelberger Betten zu thun hoffen,« war meine Antwort. »Wir führen jeder bloß eine halbe Bohnenstange bei uns, um unsere Gäule zur Rückkehr noch mehr anzuspornen. Überzeugen Sie sich selbst Herr Lieutnant!« —
Bei diesen Worten übergeben wir die vermeintlichen Säbel zur Ocularinspection. Der Lieutnant war Humorist genug, den Scherz launig aufzunehmen und durch Nachsicht die rigoristische Ordre des Generals auszugleichen. Er lächelte, ließ einrücken und wünschte uns eine gute Reise. — Unser Abentheuer erregte aber doch noch lange furore unter den Burschen, zumal da es ohne nachfolgende Geldstrafe, Carcer oder gar Relegation vollbracht war. —
Ein wahrhaft boshafter Streich wurde von einem gewissen F. an einem Heidelberger Philister begangen. Dieser ein Metzger, wenn ich nicht irre mit Namen »Eisengrein« sollte sich gegen den ersteren einer Grobheit schuldig gemacht haben, welche F. fürchterlich zu rächen verhieß. Er stiftete zu diesem Ende einen Trinkorden »die Ritterschaft« bei welchen das Biertrinken »Lanzenbrechen« hieß, das aber in ein so bestialisches Trinken ausartete, daß eben in der Ritterschaft später der intendirte Sauf-Selbstmord vorkam, dessen früher gedacht ist.
Jedes Mitglied der Ritterschaft mußte vor der Aufnahme dem Metzger Eisengrein einen Possen gespielt haben und dies wöchentlich wiederholen. Das Begangene wurde dann beim Gelag wiederholt, wozu der Refrain gelautet haben soll.
1) Wer wird denn wohl der Thäter sein?
Chorus. »Der Metzger Eisengrein.«
Calumniare audacter, semper aliquit haeret.
Der ganz beliebte Schlachtermeister Heidelbergs kam gar bald um seinen guten Ruf und wenn irgend etwas Übeles verübt worden war, da zischelten alsbald die verleiteten Mitbürger sich kopfschüttelnd in die Ohren: »Das hat gewiß wieder der malitiöse Schlachter Eisengrein verübt.«
Wenn Eisen greinen könnte, Eisengrein hätte es gewiß gethan.