Achtes Kapitel.

Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß. Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß in Auerbach. Philipp Stieffel.

Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden.

Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. — Aber schon um den Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ.

Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers »die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft wurde. — Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit dem ersten Character belohnt wurde.

Wie einst mit flehendem Verlangen

Pygmalion den Stein umschloß,

Bis in des Marmors kalte Wangen

Empfindung glühend sich ergoß,

So schlang ich einst mit Liebesarmen

Um corpus juris mich mit Lust,

Bis es zu athmen, zu erwarmen

Begann an des Juristen Brust.

Und theilend meine Flammentriebe

Die Stumme eine Sprache fand,

Mir wiedergab den Kuß der Liebe,

Und meines Herzens Klang verstand.

Da klang mir lieblich jede Stelle,

Gleich reiner Quellen Silberfall,

Selbst aus der trockensten Novelle

Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall.

Es dehnte mit allmächt’gem Streben

Die enge Brust ein kreisend All’,

Hervorzutreten auf’s Catheder

Mit Weisheitswort und Witzesschall.

Wie groß war diese Welt gestaltet,

So lang’ der Hörsaal mich noch barg,

Wie wenig, ach! hat sich entfaltet!

Dies Wenige wie klein und karg!

Wie sprang von Savigny beflügelt,

Beglückt durch theoretschen Wahn,

Von keiner Praxis noch gezügelt

Ich da in die gelehrte Bahn!

Bis an der Glosse bleichste Sterne

Erhob mich der Entwürfe Flug;

Nichts war zu hoch und nichts zu ferne,

Wohin ihr Flügel mich nicht trug.

Wie leicht ward ich dahin getragen,

Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer!

Auf meinem Tische, o! da lagen

Die Folianten kreuz und queer!

Cujaz mit civilist’scher Krone,

Donell in des Systemes Glanz

Auch Schulting lockt mit reichem Lohne,

Selbst Glück mit rings verstohlnem Kranz.

Doch ach! schon in des Sommers Mitte

Verloren meine Gönner sich,

Sie wandten treulos ihre Schritte,

Und einer nach dem Andern wich.

Zu leicht an sich war Glück entflogen,

Cujazius blieb unenthüllt,

In dem Donell las ich zwei Bogen

Und schnitt mir nur heraus sein Bild.

Im alten Rechte sucht’ ich Kränze,

Doch Schulting führte mich zu weit,

Ach allzuschnell nach kurzem Lenze

Entfloh die schöne Quellenzeit.

Und immer stiller wards und immer

Verlaß’ner auf dem Burschenpult.

Von Savigny borgt ich noch Schimmer

Doch dazu riß auch die Geduld.

Von all dem rauschenden Geleite,

Wer harrte liebend bei mir aus?

Wer steht mir tröstend noch zur Seite,

In Gottorfs finsterm Prüfungshaus?

O! die du alle Wunden heilest,

Du Thibauts viel gefaßte Hand,

Für das Examen Kraft ertheilest,

Du, die ich ungesucht schon fand!

Und du, der gern sich mit ihm gattet,

Wie er der Prüfung Quaal beschwört,

O Höpfner Du, der nie ermattet,

Der selten schafft, doch nie zerstört;

Der zu dem Bau der Ewigkeiten

Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,

Doch dem in des Examens Zeiten

Cujaz und corpus juris weicht!

»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß diese meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß, selbst bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung nicht unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen meines Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn »Eminenz« ausgestellt wurden.

Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies war mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der zweite begrüßt. — Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt, die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. — Glaubwürdigen Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen Loseburg (auch »Schnurri-Major, Carbonädel« genannt,) zu Bonn gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll. Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind.

Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von meinen Wangen.

Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide zu verschmelzen.

Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden, obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. — Die Abreise mußte aber simulirt werden.

Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung.

Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen.

Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der Scheide, vor sich.

Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster schwarzer Tracht, in escarpins, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei Chapeaux d’honneurs auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein Ehrengardist. — Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten erfüllte Wagen.

Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in Eminenz verwandelten.

Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich, nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden. Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg zurückführen zu lassen.

Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur, nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft behandelte uns wie Philister.

Wir hatten uns burschikos überlebt.

Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten.

Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt, gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu bringen versprochen hatte.

Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz, ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden der Welt!«

»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm herzlich, »die meinigen sind unsterblich, ja sie werden noch um so schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen Zweifel wieder.«

Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der Berichterstatter.

»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen.

Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben, daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die Zurückbleibenden.

»Stumm liegt die Welt wie das Grab!«

»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe.

Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!! »Adieu liebe Eminenz!« riefen sie mir zu, und warfen mir dabei eine Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg auszurichten, so sag es uns doch!«

Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt.

Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden Blicken.

Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen gemacht. — Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich seiner nicht mehr.

Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht verblasen hätten. — Sie kamen mir vor wie jene alte Jungfer, die in der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. — Solche Tonkünstler sind wahre Kaspar Hauser, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen. Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß sie geigen sollten. — Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse.

Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station trennen zu wollen.

»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der Flasche zukommen lassen wollte.«

»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen. Nichts destoweniger willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu meinenden älteren Bruder spielen.«

»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, fiat justitia pereat mundus

»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere.

»Jawohl« entgegnete der Andere. — »Der ist grade der competente Richter dafür.«

Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren unbrüderlichen Rechtshandel.

Es handelte sich nur darüber ob das Wort »Philister« bei den Studenten einen schlechten Kerl oder einen Nicht-Burschen bedeute.

Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren Worte

»Es bedeutet beides«

und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen Cerevisianern zu träumen.

Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem es ausgemacht hatte das ominöse Wort »Philister« nie wieder gegen einander aussprechen. Das war eben recht philiströs.

Den Teufel spürt das Völkchen nie,

Und wenn er sie beim Kragen hätte.

In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald dessen Garaus gefolgt ist.

Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. — »Ach! der ist ja total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke worauf unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten.

Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte. Wir entschlossen uns daher den Kutscher pro rata seines Weges, zu bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu nehmen. Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern Morgen neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals nur drei oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg ohne Unterbrechungen fortsetzen zu können.

Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt zahlen müßten.

Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des verwünschten Hauderers. Er negirte sogar dessen sichtbare nicht partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich.

»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder.

»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des mille bocus, wohnt der Schultheiß.«

Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern.

Die Karavane brach auf — der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich, mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; — sodann der Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die Hornisten. —

Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der Gerechtigkeit an.

Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen haben.

Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten, sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht suchen wollten, öffnete er die Thür.

»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache führen.«

Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete.

Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine.

Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte, und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen und gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »Er ist ein grober Mensch« begleitete.

Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben werden.

Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand der ehelichen Liebe.

»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen Stuhl steigend, von wo er uns, ein »mille bocus miniature«, Alle übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen nach den göttlichen Gesetzen langte.

»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für incompetent erkläre muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne.

»Von Rechts Wege.«

Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in eine sprachlose Betrübniß.

Wir wandelten schweigend heim. — »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin, sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist.

»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich.

Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf Rache. —

Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern können, wenigstens wenn das Mehr über einen Gulden dreißig Kreuzer gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart nicht wieder unternommen.

Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer Stunde bekommen. —

»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und der Proceß haben ihn entnüchtert.«

»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«

»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen Beklagten an. — »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«

Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht hersetzen.

Aber ich thue es doch — Nein, ich thue es nicht. — Er sagte — er sagte, — es ist demüthigend — »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes Chausseehaus mit einer weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« —

Das war zu viel. — Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.

Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige, wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde lagen.

Unsern ci devant Kutscher hörte ich höhnisch lachen.

Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte aber erst in derselben Stunde zu Darmstadt an, als die von mir ersehnte Post von Frankfurt nach Cassel abging. —

In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen werden.

Mir schrieb ein Freund:

»In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. — Aber ach ich sehe Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie voriges Jahr mit Dir.«

Ich rescribirte meinen Cerevisianern:

»Habt Ihr immer trüben Sinn

An den Neckarthoren,

Weil ich dort geschieden bin

Und Euch dort verloren;

Hebt doch Brust und Kopf empor,

Habt Ihr’s nicht vernommen?

Glaubt: durch dieses selbe Thor

Werd’ ich wiederkommen.«

Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.

»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,« bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines Mannes nicht fähig gehalten. — Erlauben Sie mir eine Frage:

»Sind Sie verheirathet?«

»Nein! gnädige Frau!«

»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf diese Weise selbst verjüngen können!«

»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.

»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen, von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder antworten?«

»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete Professor an der polytechnischen Schule, Philipp Stieffel in Carlsruhe.« —

»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein wackerer Vater.«