Neuntes Kapitel.
Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W — s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen Berliner. Kassel.
Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen. Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben, die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche Kant »klein« aber »schön« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu gewähren. — Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen Glauben wie in Israel gefunden. —
Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden. Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? — Von den letzten wie von den ersten, durch Aufhebung des Druckes. Glaubt nur es ist kein Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.
Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur table d’hôte! Ich hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur, lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu fragen. Was heißt »Falkiren«?«
»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.
Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W—s« hatte mir dieser entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen. Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr erst wieder verläßt.
Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde und wie es mir schien, in B—schen Diensten stand. Dieser sprach von einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse, und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.
»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie. Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott, als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt, beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung, Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das Verhältnis zum Absoluten in Form des Gefühls, der Vorstellung des Glaubens, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis gegeben.« —
Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«
»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete, »allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«
»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.
Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen Greises zu hören.
Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,« von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.
Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes, überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe — Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.
Das Desert wurde aufgetragen.
»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger Kalk versprochen.«
»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.
»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe, daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig. Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne, Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage, namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an, »weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu belegen.«
K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:
»Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon geschrieben,« endete er.
»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und Poet doch wohl haben, daß wenn es bei großer Strafe verboten ist, etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns alliirt sind.«
»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu erweisen.«
Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«, fragte er mich sogar einmal.
»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon ergriffen.«
»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. — Denken Sie sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«
Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich, mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten »Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker, seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. — O lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch nennt »Ideale« seien. — Das kann man freilich von den jetzigen nicht sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, par preference vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.
Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht, die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.
In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur jüngere Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen — willig machten sie mir Platz.
Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel heller war als das meinige.
Ich forschte nach der Ursache.
»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. —
»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art Mitleiden.
»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«
»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das ist ein großer Unterschied.«
»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä Lamm. Aber das ist natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied?«
»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl von allen Seiten die Antwort.
»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine Kunde Eppelwein vorsetze. — Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied?«
»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein großer Unterschied.«
»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch ä Onkel und ä Braut —«
»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«
»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig, und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke hab’. — Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« — Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken rothnasigen Oheim nit wenig. — Da begab es sich, daß wir an eine Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. — Kenne Sie Auerbach und de Wirth Dieffenbach?«
»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast verstimmt.
»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der Apfelwein-Panegyricker fort. — »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de Onkel vorzutrage. — Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. — Leider kam er auf die Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.
»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.
»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier, wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«
»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer Babett,« forschte ich.
»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm trinke.«
»Nun und das wollten Sie nicht?«
»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang indessen darauf, daß ich mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. — Das reizte aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu, ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt, der ist nit von meine Blut. — Ich blieb die Antwort nit schuldig, der Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«
»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,« ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. — Ihr Schluchze das ich obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp fiel.«
»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims. Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin die Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. — »Sei letztsch Wort ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«
»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich, da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las, daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte, ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander Städtche ein ander Mädche.«
»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett ist ungesund und harthörig geworde. — Ich sag oft zu mir selbst wer weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf meine Satz. — Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« —
Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine Begeisterung für den Eppelwein verdankte.
Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius erinnert und an seinen Refrain:
Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war,
Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann.
Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied.«
Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten, wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten Schinkens nur zwei wunderliche Dinge — ein ganz trüber Punsch und ein Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei, daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung zu Stande gebracht habe. — Solche weise Todtengespräche werden einst in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach ihrem Tode über die Orientalische Frage führen. Es ist übrigens eine traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn den scheinbar frommen Satz geschaffen: De mortuis et absentibus nil nisi bene. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. Damit ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung nach dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens auch in diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so lange ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu geblendet, in viele kleine — wie der gute Homer.
Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen verwechselt. Allein zum Glück hatte der Conducteur die Häupter seiner Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.
»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister, »der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so geschah’s. — Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten. Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer. Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen mit den Worten ihm nachstreckte:
»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« —
»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«
Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen Mondschein hinein nachstarrte, bis ein mitleidiger Baum zwischen beide trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.
Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.
Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei, war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.
Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages. Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht ganz täuschend reproducire. —
Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine Taschenkalender feil bieten zu können.
»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene ein, »dat is der Satiricker Friederich.«
»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste.
Ich nickte bejahend.
»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen Lectüre gekommen bin?«
»Wie sollte ich das wissen?«
»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de Friedrichsstraße Nummer 46.«
Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer.
»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier« nennen that. — Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene können Sie mich wol ehn Bette leihen uff acht Dage, ein Freund will mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.«
»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der minor natu.
»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder Defrene und Compagnie« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten, des ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben thun thäten.«
»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war damals de rothe Lise?« —
»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de Geliebte von den russischen Jelehrten.«
»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage hier zu besuchen, die Freundschaft thun will.«
»Jette, ick meehne Lise, sagte, das Ding soll vielleicht wol angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse Aeußerung dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener Mensch und dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.«
»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben. Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?«
»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder, den Franz,« fiel der Ohrlappenberaubte ein.
»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und nich kann. Hu! des ist jräsig!« —
Genug die Geschichte war uff en Donnerstag —
»Uffn Freitag,« verbesserte der jüngere Defrene.
»Nu, uffn Donnerstag,« beharrte der Erzähler.
»Wie du leugnest dat es uff’n Freitag war?«
besserte jener. »Sieh! ick beweise es Dich. War nicht der Cousin uff den nächstfolgenden Sonntag bei uns?«
»Ja Brüderken! Du hast Recht,« versetzte der Aeltere durch den unlogischsten aller Gründe völlig überzeugt, und ließ dieses Mal sein versöhnendes »Et is ejal,« sogar weg. »Also jut, des wer uff en Freitag. Am Sonntag war mein Cousin bei mich, det is der gebildeste junge Mann den ich in janz Berlin kenne. Er hat den Feldzug mitjemacht und wenn er oog eigentlich jar nich im Feuer jewesen ist, so kann er doch jede Schlacht haarkleen von A bis Z erzählen, und was noch mehr sagen will, er trägt die Medaille.
Nicht immer, wenn Trauer in die Familie ist, trägt er sie aus Zartjefühl nich, und oog nich aus Sympathie, wenn er Zahnweh hat,« ergänzte Defrene junior.
»Vielleicht auch nicht im Gewitter,« bemerkte ich, denn Eisen zieht an.
»Deß weeß ich jrade nicht, aber es ist ejal,« fuhr der Referent fort. »Also, jenug, an den Sonntagmorjen probirte unser Cousin unsre neusten selbstjemachten ächten Hannahcigarren. Da jing plötzlich die Thüre, und es trat ein Herr herein, der sich als der Gast vom Herrn Kammergerichtsrath persönlich ankündigte.
»Ich bat ihn sehr artig, sich zu setzen, er aber bedauerte dieses enige nich zu können. Mein Bruder, der jrade dem Vetter eenen kleenen Schnapps präsentirt hatte, schenkte ooch dem Fremden so ein verjoldetes Glas aus unsern Flaschenkeller, den unsre Voreltern bei die Religionsverfolgung noch mit aus Frankreich mitgebracht haben, ein, und präsentirte es dem Fremden, welches dieser auch sofort annahm. —
»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr:
»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war, hatte mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist und ville zu ville Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen und den Fremden aufzubieten, — doch über die Beschmutzung seiner Lieblingsbeinkleider einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen, und fing jetzt an, entsetzlich unanjenehm zu werden. — Als sich der Sturm aber etwas verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn ejentlich heißen thäte. — Lise wurde gerufen. Die sagte gleich, der Herr hätte ein Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber jenauer könnte sie den Namen jar nicht beschreiben, — Ick hätte aber ja den Namen für die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die Westentasche gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe Weste an, die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des alles so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären mich drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für einen unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen müssen. — Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt, als dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »Friedrichs, Schriftsteller,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt, er kann mir dreist noch zehn Male begießen. Friedrichs der Satiriker, ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch leben werdende und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es giebt. Sie können denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte Bejeisterung von unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte. Dieses Lob hören und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war das Werk von Ehner Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie eingespunnt bei die satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn ehner vor den Laden kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb uff den Fleck und wenn ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber ick stimme mit meinem Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte leben werdende Dichter seiner Zeit.«
»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des Dichters?« forschte ich.
Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so schrecklich aparti.«
»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den großen Jean Paul.
Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen Genre fort. Da ich keinen Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften Fremden ein.
Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die Herkunft des Mannes umgab, dessen Dialekt indessen meinem scharfen Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme.
Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren, ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. — Wir plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; — das Schicksal mit dem Henker. — Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte, ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,« versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« —
Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er leider einen Collegen besuchen müsse.« — Mir war das wunderlich daß ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte. —
Als ich an die Table d’hôte kam fand ich meine Reisegefährten schon in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen auf einem Zimmer logirt?«
Ich machte ein verneinendes Zeichen.
»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig beträgt, ist nichts anders als ein — — —«
Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein »ist ein« — noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem
»Scharfrichter«
herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich ausdrückten, mich nicht dich nichts seinen »hochmüthigen Kopp« wol herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für Menschen zum Todtlachen jewesen.
Die Frau von Z—, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe.
Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber, womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel, versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde.
Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser sind als ihr Ruf. — Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der Befragte habe hingewollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« — ausrief: »Es freut mich für den Menschen — aber, au waih! geschrieen für meine Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.«
Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin, ausrief:
»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber spreche.«
»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben zu erfreuen schien.
»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste Defrene.
»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.«
Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei seinen Collegen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett. Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »vingt-sept, rouge impair et passe« heraus; das erste Mal aber, als ich in den Saal trat und nicht gesetzt hatte. — Zum Zweiten, als ich den vorhergehenden coup mein letztes Achtgutegroschenstück verloren hatte. Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in der Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen. Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. — Unter den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen guignon zu nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich verloren, anbringen könntet.«
Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde dem Sprichwort »Bankier ist ein Hund« viel Qualität verleihn. Die Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils als chevaliers de demie fortune in Einspännern, oder auch wol um alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen Appetit zum Essen haben, — und daß sie tüchtig zusammen soupiren wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,« pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen noch Geld zur Rückreise überher geben.«
Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes pflegen in einem benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren, und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod verzehren. Der Platz hat davon den Namen »Schinkenhölzchen,« und ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum hat ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen, um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren. — An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.
Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich fand meinen Scharfrichter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend, ich hätte ihm gerne ein »dosine tandem carnifex!« zugerufen, ich fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald links, der Schlaf floh mich. — Voll Verzweiflung warf ich mich der Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.
(Alter Bursch und Fuchs treten auf.)
Alter Bursch.
Ich muß dich vor allen Dingen,
Hier in dieses Wirthshaus bringen,
Wo der Bursch fast immer kneipt;
Kannst am Abend wie am Morgen,
Beim Philister Porzel borgen,
Wenn er auch oft doppelt schreibt.
Ich bin ihm schon höllisch schuldig,
Doch der Kerl der ist geduldig.
Fuchs.
Wenn das Tante wüßte, Fritze
Mir verbot man Kaffeehäuser.
Alter Bursch.
O so sprich doch etwas leiser.
Hört’ man deine schnöden Witze,
Könnte man ja Wunder denken.
Fuchs.
Gott wie magst du Tante kränken.
Alter Bursch.
Mutter ist ein Frauenzimmer,
Fürchtet sich bei Allem immer;
Doch wie die Philister sagen,
War Papa als Bursche schlimmer
Hat sich alle Tag’ geschlagen.
Ist ein Erzsuitier gewesen.
Hab seinen Namen im Carcer gelesen.
Fuchs.
Fritz! nein ich bezweifle dies,
Onkel der ist so vernünftig.
Alter Bursch.
Nun das werd ich auch zukünftig,
Wahr ist es auf Cerevis.
Fuchs.
In den letzten zwei Semestern
Sollt’st du wirklich fleißig sein.
Das versprachst du mir noch gestern,
So gewiß, und fest; allein —
Alter Bursch.
Ja ich will auch, laß das Lästern,
Fuchs.
Der verdammte Branntewein!
Denke dran was du versprochen.
Alter Bursch.
Hab’ ich denn mein Wort gebrochen?
Hab’ die ganze Nacht gewacht,
Immerfort hab’ ich studirt,
Nicht gegrockt und nicht gebiert.
Fuchs.
Nun, das hast du brav gemacht.
Alter Bursch.
Heute mach ich eine Pause,
Aber jetzt erzähl mir ja,
Was macht Mutter und Papa
Und die Schwestern denn im Hause?
Und wie gehts in unserm Städtchen,
Insbesondere mit den Mädchen?
Sprich, was macht Louise Kranz?
Fuchs.
Neulich sah’ ich sie beim Tanz,
Schwer hob sie die Schwanenbrust,
Gerne wollt ich mit ihr tanzen,
Doch sie hatte keine Lust.
Alter Bursch.
Warum machte sie Speranzen?
Wenn sie mir das abgeschlagen,
Hätt’ ich wollen sie curanzen!
Fuchs.
Gott! wie kannst du so was sagen?
Denk dir, ihre Augensterne
Blickten still und schmachtend nieder,
Immer sprach sie ach! von dir.
Alter Bursch.
Ja sie mag mich höllisch gerne.
Wenn die Besen sich verkeilen
Sind sie einmal nicht zu heilen.
Fuchs.
Könnt wie du, ich, um sie minnen,
All mein Leben setzt’ ich dran,
Diesen Engel zu gewinnen. —
Alter Bursch.
Seht mir mal den Crassen an.
Fuchs.
Wird Ihr Vetter lange bleiben?
Fragte sie von Schmerz erweicht,
Gerne wollte ich an ihn schreiben,
Doch ich fürchte daß er schweigt.
Sieh so sprach sie, Du Profaner!
Alter Bursch.
Ach der Besen ist halb toll,
Zwar poussirt hab’ ich ihn mal,
Aber ich war noch Primaner.
Fuchs.
Fritz bei dem verwandten Blute
Das ja in uns beiden fließt,
Und so wahr das reine Gute
Ewig unvergänglich ist;
Reich Louisen deine Rechte
Wolle ihr dein Leben weihn,
Eurem kommenden Geschlechte,
Will ich Freund und Onkel sein.
Nie mehr wird mein Auge trübe
Denn ich denk’ an Körners »Durch«
Ich veredle meine Liebe
Gleich dem Ritter Toggenburg.
Wenn ich dann oft einsam weine
Daß Dein Mädchen mich verkannt,
Daß die Holde nicht die Meine!
Einst mich decket Grabes-Sand!
Fritz! dann mögest Du ihr sagen,
Opfer kennt die Liebe keine! —
Alter Bursch.
Das ist doch zum Überschlagen!
Fuchs.
Marmorstein! wirst du nicht roth?
Alter Bursch.
Die Louise Kranz in Ehren,
Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod
Eine Frau mir zu ernähren.
Fuchs.
Willst du denn des Mädchens Tod?
Alter Bursch.
Hör’! ich will sie dir cediren,
Willst du tüchtig Wein poniren!
Aber nimm es mir nicht krumm.
Fuchs.
Hör Elender! du bist dumm.
Meines Hasses Fackel lodert. —
Solch ein schändlicher Betrug!
Alter Bursch.
Das Wort »dumm« das ist genug.
Du touchirst, weist nicht warum.
Aber Fuchs du bist gefordert.
Fuchs.
Wohl! ich folg’ zum Waffentanz (ab).
Alter Bursch.
Ich bin meiner Seel verplext,
Wie kann mich der Jung’ touchiren?
Die verdammte Lise Kranz
Hat den Bengel wol behext?
Doch der Fuchs muß revociren
Millionen Donnerwetter!
Hört man das im Vaterlande,
Louis bleibt ja doch mein Vetter,
Das wär’ eine ew’ge Schande. —
Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht lieber Bruder« an mein Ohr! —
Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde, an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.
»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien machen.«
Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. — »Laßt den Kerl liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur verstellt zu schlummern schien. —
Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner erzählten.«
»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«
Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.
Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod, (es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose, die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir mit einigen feierlichen Worten kredenzte. —
Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun, aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier stürzten auf die Erde. — —
Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie im Schlaf gewesen.
Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend anblickte. - »Sie haben im Traum viel mit ihren Kameraden zu thun gehabt,« bemerkte er jetzt. —
Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig schweigend. —
Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.
»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«
Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung sogleich gegenwärtig waren.
»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben habe, Ihnen weh zu thun.« —
»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.
Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von Posa sagt:
»Er dachte klein von mir und starb.«
Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich! ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen, allein die sollen klein von mir denken wenn ich sterbe, dafür bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die verité enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt werden.