Elftes Kapitel.
v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg.
Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der noch in Hamburg lebende Russische Minister von Struve, ein als Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in Wien, überflügelt zu haben scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird, von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. — Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme, vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen. —
Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche Junggesellensteuer in Hamburg, die Trinkgelder, abgeschafft, mit denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen muß, und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel durch eine vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später, jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde. Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines »Hermann und Dorothee,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« — Als Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte, und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige Wort »Champagner« aus.
Der Sohn des Consuls Mellis’h, Charles, war mit mir bei Zimmermann in Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und Schlafzimmer. Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde gewiß jetzt in seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres Glück machen, wenn er nicht unter die torys gegangen wäre, zu denen sein Vater, ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu rechnen war.
Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der seine zehn Stunden uno tenore wegschnarchte und sich weder durch meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte, abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen Geschöpfen begnadigt hat.
Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm, waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten, kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »God save the king«, bald »Rule Britannia« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen Zauberstab geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte Lied; bald aber bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch Schluchzen und Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch schlafen; ich bin ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als meinen Schlaf; allein ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann nicht exponiren.«
Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren, chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch meine Lebendigkeit bei den Worten: »rule the waves« einen sanfteren Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: For Britons never shall be slaves.
Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge stören lasse und wollte ihm ein privilegium de non cantando nicht zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, Charles wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich war großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, wie lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus, schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. —
Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn Jahre später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel als einen liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns durch viele interessante holländische Epigramme und Anekdoten, durch unpoetische Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien einen »Misthaufen« nennen, und durch Erzählungen von seiner liebenswürdigen Braut. Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre Male, befahl dem Kellner, zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte bewegen, noch unter uns zu verweilen. »Het doet mij leed, dat wij scheiden moeten, ben u soo gefattigeerd?« (Es thut mir leid, daß mir scheiden müssen, sind Sie so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er antwortete: Myn Her ik ben gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes Uur opstaan moet. (Mein Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um sechs Uhr aufstehen muß.)
Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und Mellis’hens rechte Hand, hieß Wesselhoeft und bekleidet noch jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers vereinigte.
Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte, ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum bloß gab, daß er nie seine Garderobe, d. h den Titel als maître de la garderobe ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich in dem republikanischen Hamburg, wo übrigens die haute volée oft auch sehr an die noble aristrocraci von Amerika erinnert, ganz acclimatisirt. Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen Vorzugsrechte eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung bedurfte. Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen andern Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste von ihnen sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man erzählte von ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger Senat erlasse und namentlich an den mit der Polizei beauftragten Rathsherr, bei einer Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm wohnender Minister bestohlen war — geschrieben habe. »Ich suche Ew. Hochedlen dafür zu sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in meiner Nähe passirt.«
Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt gewesener Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch einen poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch Schröders Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben der Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen Mimen nur stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen zu haben, den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst der geniale Devrient nur als »Franz Moor« erreicht haben soll. Nie vergesse ich Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus der Freimaurer-Loge zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder Bürgers »Lenore« im schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen in der Hand, so begeisternd gesprochen habe, daß alle Anwesenden die Geistererscheinung mit eigenen Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt hätten — Schröder war aber auch in seiner Jugend ein vortrefflicher Tänzer gewesen, wogegen sich unsere jungen Histrionen höchstens eine Radawazka einstudiren.
Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren Ruf erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im Wege gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen älteren Rollen, wie im »zerbrochnen Krug« eignete, oft aber auch sehr störend einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe philosophische Studien gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er sein entschiedenes Talent als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich vernachlässigt, da sein »leichtsinniger Lügner,« welcher damals auch einen Preis erhielt, ihn als so ungemein dazu befähigt darstellt, wogegen seine Schauspiele, z. B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger Beifall im Publikum erworben haben. In Gesellschaften, deren der jetzige Schauspiel-Director zuweilen sehr glänzende und auserlesene giebt, ist Schmidt höchst liebenswürdig und unterhaltend und würzt dieselbe durch treffliche Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst originellen materiellen Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt mir so eben ein und verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.
»Die Elemente rasten nie,
Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen,
Sagt mir Ihr Philosophen, wie
Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«
Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor, auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine niedliche Oper »das Dorf im Gebirge« war immer zum brechen voll, wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab, wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste Jugendliebe nie alt wird.
Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher. Nach Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt haben soll.
Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine Unsterblichkeit? — Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern eingenommen werden könne? —
Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.
Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war, nicht getröstet habe.
»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.« »Ich muß Ranz trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« — »Aber, lieber Mann! es regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau vor.
»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen und seinen doch zu Erde werdenden Körper schon als solchen ansehen, »ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei anwenden.« — —
Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens Pfarrei. —
Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. — »Ranz, ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende Freund an, »weine Ranz.« — —
Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. —
Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. — Ranz ward endlich thränenlos.
»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa, »jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«
Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre zeigen. —
Herzfeld war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch Kühne, jetzt »Lenz« genannt, und der alte Schwarz. Das war ein ensemble, wie ich es niemals wiedergesehen. Lebrun trat zu meiner Zeit zum ersten Male, ich glaube als »Perin« in der Donna Diana auf und erkannte Zimmermann schon damals den künftigen Meister in ihm. Auch Lebrun ist schon von den Brettern getreten und von hartnäckigen körperlichen Leiden, welche übrigens die Kräfte seines Geistes zu steigern schienen, heimgesucht. Indessen habe ich ihn nie liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.
Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle Wrede, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und die allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler, die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin die richtige Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«
Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! —
Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld« und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen; denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector »Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen mit passenden Stücken aufwarten würde.
Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz reumüthig, oder wie Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. —
Da acta Hamburgensia ergeben sollen, daß die feierliche Begleitung der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten acht Tagen des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten geworden ist, weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten Wege, von einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu sterben, so wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der ihm weiter keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser vermitteln können mag, als mancher Geistlicher — vom Schinderknecht. Und der jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep hatte, schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn sich gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin theilen mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen ich Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, in den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die, nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen Sätzen immer also: — Swig man still Magret, — dat is so slimm nig — dat kann den Besten paßeeren, und zeigte auch noch nach ihrem Tode dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf, während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte, ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand hinfiel. — Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. —
Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust:
»Schon zückt nach jedem Nacken
Die Schärfe die nach meinem zückt«
verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse, so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre Waffe unwillkührlich fallen, ließen.
Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform, während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und dann wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele.
Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden, wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der Strafe überbringt.