Zwölftes Kapitel.
Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie. Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy. Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann.
Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde, Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte. Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Gesetzes fußend hatte auch einer von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die ihm auferlegten 1000 m&, dann 500 m& bis auf 7 m& 8 ß hinunter, bis zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht — Entweder dod schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen.
Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt, dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der französischen Armee angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten er mitgemacht, »keine« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl erwiedert haben: Point de bataille, point de colonel.
Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?« worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator Meier.«
Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z. B. in Bremen, die Conscription.
Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück lateinisch nie tychopolitanus, sondern bescheiden, fast so zu sagen deutsch weg, glockstadienis schreib, war ich durch meine Geburt doch ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser Lehrer in Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt. —
Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000 Hamburger[8], welche der französische Marschall Davoust, weil sie sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen »Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden, der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand, als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in Altona angekommen war. Damals las man:
»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an.
Altona, den...
L. S. Meier,
(id est Schukelmeier.)«
Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat, welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete, mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen brachten.
Ein geistreicher Hamburger war Pedro Gabe der Sohn des dortigen Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich kaum eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er. Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so mache ich das ganze menschliche Leben durch.«
»Ich gehe in die ABC-Straße; das ABC ist dasjenige, was die Menschen zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den Gänsemarkt, welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom Gänsemarkt führt es zum Jungfernstieg.«
»O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit!«
»Ich gerathe nun auf die Kunst, die mich an das Streben geistreicher Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links das Zuchthaus, der Weg der Gottlosen; gerade aus der St. Petrikirchhof, der frühe Tod; rechts das Johanniskloster, für das beschauliche, ascethische Leben gemacht. Ich aber, als rüstiger Geschäftsmann, überwinde den Berg, denke in der Reichenstraße an den Gewinn und verfolge so meinen Weg zur Börse.«
Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister, auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter Winkelried, sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete Sieger entflohen.
Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren, welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen erfahren konnte.
Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten, sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß sie sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben. Wer kennt nicht den Namen Salomon Heine als den des Rothschild von Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz mit dem Dr. Heinchen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel nicht unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten sie gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie einst im coin du roi im Theater francais die pariser Schöngeister rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: »Haben Sie gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen Seiten. »Herr Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht Viertel breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der die Juden zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der damals erst aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der Spottvogel mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem Gingham an Güte nicht gleich kam.
Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege, wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der Stadt zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit Resignation ausrufen:
»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.« (»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg, da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den Teufel kriegt.)« —
Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.
Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres. Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen, und immer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und Saint Peray. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf indem er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.
Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx: »Smollis (Brüderschaft) müssen wir trinken!«
Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren, sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte, sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.
Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen, ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten. Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der, wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der Treppe stehen, von Ihrer Familie?« — »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen, wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen wollte. — Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich aber rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr, Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,« worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.
Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit zu verwandeln, welche man »Humor« nennt, und nur eine mühsame Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden, daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben, Glauben beimessen wird.
Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.
Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen. — Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt, brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt. — Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er verschwand darauf und kehrte alsdann mit der Paroli-Antwort zurück: wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. — Anders ist es bei uns in Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.
Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück, äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen. Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft. Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen. —
Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen Windes nur ein Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug, raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der selige Herr!«
Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung den zu sehen, von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so schön singt:
»Gebhard heißt der Wahlstatt Meister,
Denn er hat es hart gegeben.
Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er,
Denn er führt das rechte Leben.«
bewegte mein Herzblut.
Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen. Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein sollte, während ein anderer Vierspänner über den Berg nach der Börse hineilte. — Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewiesen zu haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in der Ordnung sei. — Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein, obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur Erde.
Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen.
Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei; wohl dem der welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der, kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren sei.
Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »God save the king« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.
Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte, aber auch einige der Komik hervorrief.
Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden. Einer, bei dem ich drittehalb Jahre gesessen, und den ich nach einer Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem Menschen getäuscht sieht. »Distinguendum.« Einige Menschen sind unsterblich und einige sind es nicht.
Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt sehr materiell gewordenen Gelehrten.