Dreizehntes Kapitel.

Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen. Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D—s und D—r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und Wegelagerung. Citation vor das Arctius.

Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen, welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte, worauf man den Ehrenplatz bei demselben oft auf Wochen im Voraus belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen Vacanz Hunderte, — ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals« erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir, ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, im Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem Dänischen Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber nicht einmal eine sella curulis, war aber ein vierschrötiger Mann, in eine so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast schon meines dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst da gewesenen sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig eingeschlafen, so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die ganze Nacht in den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein Kind, wenn auch ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten — —

Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging; dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788 hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein ich müßte doch ein niederträchtiger Kerl sein wenn ich mich in meinen Jahren noch bessern wollte.

Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,« welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen Skizzen einzuschalten.

»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665 vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich nicht irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein, Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird. Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel »Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als Excellenzen zur Tafel gezogen werden.[9] Sämmtliche Studenten, welche eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt, das trauliche »Du«, das Smollis aufgehoben, und Alles bewegt sich in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine Amme machte zu meiner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, daß ihr Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle Charge eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben Tage gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter, wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) — Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf eben so viele hundert Thaler an.

»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird die Schießkunst von allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte, antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«

Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein, wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahrhundert solche Glücksritter duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden, warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? — Wahrlich ich sage Euch, Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.

Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen Pfaff, dem vielgeliebten Dahlmann, dem Menschen rettenden Ritter, vor allen Dingen der Statsrath Cramer zu merken, der sowohl als Jurist wie als Philolog eine der ersten Stellen auf deutschen Kathedern einnahm. Nie habe ich ein fertigeres und schöneres Latein als von ihm gehört. Dabei war er ungemein launig. Als einst ein Student, seinem vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, mit dem Gesichte fast auf dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit der größten Ruhe sein Sacktuch aus der Tasche, und ergriff damit die Nase des Studenten, als ob er sie schneuzen wolle, indem er sogleich eine erschrockene Miene affektirte, und sich dann mit den Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr, ich glaubte, es sei meine Nase.« Mit dem Professor der deutschen Sprache, Adolph Nasser, einem süßflötenden und lispelnden Männchen aber von dem besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das Nibelungenlied erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild, welcher die Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, — hatte Cramer einst L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf Sonderbarkeiten verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren. Nasser hatte im besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen, Cramer eine Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen hatte, die ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit Nasser zu bemerken: »Herr Professor, wir spielen aber nicht um Steine.« Höchst merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn verfiel, ein Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung nicht das Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen Sarkasmen, ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers Familie von einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht hatte, wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.

Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, Justizrath, der andere, ein Herr Maas, Kriegsrath.

Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten, und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben zurückkehrten.

Die ewige Selbstverspottung, worin die Holsteiner zu leben pflegen, und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen, und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus. —

Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit seinem Spitznamen, Junker »Slenz«[10] bezeichnen will. Slenz war eine ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium. Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie, dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »ochsen,« (der technischem Ausdruck der Studenten für »fleißig sein«) wollte. Allein des Morgens schadeten die Katzen dem Ochsen. Denn Slenz hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig wurde, und in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich damals schon viele mit Frühlingsahnung einfanden, — sie mit seiner Flinte zu verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »salvum conductum« denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber zogen die kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten mit mehr als Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel hinunter, wo sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in denen viel Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.

Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage, und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.

Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzuwarten, ein kurzer kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.

»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß Sie den verdammten D—r fodern.«

»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?« versetzte mein Freund.

»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,« versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß sie in Blut abwaschen.«

»Sie wissen mein lieber Herr D—r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich schon mehrere Male das consilium unterschrieben, und möchte nicht gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.

»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet fort.

Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst überreden wollte.

»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er.

»Der Herr Obergerichtsanwald D—s, ein braver couragöser Philister, der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe, Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz der Heidelberger Cerevisia

»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, qui cito dat, bis dat, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. — Es galt aber doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose Notwendigkeit an.

O Sie Goldmann! rief D—r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! —

»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz.

»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D—r. Auf Pistolen oder Degen, einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme und Sie näher instruire?«

»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge waren noch nicht verklungen, als D—s in mein Zimmer trat. Nach einigen Minuten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D—r.

D—s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen, daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D—r zu fodern. Diese Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich verdroß. — Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja Alles aus Liebe für Slenz.

D—r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf 8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm freilich auch am Ende den Verstand kostete. — Zum Theil verdienten diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte. Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu improvisiren. Der Advokat Hagemeister in Kiel, vulgo von den Bauern ohne alle Ironie »Hagelmeister« genannt, kam einmal in ein Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das Urtheil zeigten und ihn um Rath fragten, ob sie appelliren sollten, und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht führen wolle.

»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« — und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, — so daß diese begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’ nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« — »Bravo Herr Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für uns geschrieben haben.« — — —

Ich trat also in D—r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich. Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald eintrat.

»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend. —

»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?« fuhr er verbindlich fort? »Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war, hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?«

»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen hatte, denn sofort schellte D—r. und bestellte bei dem so schnell eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira. —

Ich deprecirte.

»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich lasse Sie nicht.«

Er zog mich auf das Sopha. —

»Herr D—r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. —«

»Wie so? lieber Herr von Kobbe. —«

»Ich soll Sie vom Advokaten D—s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel wie, fordern.«

»So?« rief D—r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der Bekanntschaft des Herrn D—s. kommen?«

In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr D—r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht beantworten. — Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu gedenken. — Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf eine unumwundene Erklärung.

»Wenn Herr D—s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — und wenn — — — — — — — — — — — — — — —«

Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D—s noch alte Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur Stunde von D—s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen, von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß. Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten Staatsdiener, und grade den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn entfährt.[11]

D—s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet haben, wo dieser in No 1, dem Professoren und Philister-Zimmer, des Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber sofort dem Bürgermeister coeram multis testibus eine heftige Ohrfeige applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte: »Ich sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin, Herr Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.«

D—r concludirte endlich nach allen »Wenns« dahin, daß, wenn alle diese »Wenns« nicht wären, er nicht ermangeln würde, dem Hrn. D—s die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu ertheilen.

Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt hat, — und berichtete dem Hrn. D—s und seiner ihn umgebenden Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D—r bewögen, die von mir geschehenen Forderung zu verweigern.

»O über den Cujon!« lachte D—s — »er glaubt, eine exceptio litis ingressum impediens zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen, Herr von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.«

Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall eingelassen zu haben, ertragen.

Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten, und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein vortrefflicher Arzt, der Doktor Ritter, dessen Liebe oder Kunst ich mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und die mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. —

Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen Frühlingstage ging D—r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: — — — — — Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:

»Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen, Wagrien, Stomarn Administrator[12] der Grafschaft Ranzau u. s. w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten Herren Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit zu entweihen.« —

Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D—r sei gestern vom Advocat D—s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück verhütet.

Der Advocat D—r reichte sofort eine Denunciation wegen Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten foro des delicti commissi ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, fanden die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der Meinung, daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.

Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das arctius citirt, welches, wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus fünfen des academischen Senats bestand.

Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer angeblich von mir überbrachten Forderung des Advocaten D—s an den Herrn Advocaten D—r habe.

Ich referirte dem arctius die Sache, wie jetzt dem verehrten Leser, und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien. Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen wollten, mußte ich abtreten.

Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. — Denn wenn ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten, als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase Champagner wieder zu erzählen.

»Der arctius kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten, wenn die Forderung des Advocaten D—s vom Advocaten D—r angenommen worden wäre.«

Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. — Ich dankte für gnädige Nichtstrafe sehr lebhaft.

»Schon gut!« bedeutete man mir.

Allein ich war im Fluß der Rede und kam parlando nimmer mehr hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe, als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe. Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. — Da klingelte zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede.

Glücklicherweise fiel mir der Satz ein:

»Incidit in Scyllam qui vult vitare Charybden

Ich schwieg und zog von dannen.

Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte Kanonisirung ihres arctius.

Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde.