Vierzehntes und letztes Kapitel.

Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. Dr. O., der Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß. —

Der Professor Burchardi wollte damals promoviren und veranlaßte mich, ihm zu opponiren.

Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde, abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg niedergesunken sei.

Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder.

Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und Erbarmen erwachen wollte. — Allein ich irrte mich! — Wir haben für unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch, Ihr Freunde des Vaters! —

Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück, ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte Vulgata restituiren wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir selbst kann ich das leider nicht. —

In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden, sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte.

Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.

Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«

Welche Eventualmaxime!

Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora verweisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und in specie der Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. — Ich hatte dabei zur Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten. Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er, was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Marktes diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.

Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:

Ewig bleib ich der (die) Deine,

Ewig bleibst Du die (der) Meine,

Was auch der Alte spricht

mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte, auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.

Einer der witzigsten Studenten war der joviale Dr. med. O.... in Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr brevi manu entschied: »Fiat justitia«, und an die Thür dessen Nachbars eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am Krankenlager nicht glücklich war: »Pereat mundus.« Diese für keinen Arzt schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um so betrübender, als derselbe den Spottnamen Würgengel führte, den er daher hatte, daß er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen war, wo der Familienvater Frau und sieben Kinder verloren. Als nun der Gebeugte, nachdem er die Seinigen begraben, seinen Verlust im Wochenblatt angezeigt, hatte er dies mit den Worten gethan:

»Auch der Würgengel trat in mein Haus«,

was die böse Welt anstatt auf den »Todesengel« auf den »Hausarzt« bezogen hatte. —

Als O.... seine Doctordisputation hielt, opponirte ihm ein jüdischer Mediciner voll Gelehrsamkeit, der ihn namentlich durch seine große Gewandtheit im Lateinsprechen in große Verlegenheit setzte. Als O. zu sehr sich eingeschlossen sah, endete er den ganzen Streit, indem er die ganze Disputation mit den Worten selbst schloß: Sed sat iam verba fecimus, hoc tibi tribuo testimonium te fortissimis pugnatoribus atque adeo Maccabeis esse anumerandum. Hoc tibi concedo. (Wir haben genug geredet, ich stelle Dir aber das Zeugniß aus, daß du zu den tapfersten Kämpfern, ja sogar zu den Makkabaern zu rechnen bist.) Dieses concedire ich Dir.

Der alte um das holsteinische Partikularrecht sehr verdiente Schrader war eben verstorben. Da der alte Professor gewöhnlich seine Vorlesungen mit den Worten: »Meine Herren? ich will Ihnen einen cosus für einen casus verzählen,« angefangen hatte, so war ihm der Spitznamen Herr »Cosus« seiner Frau der »cosa« geworden. Die Söhne und Töchter wurden aber respective cosellus und cosella genannt. —

Ein interessanter Lehrer war der alte Anatom Fischer, bei dem ich die medicina forensis hörte die er mit einem ungemeinen Humor docirte. Seltsam war sein Ernst, wenn er auf die Todesstrafen kam, von denen er nur das Ertränken und den Tod des Hängens statuirt wissen wollte und uns fast allen das Wort abnahm, wenn wir dereinst in unserm Beruf darauf zu wirken im Stande sein würden, nur diese Arten den Menschen vom Leben zum Tode zu bringen einzuführen. »Das Messer, die Guillotine,« pflegte er zu sagen, »giebt zwar einen momentanen Tod, allein der Schmerz ist ein so ungeheurer, daß der tausendste Theil hinreichen würde, um einen Menschen zu tödten, während die vom Strick geschnittenen und aus dem Wasser gezogenen Scheintodten welche wieder in das Leben zurück gerufen sind, Alle bezeugen, daß sie ohne Schmerz und ohne Angst in den Zustand der Bewußtlosigkeit gesunken sind. — Diese Bemerkung überantworte ich den Gesetzgebern und Machthabern zur Erwägung.«

Uebrigens war Fischer zu jener Zeit in einem humoristischen Streit verwickelt. Er hatte an dem Sitzfleisch des später ermordeten Dänischen Ministers v. Q. die glücklichste Operation seines Lebens, durch Beseitigung eines Fistelübels gemacht, und sich dessen unbedingte Dankbarkeit erworben, die sich aber doch opponirte, als der Retter die Krankheitsgeschichte seines hohen Patienten mit dem in Kupfer gestochenen leidenden Theil publiciren wollte. »Der Undankbare,« pflegte Fischer zu sagen, »er will nicht einmal einen unbedeutenden Theil seines Körpers in efigie Preis geben, um damit die Wissenschaft zu bereichern.«

Der Professor Heinrich, einer der berühmtesten Philologen seiner Zeit, hatte damals schon Kiel verlassen. Es waren mehrere Histörchen von ihm im Gange, von denen mir immer die als die komischste erinnerlich ist, daß er, während das Schwedische Hauptquartier in Kiel lag und er Proreiter war, er nach einem fröhlichen Souper, bei dem der Wein oft gekreist hatte, mit dem verstorbenen Dr. L— aus Plön in einen so lauten Wortstreit über das »Thema,« wie viel Füße ein Krebs habe, gerathen sein soll, daß beide von einer schwedischen Patrouille auf die Hauptwache gebracht worden, von wo aus erst ein an den Commandanten geschriebener Brief dem Patriarchen der Studenten seine augenblickliche Freilassung bewirkt haben soll. — So schaden Krebse nicht bloß den Buchhändlern sondern auch den Gelehrten. — Heinrich hatte etwas Imponirendes, das er noch durch eine seltene Kälte zu steigern verstand. Ein junger Mann, den wir A nennen wollen, aufgebracht über einige Ausdrücke, welche der Professor über mehrere Damen geäußert hatte, ging in seine Wohnung, und redete ihn mit den Worten an:

A. »Herr Professor, haben Sie das und das über die und die Dame gesagt?«

H. »Ja.«

A. »Das müssen Sie zurück nehmen?«

H. »Das thue ich nicht.«

A. »Das sollen Sie.«

H. »Das will ich nicht.«

A. »Nun dann weiß ich, was ich zu thun habe.«

H. »Das wissen Sie nicht.«

Und so war es, der junge Mann wußte in der That nicht, was er zu thun hatte. Er schlich von dannen, und die Sache blieb ohne Erfolg. —

Doch es ist Zeit, meine beiden Bändchen zu schließen. Ich hoffe meine academischen Jugendfreunde und Landsleute durch die Erzählung dieser Erinnerungen eine frohe Stunde bereitet zu haben, wie sie mir die Recapitulation meiner Remniscenzen verursacht hat, und damit ist mein Zweck erreicht. —

Ich habe nur etwa noch hinzuzufügen, daß ich jetzt schon 20 Jahre im Oldenburgischen Dienst stehe, und das Glück habe, unter einem Fürsten zu leben, der Seinesgleichen wie Seinen Unterthanen ein unerreichtes Vorbild an Güte des Herzens bleibt. — Diese Hände bezeugen dabei, daß sie Namens Seiner Hohen Gemahlin mehr Gold als sie fassen können, erhalten haben, um Thränen des Schmerzes und Kummers zu lindern und längst versiegte Freudenthränen hervor zu rufen. Von dieser letzten Sorte wird meine Herrin dereinst einen Halsschmuck im Paradiese tragen. Ich fürchte nicht der Kriecherei gezüchtigt zu werden, wenn ich solch Zeugniß hier öffentlich ablege, ja, daß ich dies öffentlich und unbefangen kann, spricht für meine Freisinnigkeit und innere Unabhängigkeit.

Einen sauren Richterdienst verwaltend, habe ich nur sehr wenige Freistunden, welche meine Muse oder meine Freunde deren ich mehrere und vortreffliche besitze, in Anspruch nehmen. Ich habe die Liebe für die Welt, und meinen Respect vor dem Himmel frisch behalten wie ich beide von Kindheit her im Herzen trug, lache und weine dabei über die Thorheit des Menschen und werde mein Rittergut, das ich nächstens in der Lotterie gewinne, »Heraclitsruhe« und »Demokritslust« nennen. Mein Jugendland Holstein liegt wie eine glückliche Insel vor den Blicken meiner Erinnerung, nichts desto weniger fühle ich mich ganz Oldenburgisch, und weiche in dieser Gesinnung keinem Eingebornen, gebe einigen sogar auf die Parthie Patriotismus mehrere Points vor.

Für dießmal schließe ich. Mein nächstes Werkchen wird über Prießnitz und Gräfenberg im Jahre 1840 handeln.

Ende des zweiten und letzten Bändchens.


Beim Verleger dieses ist ferner erschienen:

Kobbe, Theod. von, die Schweden im Kloster zu Uetersen: Historischer Roman. 8. 1830.

1 Rt. 4 ggr.

— — humoristische Skizzen und Bilder. 8. 1831. geh.

21 ggr.

— — Die Leier der Meister in den Händen des Jüngers, oder: achtzehn Gedichte in fremder Manier, und eins in eigener. gr. 8. 1826.

12 ggr.

— — Reiseskizzen aus Belgien und Frankreich. Nebst einer Novelle, der anonyme Brief. 8. 1835. brosch.

— — Wesernymphe. Novellen und Erzählungen. gr. 8. 1831, brosch.

1 Rt. 8 ggr.

— — Briefe über Helgoland, nebst poetischen und prosaischen Versuchen in der dortigen Mundart. 1840. brosch.

12 ggr.


Sodann erschien so eben:

Greverus, Reiselust in Ideen und Bildern aus Italien und Griechenland. 2 Bde.

1r Bd.: Reise in Italien

1 Rt. 12 ggr.

2r Bd.: Reise in Griechenland.

1 Rt. 12 ggr.

Gall, Ferd. v., Reise durch Schweden. 2 Bde.

1 Rt. 16 ggr.


Fußnoten:

[1] Ich verstehe darunter die Menschen vom Regiment »Lieblosigkeit.«

[2] Ich habe schon anderweitig bemerkt, daß die Namen der Wirthshäuser bei Hamburg größtentheils vom Anhalten der Pferde hergenommen sind, als Luhrop (Laur auf), Stahwedder (Steh wieder), Jappob (Japp auf), Kruppunner (Kriech unter), und Oha.

[3] Die Personen sind: Thraso, ein Offizier. Gnatho, dessen Schmarotzer. Parmeno, ein Diener des Phädria.

[4] Senex depontanus. Ein Greis, der nicht mehr über die Brücke zu den Volkscomitien gehen durfte.

[5] Name des damaligen Custos.

[6] Die Anspielung ist etwas à la Pater Abraham a Santa Clara. Dieser predigte: »Es giebt allerhand Narren: Tanznarren, Freßnarren, Hofnarren, Spielnarren, Saufnarren, Geldnarren. Daher steht auch geschrieben: Narraverunt patres et nos narravimus omnes

[7] Die Bäckergesellen hatten sich dermalen mit ihren Meistern veruneinigt und waren ausgezogen gewesen, jedoch nach stattgehabter Vereinigung zurückgekehrt.

[8] Und diese Zeit wandte der Director der Altonaer Schule Professor Struve, den bekannten Virgil’schen Vers

Superet modo Mantua nobis

O Mantua nimium vicina miserae Cremonae

sehr glücklich parodirend auf Hamburg und Altona an:

Superet modo Altona nobis

O Altona, nimium vicina (allzunah) misero Hamburgo.

[9] Das Verlangen der Musensöhne, ihre Siebentagsfliegen Excellenzen mit einer Schildwache vor ihren Häusern zu ehren, wurde in Gnaden abgeschlagen. Dagegen ritten sie, mit den Rang eines Generallieutnants bekleidet, rechts am Kutschenschlag neben den Majestäten, während sich die wirklichen Obristen mit dieser Ehre an der linken Seite des Wagens begnügen mußten.

[10] Junker Slenz war bekanntlich der Commandeur eines Freicorps im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, das er an fremde Potentaten zu einzelnen Kriegszügen vermiethete. Er fand seinen Tod in Ditmarsen, wohin er den König Hans von Dänemark begleitete. Seine Soldaten trugen die Devise »Wahr di Buhr, de Gard de kummt.« Als diese aber schwer bewaffnet im Morast stecken geblieben, wurden sie von den leichtfüßigeren des Terrains kundigen Ditmarsen mit den Contrevolutions-Worten »Wahr di Gard de Buhr de kummt« erschlagen.

[11] Die Lastthiere des Staats, die am Meisten mit Arbeit Geplagten sind immer die Frommsten. Freilich! wie soll die auch der Hafer stechen? da die Pferde, die ihn am Meisten verdienen, ihn bekanntlich nicht bekommen.

[12] Diesen letzten Titel hat der König von Dänemark seitdem abgelegt und die früher confiscirten reichsunmittelbaren Ranzau’schen Güter ganz dem guten Dänemark einverleibt. Das ist hart für die Gräflich Rauzau’schen Schwerdtmagen und Spielmagen, und, da ich zu den letzten gehöre, auch für meinen Magen. — Wer will meinen Anspruch an die dänische Krone kaufen? Drei Herrschaften und drei und dreißig Edelgüter — Wer bietet Geld?