IV.
“Ja Kinder, dann kam für mich eine traurige Zeit, meine Gefängnisjahre könnte ich sie nennen. Ich wurde in einen großen Käfig gesperrt und mußte dort den ganzen Tag auf einem Stabe hocken. Der Stab war rund und glatt, so daß ich jeden Augenblick achtgeben mußte, um nicht herunterzurutschen. Auch Nachts mußte ich da sitzen, immer an derselben Stelle. Von allen Seiten kam die Kälte leise hereingeflogen; nur gegen den Regen war ich geschützt durch ein graues Tuch, welches Abends über den Käfig ausgebreitet wurde. Und manchmal in finsterer Nacht schlichen böse Tiere, die Katzen, mit grünschimmernden, raubgierigen Augen leise um den Käfig herum und reichten ihre bekrallten Tatzen durch das Gitter herein, um mich zu packen und mir den Garaus zu machen. Aber der schwarze Hans blieb wohlweislich in der Mitte des Käfigs sitzen, und ihre Mühe war umsonst“.
„Hast du denn nichts zu essen bekommen im Käfig?“ fragte schon wieder der vorwitzige Rassi.
Vater Hans lächelte. „Dann hätte ich ja bald verhungern müssen. Essen bekam ich wohl, mehr sogar als ich brauchte. Aber es war arme Kost, beinahe immer dasselbe. Dicke Milch und Kartoffeln, ohne Abwechslung, Morgens und Mittags und Abends dazu. Mein Räuber hatte einen eignen Löffel geschnitzt, um mich zu füttern. Ein langes, schmales Holz war es, das er inwendig etwas ausgehöhlt hatte. „Hänschen gaak,“ sagte er dann, und jedesmal mußte ich den Schnabel weit aufsperren, worauf er mir die Speise in den Mund drückte. Wenn ich aber einmal keinen Hunger hatte und den Schnabel nicht öffnen wollte, dann preßte er mir denselben auf und zwängte mir die Speise hinein. Trotz meines Widerwillens dagegen mußte ich sie dann doch schlucken, um nicht zu erwürgen. Ach, welche Zeit!
Als ich dann größer wurde, ging es freilich besser; da brachte der Knecht mir das Essen in einer Holzschüssel, stellte es in die Ecke des Käfigs und sagte: „Hans gaak!“ worauf er sich wieder entfernte. Seit der Zeit habe ich meinen häßlichen Namen Hans. Zu Hause nämlich hatten meine Eltern mir einen viel schöneren Namen gegeben. Raspio hatte meine gute Mutter mich immer genannt. Aber die Menschenbuben sind böse; Schimpfnamen gefallen ihnen besser, und so ist mir der Name Hans geblieben bis auf den heutigen Tag.
Auch andere törichte Reden führte der dumme Bursche, wenn er mir das Essen brachte. „Vogel friß oder stirb“, sagte er gewöhnlich, wenn er wegging. Dann lachte er selbst über diesen dummen Witz und er schien noch zu staunen über solch’ vermeintliche Weisheit. Ich aber sah ihm verächtlich nach und dachte: „Wenn Dummheit weh täte, was hätten manche Menschen Schmerzen!“ So hatte mein Vater immer gesagt.“
Auf einer alten Eiche bei Folkendingen hatten sie Platz genommen; alle waren voller Spannung auf die versprochene, lange Geschichte.
„Recht hast du gehabt, Vater Hans,“ nickte Rassi, „der dumme Kerl! Doch Väterchen, Milch und Kartoffeln, war das schmackhaft?“
„Schmackhaft schon“, bejahte Hans, „aber bei weitem nicht so lecker wie die Engerlinge und Fischlein, welche die Eltern brachten. Und auch der besten Gerichte wird man schließlich überdrüssig, wenn sie zu oft aufgetragen werden.“
Schon wieder platzte Rassi heraus: „Dann hätte ich es einfach stehen lassen und hätte nichts gegessen, Väterchen Hans!“
„Ja Rassi, du hast gut sprechen! Wenn der Hunger nicht wäre! Da muß man essen, auch wenn die Speise weniger zusagt!“
„Aber warum bist du denn nicht fortgeflogen, als du größer warst? Deine Flügel sind doch stark geworden. Warum bist du nicht heimgeeilt zu deinen Eltern?“
„Daran hatte ich schon gedacht, kleiner Naseweis. Aber die Türe des Käfigs war immer sorgsam verschlossen, und das Gitter war fest. Manchmal habe ich versucht es zu öffnen, habe mich manchmal an den Eisenstäben müde geschnabelt, aber der Käfig war zu fest, zu fest; alle Mühe war umsonst. Wenn ich dann hinaufsah zum blauen Himmelszelt, an dem die Wolken, vom sanften Winde getragen, langsam und still dahinschwebten, wenn ich unter ihnen die andern Rabenbuben lustig dahinfliegen sah mit frohem Gesang, ja Kinder, dann wurde mir oft das Herz dick. Manchmal weinte ich still und dachte: „Ach, wenn doch die Menschen wüßten, welches Leid sie einem freien Vöglein antun, wenn sie es einsperren, sie könnten doch nicht so grausam sein und müßten es wieder in die Freiheit ziehen lassen.
Dann dachte ich auch an die armen Eltern und die Brüderlein droben, die ich schon so lange nicht mehr gesehen.“
Traurig klang wieder Hansens Stimme, denn jedesmal, wo er von seinen lieben Eltern redete, war sein Herz bewegt.
„Ach Väterchen Hans“, trösteten gleich einige der Büblein, „denk nicht mehr an jene traurigen Tage. Heute hast du ja die goldene Freiheit. Erzähle weiter.“
„Meine Gefangenschaft im Drahtkerker dauerte, wenn ich mich gut erinnere, ungefähr sieben Jahre.“
Ein wehmütiges „Ah“ entschlüpfte den Räblein.
„Einige Freudentage gab es allerdings in jedem Jahr. Im Frühling und Herbst war es, wenn der tiefe Mühlteich gereinigt wurde. Dann gab es Freude für die Menschen in der Mühle, aber auch für den armen Raspio in seinem eintönigen Gefängnis. Da gab es allemal Fische in Hülle und Fülle. Ha, wie ich da von der Küche her die Pfannen krachen hörte! Es war eine helle Freude. Die kleinen Fischlein, welche im Schlamme zurückgeblieben waren, wurden für mich gesammelt; manchmal fand sich auch ein Fröschlein dabei, und an diesen Leckerbissen konnte ich mich dann ergötzen nach Herzenslust.“
Leise hörte man wieder die Zünglein der aufmerksamen Zuhörer schnalzen, und der alte Hans selbst mußte schlucken, da er an diese Sonnentage seiner Jugend zurückdachte.
„Aber ach“, sprach er, „diese Tage kamen nur zweimal im Jahr, und sie waren so bald wieder vergessen. Dann zog wieder das ewige Einerlei in meinen Speisezettel: Dicke Milch und Kartoffeln und wieder dicke Milch und Kartoffeln. Und dann die Langeweile! Stetig an derselben Stelle sitzen, Tag um Tag und Woche um Woche. Etwas Zerstreuung brachten nur die Tage, an denen für die umliegenden Ortschaften gemahlen wurde. Alle die in der Mühle aus und ein gingen, mußten an meinem Käfig vorbei, und so hatte ich Gelegenheit, sie genau zu beobachten. Ich habe es auch redlich getan; habe mir alle genau angesehen und manchmal meine bare Freude an ihrer Torheit gehabt. Kinder! wenn Dummheit weh täte ...! Junge Burschen sah ich oftmals kommen, stolzen Schrittes mit ihrer Last, und sie prahlten gern mit ihrer Kraft. Jeder von ihnen wollte der Stärkste und Tüchtigste sein. Besondere Freude machte es mir, sie zu beobachten, wenn sie zu mehreren zusammen waren. Ei, wie sie da in die Hände spuckten und die Mehlsäcke auf die Schulter warfen! Stolz blickten sie noch einmal rasch um sich, ob man auch ihre Stärke bewundere, sagten einen kräftigen „Guten Abend“ und traten den Heimweg an. Aber wenn sie an meinem Käfig vorübergingen, hörte ich sie schon leise und verhalten keuchen, und ich mußte über die Prahlhanse lachen, wenn sie drüben, schon gleich beim Bergaufstieg, Rast machen mußten.
Aber was in der Mühle geschimpft wurde! Von den Namen, die mir gegeben wurden, will ich nicht einmal reden. Da gab es den ganzen Tag nichts anders als Hans hier und Hans da, gaak hier und gaak da. Freilich gefielen mir diese Schimpfnamen nicht, doch was sollte ich tun? Ich mußte mir dieselben ohne Klage gefallen lassen; ein Zornesausbruch meinerseits hätte den Burschen doch nur Freude bereitet und hätte sie noch schlimmer gegen mich gemacht. So blieb ich denn still auf meiner Stange sitzen, träumte vor mich hin und stellte mich schlafend. Dann zogen sie bald ab und ließen mich in Ruhe.“
„Ganz recht hast du getan, Väterchen,“ nickte Rassi, „so hätt’ ich es auch gemacht.“
„Übrigens“, fuhr Hans fort, „konnte ich mich trösten, denn es gab jemanden in der Mühle, der noch viel mehr gescholten wurde, wie der arme Raspio. Es war der Müller selbst. Kaum einer seiner Kunden verließ die Mühle, ohne sich bitter über ihn zu beklagen. Zwar verstand ich nicht alles, was sie brummten und schalten, aber es schien mir alles auf dasselbe hinauszuklingen: „Das sei nicht mehr gemoltert, das sei einfachhin gestohlen; bald könne man in einer Tasche forttragen, was man von diesem Wuchermüller noch mit nach Haus bekomme. Der klagte wieder, er habe zu wenig Kleie bekommen und jener, sein Mehl sei zu schwarz und entspreche nicht dem guten Getreide, welches er in die Mühle eingeliefert habe; kurz, der ewigen Klagen gab es gar kein Ende.“
Der kleine Rassi trippelte ungeduldig auf seinem Ästchen. Eines machte ihn besonders neugierig, wie Väterchen Hans die Freiheit wiedererlangt. Alles, was in der Erzählung nicht darauf hinwies, interessierte ihn weniger, und so drängte er denn schon wieder weiter: „Väterchen Hans, und dann? Kamst du denn noch nicht bald in die goldene Freiheit?“
„Ach, Rassi, noch lange, lange nicht. Da kamen noch mancherlei Tage dazwischen, gute, aber auch schlimme. Einer der allerschlimmsten meines Lebens aber war der, wo ich in die Schule ging.“
Wiederum erklang ein schallendes Rabengelächter über die Bäume.
„So, Väterchen, auch in der Schule bist du gewesen? Ei, das muß lustig sein! Erzähl’, erzähl’!“