V.
„Nein Kinder, lustig ist es für den armen Raspio keineswegs gewesen. Eines Tages erschien mein Kerkermeister, der Müllerknecht, am Käfig und rief mir freundlich zu: „So, dann komm Hänschen, komm!“
Ich sah ihn erstaunt an, denn er sah ganz anders aus als sonst. Er trug nicht den weißen Anzug mit der gleichfarbigen Mütze, sondern schwarze Kleider, die beinahe so hübsch waren, wie Rabenkleider. Statt der mehlbestaubten Mütze zierte ihn an jenem Tag ein weißer Strohhut mit buntfarbenem Band. Es war nämlich einer jener Tage, wo die Glocken allenthalben so feierlich klangen, von Diekirch herüber über den Goldknapp und aus der Höhe von Burscheid hernieder. Frühmorgens, da der Wind von Norden kam, hatte ich sogar den hellen Klang des Willibrordusglöckleins der Kapelle von Lipperscheid vernommen.
An solchen Tagen kamen nie Leute zur Mühle; die Müllersleute aber gingen dann regelmäßig in Festtagskleidern schon am Morgen fort und kehrten erst gegen Mittag heim.
„Hänschen komm,“ sprach der Knecht noch einmal, „jetzt geht es in die Schule.“ Dann lachte er auf, „denn“, sagte er, „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“
Was Schule sei, wußte ich nicht und verstand deshalb auch nichts von dem, was er vorhatte. Ich wäre deshalb am liebsten ruhig in meinem Käfig geblieben. So zog ich mich denn seitwärts und rückte auf der Stange bis in die äußerste Ecke des Käfigs.
Mein Räuber aber war damit keineswegs zufrieden. Er versuchte mich nun durch List aus dem Käfig hervorzulocken. Indem er mit seinem langen Holzlöffelchen in den Überresten meines Mittagsmahles herumrührte, rief er schmeichelnd: „Hänschen komm,“ ein um das andere Mal. Auch das half nichts. „Rühr’ nur“, dachte ich, schüttelte still den Kopf und blieb in meiner Ecke sitzen. Ich hoffte, er würde mich dann in Ruhe lassen.
Aber bald merkte ich, daß er anfing ungeduldig und zornig zu werden. Um ihn nicht noch mehr zu reizen, entschloß ich mich denn schweren Herzens, aus meiner sicheren Ecke herauszukommen; aber schon hatte er ein Reis ergriffen, mit dem er mir einige harte Schläge über die Stirne versetzte.
„Die Schule geht gut an“, dachte ich und hüpfte, vom Schmerz getrieben, bis in die Mitte des Käfigs. Mit fester Hand ergriff mich daselbst der Räuber und zog mich aus dem Käfig hervor.
Meine Flügel waren groß geworden, und im Stillen meines Herzens stiegen süße Hoffnungen und Pläne auf. „Vielleicht“, dachte ich, „vielleicht kommt jetzt in einem unbewachten Augenblick die Gelegenheit, rasch zu entschlüpfen, auf ewig dir und deiner Schule Lebewohl zu sagen und drüben über den Bergen die goldene Freiheit wiederzufinden.“
Rassi reckte abermal das Köpfchen.
„Indes sollte diesmal meine schöne Hoffnung noch nicht ihre Erfüllung finden.
Unter der schattigen Linde am Ende des Hofes machte der Knecht Halt. Um einen grüngestrichenen Gartentisch herum standen einige aus Haselstauden roh geflochtene Stühle und Bänke. Dort setzte er sich nieder. Ich hatte nun gemeint, er werde mich vor sich auf den Tisch stellen und dann ...! Schon hatte ich nach Kippenhof hinauf geschickt, mein Plan war fertig.
Doch, hatte der Knecht meine verstohlenen Blicke gesehen oder traute er mir ohnedies nicht, er nahm einen starken Bindfaden und strickte mich damit fest an den Tisch. „Man weiß halt nicht“, sprach er leise, „was in solch einem Rabenhirn vorgehen kann!“
Mitleidsvoll blickte Rassi den alten Hans an. „War der Faden stark, Väterchen,“ fragte er, „und hättest du ihn nicht durchreißen können, wenn du einmal rasch und fest gezogen hättest?“
„Es war unmöglich Rassi ... Über den Krallen war der Strick befestigt, und dick war er, so dick, daß wir zu zehn ihn nicht hätten zerreißen können.
Dann begann die sogenannte Schule. „Hannes“, sprach der Knecht, „nun hübsch aufgepaßt!“ Dann fing er an: „Ta-ta, Ta-ta! Allons Hans, ta-ta, ta-ta“ und immer wiederholte er dasselbe. „Ist der Bursche närrisch geworden“, dachte ich, „oder was will er mit seinem blöden Ta-ta? – Will er mir am Ende wieder einen neuen Namen geben? War schon der Schimpfname Hans nicht mehr gut genug? Der hatte mir schon wenig gefallen, jetzt auch noch Ta-ta zu heißen! „Nein, nein,“ dachte ich, „spar dir deine Mühe, Knechtlein, daraus wird nichts“.
So schaute ich denn einfach vor mich hin und ließ alles geduldig über mich ergehen. Aber mein Lehrer gab sich damit nicht zufrieden. Immer wiederholte er jenes garstige Wort „Ta–ta“. Dann und wann stieß er mich dazu auf den Schnabel und sagte: „Allez Hans!“ Zuletzt, da ich der ganzen Sache überdrüssig wurde, rief ich einmal kräftig „Raspio“, um ihm zu bedeuten, daß ich bei dem von meiner Mutter erhaltenen Namen zu verbleiben gedenke und nicht gesonnen sei, andere Namen, wie Hans oder Tata, anzunehmen.
Meine Antwort schien dem Peiniger Freude zu bereiten. „Brav, Hans“, sagte er, „brav! aber Ta-ta, ta-ta“, und dann ging dieselbe Leier weiter, fünfzig, sechzig Mal. Dabei sah ich den Burschen immer ungeduldiger und zorniger werden. Immer lauter sprach er sein Tata. Die Zornesader auf seiner Stirne begann zu schwellen, und immer unsanfter schlug er mich auf den Schnabel. Schüchtern sprach ich noch einmal „Raspio“, dann schwieg ich vollständig, denn ich sagte mir, einen zornigen Menschen soll man nicht noch mehr reizen.“
„Das war auch das Allerbeste“, warf Rassi rasch dazwischen.
„Doch auch mein Schweigen brachte den Knecht nicht wieder zur Ruhe. Grobe, sehr grobe Worte und Schimpfnamen wechselten schon mit seinem Tata; dann redete er von Halsumdrehen und Ersäufen im Mühlenteich. Wie gerne hätte ich wieder still in meinem Käfig gesessen! Als ich aber dieserhalb einen flehentlichen Blick auf den Burschen richtete, fühlte ich plötzlich einen derben Faustschlag auf meiner Stirne. Halb bewußtlos sank ich zusammen. Was weiter geschah, kann ich mich nicht recht entsinnen. Ich fühlte noch, wie eine feste Hand mir die Brust umkrampfte, hörte noch abgerissene Worte, wie Schloß Burscheid und verlaufen; verschwommen sah ich noch meinen Käfig wieder und fühlte dann, wie ich hart auf dem Boden desselben aufschlug. Erschöpft blieb ich auf demselben liegen.“
„Der grausame Narr“, knurrten die Räblein und knirschten zornig mit den Schnäbeln.
„Wie lange ich bewußtlos da lag, kann ich nicht sagen. Als ich zu mir kam, war es stockfinstere Nacht. Zitternd vor Kälte kauerte ich mich in die Ecke des Käfigs, wo ich bald wieder in tiefen Schlaf versank. Bei meinem Erwachen glitt schon vom Kippenhof her die Sonne über die vom blühenden Ginster vergoldeten Abhänge, und silbern glitzerten ihre Strahlen in den plätschernden Wellen der Sauer.
Vom Schlage am vorhergehenden Tage verspürte ich nur mehr sehr wenig; doch ich war ganz durstig geworden. Glücklicherweise war das Wasser meiner Schüssel nicht ganz ausgetrocknet, und so konnte ich mich am kühlen Trunk erquicken. Bald fühlte ich mich wieder ganz wohl. Essen wurde mir an jenem Tage keines gebracht bis am Nachmittag.
In derselben Einförmigkeit vergingen von da an wieder meine Tage.“
Abermals rückte der alte Hans an seiner Brille und stierte scharf auf dem Aste umher; denn schon war es etwas dunkel über dem Walde geworden. Vater Hans suchte nach seinen übriggelassenen Leckerbissen. Endlich hatte er noch einen dicken Engerling gefunden. Während er denselben langsam verzehrte, flatterten die Räblein einige Male leise mit den Flügeln und lächelten einander freudig zu, weil Väterchen Hans heute so lange erzählte. Dann setzten sie sich wieder still, denn schon war Hans zur Fortsetzung seiner Erzählung bereit.
„Eines Tages, als eben die Müllersleute in Festtagskleidern verreist waren, erschien am Nachmittag der Knecht wiederum an meinem Käfig. Angstvoll dachte ich wieder an die Schule. Aber davon ging diesmal keine Rede. Er hatte einen Korb mitgebracht, und ohne ein Wort zu sagen, nahm er mich aus dem Käfig hervor. Dann setzte er mich in den Korb hinein und verschloß sorgsam den Deckel desselben. Daran fühlte ich, wie er den Korb aufhob und mit mir davonging. „Was soll er vorhaben? Wohin wird er mich tragen?“ das waren die bangen Fragen, die mich beschäftigten.
Im Korbe war es ganz dunkel. Ich konnte nichts sehen. Ich hörte nur, daß der Knecht auf einem harten Wege Schritt für Schritt weiterging. Dann und wann pfiff er ein lustiges Liedlein, in das sich von fernher der muntere Gesang freiheitsfroher Vöglein mischte.“
„Wohin hat er dich denn getragen? Erzähle etwas rascher, Väterchen,“ drängte Rassi.
„Nach Verlauf von etwa einer Stunde wurde der Korb plötzlich niedergesetzt. Draußen hörte ich das Rauschen und Plätschern eines großen Wassers, wie mir schien. In raschen Schlägen hämmerte mein Herz. Sollte der Knecht mich weggetragen haben, um mich im Wasser zu ertränken, wie er damals unter der Linde gedroht hatte? „Dann Raspio“, sagte ich mir, „ist nun dein letztes Stündlein gekommen, ein Entweichen hier ist nicht möglich.“ – Doch dachte ich wieder, „das kann doch kaum seine Absicht sein; wollte er mich töten, so hätte er mich nicht so weit fortzutragen brauchen; da hätte es genügt, mich in den Mühlteich oder in den Fluß daneben zu werfen, und kein Hahn hätte mehr nach mir gekräht, wie die Menschen zu sagen pflegen.
Während ich solchen Gedanken nachging, wurde der Korb wieder aufgehoben, und wir gingen weiter. Wir mußten über ein Gewässer, entweder über eine Brücke oder einen Steg geschritten sein und nun an der andern Seite bergan steigen, denn ich fühlte, wie der Knecht nun bedeutend langsamer und schwereren Schrittes ging.
Von oben herunter hörte ich das rauhe Bellen eines großen Hundes.“
Wiederum stierte Väterchen Hans suchend auf dem Aste hin und her.
Über den Waldbäumen war eben die rote Scheibe des Vollmondes aufgestiegen, und mattes Licht legte sich über die Gegend. „So, Kinder“, unterbrach jetzt plötzlich Vater Hans, „nun wollen wir für heute Schluß machen. Die Nacht ist gekommen, da heißt es für die kleinen Kinder zu Bette gehen; auch der alte Raspio muß nun sein Lager aufsuchen. Ein andermal will ich euch weitererzählen.“
Ein langgezogenes „Ah“ ertönte aus dem Kreise der kleinen Zuhörer. „Nein, Väterchen Hans, noch nicht aufhören!“, bettelten sie alle zusammen. „Jetzt wird es erst recht schön im Walde. Wir sind noch gar nicht müde; übrigens kann bei diesem warmen Wetter ja doch niemand schlafen; und du Väterchen kannst morgen früh ruhen; wir werden dir wieder viel Essen bringen, dann brauchst du den ganzen Tag nicht auszufliegen und kannst rasten nach Herzenslust. Bitte, Vater Raspio, erzähl noch ein wenig weiter!“
Darauf hatte der kluge Hans nur gewartet. So gab er sich denn gleich zufrieden und setzte fröhlich seine Erzählung fort.
„Während wir weitergingen, erscholl das Hundegebell immer näher. Zuletzt waren wir so nahe gekommen, daß es aus einem Hause dicht neben uns zu kommen schien. Erschrocken fuhr ich zusammen. Eine rauhe, barsche Stimme rief ein donnerndes Halt. Der Knecht blieb stehen, und die Stimme fragte: „Wohin?“
Schüchtern entbot der Knecht seinen „Guten Abend“, worauf sich folgendes Zwiegespräch entwickelte:
„Ich habe hier im Korbe eine schönen jungen Raben. Voriges Jahr erst habe ich ihn gefangen und abgerichtet. Auch habe ich ihn einige Worte reden gelehrt.“
„Ei du schwarzer Lügner“, dachte ich. „Voriges Jahr! Sieben sind es ihrer schon, wo ich in deinem öden Kerker hocken mußte. Abgerichtet habe ich ihn! Jawohl, mit Fausthieben abgerichtet, du Wüterich. Einige Worte hast du mich sprechen gelehrt! Aha, jetzt geht mir ein Licht auf; dein blödes Ta-ta sollte wohl die Lektion sein, die du mich gelehrt hättest.“
Doch noch immer redete der Lügner weiter: „Da ich nun gehört, der Burgherr wolle einen abgerichteten Raben für sein Büblein, das kleine Schloßherrlein kaufen, habe ich meinen Hans hieher gebracht und möchte ihn dem Burgherrn zum Kaufe anbieten.“
„Das kann ich schon selbst besorgen,“ antwortete die fremde Stimme. „Zeig’ her!“ Damit wurde der Korb geöffnet und ich herausgenommen.
Ein großer, bärtiger Mann nahm mich in die Hand. „Schön ist er schon,“ sprach er, indem er mich scharf besah, „und mit seinem Sprechen wird es nicht so weit her sein“, fügte er spöttelnd hinzu. Nach einigem Feilschen einigten sich die beiden; der Knecht erhielt einige Kupfermünzen und wandte sich nach kurzem Gruß talabwärts, während der schwarze Mann mich unter einem hohen, überwölbten Tor hindurch in mein neues Heim, das Schloß Burscheid hineintrug.