Anleitung zu der Pilgerfahrt nach Jerusalem.

Es würden vielleicht mehr Abendländer nach Palästina pilgern, wenn ihnen eine umfassende Anleitung zur Reise bekannt wäre. Ich will trachten, dieselbe so zu geben, daß ich eine Antwort auf Fragen über wesentliche Dinge nicht schuldig bleibe.

Was für polizeiliche Schriften werden erfordert? Um in der Türkei, in Syrien und Egypten zu reisen, bedarf man keines Passes der herrschenden Landesbehörde. Ein Reisepaß aus der Heimath genügt, sofern er von der Gesandtschaft desjenigen Staates beglaubigt ist, durch den man zu wandern vorhat. In der Türkei, in Syrien und Egypten wendet der Pilgrim sich an den Konsul, unter dessen Schutz er sich stellen will.

Wie versieht man sich am beßten in Beziehung auf die Geldangelegenheiten? Außer dem Reisescheine ist denn freilich der Nerv der Unternehmungen nöthig. Den Vorzug verdient ein Kreditschreiben oder auch, an dessen Statt, mehrere Wechsel an Handelshäuser der Hauptstädte, durch die man reiset. Es wäre aus einleuchtenden Gründen unrathsam, viel Geld mitzuschleppen. Bis an den Ort, wo man sich einschifft, weiß ein Jeder den Kurs des Geldes. Hier aber räth am beßten das Handelshaus, an welches man addressirt ist. Zu meiner Zeit kursirten in der Türkei, in Syrien und Egypten z. B. die levantischen Thaler (tallero, österreichische Münze am Werthe von beiläufig 2 Gl. 24 Kr. R. W.). Auch Goldmünzen gehen, als: die österreichischen und holländischen Dukaten, die venezianische Zechine. Das ist zuverlässig. Für Syrien nehme man bares Geld mit sich wegen der wenig häufigen Geldgeschäfte mit diesem Lande und wegen vorauszusehender Unannehmlichkeiten oder Schwierigkeiten, welche ein an ein syrisches Haus addressirtes Kreditschreiben oder Wechsel verursachen könnte. Bezieht man in Alexandrien oder sonst wo egyptische Münze, so läuft sie in Syrien; von Konstantinopel gehen dort wenigstens die Silbermünzen, z. B. die Beschlik (Fünfpiasterstücke). Faßt man die Sache fest und klar auf, so wird man nicht leicht in Geldverlegenheit gerathen. Ich, für meinen Theil, wählte am liebsten Goldmünzen, und verwahrte sie in einem Papiere so, daß sie weder bemerkt, noch bei einiger Vorsicht verloren werden konnten, noch auch im mindesten mich belästigten.

Mit welcher Sprache kommt man am beßten aus? Ich wiederhole, daß die italienische schon seit Jahrhunderten die herrschende unter den Franken im Morgenlande ist.

Welches ist der kürzeste und beßte Weg nach Jerusalem und wieder nach Hause zurück? Ich rathe, zuerst nach Marseille, Livorno oder Triest zu reisen. Letzterer Hafen dürfte der beachtenswertheste sein, weil die Gelegenheiten zur Abfahrt sich häufiger darbieten, wenigstens öfter, als in demjenigen von Livorno[12]. In Triest kann man manchmal schon am Tage der Ankunft auf einem Segelschiffe abreisen, und selten muß man nur eine Woche lang auf ein solches warten. Der gerade Weg führte allerdings nach Jaffa; allein hieher findet man, meines Wissens, keine, nach Beirut selten eine Gelegenheit, welche übrigens schon deswillen vorzüglicher wäre, weil man eine Quarantäne ersparen würde. Von Beirut nach Jaffa und umgekehrt sind in der regenfreien Zeit, nach Versicherung des Konsuls Damiani, die Gelegenheiten, wenigstens auf arabischen Fahrzeugen, häufig. Sonst schiffe man sich nach Alexandrien in Egypten ein. Es mag auch dem Umstande, daß man meist nur auf Umwegen zum Ziele gelangt, der seltene Besuch Jerusalems durch die Abendländer zugeschrieben werden. Der römische Hof, in manchen andern Dingen doch wohl über das Maß eifrig, thut nichts oder wenig zu stärkerer Bevölkerung der Hospizien im verheißenen Lande und zu Belebung der Wallfahrt nach dem wichtigsten Wallfahrtsorte, und sie könnte nur so leicht, zum mindesten alle Jahre einmal, auf eigene Rechnung ein Dampfschiff nach Jaffa ausrüsten, nachdem die Gläubigen vom Orte und von der Zeit der Abreise gehörig in Kenntniß gesetzt worden wären. Oder warum sorgt in unserm unternehmenden Zeitalter nicht eine Dampfschiffahrtsgesellschaft, wie diejenige in Triest, einmal für eine direkte Fahrt nach Jaffa? Wie angenehm müßte es für Manche sein, wenn sie, selbst in der Mitte Deutschlands, voraussagen könnten: In drei Wochen werde ich die Ostern in Jerusalem feiern. Von Alexandrien nach Jaffa legte ich den Seeweg zwar nicht zurück; allein nach einem Gewährsmanne, Failoni, segeln täglich arabische, zwar nicht reinliche, aber sichere Küstenfahrer dahin ab. Ich glaube auf das Wort; ich denke bloß hinzu: außer der Regenzeit, da der Himmel heller ist, und sollte noch ein heftiger Wind die Sicherheit bedrohen, so ersteuert der Küstenfahrer bald das Land. Als ich Failonis Angabe las, wurmten in mir zuerst manche Bedenklichkeiten; die Worte arabisch, Barke, Meer waren mir anstößig, und ich würde mich einem arabischen Seemanne mit Widerwillen und Besorgniß anvertraut haben: seit ich aber den nachgibigen Araber, die bedachtsame Küstenfahrt und die stillere, bessere Jahreszeit, theilweise aus eigener Erfahrung, kenne, so wollte ich mit einem arabischen Küstenfahrer unbedenklich reisen. — Von Jaffa erreicht man bald Jerusalem. Dann kehre man nach Jaffa zurück. Hier miethe man sich an Bord eines griechischen, nach Konstantinopel laufenden Schiffes. Von Stambul bis Wien wird das Boot vom Dampfe getrieben. Ich überlasse nun einem Jeglichen selbst, den Weg nach Hause zu suchen. An der türkisch-österreichischen Grenze währt die Quarantäne kürzere Zeit, als in Triest; auch soll sie nicht so theuer sein. Von Alexandrien nach Jaffa fährt man mit und ohne Dragoman, mit einem solchen schon darum angenehmer und bequemer, weil ihm zugleich auch das Geschäft eines Koches übertragen wird.

Wann soll man die Reise antreten? Der Pilger will in Jerusalem ein bedeutendes Fest feiern. An Ostern mögen bei 10,000 griechische und armenische Pilgrime die Stadt besuchen, und wegen dieses Festes warten Schiffe auf der Rhede von Jaffa, welche ihre Bestimmung nach Konstantinopel haben. Darauf muß man durchaus das Augenmerk richten, wenn man nicht gleichsam an Jaffa gefesselt sein will, wie Andromeda an die Felsen. Im Hornung oder Merz in die See zu stechen, darf Niemanden bangen. Vor Korfu schon koset ein blauer Himmel, und der Merz und April Palästinas, noch mehr des Egyptenlandes gehören zu der warmen, regenfreien Jahreszeit, in welcher die Küstenfahrt gewöhnlich mit keinen, selten mit einigen Gefahren kämpft. Ich ertheile den Rath, die Reise, wo möglich, so zu veranstalten, daß man inmitten des Monates Hornung die Seefahrt beginnt.

Wie lange dauert die Reise? Ich will nun die Dauer annähernd berechnen, und lieber zu lang, als zu kurz.

Von Triest nach Alexandrien  20 Tage.
Aufenthalt in Alexandrien   3   „
Seefahrt von Alexandrien nach Jaffa   4   „
Quarantäne in Jaffa  19   „
Wanderung von Jaffa nach Jerusalem   2   „
Aufenthalt in Jerusalem, den Ausflug nach Bethlehem inbegriffen   8   „
Nb. Kürze oder Länge des Aufenthalts würde hauptsächlich vom Erwarten des Festes bestimmt.
Zurück nach Jaffa   1   „
Nb. Die Rückreise, auf der man sich nicht, wie auf der Hinreise nach Jerusalem, in Arimathia aufhält, wird deswegen einen Tag kürzer angegeben, als letztere.
Abwarten eines Schiffes   4   „
Reise nach Konstantinopel  20   „
Aufenthalt in Konstantinopel  14   „
Wasserreise nach Wien mit Einschluß der Quarantäne (kürzestens 30 Tage)  41   „
Zusammen 136 Tage.

Man könnte bis Ende Brachmonates wieder zu Hause eintreffen, nach einer Abwesenheit von etwa fünftehalb Monaten.

Wie lebt man? Man kauft in Triest zwei Leintücher, eine Wollendecke, eine Matratze und ein Kissen: die Schiffsbettung, deren man, wenn auch nicht auf dem Dampfschiffe, doch auf der Küstenfahrt nach Joppe und später bedarf. In jenem Schiffe kann man auf eine Beköstigung zählen, wie in einem Gasthofe. Alexandrien besitzt Wirthshäuser nach fränkischer Einrichtung. Hier versehe man sich für die Fahrt nach Jaffa mit Nahrungsmitteln, z. B. mit gewöhnlichem Brote (Zwieback ist für die kleine Reise kaum nöthig), das acht Tage gut bleibt, mit frischem Fleische, mit Hühnern, mit Reis, Kartoffeln, Zucker, Kaffee, mit Zitronen und einer Flasche Aquavit, und man schaue vor der Abfahrt besonders nach, ob der Rais süßes Wasser in gehöriger Menge gefaßt habe. Ohnehin wird man nicht vergessen, eine kleine Kaffeekanne von Weißblech, eine eiserne Kasserole (zum Kochen des Fleisches u. dgl.) mit einem schüsselförmigen, als Teller dienenden Deckel, so wie Messer, Gabel und Löffel, einen Becher und Holzkohlen zu kaufen. Es gibt Araber, die sich so gerne auf Andere stützen, daß man wohl thut, selbst an Salz und Feuerzeug sich nicht mangeln zu lassen. Nimmt man gleich von Hause aus etwas mit, um wenigstens den Zucker, Kaffee und Reis gehörig aufzubewahren, so wird man es nicht bereuen. Für den Mundbedarf schafft man sich zugleich einen Korb nach egyptischer Art an[13]. Im jüdischen Lande spricht man bei den Bewohnern der Klöster oder Hospizien zu. In Jaffa trifft man zweifelsohne einen griechischen Schiffshauptmann; seine Kost ist eher schlecht. Beköstiget man sich selbst, so lebt man besser und freier, während man zugleich um ein Bedeutendes wohlfeiler durchkommt. Man kaufe also einen Vorrath an Lebensmitteln etwa auf zwanzig Tage, Zwieback aber etwa auf dreißig Tage, auf längere Zeit ja nicht, da die Griechen bei schlimmer Witterung gerne in einen Hafen steuern, wo man wieder frischen Mundbedarf aufkaufen kann. Beim Abschlusse der Uebereinkunft mit dem Schiffshauptmanne muß das Kochen und das hiezu nöthige Holz wohl bedungen werden. Wenn man sich recht deutlich erklärt, so ist vom griechischen Hauptmanne, welcher wenig zu schreiben pflegt, ein schriftlicher Aufsatz nicht geradezu erforderlich. Meine Uebereinkunft mit dem Hydrioten geschah mündlich; ich schrieb sie bloß in meine Brieftasche, worauf ich sie noch dem griechischen Konsul anzeigte. Zu Konstantinopel, nämlich in Galata und Pera, laden den Reisenden, neben einem ospizio della Terra Santa, fränkische Wirthshäuser ein. Auf allen Dampfschiffen sorgt die Küche für ein üppiges Leben. Ich müßte eine recht saure Mühe mir aufbürden, wenn ich, nach dem Beispiele der abendländischen Reisehandbücher, angeben sollte, welches das beßte Wirthshaus in Wien sei. Der Ankömmling aus dem Lande des Aufganges kennt mehr Genügsamkeit.

Wie viel kostet die Reise? Es wäre leicht, zu antworten, würden nur die Preise zu verschiedenen Zeiten nicht schwanken. So waren die Lebensmittel zu meiner Zeit in Jaffa mindestens um ein Drittel kostspieliger, als vor der Besetzung Palästinas mit egyptischen Truppen. Und davon abgesehen, läßt sich der Voranschlag der Kosten nur beiläufig bestimmen. Wer gesonnen ist, den Reiseplan geradenweges zu verfolgen, und nirgends sich längere Zeit aufzuhalten, wer weder wissenschaftliche Forschungen anstellen, noch durch großen Aufwand Aufsehen erregen will, immer und überall aber für die Gesundheit, als eine unschätzbare Juwele, Sorge trägt, und in steter Rücksicht auf dieselbe die verschiedenartigen Vergnügungen der Reise genießt: der wird diese mit 600 Gl. R. W. bestreiten können. Es fiele nicht schwer, in die Einzelnheiten einzugehen. Jeder, welcher die Reise zu unternehmen Willens ist, wird übrigens leichter durch Erfahrung das Nähere finden, als durch die Uebung des Gedächtnisses in Angaben aus dem todten Munde eines Buches.