Das Bauernhäuschen.
Nachdem ich meinen Mittagstisch zu mir genommen hatte, ergriff ich meine Peitsche, die gewöhnliche Waffe des fränkischen Fußgängers, um zu lustwandeln.
Wenn ich durch das lange Thor der Stadt ziehe, so sehe ich fast jedes Mal etwas Neues. Diesmal ergötzte mich die über meinem Wege grün emporrankende Rebe. Noch einen Tag, und es beginnt das Weihnachtsfest und für den Mann des Nordens war dieses grüne Ding etwas Einziges.
Die Blumen schillerten im Grün der Au; die Schwalben und andere Vögel des Himmels lobten in angenehmen Weisen den Herrn; ein weißer Schmetterling schwenkte im bebernden Fluge ab. Ach, dachte ich bei mir selber, so viel Herrlichkeiten der Natur, womit sie den Lenz ausschmückt, umgaukeln deine Sinne. Wie magst du in der Klosterzelle dich länger abhärmen? Gehe öfter hinaus in das Freie, und verschließe dich nicht vor dem köstlichen Genusse, welchen die gütige Natur so gerne einem Jeglichen darbietet.
Indem ich den Weg nach Gaza einschlug, erblickte ich links mehrere Schilfhütten. Ihre Gestalt glich einer Halbkugel, und sie waren nicht höher, als anderthalb Mann. Ich guckte nur ein wenig in eine der Hütten. Da hockte ein Weib inmitten der Hausgeräthe auf dem Boden in einem so engen Loche, daß für Jemand anders wenig Raum mehr gewesen wäre. Ich warf zuletzt der von Stroh geflochtenen Thüre einen flüchtigen Blick zu, und setzte meinen Spaziergang fort.
Am Wege nach Gaza, ungefähr eine kleine Viertelstunde von Jaffa, kommt man zu einem Weiler von gemauerten Bauernhütten. Das freundliche Dörfchen umringten Mandelbäume, die eben in Blüthe gingen. Zwischen den Häuschen arbeitete ein Bauer auf dem Felde. Er behieb mit einer Axt die blätterlosen Feigenbäume. Die Axt war wie die unsrige, nur schlanker gegen das Oehr. Diese Beilart fiel mir hier auf, weil ich eine solche auf meinen Wanderungen im Morgenlande nie wahrgenommen hatte. Das Schlichtbeil des Zimmermannes z. B. sieht aus wie unser Hammer, mit dem Unterschiede, daß der abgeplattete breite Theil scharf, und das ganze Werkzeug größer ist. Muß denn ein Baum geschlichtet werden, so darf man, wegen der vor dem Stiele queren Richtung der Schärfe, den Baum nicht aufheben, und ihn somit in einiger Höhe bearbeiten, sondern er kann mit diesem Werkzeuge aus dem Boden bequem behauen werden. Desgleichen braucht der Holzhacker kein anderes Werkzeug, als diesen Hauhammer, richtet aber viel minder aus, als ein abendländischer. Dabei ist freilich nicht zu vergessen, daß stämmiges Holz hier zwar weniger, wie in Egypten, doch immerhin zur Seltenheit gehört.
Ich wußte nicht recht, wie ich es anfangen solle, damit ich in eine Hütte gelassen werde. Die Frage nach Milch führte mich nicht zum Zwecke, weil keine zu erhalten war. Oft bringt das stumme Geld Rath, wenn man sich keinen mehr weiß. Ich zeigte dem Bauer, welcher die Bäume behieb, eine kleine Münze, und fügte in meiner Geberdensprache bei, daß ich in seine Wohnung eingehen möchte. Eine grüne Hecke verbot mir den geraden Weg dahin; derselbe aber deutete mir den Umweg, den ich unschwer fand.
Das Häuschen bildete ein Viereck. Die Mauern, theils von Stein und Mörtel, theils bloß von einer Art Mörtel und viel besser, als in San Pietro di Nembo, halten Wind und Regen ab, und ihre Höhe mochte etwa zehn Fuß messen. Der Eingang, oben abgerundet, öffnete sich gegen Südost und so hoch, daß er dem Eintretenden die Bücklinge ersparte. Das etwa einen Fuß dicke Dach gestaltete sich nur insofern zu einer Wölbung, als die obern Kanten der Dachdicke fehlten. Um zur Bauart des Daches überzugehen, so liefen Stützbalken und Sparren wagerecht von einer Mauer zur andern. Die Zwischenräume, welche das Balkengerippe übrig ließ, waren von kleinern Baumästen und von Heckengesträuche ausgekleidet. Darüber lag eine Schichte von Erde. Daher kommt es, daß die Dächer, wie die Wiesen, grünen, und so eben keimte das zarte Gras auf dem Hausdache. Ich nahm es sinnbildlich und las: „Mögen immer Friede und Freude in dem Hause grünen“, und mir schien es ungefähr so sinnig, als wenn darauf der alte Satz der aufrichtigen, guten Schwaben und Schweizer geschrieben gewesen wäre: „Dieses Haus steht in Gottes Hand.“ Eigentliche Dachrinnen sind an dem palästinischen Häuschen nicht angebracht, wohl aber gegen Morgen und Mittag etwa drei kurze, röhrenförmige Ziegel, welche dem Regen leichtern Abfluß verschaffen sollten. Die Wandung neben der Thüre war recht einladend. Auf rothem Grunde figurirten weißfarbige Händeabdrücke: eine Malerei, die an einem arabischen Bauernhäuschen etwas heißen will.
Ich betrat dann das Innere der Wohnung durch eine von Holz nicht übel gezimmerte Thüre, die mit einem hölzernen Riegel gesperrt wird, und nach innen sich aufschließt. Jene bestand aus einem einzigen Raume oder Gemache. Ungefähr drei Fuß von der Thüre erhob sich der Boden in einem Absatze etwa um einen halben Fuß. Der Boden war durchaus von Erde, aber fest gestampft. Weder Mauer, noch Dach hatten eine Oeffnung für Licht oder Rauch. Dazu hilft die Thüröffnung aus. Die Wand der Mauer war mit einer rothen Farbe überzogen, in der ebenfalls die weißen Flecken vom Andrücken der Handflächen, eines neumodischen Pinsels, spielten. Den Raum wollen wir, der Bequemlichkeit willen für abendländische Anschauung, in Stube, Kammer, Küche, Holzschuppen, Getreidehalle und Mühle eintheilen. Jeder übrige Platz wird benützt, um sich da aufzuhalten, da zu essen, da zu arbeiten.
An der einen Mauerwand ragte ein kleines, aufgemauertes, hohles Gestelle hervor. Darin saß als Lampe ein schalenförmiges Gefäß mit einer Schnauze für den Docht. Daneben stand, ebenfalls auf einem Mauergestelle, ein Oelkrug. An einer andern Wand war ein Gestelle gemauert, worin Nähzeug stak. Weder ein Tisch, noch Stühle oder Bänke, nichts dergleichen, versteht sich, fand sich vor.
Ich schaute nach der Stelle, wo die Leute sich schlafen legen. Sie war durch nichts angedeutet. Alte Kleider und diejenigen, welche die Leute tragen, dienen zur Bettung; der Boden in der Nähe einer Wand, wo am meisten Platz ist, ersetzt die Bettstelle. Jammern ja nicht die Verweichlichten über eine solche Armseligkeit. Von Kindheit an auf keinem andern Lager, würden diese Leute auf dem erhitzenden und kitzelnden Polster der Federn mit Schwierigkeit zum Schlafe gelangen.
Fast mitten in der Wohnung ist ein kleiner Raum auf drei Seiten, vom Boden an, nicht hoch ummauert, selbst etwas zierartig, indem die Ränder in Zähne sich endeten, — das war der Kochofen, rings die Küche.
In einem Winkel neben der Thüre lag dürres Buschwerk. Vor diesem bläheten sich ungeheure, faßartige Töpfe auf, zwei an der Zahl. Meine Neugierde wollte wissen, was der Inhalt derselben sein möchte. Der Hauswirth, ohne Mißtrauen gegen mich, nahm daraus gereinigtes, geschältes Getreide. Wenn die Bauern hier solche Vorräthe besitzen, so stehen sie nicht hinter manchen schweizerischen Webern zurück, welche vom Arbeitsherrn zum Voraus einen Theil des Lohnes beziehen, damit sie die Kosten für ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dieser Bauer, welcher das schönste Häuschen im Dörfchen bewohnte, schien indessen einer der wohlhabendern. Meine Beschreibung darf daher nicht strenge als Maßstab zu Beurtheilung der Bauernhäuschen gelten.
Wir lassen ja nicht unberücksichtiget den letzten Bestandtheil der Wohnung, einen Theil, der auch in andern Häusern selten fehlen wird: die Mühle. Gleich wenn man zur Thüre eintritt, liegen die Mühlsteine, ähnlich jenen in Lossin piccolo, vor den Füßen und nur ein paar Ellen weit von dem Kochofen.
Ich traf in dem Häuschen bloß den Bauer, ein Weib und ein Kind. Der Gebieter machte eine etwas saure Miene, schien jedoch guten Gemüthes zu sein. Das Weib trug einen Schleier. Nach dem, was ich vom Gesichte erblicken konnte, und dafür zeugten auch die Hände und Arme, hielt ich die Frau für jung und für nicht häßlich. Ein Knabe, von etwa zehn Jahren, mit Schmutz bedeckt, der ihm vielleicht von Geburt an anhänglich blieb, überdies aufgedunsen wie ein geschlachtetes — Zicklein, stand neben der Mutter. Die Kinder fürchten in der Regel die Franken ärger, als Vögel die Scheuchen. Ging ich auf der Straße, so wichen sie oft auf die Seite, etwa hinter einen Baum, wie der Furchtsame, welcher unter das Laubwerk flieht, um nicht vom Blitze berührt zu werden. Sind denn aber unsere Kinder, obwohl unter dem steten Einflusse der Gesittung und Weltaufklärung, in diesem Stücke besser? Es sollte ein Türke in einem Bergdorfe sich herumtreiben, wie sehr würden sie von Furcht ergriffen. Mich wunderte, daß der Knabe im Bauernhäuschen seinen Mund noch nicht verzerrte. Ich liebkosete ihn an den Wangen, und der Himmel war immer noch heiter. Da zogen sich auf einmal Regenwolken über dem Antlitze zusammen, und ich merkte bald auch am Knaben, daß die Regenzeit herrscht. Die lang dauernde gute Witterung durfte ich wohl dem Schutzgeiste der daneben hockenden Mutter, welche Kräuter zur Nahrung zerschnitt, beimessen. Daß ich nirgends ein Kochfeuer, nirgends einen Geruch von Speisen wahrnahm, leitete mich auf die Vermuthung, daß die Leute das Fastengesetz Mohammets strenge beobachten; denn schon vor etlichen Tagen verkündigte der Donner der Kanonen den Anfang des Fastenmonates.
Der palästinische Bauer scheint mir wohler zu stehen, als der egyptische. In der Saronebene trägt der Boden unermüdlich Früchte, ohne gedüngt zu werden. Diese sind Eigenthum des Anbauers, welcher selbst sie an den Mann bringt.