Fortsetzung: Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstag 1836.
Das Weinen ist der Ausbruch der Freude oder Traurigkeit bei Gescheiden und — Narren.
Bei uns will die Züchtigkeit der Sitte oder der Anstand, daß man im Weinen sich mäßige, daß die Gefühle nicht ohne Rückhalt entströmen. Das eigentliche Choralweinen nach dem Laufe der Natur scheint man bei uns kaum zu kennen. Bei uns weint man piano oder pianissimo, in Jaffa forte oder fortissimo. In den Landen der Gesittung hält man es für besonders schön und rührend, wenn etwa eine Thränenperle aus dem unumwölkten Himmel herabfällt.
Als ich nach Tische die andere Hälfte des Neujahrstages von 1836 verlustwandeln wollte, da hörte ich von einer Gasse her ein wildes, klägliches Geschrei. Ich rückte näher. Vor der Thüre einer Truppenherberge harrte eine Menge Weiber, diesmal nur die wenigsten mit einem Schleier, und die entschleierten Gesichter verbreiteten einen solchen Zauber, daß Jedem die ungelegenen Heirathsgedanken verschwunden wären. Ich sah und hörte kaum jemals etwas Wilderes. Die Einen standen, die Andern kauerten. Die Einen konnten nicht genug ihre Hände um einander kreisen lassen, ohne daß diese sich berührten. Andere schlugen die Hand auf die Stirne oder auf die Brust, oder sie klatschten mit den Händen, indem abwechselnd bald die Rechte, bald die Linke die Oberhand war, und während der Oberleib vor- und rückwärts geschaukelt wurde. Die Meisten drehten unaufhörlich einen Zipfel des Kopftuches. Wieder Andere nahmen das kleine Kopftuch herunter, welches sonst den Kopf kronförmig umgibt, und das große Kopftuch befestiget; mit jeder Hand faßten sie ein Ende des heruntergenommenen Tuches, drehten es, und hielten es bisweilen in die Höhe. Auch eine alte Frau mit zahnlosem Kiefer und vorspringendem Kinne und gebeugtem Leibe und wogenden Schultern hob ein solches Tuch empor, lärmend und herumtrippelnd; es mangelte der Rolle einer europäischen Tänzerin nichts, als die fröhliche Miene. Das schlug unverkennbar auf die erzkomische Seite. Ein Theil wimpelte mit den Händen, wie unsere Prediger auf den Kanzeln. Die meisten Augen schwammen in Thränen. Dabei war der Mund angelweit aufgesperrt. Die Einen begnügten sich fast einzig mit lautem Rufen. Andere gefielen sich darin, Empfindungslaute, manchmal quieksende, auszustoßen. Es gab auch solche Doppelsingspiele, indem unter schaukelnden Bewegungen die Eine der Andern auf die Schulter klopfte, oder ein Stück des Kleides packte. Nur die Kinder, von ihren Müttern getragen, waren alle — ohne Sauglappen ruhig und still. Sie schienen vielmehr an dem wilden Leben sich zu belustigen, und sie hätten, wie ich glaube, unfehlbar geweint, wenn die erwachsenen Leute in den Zustand der Beschwichtigung zurückgekehrt wären. Das ganze Schauspiel bot dem Europäer das Bild einer Raserei. Es war das Weinen in seiner Zügellosigkeit und unter allen Eingebungen der Traurigkeit.
Es ist nicht in Ferne meine Absicht, das Gefühl der Theilnahme mit meiner Schilderung zu beleidigen. In dem Rührenden fand ich, vom Hause aus mit andern Sitten, so viel Possirliches, daß ich mich hin und wieder des Lachens nicht erwehren konnte. Es verfehlt auch nicht die Feuersbrunst, ungeachtet ihrer betrübendsten Folgen, auf das Gemüth einige angenehme Eindrücke im Augenblicke hervorzubringen, da das Element in aller Pracht seiner Farbe und in seiner siegreichen Ungebundenheit gegen den Himmel emporlechzet.
Weiber, seid ihr nun die Erbinnen der uralten Sitten? fragte ich sie im Gedanken. Das Schauspiel dürfte vielleicht alterthümlicher sein, als der Sphinx, jener Riese bei Memphis. Die Verfasser der alten heiligen Urkunden mochten so oft Zeugen ähnlicher Auftritte gewesen sein.
Zuerst wußte ich das Klageschrei nicht zu deuten; später aber erfuhr ich, daß Mütter ihre Söhne, Weiber ihre Männer, Schwestern ihre Brüder beklagten, weil die dem Familienschooße Entrissenen sich auf die Laufbahn des Kriegers werfen mußten. Ich besorge inzwischen, langweilig zu werden, weil ich das alte Trauerlied auf die Kriegsknechte wieder anstimmte. Ich verspreche mir jedoch durch das Langeweilen den Nutzen, daß die wiederholten bösen Einschreibungen neuen Kriegsvolkes sich um so lebhafter vor die Seele stellen, und daß die nunmehrige peinliche Lage der Syrier um so ernster sich vergegenwärtige. Die Mannschaftsaushebungen befleckt eine Grausamkeit, die Ihresgleichen sucht. Manchmal werden alle Mehrjährigen männlichen Geschlechtes aus einem Hause weggeräumt. Wer wird hinter dem Pfluge gehen? Wer wird die Stütze einer alten Mutter sein? Was für eine Zukunft thut sich vor der militärischen Gewaltherrschaft auf? Die Mütter und Schwestern, denen die Anhänglichkeit an die Ihrigen zur Ehre gereicht, klagen nicht umsonst so laut, so rasend; denn ist der Ausgehobene einmal Soldat, so bleibt er es sein Lebenlang, wofern ihn nicht eine Laune des Gewalthabers entläßt. Auch die Weiber werden mit Recht klagen, wenn ihnen die Hoffnung abgeschnitten wird, den Mann begleiten zu können, mit welchem nicht mehr, als ein Weib ziehen darf. Das ist freilich nach christlichen Begriffen genug, und hierin erscheint die Unbarmherzigkeit wirklich in einer viel mildern Gestalt. Uebrigens gestattet der Herrscher offenbar nicht aus edeln Beweggründen dem Krieger sein Weib, sondern aus dem frostigen Grunde, damit aus altem Militär junges werde. Bereits schon bei einem andern Anlasse wurde darauf aufmerksam gemacht.