Nun einige Bemerkungen über die verschiedenen Religionsbekenntnisse der Bewohner in Syrien.
I. Der Mohammetanismus heißt auch Islamismus, nach dem arabischen Worte Islam, welches Ergebenheit in Gott bedeutet. Vom berühmten Mohammet gestiftet, begann er in Arabien gegen das Jahr 611 der christlichen Zeitrechnung. Wie damals das Juden- und Christenthum unter den Arabern große Fortschritte machte und der Stamm, dem Mohammet angehörte, der Abkunft von Abraham und Ismael sich rühmte, so glaubte der neue Prediger beiden Religionen einige Grundansichten abborgen zu dürfen, um sie in diejenige Religion überzutragen, welche er zu stiften im Begriffe war. Er nahm das alte und neue Testament großentheils an, indem er Moses, David und Jesus als Gesandte Gottes anerkannte. Er aber ging von der Ansicht aus, daß ihre Lehren mit der Zeit verderbt worden seien, und behielt sich darum vor, der wahren Verehrung des höchsten Wesens auf dem ganzen Erdkreise Bahn zu brechen.
Die Hauptglaubenslehren des Islams sind: Es ist nur ein Gott (Allah uhu) und außer Gott ist kein Gott, und Mohammet ist sein Prophet (Nabi). Es gibt böse und gute Engel. Jene verfolgen unablässig den Menschen, damit er Böses thue; diese sind von Gott beauftragt, ihn auf dem Wege der Versuchung im Guten zu unterstützen. Das Schicksal eines Jeglichen, das Gute, wie das Böse, ist vorausbestimmt und erfolgt unabänderlich, was man Fatalismus heißt. Die Seele ist unsterblich, und am jüngsten Gerichte wird Jeder den Lohn nach seinen Werken empfangen. Unter dem heißen Himmel gleichsam glühend, suchen die Moslim ihr größtes Gut in den sinnlichen Vergnügungen und glauben auch, daß die Auserwählten des Himmels inmitten frischer Gebüsche, am Gestade lauterer Bäche, am Rande reicher Brunnquellen ruhen, umgeben von den verführerischen Huris mit ihren schönen, immerdar jugendlichen Augen, umkoset von jenen Jungfrauen, welche nichts zu thun haben, als den Seligen Genuß zu verschaffen.
Die Hauptsittenlehren sind überhaupt Ehrerbietung, Vertrauen und Gehorsam gegen Gott, Gerechtigkeit, Versöhnlichkeit und Mildthätigkeit gegen die Menschen und Gehorsam der Kinder gegen die Aeltern. Insbesondere aber wird den Gläubigen vorgeschrieben: 1) Die Reinlichkeit, zumal durch die Waschungen. 2) Das Gebet. Es wird im Tage fünfmal verrichtet, allein oder mit Andern und wo? ist freigestellt; nur am Freitage muß es in der Moschee oder in Versammlung geschehen. Obgleich dieser Tag der eigentlich Gott geweihete Tag ist, so können dennoch die Gläubigen an demselben die Zeit vor und nach dem Gottesdienste mit Arbeiten zubringen, welche jeder Stand und Beruf erfordert. Lediglich zwei Feste verlangen gänzliche Ruhe der Arbeit, nämlich das große und kleine Bairam. 3) Das Fasten durch einen Monat (Ramasan), während dessen man die ganze Tageszeit hindurch weder Speisen, noch Getränke zu sich nehmen, selbst nicht Tabak rauchen darf. 4) Das Entrichten des Zehnten. 5) Die Wallfahrt nach dem Heiligthume zu Mekka, welche jeder freie Mohammetaner wenigstens einmal in seinem Leben unternehmen soll, insofern seine Gesundheit es zuläßt.
Das Beispiel der alten Araber und Ismaels, des Sohnes Abrahams, befolgend, verrichten die Mohammetaner die Beschneidung. Sie unterscheiden nach Moses die unreinen Thiere. Der Islam verbietet den Genuß des Weins und jedes andern berauschenden Getränkes. Hingegen gestattet er dem Manne zur nämlichen Zeit vier Weiber und daneben so viel Beischläferinnen (Sklavinnen), als er halten will oder kann.
Die Lehren und Vorschriften der Moslim stehen geschrieben in einem Buche, welches man nach dem Arabischen el-Koran nennt. Die Anhänger geben vor, daß die verschiedenen Abschnitte dieses Buches von Zeit zu Zeit Mohammet, ihrem Propheten, von dem Erzengel Gabriel geoffenbaret worden seien. Ausgenommen die Lehrsätze des Glaubens, handelt der Koran auch von der Sittenlehre, von der Ehe, von der Scheidung, der Nachfolge. Mit einem Worte, er vertritt, in dem religiösen Gewande, mehr oder minder ein Zivil- und Kriminalgesetzbuch. Da er arabisch abgefaßt ist, so wurde diese Sprache die heilige der Perser, Türken und anderer mohammetanischer Völker, welche sämmtlich darin übereinstimmen, daß sie ihre Zeitrechnung mit der im Jahre Christi 622 erfolgten Flucht Mohammets von Mekka nach Medina beginnen. Diese Zeitrechnung nennen sie Hedschra, was Auswanderung oder Flucht bedeutet. Das Jahr der Mohammetaner ist übrigens ein Mondenjahr, das heißt, es zählt elf Tage weniger, als das unsrige.
Unter den Mohammetanern gibt es ebenfalls Leute, welche ein frommes Leben in der Zurückgezogenheit wählen. Diese Art von Mönchen wird mit einem Namen belegt, welcher einen Dürftigen bezeichnet; im Arabischen Fakir, im Türkischen und Persischen Derwisch. Diejenigen, welche sich einem beschaulichen Leben überlassen, tragen den Namen Ssûfi. Die mohammetanischen Mönche bilden verschiedene Orden, deren Alter auf die ersten Khalife zurückreicht. Die meisten Brüder, wie sie sich gegenseitig nennen, haben ein strenges Noviziat und lange Prüfungen zu bestehen, bevor sie in den Orden aufgenommen werden. Viele leben gemeinsam in einem Kloster; Andere führen ein Einsiedlerleben; noch Andere lassen sich in einer Gegend nieder, oder ziehen Land auf Land ab. Allen steht es frei, ihren Stand zu ändern und das Leben so einzurichten, wie es ihnen am beßten gefällt. Die meisten Brüder, welche einem beschaulichen Leben sich ergeben, befleißen sich einer Weltüberwindung, die man nicht weiter treiben könnte, und beträchtlich ist die Anzahl Bücher, worin ihre Hirngespinste verzeichnet sind. Die anderen Brüder dagegen, welche die Welt lieben, leben zügellos, und man vermag nichts so Ausschweifendes auszusprechen, das von ihnen nicht begangen würde. Solche heißen Kalendris und Santone.
Die mohammetanische Kirche war zu allen Zeiten in viele Sekten gespalten, welche, nicht besser, als die Christen gegen einander, sich grausam bekriegten. Der Krieg hob gleich nach dem Ableben Mohammets das Haupt empor. Der Prophet vergaß, seinen Neffen und den Gemahl seiner eigenen Tochter Fatima, mit Namen Ali, zu seinem Nachfolger zu erklären. Als daher die Anhänger Mohammets das Khalifat nach einander Abubeker, Omar und Othman übertrugen, gab es damals Rechtgläubige, welche wider die Ungerechtigkeit Lärm schlugen und sich weigerten, einen andern für einen gesetzlichen Fürsten anzuerkennen, als Ali. Wie dann später dieser zum Khalifen erhoben ward, warfen sich viele von den Widersachern gegen ihn auf, und der Bürgerkrieg tränkte mit Blut alle Gegenden, in welchen das neue Gesetz Eingang fand. Dies ist der Ursprung der beiden Hauptsekten, in welche heute noch die Anhänger Mohammets zerfallen, und welche von diesen durch die Namen Sunniten und Schiiten unterschieden werden.
II. Das Judenthum zählt eine große Anzahl von Gläubigen fast im ganzen Morgenlande, vorzüglich aber in Syrien, wo viele von ihnen heilig gehaltene Denkmäler angetroffen werden. Diese Religion nimmt keine andere Offenbarung an, als die Jehovas durch Moses und die Propheten für das auserwählte Volk. Die Juden, oder, wie man sie auch heißt, die Hebräer oder Israeliten betrachten in Gott nur eine Person. Ihre heiligen Bücher sind das alte Testament, zum größten Theile in hebräischer Sprache geschrieben. Sie erwarten die Ankunft eines Messias, welcher für die Gläubigen ein großes Reich gründen soll. Sie nehmen die Beschneidung vor, haben viel Zeremonien und heiligen den Sabbath. Als sie Judäa im Besitze hatten, standen ihnen Opferpriester vor, genannt Leviten nach dem Stamme Levi. Statt derselben lehren nun Meister in der Schrift, unter dem Namen Rabbiner, in den Synagogen oder in den jüdischen Tempeln das Gesetz. Auch diese Religion zählt ihre Spaltungsgläubigen. Am meisten geltend machten sich die Talmudisten und Rabbinisten, letztere so geheißen wegen ihrer Achtung für die Lehren der Rabbiner, erstere wegen ihrer Verehrung des Talmud, eines Buches, das viel gute, mitunter aber auch wenig gesunde Dinge enthält.
III. Mitten unter Mohammetanern und Maroniten leben die Drusen auf den Bergen Libanon und Antilibanon. Sie machen aus ihrem Glaubensbekenntnisse, einem bunten Gemische christlicher und mohammetanischer Religionsvorschriften, ein großes Geheimniß. Sie hassen die Mohammetaner, bekennen sich aber äußerlich doch zum Islam. Sie wollen die Nachkommen jener Christen sein, welche in den ersten Zeiten des Nazarenismus über den Jordan sich zurückgezogen hatten. Die Akal sind eine Art Priester; selbst Weiber werden in den Orden der Akal aufgenommen. Dieselben stehen dem Gottesdienste in den Kapellen oder Khalue vor. Die Kinder werden bei den Drusen nicht beschnitten. Gastfreundlichkeit wird an dieser Völkerschaft vor Allem gepriesen.
IV. Unter den eigentlichen Christen versteht man solche, welche, ohne an die Lehren Moses und der Propheten sich ausschließlich und streng zu binden, an die Offenbarung im neuen Testamente, an Christus, an die Vergebung der Sünden und an die Auferstehung des Fleisches glauben. Sie nehmen die Taufe vor und feiern den Sonntag. Von so vielen Glaubensbekenntnissen, in die sich die Christen theilen, nimmt man in Syrien neun wahr, welche sämmtlich einige Priester in Jerusalem und zum Theil im großen Tempel des Christus-Grabes unterhalten.
1. Die griechische oder morgenländische Kirche. Die Hauptunterschiede derselben von der römisch-katholischen Kirche betreffen die hierarchische Selbstständigkeit außer der Linie der päpstlichen Oberherrschaft, die Lehre, wonach der heilige Geist nur vom Vater ausgeht, das Abendmahl unter zwei Gestalten und die Priesterehe. Die Griechen haben sieben Sakramente, welche sie Geheimnisse nennen; allein sie verknüpfen damit nicht den gleichen Begriff, wie die Lateiner. Sie betrachten nur zwei als von Gott eingesetzt, nämlich die Taufe und das Abendmahl. Die übrigen fünf Sakramente halten sie für Anordnungen der Kirche. Sie verrichten die Firmelung zugleich mit der Taufe, welche letztere in einer dreimaligen Eintauchung des ganzen Körpers in Wasser besteht. Sie verwerfen die Unauflöslichkeit der Ehe, z. B. bei Ehebruch, und sie verbieten das Heirathen zum vierten Male. Sie unterwerfen sich den strengsten und den härtesten Bußübungen. Sie halten an den Beschlüssen der ersten und zweiten nizänischen, der ersten, zweiten und dritten konstantinopolitanischen, der ephesischen und chalcedonischen ökumenischen (allgemeinen) Kirchenversammlung. Der ökumenische Patriarch in Konstantinopel gilt als das Oberhaupt der nicht-russischen Kirche.
2. Die armenische Kirche, welcher beinahe alle Armenier angehören. Diese Christen begehen wenig Feste, und verwerfen die Verehrung der Heiligen. Sie haben etliche Patriarchen. Der erste unter ihnen führt den Titel: Katholikos, und hat seinen Sitz in Etschmiazim bei Eriwan. Ihre Abweichungen von der lateinischen Kirche stimmen mit denen der griechischen ungefähr überein. Viele Armenier traten in den Schooß der römischen Kirche.
3. Die Kopten, die auch unter dem Namen der Christen von Egypten, Nubien und Habesch bekannt sind. Diese Monophysiten haben die Verehrung der Bilder angenommen, und zwei Sonderbarkeiten zeichnete sie aus: Sie behielten, obschon sie die Taufe einführten, die Beschneidung bei, welche indeß mehr als angeerbte alte Volkssitte, denn als religiöse Zeremonie angesehen werden darf; sie heiligen den Sonntag und einen Theil des Sabbaths. Ihr Patriarch, ziemlich arm, hat seinen Sitz in Kairo, den Titel: Patriarch von Alexandrien und Jerusalem, und er bestellt für Habesch einen Generalverweser, welcher Abunak heißt.
4. Die Kirche der Maroniten, genannt nach Maron, ihrem Stifter, der im fünften Jahrhunderte lebte, und welcher der Kirche eine eigene Verfassung gab. Die meisten Maroniten halten sich am Berge Libanon und in Zypern auf. Sie unterwerfen sich den Beschlüssen der vier ersten ökumenischen Kirchenversammlungen, und erkennen in Christus eine Person und zwei Naturen. Allein als Monotheleten lassen sie diesen zwei Naturen nur einen Willen zu. Ein großer Theil dieser Glaubensbekenner schloß sich den Lateinern an, hielt jedoch beinahe an allen Gebräuchen der morgenländischen Kirche fest. Diesen Maroniten wird das Oberhaupt von Rom gegeben. Es führt den Titel: Patriarch von Antiochien, und wohnt im Kloster auf dem Libanon.
5. Die chaldäische (syrische) oder Nestorianische Kirche. Ihre Anhänger verwerfen die Beschlüsse der dritten, zu Ephesus gehaltenen ökumenischen Kirchenversammlung, wo ihre Lehre verdammt wurde. Sie nehmen in Christus zwei Personen an, und weigern sich, Marien, der Gattin Josefs, den Namen Gottesgebärerin zu verleihen. Sie verabscheuen die Verehrung der Bilder. Seit dem Jahr 1599 vereinigten sich viele Nestorianer mit den römischen Katholiken, unter Vorbehalt der Priesterehe und des Abendmahls in zwei Gestalten.
6. Die Kirche der Eutychianer oder Monophysiten heißt nur die drei ersten ökumenischen Kirchenversammlungen gut, und nimmt in Christus einzig die Mensch gewordene göttliche Natur an. Deswegen wird das Zeichen mit einem Finger gemacht.
7. Die Jakobiten. Sie nennen sich also nach Jakob Baradai, einem syrischen Mönche des sechsten Jahrhunderts, welcher in der Absicht Syrien und Mesopotamien durchzog, um die Monophysiten in eine Kirche zu vereinigen. Er brachte sie in der That unter eine kirchliche Oberherrschaft. Sie stehen unter zwei Patriarchen, unter dem syrischen zu Diarbeker oder Aleppo und unter dem mesopotamischen im Kloster Saphran bei Medin. Die Jakobiten haben mit den koptischen Christen die Gewohnheit der Beschneidung gemein, verehren die Bilder, und die meisten traten zur lateinischen Kirche über, indem sie jedoch einigen eigenthümlichen kirchlichen Gebräuchen forthuldigten.
8. Die alte abendländische, die lateinische oder römisch-katholische Kirche. Alle Welt weiß, daß sie den römischen Papst als Statthalter Jesu Christi und ihr Oberhaupt anerkennt, welchem die meisten Lateiner die Eigenschaft der Unfehlbarkeit in Glaubenssachen ausschließlich zutrauen. Die Römischen haben sieben von Gott eingesetzte Sakramente; sie verrichten die Taufe durch Begießung mit Wasser; sie nehmen beim Abendmahle die Verwandlung an; sie halten Ohrenbeichte, verehren Heilige, glauben an ein Fegfeuer, thun Werke der Buße, empfangen Ablaß der Sünden, die Mönche werden durch Gelübde gebunden, die Priester müssen im ledigen Stande leben. Die Kirchenversammlungen sind unfehlbar, nicht bloß die allgemeinen, welche vor der Trennung der morgenländischen und abendländischen Kirche gehalten wurden, mit Ausnahme des Concilium Trullanum oder Quinisextum, sondern auch viele andere. Die letzte Kirchenversammlung war in Trient vom Jahre 1545 bis 1563.
9. Man darf sich nicht wundern, daß die abendländischen Christen ohne ein sichtbares Oberhaupt der Kirche, nämlich die Protestanten, welche für die Bekehrung der Heiden eine rastlose Thätigkeit entwickeln, auch Geistliche aufweisen können, die, aus Religionsabsichten, in Jerusalem festen Sitz genommen haben.
Die Mannigfaltigkeit der Religionsbekenntnisse fordert zur ernstesten Betrachtung auf. Es ehren bis auf diesen Tag die Menschen Gott auf ihre verschiedenen Weisen, trotz des Glaubenszwanges, trotz der Bannflüche, trotz der Blutströme. Dem überstrengen Vater entläuft der Sohn im Augenblicke seiner Ermannung. Die Sadduzäer, die abendländischen Christen, die Protestanten waren nicht aus sich selbst erzeugt, sondern sie hatten ihre rechtmäßigen Erzeuger in dem Pharisäismus, in der morgenländischen Kirche, in dem römischen Papstthume. Wir feiern die Männer, welche Duldsamkeit predigen. Wie todt muß die Wahrheit der Geschichte sein. Die Duldsamkeit sollte sich wohl von selbst verstehen.
So viel als einleitende Bemerkungen.