V

Am nächsten Morgen kam Esther früher als die andern Hausbewohner ins Eßzimmer herunter. Erst stand sie ein wenig am Fenster und sah in den Garten. Dort, wo sich einst Camille de Rohan in der Sonne wiegte, graste jetzt der Wind am welken Laub der Beete. Ja, eingedrungen war der Sturm in den stillen Garten und hastete suchend um das Haus.

Esther blickte fremd auf die beginnende Zerstörung. Sie fühlte nur das Geborgensein.

Dann trat sie vom Fenster zurück, ging langsam durch das Zimmer. Immer noch schien niemand außer ihr aufgestanden zu sein.

Sie wollte aber so gern mit irgend jemand reden – gleichgültig was und mit wem. So eine Unruhe war in ihr. Vielleicht war die alte Karen in der Küche! –

Nein, auch Karen war nicht zu finden. Nur das friedliche Summen von kochendem Wasser ließ sich hören. Über einen Nagel am Thürpfosten war ein Rock Arnes zum Ausbürsten aufgehängt. Esther trat hin und strich mit der Hand über den Ärmel. Dann horchte sie, ob auch niemand käme. Und sie that noch einmal dasselbe – wie eine scheue Liebkosung war es. Und plötzlich drückte sie auch ihre Stirn hinein.

Dann ging sie leise und wie mit einem kindlich bösen Gewissen wieder hinaus. Dabei war ihr im Innersten eine stille keimende Freude.

Sie kam am Postkasten vorbei, der unter dem freien Herzausschnitt der Hausthür angebracht war. Man hatte ihn gestern vergessen zu leeren –

Sonst würde sie diesen Brief von Lydia schon einen Tag früher gelesen haben.

Sie that ihn zögernd von einer Hand in die andere. Plötzlich kam es ihr: Wenn sie ihn nun gar nicht öffnete? Wenn sie so alle Verbindung mit der Vergangenheit abbrechen könnte? So daß ihr Leben gleichsam neu wurde und rein von Schmerzen – –

Aber was waren das für sinnlose Gedanken! Nein, standhalten wollte sie von nun an allem, was dort drüben her ihrer Sehnsucht winkte. –

Sie ging in die Stube zurück und las den Brief –

Lydia erzählte allerhand Kleinigkeiten aus der Heimat, ihre eigne Person immer nur nebensächlich berührend.

Da fand sich auch eine Stelle, als Esther die las, war der ganze übrige Brief vergessen. Sie las noch einmal – da war schon das alte Herzweh wieder eingedrungen.

»– – ja, es ist noch das alte Glück. Ich hörte ihn zu deiner Schwester sagen: ›Du bist es, die für mich ist‹. Und sie antwortete: ›Und du für mich‹ –«

Weiter kam Esther nicht. Sie mußte dasselbe immer wieder lesen.

Und da stieg ein Bild des Glückes vor ihr auf – des Glückes in seiner Vollkommenheit. Es war nicht mehr die Liebe zu diesem Mann, der so gesegnet rein und voll empfinden konnte – Sie hätte nur seine Worte nehmen mögen, stehlen mögen, um sie dem andern zu schenken, den sie liebte –

Sie hätte zu dem kommen mögen, den sie liebte und allen Reichtum dieser Worte über ihn ausschütten: »Du bist es, der für mich ist.«

Aber das – das würde ja für sie nur eine neidische Lüge sein. Denn sie war genügsam geworden bei einem halben Verstehen, bei einschläfernden Zärtlichkeiten. Sie hatte gewußt, daß sich ihr nirgends Heimat bot – und da nahm sie die warme Hand, die sich ihr entgegenstreckte –

Ja, der Wille zu einem Götterglück war allzufrüh in ihr gebrochen – und da griff sie nach einem kleinen frohgemuten Trost. – – –

Sie hatte nicht bemerkt, daß jemand eingetreten war.

Arne ging auf sie zu mit einem frohen fragenden Blick.

Sie gab ihm flüchtig die Hand. Seine Augen wurden ernst und die Frage darin eindringlicher.

Sie spürte die Verpflichtung, etwas zu sagen, fand kein Wort und wurde dadurch verlegen.

Er bemerkte den Brief in ihrer Hand. »Sie haben Nachrichten von zu Hause, Fräulein Esther?«

»Ja, sie schreiben – ich werde bald reisen müssen.«

»Sie wollen wieder fort, Fräulein Esther? Hier im Hause hofft man, daß Sie immer bleiben möchten.«

»Ich bin so lange schon fort,« sagte Esther eintönig.

Er antwortete gar nicht, sah sie nur mit dem traurig befremdeten Blick eines Hundes an, der Güte und immer nur Güte von seinem Herrn zu erwarten gewohnt war und sich nun getäuscht sieht. Er ging. Es war ein stummes Richten.

Aber sie dachte nichts als: es ist gut so, denn es wäre eine Lüge gewesen.

Doch nun würde sie auch nicht länger in diesem Hause bleiben können.

Die Heimkehr stieg vor ihr auf – nicht die Heimkehr mit den tausend Masten der Sehnsucht – es würde die stille dumpfe Heimkehr des Ausgestoßenen vom fremden Lande sein. Und wie gegen das Schicksal gerichtet erhob sich bei diesem Gedanken eine flehende Abwehr in ihr. Nur nicht zurück auf den Ausgangspunkt ihres Leides!

Eine alte Sage fiel ihr ein: Der Tod kommt zu einem Mann und spricht: »In dieser Nacht noch schickt mich der Herr, dich zu holen.«

Und von Entsetzen und Widerstand gegen das Schicksal ergriffen, will der Mann dem Gebot Gottes entfliehen. Er besteigt sein schnellstes Pferd und jagt über das Land. Er spornt das Tier, daß es die Luft schneidet, als bräche ein Sturm entgegen, daß es schäumt und keucht, lange Wolkenzüge von aufgewirbeltem Staub hinter sich läßt im rasenden Ritt.

Und wie Mitternacht kommt, ist der Mann weit im Innern der Wüste angelangt, wo kein andrer Mensch mehr nah und fern zu finden ist.

Da läßt er das erschöpfte Tier Schritt gehen, selbst in Mattigkeit zusammenbrechend.

Doch plötzlich – gar nicht weit von sich – sieht er eine dunkle Gestalt in wartender Ruhe. Es zieht ihn hin – da steht der Tod.

»Wahrlich des Herrn Wege sind wunderbar,« spricht der Tod. »Fast zweifelte ich heute an der göttlichen Allwissenheit, als der Herr mir befahl, dich hier an dieser Stelle der Wüste zu erwarten.« – – – – –

»Wollen Sie mit mir eine Tour über Land gehen?« fragte später am Nachmittag Adam Rude.

Esther war gleich bereit. Eliza und Arne saßen schon seit Stunden überm Schachbrett, Esther hatte ein Buch genommen, aber die gelesenen Worte bekamen keinen Sinn in ihren Gedanken.

Nun schritt sie neben dem alten Rude über das Heideland. Er hatte ihre Hand durch seinen Arm gezogen, »damit Sie nicht ermüden, denn wir wollen weit gehen«.

»Wohin gehen wir?«

»Nach einem Bauernhof, drüben im Rottbüllwald. Recht merkwürdige Leute sitzen dort, hören Sie nur:

Vor zwanzig Jahren starb der Bauer. Er hatte aber ein Testament gemacht, nach dem die Bäuerin den Hof verlieren sollte, wenn sie innerhalb zwanzig Jahren wieder heiraten würde. So sehr hatte er sich ihrer Treue versichert!

Kaum aber ist der Mann tot, so hat die Bäuerin nichts Eiligeres zu thun, als ihre Gunst dem Großknecht zu schenken. Aber heiraten dürfen sie nun ja mal nicht, weil sie sonst den Hof verlieren. Also sie warten zwanzig Jahre, und jetzt im Frühling hielten sie Hochzeit.

Weil aber im Laufe dieser Zeit an zwölf Kinder gekommen waren, schlug ihnen der Pfarrer vor, die Hochzeit doch wenigstens etwas in der Stille zu feiern. Das war aber nun gar nicht nach ihrem Sinn – es mußte im Gegenteil eine ganz große Hochzeit sein, denn sonst, wissen Sie, wären die Brautleute ja um die schon lange entbehrten Hochzeitsgeschenke gekommen!«

Esther amüsierte sich. Der Alte konnte mit so viel verstecktem Humor erzählen, wie sie es seiner feierlichen Art gar nicht zugetraut hatte.

Aber es that ihr wohl – gerade heute. Und sein kräftiger Schritt unterstützte so harmonisch den ihren. Sie schmiegte sich an ihn und sah zutraulich zu ihm auf.

Ein herber Wind ging über die abgeernteten Felder; er trug den Geruch von Erde und Gras, das auf sandigem Boden wächst. Auch überreife Brombeeren mochten dazwischen sein.

Alles ringsum war klar und einfach – allem heißen Zweifeln der Sinne und der Seele fremd.

Was heute früh geschehen war, klang nur noch wie ganz aus der Ferne herüber. Ein hohes Bild verblaßte. Eine überzärtliche Sehnsucht entblätterte im Nordlandswind.

War hier nicht alles gesund und stark und gut? Redeten nicht alle Dinge in einer herzlichen und bekannten Sprache zu ihr? Wozu dann einen festen und treuen Gewinn des Lebens aufgeben, um sich selbst ins Ungewisse zu verstoßen?

Wie denn? Das waren alles Worte, um einen Willen zu verkleiden. Ja, ganz einfach: sie wußte, daß sie sich hier nicht loszureißen vermochte – sie wollte hier bleiben.

Wieder sah sie mit einem freudigen und zuversichtlichen Ausdruck auf den Menschen, der neben ihr ging. Sie wollte ihm so gern etwas Liebes sagen. »Erzählen Sie mir ein wenig von sich selbst,« meinte sie plötzlich.

»Das kann ich so schlecht,« antwortete er. »Ich bin nicht gewohnt, von mir zu sprechen.«

Sie glaubte, daß er nun nicht weiter reden würde, aber er fing nach einem gewaltigen Besinnen wieder an, und es war, als müßte er erst die Worte aus schlafender Versunkenheit wecken.

Und dann kam eine Geschichte von Arbeit und Entbehren. Absichtslos erzählt, ohne zu verdecken oder zu übertreiben – von der einfältigen Wahrhaftigkeit eines Menschen, der noch vor keinem Spiegel in müßige Selbstbeschau versunken gewesen, und der in natürlicher Vornehmheit nichts zu verheimlichen oder zu verschönen an sich weiß.

Und in diese Geschichte der Arbeit und des Enbehrens trat eine Frau. Sie ging einfach und klar hindurch – und doch wie etwas Ungeahntes und Überirdisches. – Sie erschien ihm so fein, daß er sie nicht anzurühren wagte mit seinen rauhen Arbeitshänden. Aber sie neigte sich ihm. Doch immer wenn er fort von ihr war, konnte er es noch nicht glauben, daß sie ihm gehörte – wirklich ihm! Und er dachte die ganze Zeit, während er arbeitete, an sie, und daß er sich eilen wollte, wieder zu ihr zu kommen. Und auf seinem Heimweg sah er sie dann, wie sie ihm entgegenkam. Sie ging ihm entgegen mit dem sorgenvollen Blick, der ihr eigen war. Und sein Glück war es dann, zu erwarten, daß sie ihn erkannte: dann sah er, wie sich ihre Züge zur Freude veränderten. Ja, diese Wandlung immer wieder zu sehen, war das köstliche Glück seiner Tage. – Er erzählte und kam immer wieder darauf zurück, und dann lächelte er – und schwieg einen Augenblick – und erinnerte sich.

Esther ging neben ihm und nahm sein Vertrauen wie ein Heiligtum entgegen, denn sie verstand wohl seinen Wert.

Und wie er zu Ende war, da wußte sie nichts zu sagen, blieb an einem Berberitzenstrauch stehen und brach sich Zweige voll der roten Beeren.

Und er griff auch in die Dornen und half ihr. Aber seine Hand zitterte, so daß ihn die Dornen verletzten. Und er wußte nicht, daß er ihr mit blutenden Händen den kindlichen Schmuck überreichte.

Und sie nahm den Hut herunter und krönte sich mit den Zweigen in einer unbewußt feierlichen Gebärde. Und die roten Beeren hingen in ihrem Haar, wie Blut, das unter einem Dornenkranze niedertropft.


Späte, warme Tage kamen, so daß die langverblühte Heide noch einmal purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht.

Nicht weit von Eriksgaard lag ein kleiner Friedhof. Gräber mit alten, verwitterten Steinen, in die so wunderliche Namen eingeschnitten waren, gab es dort. Esther ging oft allein dorthin und las die Geschichten von »Jung-Svend«, von »Eike« und »Gerdine«. Sie lasen sich einfältig und überzeugend wie alte Märchen. Mit trocknen Wirklichkeitsworten war dort von der Liebe über den Tod und vom Wiedersehen im Jenseits erzählt. Man wußte, weder Jung-Svend, Eike oder Gerdine, noch ihre Nachredner hatten diese Hoffnung auch nur in den Bereich des Geheimnisvollen verlegt – sie war ihnen so selbstverständlich wie das Tagewerk und das Kinderzeugen gewesen.

Reseden gab es noch auf den Gräbern und die nachzüglerischen Rosen des Kirchhofs. Über die Schutzmauer aus Feldgestein hob sich nur ein untersetzter Nußbaum mit seinen glatten blankflimmernden Blättern.

Einmal, wie Esther durch das Kirchhofspförtchen trat, fand sie Arne unter dem Nußbaum. Er sah verlegen aus und war bemüht, das Zusammentreffen als ein zufälliges hinzustellen, denn sie waren sich in einem stillen Übereinkommen seit jenem Morgen ausgewichen.

Esther ging auf seine Bemühungen ein. Es war etwas Hilfloses über ihm, das sie rührte. Sie setzte sich sogar neben ihm an die kleine Hügelböschung unter der Steinmauer und redete ein paar Gleichgültigkeiten, ihn dabei ernst und freundlich ansehend.

Er schien ihr ein wenig verändert in dieser letzten Zeit, wenigstens war seine Kleidung nicht mehr so dandy like, und auch der sonst so wohlfrisierte Scheitel war in wirren Knabenlocken verloren gegangen. Eine leichte Unrast lag in seinen Bewegungen.

Plötzlich begann er ganz unvermittelt und vor unterdrückter Bewegung fast automatenhaft redend: »Wir sprachen neulich einmal über die Möglichkeit eines immateriellen Fortbestehens, Fräulein Esther.

Wissen Sie noch, ich leugnete das Jenseits und die Seele? – Ich habe Unrecht gehabt. Ich weiß jetzt, daß ich Unrecht hatte.

Es giebt eine Seele, und es giebt einen Himmel, in dem uns wird, was wir auf Erden entbehrt haben. Das läßt sich nicht mit Sätzen der Wissenschaft beweisen – das muß man gefühlt haben.

Man muß nur einen Menschen über alles lieb haben, dann will man auch mit ihm die Ewigkeit. Dann will man nichts von der ewigen Seligkeit, als diesen einen Menschen – dann glaubt man an das Jenseits und die ewige Vereinigung der Seelen – trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft.«

Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Doch als sie nichts sagte, nur den Kopf tiefer senkte, fragte er wie mit zugeschnürter Stimme: »Fräulein Esther, wollten Sie keinen Himmel?«

Sie sah ihn nicht an, antwortete nur still vor sich hin: »Menschen wie ich bin, wollen keinen Himmel. Es ist ihnen kein Verzichten auf Erkenntnis – es giebt ja zu viele unerklärliche Dinge, an die sie glauben, als daß nicht auch der Traum von einem Jenseits zur Wirklichkeit werden könnte. – Wir wollen nur keinen Himmel, weil wir dort drüben nicht zu leben verstünden. Denn wir sind nicht zur Freude geschaffen – wir würden den Kampf entbehren – und den Schmerz – und die Einsamkeit. Denn das alles haben wir lieben gelernt, als uns die Erde nichts anderes zu bieten hatte.

Wir können nie mehr in der Freude zu Hause sein.«

Und wieder war es still zwischen ihnen, bis auf das heimliche, bebende Leben über den Gräbern. Ein leichter Wind rührte die Blätter des Nußbaums. Das war wie ein Aufseufzen der Toten, die Rede begehrten.

Doch zwischen den Lebenden blieb das Schweigen. Nur war es Esther plötzlich, als würde sie weit fortgetragen – weit, durch ein stürmisches, sonniges Land. Felsen sah sie ragen und rote, heiße Blumen an Abhängen blühen. Und das wilde Lied des Lebens klang um sie. –

Sie sah auf und in ein bleiches, vor Erregung verzerrtes Gesicht.

»Esther! Esther! Sie wissen, was ich sagen will – Esther, deine Seele will ich – –«

Sie sah ihn starr und wie ganz aus der Ferne an. »Meine Seele?« sagte sie, und langsam gingen Thränen aus ihren Augen. Sie vergaß in diesem Augenblick den Menschen neben sich.

Doch der sprach weiter: »Esther, ich glaubte zu wissen – ja, Sie haben es mir gezeigt, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin – Esther – –«

Sie sah plötzlich wieder sein gequältes Gesicht über sich – und da legte sie ganz leise den Arm um seinen Hals und sagte: »Ja, ich habe dich lieb.«

Und sie küßten einen leisen, zitternden Kuß.

Und keines von ihnen wiederholte die Zärtlichkeit. Schweigend gingen sie nebeneinander zurück über die Heide, die purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht.