VI
Purpurn schillerte die Heide vor lauter Sonnenlicht.
Sie gingen nicht mehr zusammen auf den kleinen Kirchhof – sie suchten alles auf, was froh und leuchtend war.
Wie die Kinder gingen sie miteinander Hand in Hand. Und sie machten Entdeckungen in der altgewohnten Umgebung, ihre Blicke waren so sonderbar für alle Außenwelt geschärft, und sie fanden auf einmal wundersam schön, was sie früher gar nicht beachtet hatten.
In den Wald kamen sie am oftesten. Es gab da so viel Buschholz, daß man sich schon verirren konnte, oder sich doch auf Augenblicke der aufregenden Vorstellung hingeben, man wüßte nicht mehr den Heimweg zu finden, und wenn auch das einmal nicht möglich war, so konnte man wenigstens dem andern diese Möglichkeit vortäuschen.
Esther gab sich in dieser Zeit ganz der Gegenwart hin.
Eine übermütige Knabenlust, ihre Körperkräfte zu erproben, überfiel sie manchmal. Dann forderte sie Arne zum Ringkampf heraus und sie balgten sich miteinander wie Gassenbuben.
Dann lagen sie wieder ausgetobt und beschaulich geworden am Waldsaum.
»Ach wenn ich doch lieber ein Mann wäre!« seufzte Esther.
»Dann wärst du kaum erst mit dem Gymnasium fertig – ein Student in den ersten Semestern!«
»Ja, das ist wahr: man kommt sich als Frau älter vor.
Eine Zeitlang war ich ganz alt. Nun ist es aber wieder, als sollte alles erst anfangen – fast als ob ich noch nicht mitrechnete unter den ›Erwachsenen‹.
Weißt du noch, wie man als Kind die Erwachsenen sieht: so unendlich weise und interessant und eingeweiht in die Geheimnisse des Lebens.
Und man denkt daran, wie an eine ferne bevorstehende Ehrung, daß man auch einmal zu ihnen gehören wird.«
Er sah sie an mit seinem strahlenden, frohgemuten Blick. »Mir ist es nun doch lieber, du bist eine Frau und kein Mann,« sagte er mit recht viel Überzeugung.
Sie wurde nachdenklich. »Hast du noch nie eine Frau vor mir geliebt?« fragte sie ernst.
»Nie,« sagte er. »Und wenn ich es wagte zu dir zu kommen, so ist es nur, weil du die erste bist.«
Da beugte sie sich nieder und küßte seine Hand.
Adam Rude hatte wieder seine Tage, wo er in »böser Laune« umherging.
Des Vaters »böse Laune« war ein nahezu geheiligter Zustand. Keinem fiel es ein, nach ihrer Ursache zu fragen – man nahm einfach die Thatsache hin, beugte sich darunter wie unter das Schicksal.
Mit finsterem Gesicht wanderte Adam Rude durch das Haus. Den größten Teil des Tages schloß er sich in dem Zimmer ein, wo das Bild seiner Frau hing – gleich einem Priester, der sein Leben im Marienkult verzehrt.
Auch zu der Verlobung seines Sohnes mit Esther hatte er erst kein Wort geäußert. Kaum wußte man, ob er wirklich verstanden hatte, bis er plötzlich bei Tisch auf eine zugleich feierliche und finstere Art den beiden zutrank.
»– und dann ist es jetzt wohl an der Zeit,« fuhr er fort, »daß man auch mich nicht mehr ausschließt, wenn alle sich du nennen.«
Er blickte zürnend um sich. Esther hatte im ersten Augenblick diese wunderliche Ausdrucksweise nicht verstanden, bis Arne über den Tisch rief:
»Der Vater möchte dich du nennen, Esther!«
Esther errötete. Sie sah Adam Rudes Blicke so unbegreiflich zornig und schmerzlich auf sich gerichtet, wurde davon ganz verwirrt und wußte keine Antwort. Sie hob nur in schweigender Erwiderung ihr Glas gegen ihn.
Eine quälende Stille wurde nur ab und zu durch Arnes ungedämmte Fröhlichkeit unterbrochen. Eliza duckte sich ganz verstört zusammen wie ein Vogel im Gewitter.
Nach Tisch ging Esther dem Alten nach. Sie sagte: »Sie sollen mir nicht böse sein, ich wollte ja so gern, daß Sie mich Du nennen – aber ich habe es lieber, wenn ich zu Ihnen Sie sagen darf.«
Vielleicht sah sie recht hilflos aus mit ihrer Bitte. Auf jeden Fall war etwas in ihrer Art, das seine Ritterlichkeit hervorrief.
Er sagte: »Wie du willst, Kind – wie du willst.«
Und als sie nicht gleich wieder ging, beugte er sich mit einem seltsamen Ausdruck von Güte und Wehmut über sie und berührte mit den Lippen ihre Schläfe. – Dann sagte er: »Wie du es willst, so wird es gut sein.«
Danach aber versank er wieder in seine »böse Laune«.
Sie saßen allein zusammen in der Abenddämmerung und machten Zukunftspläne.
Fast vergaßen sie die Gegenwart über den Gedanken an das Kommende. Esther sagte: »Du mußt erzählen, wie es dann sein wird.«
»Dann« war nach der Hochzeit.
Sie wollte immer hören, wie es »dann« wäre – sie hatte eine feste und gläubige Zuversicht in dieses zukünftige Ereignis gefaßt, als ob damit durch eine magische Gewalt die letzten zögernden Vergangenheitszweifel vernichtet werden müßten.
Ja, sie wollte ihm gehören – sich ihm so mit allem Willen hingeben, daß einmal jenes letzte, seligste Wort auch zwischen ihnen zur Wahrheit werden könnte. – – – –
»Du mußt erzählen, wie es dann sein wird!«
Er hatte die Hände in die Hosentaschen versenkt und lehnte sich zu ihr hinüber, so daß sie sein Haar roch, aus dem irgend ein künstlicher Wohlgeruch stieg. Er senkte die Stimme zu einem Flüstern, das Esther ein wenig affektiert klang, und erzählte die Geschichte mit den Worten, wie er sie jedesmal begann: »Am Abend kommen wir in Kopenhagen an – und am andern Morgen zeige ich dir die Stadt.«
Sie verspürte so eine unwiderstehliche Lust, über ihn zu lachen. Durch die Dämmerung sah sie aber, daß er jenen aus Zufriedenheit und Sentimentalität gemischten Ausdruck hatte, den zu unterbrechen man nicht leicht einem Menschen gegenüber genug Grausamkeit aufbringt.
Sie bemühte sich also ernst zu bleiben, während er, an ihre Schulter gelehnt, lispelnd und mit gefühlvoller Betonung ein gefühlvolles Glück unter den Sensationen der Großstadt beschrieb.
Nein, sie konnte es nicht mehr aushalten, ohne zu lachen! Sie griff irgend einen kleinen motivierenden Einfall auf, lachte und sagte: »Weißt du noch, Arne, was für kluge Dinge in deiner Novelle standen, die du mir neulich zeigtest?«
»Welche?« fragte er unwillig über die Unterbrechung.
»Sie hieß ›Moderne Frauen‹. Und die moderne Frau – sie trug einen ›high life-Gürtel‹, weil die Novelle im Jahre 95 geschrieben war – war so ungehalten über die ungesellschaftliche Pose, in der sie ihren Ehemann überraschte – ich glaube, er saß rittlings über einer Stuhllehne –, daß sie sich von ihm scheiden ließ.«
Er fuhr aus seiner nachlässigen Haltung auf und setzte sich kerzengerade. »Unsinn! Das hast du ganz falsch verstanden!« berichtigte er scharf. »Deshalb war es doch nicht, daß sie sich scheiden ließ!«
»Ich dachte!« meinte Esther und trat leise vor sich hinsummend zum Fenster.
Er ging ihr nach, und nun sah sie im hellen Mondlicht, daß er ein überaus beleidigtes Gesicht machte. Ja doch – sie hatte ja seine Dichterwürde gekränkt!
Wenn sie doch nur dieses dumme Lachen überwinden könnte! – Sie sah ja, wie es ihn immer mehr reizte.
Sie trug einen weißen Shawl; den schlang sie jetzt in nervöser Hast bald um die Schultern, bald um den Kopf. Das Heliotrop im Fenster roch stark zu ihnen herauf. Dicht vor ihr war das helle, nun durch den Zorn ein wenig ins Antike veredelte Gesicht Arnes.
Fortwährend wurde sie von dem Gedanken gepeinigt, er werde nun gleich in Worte des Vorwurfs ausbrechen – sein Schweigen begann sie schon zu quälen – aber trotzdem zwang diese Erregtheit sie, immer weiter zu lächeln.
Sie zog den Shawl wieder über die Augen, so daß nur noch ihr lachender Mund im Mondlicht stand. Und da – fühlte sie plötzlich seine schweren und heißen Lippen auf ihrem Mund – fühlte sie ganz unerwartet und wie eine unerhörte Beleidigung seinen Kuß. Und er ließ sie nicht los, preßte seine Zähne nur fester gegen ihre Lippen, so daß sie aufstöhnte vor Schmerz und Empörung.
Und sie riß sich los und lief in ihr Zimmer. Dort fing sie an sich zu waschen – wusch sich immer wieder den Mund – rieb und wusch, als wäre der Kuß eine äußerliche Verunreinigung gewesen.
Am andern Morgen begegneten sie sich mit einer zornigen Scheu. Esther versuchte anfänglich den Vorgang des letzten Abends zu ignorieren und ging mit ihm, wie sie sonst immer gethan, den alten Weg über die Heide nach dem Walde zu.
Aber sie fanden kein zusammenführendes Wort – gingen nur immer schneller, wie hastend nach einem rätselhaften Ziel.
Da, wo Wald und Heide sich scheiden, ruhten sie nach alter Gewohnheit.
Vielleicht suchte er nach einem versöhnenden Wort – vielleicht sie –
Aber beide vermochten sie das Schweigen nicht mehr zu entwirren, und wie von einem dumpfen Schicksalszwang getrieben warf er sich über sie und drückte ihren Kopf nieder in das Heidekraut und seine Lippen wühlten an ihrem Mund.
Und da kam es, daß sie seine Küsse erwiderte, und ihr Körper zitterte unter ihm. –
Und dann lösten sie sich langsam und sahen mit bethörten Augen weit, weit hinaus, wo sich die Heide vor ihnen hinstreckte – purpurn schillernd vor lauter Sonnenlicht –
Gleich dem lockenden Bild der Leidenschaft.