VII

Graue Tage kamen. Über der Heide hob und senkte sich der Nebel wie Atemzüge.

Arne legte seinen Arm um Elizas Schulter und sah ihr in das kleine blasse Gesicht. »Was fehlt unserm Kleinsten?« fragte er zärtlich.

»Es geht umher und friert.« Das Kind lächelte müde zu seinen Worten.

»O nein, frieren lassen wir es doch nicht!« meinte Arne. »Wir wollen uns einmal recht amüsieren, daß wir die häßlichen Regentage ganz unvermerkt überspringen; dann wird dir auch schon wieder schön warm werden.«

»Was wollen wir denn thun?« fragte Eliza zweifelnd.

»Nun – spielen wir vielleicht Theater? Wir bitten die Bewohner von Villa Marina dazu und spielen ein nettes, lustiges Stück.«

Eliza war wie umgewandelt. »Ja! ja! Theater spielen wir!« rief sie und schlenkerte vergnügt mit den Armen durch die Luft.

»Sind Ihrer Majestät, der Königin Esther, unsre Pläne angenehm?« wandte sich nun Arne zu Esther. Seine Augen leuchteten immer so zärtlich, wenn er mit ihr sprach.

Ja, Ihre Majestät genehmigte den Vorschlag, und nun schleppte man alles herbei, was das Haus an dramatischer Litteratur bergen mochte.

Vor allem mußte der gute alte Holberg herhalten, dem sein unvergleichlicher Humor nun einmal die ewige Jugend verliehen hat. Die große Schwierigkeit blieb nur, daß kein Stück die gebührenden Rollen für die Bewohner beider Häuser vereinigte. Man verfügte zwar recht kategorisch über die Abwesenden, kam aber doch zu keinem befriedigenden Beschluß.

»Wenn wir nun ein paar Akte aus einem modernen Drama spielten und danach eine kürzere Holberg-Komödie?« meinte Esther endlich.

Ja, so ging es.

Man wählte ein Stück aus Hedda Gabler, das sich ganz gut außer Zusammenhang spielen läßt, und danach Holbergs »Der verwandelte Bräutigam«.

»Ich bin Pernille!« bestimmte Eliza eifrig. Die andern mochten ihretwegen sehen, wie sie auskamen. Eliza begann im kokettesten Kammerzofenschritt umherzuwandeln, schon jetzt ihre Rolle vorkostend.

»Aber wer ist Hedda Gabler?« meinte Esther nachdenklich.

»Die bist du – und er ist Ejlert Lövborg, der Dichter, natürlich!« erklärte Eliza.

»O nein, dann bin ich schon lieber dein Tesmann, Frau Hedda – du sollst mir auch im Spiel mit keinem andern verheiratet sein!«

Eliza sagte: »Aber Ejlert ist doch er, den sie liebt!«

»Aber Tesmann ist es, der sie hat,« entschied Arne selbstzufrieden.

Esther dachte: geht denn auf einmal alles im Gleichnis?

»Ich mag nicht Hedda Gabler sein!« sagte sie plötzlich.

»Aber Esther! liebe, kluge Esther, verdirb es uns jetzt nicht!« bat Eliza.

»Nun – wenn Ihr es denn wollt – –«


Mit dem Spiel kam Leben und Heiterkeit nach Eriksgaard.

Da waren die vielen Proben, die wechselseitig in den beiden Häusern abgehalten wurden. Man spielte flüchtig die beiden Stücke durch, denn es war doch gewiß nicht nötig, daß sie schon so bald in untadeliger Glätte gingen und diesen angenehmen Zusammenkünften durch die Aufführung ein Ziel gesetzt wurde. Und nach den Proben kam erst noch die eigentliche Unterhaltung.

Das weite Zimmer mit dem Spinett wurde zum Tanzsaal. Da klangen nun nicht mehr die alten sehnsüchtigen Liebeslieder unter verträumten Mädchenhänden – Es war jetzt das Fräulein Luise, die junge wohlerzogene Dame, die ihre gut eingeübten Walzer der tanzlustigen Gesellschaft zum besten gab.

Und spät in der Nacht dann fuhr man heim. In diesen kalten Spätherbstnächten, wo man die Sterne zucken sieht, so kalt ist es, und wo der Atemdampf des Pferdes den ganzen Wagen einhüllt, und wo die Töne scharf klingen und kurz abbrechen. – –

Ja doch – man spielte »Hedda Gabler.«

Da gab es einen neuen Gast bei Bergsös, das Fräulein Thora Ingermann. Zart und zierlich war sie und trug eine hellgelbe Lockenmähne – darunter ein keckes freundliches Gesicht. Sie war wie geschaffen für die Rolle der Frau Elvsted.

Und dann führten sie diese Scene auf, in der Hedda, die den Mann ihrer Liebe verloren hat, zusieht, wie sich ein leises, noch so harmloses Verständnis zwischen dieser kleinen harmlosen Frau und dem ehrbaren, allerharmlosesten Tesmann anspinnt. Wie auch der, dem sie die Treue eines Lebens geben wollte, ihren Händen entgleitet. – – – –

Fräulein Thora Ingermann war verlobt. Sie hatte eine Menge Bilder ihres Verlobten mit. Er war ein Seeoffizier mit prächtigem Schnurrbart.

»Tesmann! Sehen Sie, ist er nicht einzig? Haben Sie schon je einen so schönen Mann gesehen?«

Tesmann-Arne betrachtete das Bild und stimmte freundlich, wenn auch vielleicht nicht aus überzeugtem Herzen, zu.

Das Fräulein machte ein schmachtendes Gesicht und sah Arne verführerisch an. »Ich liebe ihn so!« sagte sie. »Sie können es nicht begreifen, wie ich ihn liebe!« – –

Auf dem Rückweg meinte Arne zu Esther: »Ist es nicht ein liebes kleines Ding, der neue Besuch bei Bergsös? Sie hat so eine schöne rührende Liebe für ihren Verlobten.«

»Ja, es ist rührend,« sagte Esther.


Arne suchte zwischen seinen Manuskripten. Sie lagen schön geordnet in einer geschnitzten Eichentruhe und waren stoßweise mit goldenen Schnüren umwickelt.

Er war sehr eifrig. – »Esther, was rätst du mir Fräulein Thora zu geben?«

»Gieb ihr doch dein letztes Buch.«

»Das will sie eben nicht. Sie sagt, sie möchte etwas Handschriftliches von mir lesen. Da wühle ich nun immerzu in meinen Sachen und weiß wirklich nichts Passendes zu finden!«

»So schreibe ihr etwas Passendes.«

»Ja, meinst du, daß ich das kann?«

»Warum nicht, wenn du es willst?«

Arne besann sich. »Ich werde etwas über sie und ihren Verlobten schreiben,« sagte er endlich.

»Thu das, lieber Arne.«

Arne zog sich für ein paar Stunden zurück. Dann kam er erhitzt und triumphierend mit einem kleinen Manuskript herein, das bereits recht sauber mit einer Goldschnur geheftet war.

Esther las:

»Im Frühsommer.

»Eine ganze Bucht von Heckenrosen hängt über den Rand des Hohlweges, bauscht sich in blühender Fülle und wölbt lange, geschmeidige Zweige von einer Wand hinüber zur andern – ganz, als sei für den einziehenden Sommer ein Triumphbogen errichtet. – Und so zahllos sind die Blüten – sie wetteifern mit dem Abendhimmel, wer das köstlichste Rot aufweisen kann.

»Aber da, wo der Sommer einziehen sollte, kommt jetzt ein junges Menschenpaar. Wie im Traum gehen sie beide, und er hat ganz zaghaft den Arm um ihre Schulter gelegt. So leise berührt er sie, daß bei jedem Schritt seine Hand ein wenig zittert – denn sie haben sich ja eben zum erstenmal von Liebe gesprochen. Nun wissen sie plötzlich nichts mehr zu reden. Es ist, als ob ringsum alles Stimmen bekommen hätte: Von den Rosen tönt eine ganz leise, feine, süße Melodie, und das Gras zu ihren Füßen seufzt – nur die Luft im Hohlweg hält den Atem an und staut sich in dichten, berauschenden Duftwolken.

»Und jeder Schritt, den sie vorwärts thun, führt tiefer – tiefer in diese seltsame Märchenwelt hinein.

»Nun kommt das Ende der Rosenhecke, schon sehen sie das Korn, welches dahinter steht, in blausilbernem Schimmer hindurchblinken – und dazwischen die feurigen Mohnen. – Ein leichtes Zurückschauern durchbebt das Mädchen – –: der brennend, brennend rote Mohn – – –

»Dann gehen sie ruhig weiter – zwischen dem sommerduftenden Korn mit den heißroten Blumen – immer noch schweigend – nur seine Hand hat sich fester um ihre Schulter gelegt.«

Esther gab es ihm zurück. – »Ich dachte, du wolltest von Fräulein Thora und ihrem Verlobten schreiben?«

Er lächelte verlegen. »Ja, aber von dem Verlobten weiß ich doch nichts Genaues – so habe ich nur an Fräulein Thora gedacht – und wie sie wohl sein könnte, wenn ein Mann sie liebt.

Und dann ist nur so ganz im allgemeinen ein Bild der Liebe daraus geworden.

Aber wie gefällt es dir?«

Er sah mit herausfordernder Selbstgefälligkeit um sich. Sie hatte ihm sagen wollen, es sei das beste, was sie von ihm kannte. Zum erstenmal war er ihr seelisch nähergetreten durch seine Kunst – fast als ob er mit ihren Worten spräche – Nun war sie plötzlich unfähig, das verlangte Lob zu geben.

»Es wird Fräulein Thora schon gefallen,« sagte sie nur.

Er runzelte die Stirn: »Aber dein Urteil, Esther – hast du auch daran wieder etwas auszusetzen?«

»Du meinst, ob ich es fehlerlos finde?«

»Nun?« Er sah sie mit der spöttischen Überlegenheit eines Handlungsgehilfen an.

Sie hielt eine heftige Antwort zurück und gab dafür nur eine kühle Verstandeskritik.

»Es stört mich nur eine Kleinigkeit – das ist diese Zusammenstellung von Mohn und Heckenrosen, die in Wirklichkeit recht schlimm aussehen würde.«

Arne wurde immer gereizter. »Du verstehst mich nicht. Ich brauche Heckenrosen und Mohn ja nur als Allegorie für die zarte Brautliebe und die Ahnung künftiger Leidenschaft.«

»Ich weiß wohl – aber ich meine, daß man auch beim Schreiben ein wenig die malerische Wirkung beachten müßte – das heißt, wenn man Bilder gebraucht, muß man sie sich so vergegenwärtigen, daß man die Wirkung voll beurteilen kann.«

Er antwortete nicht gleich, stand erst eine Weile mit gesenktem Kopf und klimperte nervös an seiner Uhrkette.

»Es ist eben nur das eine, daß dir schon im vorhinein nichts gefällt, was ich arbeite,« sagte er dann mißmutig und verließ das Zimmer.

Eliza hatte dem Gespräch schweigend zugehört. – »War es denn so schlecht, was er geschrieben hatte?« fragte sie.

»Nein – es war gut.«

»Und warum sagtest du ihm davon kein Wort?«

Esther schwieg.

»Du solltest ihm ein wenig Anerkennung geben. Er braucht das, glaube ich.«

Esther antwortete wieder nicht. Sie wußte es ja – er brauchte das. Er brauchte Bewunderung oder – Nachsicht. Doch immer Lob.

Sie sahen einander an, und ihre Augen hielten und verstanden sich.

Esther dachte: Woher weißt du es nur – weiß ich es denn schon selbst? Muß ich mich nicht schämen, daß du es weißt?

Und plötzlich stand Eliza auf, hängte sich Esther um den Hals und weinte. Ganz stumm – bis die Dämmerung sank.

»Kommst du wieder zu mir, mein Liebling?« fragte Esther leise.

Das Kind sagte: »Ja, weil du wieder traurig bist.«

»Hast du mich denn nur lieb, wenn ich traurig bin?«

»Ich weiß nicht –

Ich verstehe alles Traurige –«


Arne kam herein – jung, strahlend, liebenswürdig.

»Seid Ihr denn schon zurück?« fragte Esther.

»Ja; zu schade, daß du zu dieser Probe nicht mitfahren konntest! – Aber wie geht es deinem Kopfschmerz?«

Esther lächelte ein wenig müde. »Komm, setze dich zu mir und erzähle, wie es war.«

»O, so lustig sind wir gewesen! Bis es Fräulein Luise zu viel wurde. Findest du nicht, daß sie ein bißchen altjüngferlich ist? Vor der Zeit – so ein klein wenig?«

»Das habe ich nie gefunden.«

»Na – ja – freilich. Ich mag nun die Leute nicht, die keinen kleinen Scherz vertragen können.

Da ist Fräulein Thora ganz anders. Temperament hat sie – das reine Zigeunerblut – und ist doch zart und fein und rührend, wie ein kleines Kind!«

»Hat sie wieder von ihrem Verlobten erzählt?«

»Diesmal nicht. Wir machten nur lauter Tollheiten. Zuletzt war sie so müde davon, daß sie neben mir saß und beinahe schlief. Fast wäre sie gegen meine Schulter gesunken und eingeschlafen!«

»Was sagte sie denn zu deinem Manuskript?«

»Sie fand es schön. Sie sagte nicht viel, aber ich sah es an ihrem Gesicht.

Aber etwas anderes hat sie gesagt. Wir sprachen von meinen andern Sachen, und sie hat alles gelesen. Und da sagte sie: ›Ich bin gewiß ein schlechter Kritiker – aber mir gefällt alles so unmäßig, was Sie schreiben‹.«

Er saß eine Weile ganz ruhig und sah vor sich hin. Dann redete er plötzlich wie aus einem Traum, und seine Stimme hatte einen gebrochenen Ton. »Ist das nicht das Zeichen, daß sie mich ganz verstanden hat,« sagte er, »daß sie es ist, die mich so ganz versteht –«

Esther erhob sich und trat dicht zu ihm hin. In ihr war eine eigentümliche, fast unpersönliche Liebe.

»Du mußt zu ihr gehen,« sagte sie. »Ihr gehört zusammen.«

Er sah sie an. Es war, als könnte er nicht verstehen, als fühlte er nur hinter einem Verstehen das Entsetzen dämmern.

»Was – was sagst du da?

Ja, ist es denn, daß du mich nicht mehr willst? Schickst du mich denn fort?«

Und plötzlich kniete er vor ihr, und seine Arme schlangen sich zuckend um ihren Körper. »Geh nicht fort von mir! Geh nicht! – Ich kann nicht ohne dich leben!«

Sie war ganz ratlos. Alles schien ihr plötzlich unverständlich. Sie fühlte nur immer seine Küsse auf ihren Händen – und dann auf dem Mund –

Und unter diesen Küssen wurde sie so seltsam kühl und gleichgültig. – –


Die Aufführung war überstanden. Man hatte auch getanzt und Bowle getrunken, bis die allgemeine Stimmung ihren Höhepunkt erreichte. Jeder beschäftigte sich nun nur noch mit sich selbst, und wenn es hoch kam, mit seinem Nachbar.

Herr Nyblom aus Hönegaard stand neben Esther in der Fensternische.

»Ihre fremdartige Aussprache paßte so gut für die Rolle der Hedda,« sagte er. »Sie haben sie noch anziehender und eigenartiger dadurch gemacht, gnädiges Fräulein.

Überhaupt liebe ich so den deutschen Accent und alles Ausländische. Sie sind viel feuriger dort unten im Süden, als wie hier oben.

Ho! Sie haben Feuer für Blut – Wir sind Fische dagegen!

Aber ich bin auch einmal in Deutschland gewesen – bis hinunter nach Heidelberg. Meine Frau und ich, wir haben unsre Hochzeitsreise dorthin gemacht.

Und die Studenten gaben gerade ein Fest – mit Pechfackeln zogen sie vorbei – und da schielten sie nun immer herüber zu meiner Frau – hahaha! – –«

Esther bemerkte, daß die Geschichte von Herrn Nybloms Hochzeitsreise nach Heidelberg sich auch ohne nachhelfende Antworten abzuwickeln vermochte und wandte ihre Aufmerksamkeit mehr der übrigen Gesellschaft zu.

Nicht weit entfernt saß Arne neben Fräulein Thora auf einem Ecksofa. Sie hatten traurige Gesichter und schwiegen beide. Aber ihre Augen hingen ineinander.

Dann sagte Fräulein Thora: »Ja, das ist es wohl – es ist nun wohl das letzte Mal. Wir werden uns nie wiedersehn.«

»Wir werden uns nie wiedersehn,« sprach Arne wie mechanisch nach und senkte seinen hellen Lockenkopf.

»Ich hätte Ihnen noch etwas zu sagen,« fing Fräulein Thora wieder an, »wenn wir nur in andern Verhältnissen wären –

O Gott! Ich werde selbst nicht aus mir klug – es ist alles so wunderlich – –!«

Arne nickte stumm und sah mit einem demütig-sehnsüchtigen Ausdruck zu Fräulein Thora auf – mit diesem rührenden Blick eines treuen Hundes, den Esther so wohl an ihm kannte. –

»Ist das nicht komisch?!« hörte Esther Herrn Nybloms amüsierte Stimme neben sich. Und gleich darauf wiederholte er: »Gnädiges Fräulein, finden Sie das nicht auch recht toll?«

»Ja, es ist toll,« sagte Esther und wandte sich langsam nach dem Fenster um.

Und drüben lag das Meer – weit und schwerdunkel – nur nach den Ufern zu schäumten die Wellen weiß auf im Mondlicht.

Lange stand sie so und sah hinaus, und als sie die Augen wieder zurückwandte, war alles so klein und vergänglich um sie her geworden, wie ein kurzes Komödienspiel. – Und sie sah auf diese Menschen mit denen sie lebte – und alles war fremd und ferngerückt. – Und sie fühlte ihr Herz leer – aber weit vor Sehnsucht zum Unbekannten. – –