VIII

Und sie sprach noch einmal mit Arne.

Sie sagte: »Zwischen uns ist ein Mißverständnis, Arne, wollen wir es nicht fortthun?

Wir waren bestimmt Kameraden zu sein – gute Kameraden, die einer am Leben des andern teilnehmen, aber nicht das Leben teilen. Wir haben uns geirrt.«

Arne sah finster zu ihr auf. »Was willst du mir denn sagen – mit deinen schöngewählten Worten – du?«

Das Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Er hatte sie so getroffen mit seiner verborgenen Anklage: sie wählte die Worte, weil sie nichts mehr fühlte.

Sie sah ihn hilflos an und wartete, ob er noch sprechen wollte – aber er schwieg.

Zwischen beide drängte sich wie entschleiernd das helle, kalte Licht des Vormittags. Esther konnte jeden Zug seines Gesichtes deutlich unterscheiden – und er wurde ihr immer fremder. Zuletzt sah sie nur noch die malerische Wirkung der Linien.

»Ich habe es ja gesehen – gestern abend –« sagte sie endlich nur unter dem Gefühl, daß eine Antwort von ihr erwartet würde. Ihre Stimme war fast tonlos.

»Was hast du gesehen?

Du hast gesehen, daß mir jemand Kamerad und Freund wurde, weil du es nicht sein wolltest. Weil du mir nichts gegeben hast von deiner Seele – und für meine kein Verstehen.

Und trotz alledem ist mir noch jetzt ein gutes Wort von dir lieber, als die ganze Seele jeder andern Frau –

Verstehst du das? Es ist, weil ich dich liebe! – Und nur, weil ich weiß, daß ich deine Liebe nicht habe, war ich fortgegangen.«

Da fühlte sie, wie seine Worte eine Schuld auf sie luden. Und sie preßte die Hände ineinander und wagte nicht mehr aufzusehen. Ja, das war es: ihre Liebe war der seinen nicht ebenbürtig.

»Ich fühle mich so arm vor dir,« sagte sie endlich ganz leise und demütig.

Er starrte sie an – ohne zu begreifen. Ganz überrascht und entsetzt sah er aus, wie jemand, der ganz unvorbereitet etwas Unglaubliches erfährt.

Esther sah das und dachte: So hat er nur seine Vorwürfe gemacht, um widerlegt zu werden? – hat gar nicht daran geglaubt, daß alles dieses, was er sich selbst und mir zur Entschuldigung vorbringt, sich wirklich so verhalten könnte?

Und sie erkannte ihn plötzlich, wie er sich unter der stets bereiten Selbstverzeihung einem Wohlgefallen hingegeben hatte, das bald der Liebe glich. Und dann war er plötzlich nach beiden Seiten gebunden, denn er konnte weder ihre Liebe, noch Thoras Bewunderung entbehren. Und – er würde nicht lange einsam bleiben, wenn sie ihn jetzt verließ.

Sie sah ihm ruhig, wie einem Fremden in das verstörte Gesicht. Eine leichte, fast mehr physische als seelische Abneigung stieg in ihr auf.

»Also du – du liebst mich nicht? Du hast mich nur in dieser ganzen Zeit betrogen?!« brach er gegen sie aus.

Sie fühlte gar nicht seinen Zorn und die Absicht zu beleidigen – »Ich habe dich nicht mehr betrogen, als mich selbst,« sagte sie. »Denn ich habe dich zu lieben geglaubt. Und ich habe keinen andern Willen gehabt, als die Liebe zu dir. Aber ich habe mich in mir selbst getäuscht.«

»Das siehst du ein bischen spät ein!« fuhr er sie herausfordernd und höhnisch an. Er war ganz kampfbereit.

Sie sah fremd und verwundert auf ihn und ging still aus dem Zimmer.


Nun kamen noch wenige Tage von jener quälenden, niederdrückenden Trostlosigkeit, wo wir das Leben ohne den Maskenstaat der Wünsche und Hoffnungen nur mehr in seiner plumpen Alltäglichkeit sehen – wo wir uns fürchten aufzublicken, weil uns alle Dinge mit fremden, verzerrten Gesichtern anschauen könnten – wo uns vor der köstlichsten Speise graut, weil wir den Ekel dahinter spüren. – – – –

Esther erwartete nur die Antwort einer Berliner Pensionsdame vor ihrer Abreise.

Gleichgültig und ohne den kleinsten Aufschwung der Phantasie hatte sie den Beschluß gefaßt, sich dort im Malen auszubilden.

Selten wohl ist jemand mit so geringen Erwartungen der Kunst entgegengegangen. – –

»Ich kann dich nicht halten, Kind – ich weiß, daß ich dich hier nicht festhalten darf,« sagte der alte Rude zu Esther – und dabei sah er sie doch suchend an, als könnte sie ihm jetzt noch sagen: alles soll gut werden.

Und wie sie stumm blieb, wiederholte er sein altes Wort: »Wie du es willst, wird es schon recht sein.«

Da trat sie mit einer leichten scheuen Bewegung zu ihm hin und lehnte sich an ihn. Und er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich, bis sie ganz leise weinte an seiner Brust. Es war jedoch nicht lange gewesen, dann machte sie sich schon wieder los.

Er sagte aber: »Ich danke dir.«


Eliza kam am letzten Abend zu ihr. Sie schlüpfte zu Esther ins Bett, weinte viel und ließ sich gerne trösten. Sie wollte immer neue Liebkosungen von Esther haben und spielte stundenlang eine kleine, sanfte Komödie des Schmerzes. Es war so schön, wenn Esther sie küßte und ihr gute Worte sagte! –

So kam es, daß sie erst im letzten Augenblick die Trennung wirklich begriff. Und nun stand sie, mit ihren seltsamen Augen, die alles Traurige verstanden, starr vor sich hinblickend in stummer Erschütterung.

Es wird erst kommen, wenn ich fort bin, dachte Esther, und ihr Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen, daß sie nun nicht mehr dieses Kind schützen und trösten dürfe – daß diese Seele mit der frühen Todesahnung dem Leben preisgegeben war. –

Neben ihr im Wagen saß Arne. Er hatte darum gebeten, sie nach der Bahn fahren zu dürfen. – Adam Rude hatte sich eingeschlossen und durch Arne einen Brief geschickt, den Esther erst unterwegs lesen sollte. »Es steht alles drin,« mußte Arne ausrichten.

Arne hatte den hellen Kopf die ganze Zeit gesenkt, und Esther wunderte sich plötzlich, warum es ihr früher nie aufgefallen sei, daß seine Traurigkeit etwas so Unreifes, Knabenhaftes hatte – es war jene Traurigkeit, für die ringsum die ganze Erde ein Garten des Trostes bleibt.

Und sie wünschte ihm, schon wie aus der Ferne, ein künftiges Glück, als sie sich mit einem einfachen »Lebewohl« trennten. Sie saß schon im Zug und sah noch einmal zum Fenster hinaus, da wollte er noch etwas sagen – aber die Thränen nahmen seine Stimme. »Leicht getrocknete Jugendthränen,« dachte Esther. Und plötzlich sah sie ihn wieder, wie er mit seiner warmen, strahlenden Jugend zu ihr gekommen war – zu ihr, die nur Schmerz und Schweigen kannte. Und ihr Herz füllte sich mit einem Dank, der ohne Bitterkeit war. –

Neben ihr saß als einzige Reisegefährtin eine Pflegeschwester. Sie las erst aus einem kleinen, schwarzen Gebetbuch, wobei sie die Lippen bewegte und andächtig vor sich hinsah.

Dann begann sie ein Gespräch. – »Reisen Fräulein weit?«

»O ja,« sagte Esther zerstreut.

Die Schwester ließ sich nicht einschüchtern. »Wohl gar bis Kopenhagen?« fragte sie.

»Bis Berlin.«

Die Schwester machte andächtige Augen. »Ja, waren Sie denn schon einmal in Deutschland, und können Sie die Sprache verstehen?«

»Ich bin Deutsche,« sagte Esther.

Da drückte sich die Schwester ängstlich in eine Wagenecke und sah erschrocken und unentwegt auf das junge Mädchen. –

Esther nahm den Brief des alten Rude heraus und öffnete ihn – und las:

»Mein einzig liebes Kind!

Nun gehst Du fort, und ich konnte Dir nicht Lebewohl sagen. Ich konnte es nicht, weil ich meiner nicht sicher war, weil ich mich vielleicht verraten hätte. Und was soll die Liebe eines alten Mannes zu einem Kind?

Du bist durch mein Leben gegangen wie ein lichter Traum; das ist es, was ich Dir zu danken habe.

Zuerst sah ich Dich wie ein Kind – ein schönes, liebes Kind, an dem ich meine Freude haben durfte. Aber Du bist vor mir gewachsen – mit jedem Tag gewachsen zu dem einzig begehrten Weib.

Du bist mir alles geworden, und ich hätte alles für Dich hingegeben, wenn ich nicht immer gewußt hätte, wie vergeblich solche Liebe ist. Und ich wollte Dir nichts anthun, Dich nicht damit erschrecken, mein einzig liebes Kind, darum habe ich immer geschwiegen.

Aber heute, nun Du gehst, will ich Dir meine Liebe mitgeben wie einen Dank, und Du darfst sie nehmen, weil sie so ganz anspruchslos ist und nichts will, als Dich feiern.

Lebe nun wohl, Du, die alles Glück zu vergeben hat – und mögest Du den finden, der dieses Glückes würdig ist.

Dein
Adam Rude.«