XI

Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen.

Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten, ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber, gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie sich mit immer größerem Eifer hingab.

Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind.

Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall zu beherrschen.

Denn was ein einziges Mal unwissend wohlgelungen ist, soll wieder und wieder gelingen können unter der Leitung eines bewußten Willens. Das erst ist Können – Kunst!

Und so kam es, daß sie nach und nach mit ihrer ganzen Persönlichkeit überging zur Arbeit.

Ihr Gefühlsleben schrumpfte gleichsam zusammen bis zu jenen kleinen Alltagsempfindungen, die sozusagen zu den Anstandspflichten des Herzens gehören.

Sie war Zuschauer, nichts als Zuschauer gegenüber dem Leben.

Und das Leben rächte sich, so daß ihr jeder menschliche Eindruck zur hohlen, seelenlosen Karrikatur wurde.


In den freien Zeiten schlenderte sie oft durch die Straßen, ohne viel zu denken. Zuweilen erregten die Vorübergehenden ihre Aufmerksamkeit. Dann dachte sie noch einen Augenblick über sie nach, bis diese lässige Müdigkeit alles mit Gleichgültigkeit zudeckte.

Und doch war es in diesen Stunden körperlicher und geistiger Abspannung, daß ein Erlebnis an sie herantreten wollte.

Sie kam an einer der großen Kunsthandlungen vorüber, in deren Schaufenstern an jedem Sonnabend eine neue Ausstellung für die kommende Woche arrangiert wird.

Nach ihrer Gewohnheit blieb sie stehen, um die Bilder zu betrachten.

Und heute –

Sie sah und sah –

Und da war alles vergessen, was schwer auf ihr gelegen.

»Die Schönheit,« dachte sie nur, »die Schönheit!«

Auf der Höhe des Berges küßt der Mann in der Tracht eines fahrenden Sängers das Weib. Ganz zart berührt er ihre nackte Schönheit. Seine Augen sind geschlossen, um den Mund die Keuschheit des Betenden. Und über allem der stille, ruhende Ausdruck der Erlösung.

In dichter Fülle schlingen sich Rosen unter der goldenen Leiste hin, die den Abschluß des Bildes angiebt. Schwere brokatene Vorhänge, die in ihrer massigen Farbenauftragung den Vordergrund bilden, sind wie vor einem Heiligenbild zurückgezogen.

»Auf freier Höhe« heißt das Bild.

Und Esther stand davor und sah bald in den zart verblassenden Himmel, von dem sich eine kleine zitternde Birke abhebt – und dann auf die ruhige Schönheit der Frau, die mit einem entrückten Ausdruck ins Weite sieht, und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, in dem noch die Qualen verflossener Jugendzweifel zu kennen sind hinter der Ruhe der Befreiung.

Endlich riß sie sich los.

Und es war, als sei noch einmal ihre Seele im Erblühen gewesen unter dem tiefen Eindruck der Schönheit.

Sie sagte sich: das ist es, was ich einmal können will – Aber giebt es denn noch etwas zu wollen, wenn das geschaffen ist? Ist nicht alles damit ausgesprochen, so daß jedes, was noch kommen kann, nur ein Stammeln und Nachbeten bleibt?

Und dann kam eine kurze Zwischenzeit, die ein scheues Glück für sie brachte.

An jedem Tag ging sie zu den Schaufenstern der Kunsthandlung. Und dort stand sie vor dem Bild, das in ihr die Sehnsucht geweckt hatte, auf die freien Höhen der Kunst zu gelangen.

Immer wieder ging sie dorthin und träumte von einem kühlen, lichten Glück – von der klaren, sanften Erlösung aus bedrückendem Menschentum – durch die Kunst. –

Aber die Kunst will die freie Lust und den heißen Lebenswillen eines übervollen Herzens, und es heißt ihre Göttlichkeit beleidigen, wenn man ihr auf den Trümmern eines zerbrochenen Schicksals den Tempel erbauen will. –

Als einmal das Bild nicht mehr im Fenster hing, sank Esther müde in sich zusammen – wie beim Erlöschen des Lichts.


Noch in den ersten Tagen des März erweiterte sich Fräulein Schulzes Pension um einen neuen Gast.

Um seinetwillen hatte man eine Tafel in den alten Ausziehetisch eingefügt, und der Braten erschien fortan auf einer noch pomphafteren Schüssel als bisher und lag in einem förmlichen Wald von Petersilienkraut versteckt, der seine Blätter üppig über den Schüsselrand hängen ließ.

Ja, Fräulein Schulze wußte, was sie dem Rufe ihrer Pension schuldig war.

Ihr kleines, bleiches Gesicht unter dem Spitzentuch erstrahlte förmlich bei der Vorstellung: »Fräulein von Preller – Schriftstellerin.«

Fräulein von Preller hatte ihren Platz zwischen Esther und der Ärztin bekommen.

Esther sah flüchtig auf und begegnete dunklen Augen mit einem guten Blick, die den Haupteindruck in dem etwas fahlen Gesicht machten. Der Mund war stark und tiefgekerbt in den Winkeln. Es war eine ursprünglich rohe Form, die beim Sprechen durch den Ausdruck von Grazie und Lieblichkeit veredelt wurde.

Die Doktor Obenauf nahm gleich Beschlag von ihrer Tischnachbarin.

»Sie kommen hierher, um Studien in der Großstadt zu machen, nicht wahr? O, da könnte ich Sie mit Verhältnissen bekannt machen – mit Verhältnissen –!«

Sie ließ durch einen Augenaufschlag die Art dieser Verhältnisse ahnen, fuhr jedoch, als keine Nachfrage entstand, von selbst mit einer Schilderung fort:

»Ich sage Ihnen, da kommt man manchmal in Häuser – Menschliche Wohnungen – nein! menschliche Wohnungen ist nicht der passende Ausdruck für solche Viehställe!

Denken Sie mal, da hat man kürzlich ein Gesetz erlassen, daß es verboten ist Schweine und Geflügel auf der Etage zu halten. Denn es ist vorgekommen, daß man in einem Zimmer den Hausherrn, die Hausfrau, zwei erwachsene Töchter, einen Zimmerherrn und ein Schwein einquartiert fand –

Faktisch, ich sage Ihnen: das alles ganz gemütlich in einem Zimmer!

Es lohnt sich wirklich, so was anzusehen!«

Wie sie jetzt einen Augenblick schwieg und beifallsuchend über die verlegene Tischgesellschaft hinsah, erwiderte Fräulein von Preller mit ruhiger Liebenswürdigkeit im Ausdruck:

»Ach nein, um solche Studien zu machen, bin ich keineswegs hergekommen. Es wäre mir zu unerträglich, derartige Zustände mit anzusehen, ohne da helfen zu können.

Ich könnte mir denken, daß einen das ganz mut- und kraftlos macht für jede gewohnte Thätigkeit, wenn man einsehen muß, daß man so machtlos davorsteht.

Ich wenigstens möchte einen solchen Versuch mir nicht zutrauen.«

Doktorin Obenauf lachte dröhnend. »Das müssen Sie sich aber abgewöhnen, wenn Sie Schriftstellerin sein wollen! Man muß alles sehen können! Leute mit Nerven taugen nichts!« schrie sie, so daß die kleine Musikschülerin entsetzt zusammenzuckte.

Ehrhard, Baron von Dunkelmann lächelte überlegen.

Als keine Antwort von seiten der Angeredeten erfolgte, knüpfte Doktorin Obenauf mit einer neuen Frage an:

»Sie können gewiß gar nichts vertragen, nicht wahr?

Da müßten Sie sich mal zur Abhärtung die Bilder in einem meiner medizinischen Werke betrachten! Donnerwetter, da würden Sie schön Ihre Nerven bekommen!

Die könnten Sie nicht ansehen – und da die Fräulein Franzenius auch nicht, – das versichere ich Ihnen!«

Die beiden also Zusammengestellten betrachteten sich unwillkürlich lächelnd. Dann wandte sich Fräulein von Preller zu der Doktorin.

»Sie könnten vielleicht in Ihren Voraussetzungen recht haben, Fräulein Doktor,« sagte sie. »Darin nämlich, daß es nicht das Ziel meiner Wünsche ist, physiologische Abnormitäten mit Wohlgefallen betrachten zu lernen. Im übrigen kann ich Sie aber über den Zustand meiner Nerven vollkommen beruhigen.«

Die Obenauf fühlte nun doch eine Zurückweisung durch und lenkte ein:

»Wie wollen Sie denn aber als Schriftstellerin das Leben, wie es nun einmal ist, richtig beschreiben, wenn Sie sich vor jedem dritten Eindruck fürchten?«

»Ich glaube, so viele Schriftsteller es giebt, aus so viel verschiedenen Gründen schreiben sie – und eben so verschiedenartig sind die Eindrücke, die sie dazu veranlassen. Ich kenne zum Beispiel ein junges Mädchen, der es möglich ist, sich jeden Kummer wegzuschreiben. Manchmal fängt sie weinend an und über dem Arbeiten wird sie ganz froh und ruhig. Ihren Sachen sieht man es aber keineswegs an, daß sie alle unter Thränen und Traurigkeit entstanden sind – sie reden alle von dem, wohin sich nur eines Menschen Sehnsucht gern verlieren mag.«

»Das ist aber nicht das richtige. So egoistische Leute, die nur für sich allein was schaffen, sind keine Künstler,« erklärte die Ärztin. »Die Kunst muß social sein in allererster Linie.«

»Es mag wohl sein, daß sie keine wirkliche Künstlerin ist,« sagte Fräulein von Preller. »Man kommt ja oft ganz von ungefähr zu seinem Titel – So verdanke ich ihn im Augenblick nur Fräulein Schulzes Liebenswürdigkeit die –«

»Aber gnädiges Fräulein!« rief hier Fräulein Schulze ganz ängstlich, »entschuldigen Sie doch, aber ich habe Ihnen heute selbst einen Brief gebracht, der so adressiert war!«

Fräulein von Preller lachte. »Ja dann wird am Ende so eine fremde Redaktion besser wissen, was ich bin, als ich selbst!

Den Titel aber überlasse ich trotzdem lieber denen, die sich einen Beruf aus dem machen, was mir etwa nur – Erleichterung ist.«

Da bekam die Ärztin ein ganz strenges Gesicht. Sie drückte ihren ausgestreckten Zeigefinger in die Schulter ihrer Nachbarin und fragte ausdrucksvoll: »Jetzt sagen Sie mir aber mal, mein bestes Fräulein, mit welchem Recht machen Sie mit ihren leichtsinnigen Anschauungen da denen Konkurrenz, die von nützlichen und angebrachten Dingen aus selbstgeschöpfter Erfahrung zu reden wissen, und die auch die Unannehmlichkeiten ihres Berufs nicht scheuen?«

Da bekam das junge Mädchen einen ganz eigen hoheitsvollen und abweisenden Ausdruck.

Es giebt Menschen, die ihre Wahrheiten in keiner Stunde der Intimität verraten, denen es aber nicht darauf ankommt, sie in freier Willkür gleichsam denen vor die Füße zu werfen, die ihnen mit unverständigen Angriffen begegnet sind. Es ist das ein unerklärliches Bedürfnis, sich gerade da auszusprechen, wo man gewiß ist, tauben Ohren zu begegnen.

So sagte sie: »Ich schreibe, weil es so viele Dinge giebt, nach denen ich mich sehne – Und ich schreibe, weil ich alles das loswerden will, was in meinem Leben traurig und verfehlt gewesen ist.

Zu lange und zu schwer an den Dingen tragen entkräftet – da wird man ihrer ledig – in der Kunst –

Und Ideale giebt es, die sind schön und zart über die Maßen – aber sie taugen nicht in das Leben – da trägt man sie hinüber in die Kunst.

Denn es gilt vor allem, das Leben zu hüten, weil nur von einem ganzen Menschen ganze Kunst kommen kann.

Aber sollte es dennoch eine Wahl geben zwischen Leben und Kunst, so würde ich immer sagen, ›das Leben ist das bessere – das Leben!‹«

»Welche Lästerung der Kunst!« schrie die Ärztin entsetzt, wandte sich ab und vertiefte sich fortan nur mehr in die Genüsse, die der Wald aus Petersilienkraut verbarg.