XII

Esther konnte oft des Nachts nicht schlafen. Sie hörte dieses gequälte Husten des Schwindsüchtigen, und wenn es so ganz unerträglich wurde, fühlte sie sich immer versucht, aufzuspringen und irgendwie zu helfen.

Sie litt mit unter diesen entsetzlichen Anstrengungen des Atemholens. Sie machte jeden Anfall mit durch, der ihn mit einem leisen, keuchenden Husten durchschüttelte, und sie selbst atmete erleichtert auf, wenn sich endlich dieses verzweifelte Ringen nach Luft wieder legte. –

In einer Nacht, da mußte es wohl besonders schlimm sein. Sie hörte ihn nach der Verlobten rufen:

»Nancy! Nancy! Hilf –«

Und nach einer halben Minute wieder: »Kommst du nicht?« –

»Sei still, sei still!

Bleib nur ganz ruhig liegen. Ich bin schon da.«

Die Stimmen und Geräusche klangen mit einer hohlen Deutlichkeit durch die Stille der Nacht.

Esther konnte hören, wie Nancy ihm sein Morphium gab und sich dann ans Bett setzte und hüstelte.

»Ist dir auch nicht kalt, Nancy?«

»Bewahre, ich bin abgehärtet.«

Eine Weile war alles ruhig, dann: »Mir ist so gut jetzt – aber magst du noch ein bißchen dableiben?«

Esther verstand diesmal keine Antwort.

»Erzähle mir, Nancy, sprich davon, wie es sein wird, wenn wir verheiratet sind und drüben in Königs-Wusterhausen in dem kleinen Häuschen am Walde wohnen –«

»Ja, das wird gut sein,« sagte Nancy – »gut für uns beide. Dann haben wir uns ein nettes bißchen Geld zusammengekratzt und können auf die elende Hetzerei mit den Redaktionen pfeifen.

Dann schreibst du in aller Gemütsruhe an deinem Roman, und wenn die Hofjagden sind, dann verständigen wir uns mit ein paar Zeitungen und können in aller Bequemlichkeit das Material für die interessantesten Berichte sammeln.«

»Ach Gott ja, mein Roman! – Elend lange liegt der nun schon!«

»Na Schatz, dann hast du ja doch Zeit die schwere Menge!« –

»Famos ist Wusterhausen – findest du nicht?

Der Park mit den Linden –

Und so überall diese Ruhe –

Man sollte denken, da könnte eins in aller Geschwindigkeit wieder zu Kräften kommen!«

»Sprich nicht so viel. Ich erzähle dir lieber –

Weißt du noch, wie wir zum ersten Mal dort waren und über die Heide fuhren? So viele gelbe Blumen blühten gerade. Der Kutscher sagte, daß es Ginster wäre. Wir haben dann ja auch 'n ganzen Packen abgerupft, aber in der Bahn haben wir sie vergessen.

Und dann bei der Mühle. Da hingen die Zweige von den Kastanienbäumen bis ganz ins Wasser – höchst malerisch! muß man sagen. Man hätte 's gleich für 'n Gedicht verwenden können – wenn man nicht die Lyrik so schlecht bezahlt wäre.«

»Das elende, elende Geld!«

»Gut genug, wenn man's hat!«

»Nancy, rechne mal: wann haben wir genug zusammen?«

»Na, warte mal –

Wenn wir uns vielleicht an dem Preisausschreiben beteiligen – wir können ja gut zusammenarbeiten – und wenn wir dann vielleicht den dritten Preis zu 5000 Mark bekommen, dann steht doch überhaupt nichts mehr im Wege, dächt' ich?

Dann gingen wir vielleicht erst noch den Winter über nach Davos – Du weißt ja, da ist jetzt die großartige Einrichtung für unbemittelte Lungenkranke. Und wenn wir dann unser bißken los sind – und 's wird recht schön warm bei uns hier – so gegen Mai hin – dann siedeln wir über.«

»Nancy, weißt du's noch genau: wie heißen gleich die Bedingungen für das Preisausschreiben?«

»Ein moderner Stoff, der Tagesfragen berührt – nicht über 20.000 Zeilen –«

»Nicht über? – Das ist gut! Als ob jemand mehr schriebe, wenn nicht Zeilenweise bezahlt wird!«

»Tagesfragen – liegen uns ja nahe.«

»Können wir – mit Leichtigkeit.«

»M. w. – m. w.!« sagte Fräulein Nancy.

»Nancy – war nicht neulich in der ›Litterarischen Praxis‹ nicht auch ein Preisausschreiben zur Reklame für eine Strumpfwirkerei?«

»Jawohl: 300 Mark als erster Preis. M. w. ebenfalls.«

»Nancy – ich bin – jetzt – müde.«

»Na, dann gute Nacht, mein Schatz!«

Esther hörte Fräulein Nancy in ihr Zimmer zurückgehen. – – – –

Am nächsten Morgen kam Fräulein Schulze ganz verstört zu Esther hereingestürzt.

»Ach Gott, mein liebstes, bestes Fräulein,« rief sie, »ich möchte ja nicht, daß es jemand anders erfährt, aber zu Ihnen muß ich mich nun aussprechen – sie haben es auch am Ende so dicht nebenan schon selbst gehört: Ihr Zimmernachbar ist heute früh gestorben – an einem Blutsturz – so ganz auf einmal!«

Esther fühlte, wie sich ihr die Kehle zusammenschnürte vor Mitleid und Entsetzen.

»Weiß es denn schon die Braut?« fragte sie endlich.

»Jawohl, die sitzt bei ihm und will niemand bei sich haben. Sie sagt, daß sie ausziehen will, sowie er unter der Erde ist.«

»Kann man denn nichts für sie thun?« fragte Esther mechanisch. Und dann noch einmal voll Wärme: »Besinnen Sie sich doch, Fräulein Schulze, was man da thun könnte!«

»Da kann nur unser Herrgott helfen – für mich ist dieses ganze Vorkommnis ja auch sehr peinlich – wer weiß, ob niemand deshalb auszieht,« sagte Fräulein Schulze und wischte sich mit dem Taschentuch die Augen.

»Ach nein, vielleicht ist es doch möglich,« meinte Esther, »ich will jetzt gleich vor der Malstunde einmal hinübergehen.« –

Sie klopfte an und trat auf ein rauh hervorgestoßenes »Herein!« in das Zimmer.

Es war ein ganz winziges Kämmerchen – ungleich dürftiger noch als das ihre.

Der Tote lag ausgestreckt auf seinem Bett. Er hatte ein leidensverzerrtes Christusgesicht.

Esther ging auf Fräulein Nancy zu, die ihr feindlich entgegenstarrte. Sie wagte kein Wort des Beileids zu sagen, bot nur ganz schlicht ihre Hilfe an.

»Lassen Sie mich in Ruhe,« sagte Fräulein Nancy, »ich gehe Sie nichts an, und Sie gehen mich nichts an. Das hier ist allein meine Angelegenheit.«

Esther ging still wieder hinaus. Sie traf Fräulein Schulze im Gang. »Nun,« fragte die, »haben Sie was erreicht?«

Esther verneinte niedergeschlagen.

»Ich sagte es Ihnen ja, liebes Fräulein, da kann nur unser Herrgott helfen!«