XIV
So oft hatte Esther sich die Heimkehr in Gedanken vorgestellt, daß nun die Wirklichkeit für sie gar kein Leben gewinnen wollte.
Sie ging immer nur vor sich hin und dachte, ob es dies eine Mal auch gewiß kein Traum sei, wie so oft schon vorher.
Es war ein weicher Märztag gegen die Dämmerung zu, und überall lag noch ein Duft von Sonnenwärme. Kein bekannter Mensch begegnete ihr unterwegs. So kam sie bis an den Garten.
Sie konnte sich Zeit lassen. Niemand ahnte ja, daß sie schon hier war. Leise klinkte sie das Pförtchen auf und ging über die regenfeuchten Wege. Bräunlich war noch der Rasen von vergangenem Schnee, nur einzelne frischgrüne Lichter lagen darüber.
Aber da – hinter den großen Erlen wuchsen Schneeglöckchen!
Wie oft hatte sie sich den Garten vorgestellt und immer gemeint, so bis auf alle Einzelheiten noch alles genau zu wissen. Und nun wuchsen da Schneeglöckchen, an die sie nie mehr gedacht hatte.
Nein, es war kein Traum, diesmal!
Ein unendlich zärtliches Gefühl – eine kindliche, kindliche Freude erfüllte sie. Und sie meinte, es hätte ihr kein lieblicheres Erlebnis werden können, als daß daheim die Schneeglöckchen blühten.
Weich und fast heiter war sie, während ihr stille, warme Thränen über das Gesicht liefen. Alle großen, leidenschaftlichen und dunklen Empfindungen schwiegen vor der kleinen, kindlichen Freude.
Alles war gut und milde in ihr, und sie war bereit, unter glückliche Menschen zu treten. –
Sie ging langsam auf das Haus zu. Amseln rannten vor ihr über den Weg und versteckten sich zwitschernd in den kahlen Büschen. Das Haus lag stolz und feierlich vor ihr. Alles war ihrem Herzen ein weiches Entzücken.
Da trat jemand auf die Veranda heraus. War das Lydia? Sie schien so viel weiblicher, anmutiger.
Sie ging hin und her, dann blieb sie am Geländer stehen, und ihre Finger spielten in den dürren Weinranken.
Esther kam langsam auf sie zu. »Lydia!«
Das Mädchen griff sich nach dem Herzen. Dann schritt sie zögernd die Stufen hinunter in den Garten, während Esther unwillkürlich stehen blieb.
»Ach du, mir war es, als müßtest du da sein,« sagte Lydia. »Deshalb bin ich herausgekommen.«
Sie gaben sich die Hand, denn es waren nie nähere Zärtlichkeiten zwischen ihnen üblich gewesen. Aber Esther fühlte die ganze alte Treue in dieser einfachen Begrüßung.
Dann gingen sie miteinander, sich noch immer bei der Hand haltend, ins Haus hinein.
»Ich bringe sie Euch!« sagte Lydia, und Esther sah die beiden zusammen, die sie in Gedanken hatte trennen wollen.
Sie waren schöner noch geworden – beide. Und es schien, als könne man sich keinen ohne den andern denken. Sie paßten zusammen, wie ein Bildwerk, das der Künstler aus einem einzigen Marmorblock gemeißelt.
Fast schien es, daß eine körperliche Ähnlichkeit zwischen ihnen entstanden war.
Maria nahm die Schwester in ihre zarten Arme und küßte sie. Esther fühlte einen warmen, schmeichelnden Hauch im Gesicht.
Wie war es doch? War sie nicht gekommen, um dieser da das Glück zu rauben?
Das alles lag so fern.
Sie fühlte sich auf eine neue, feinere Art eins mit ihnen allen. Das tödliche Begehren schwieg.
»Wie schön, daß Sie gekommen sind, Esther,« sagte Lothar.
Esther fühlte etwas Fremdes an ihm – vielleicht, daß seine Freudigkeit leichter, harmloser als früher war. Er hatte ja auch im Glück gelebt.
»Ja, wir wollen es jetzt gut miteinander haben – und nie wieder gehst du fort, Schwesterlein, ja? Versprich uns das!«
Und Maria hob sich ein wenig auf die Fußspitzen, während ihre Hände auf Esthers Schultern ruhten. So waren sie gleich groß, daß sich die Gesichter gegenüberstanden. Maria lächelte zärtlich.
»Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin, wieder hier zu sein,« sagte Esther.
»Ja – nicht wahr? Ich habe nie begreifen können, daß du fort mochtest.«
Nun mußte Esther erzählen. Sie wunderte sich selbst, wenn sie so leicht über die vielen Kleinigkeiten reden konnte, die teils aus einem allzubedeutungsvollen Leben stammten, teils aus jener toten Zeit, wo alles Äußerliche an ihr vorüberging, wie ein gelesenes Wort, das nicht zum Herzen dringt.
Zuweilen begegnete sie Lydias gutem Lächeln.
»Aber ich will nun zum Vater,« sagte Esther.
Ach richtig, der Vater! Ihn hatte man ja ganz vergessen.
»Mein liebes Kind – mein liebes Kind,« sagte der alte Franzenius immer wieder und schüttelte seiner Tochter die Hand.
»Vater –« Esther sprach es ganz leise, gleichsam, wie um sich zu erinnern.
»Wie geht es dir denn, mein liebes Kind?« Er besann sich sehr, um etwas zu reden. Eigentlich gab es ja gar nichts zwischen ihnen, was sie sich mitteilen mußten. Sie hatten eben nur immer nebeneinander hergelebt und nur das besprochen, was der Alltag mit sich führte. –
Und dann saßen sie alle zusammen um den großen runden Tisch. Und Lydia hatte die Theemaschine vor sich und sah sehr hausmütterlich aus. Alle behandelten sie mit sehr viel Respekt und zugleich mit einer Art, als ob sie ganz schrecklich abhängig von ihr wären.
Lydia hatte Würde bekommen.
Es lag etwas Zufriedenes, Beglücktes über einem jeden von ihnen. Esther fühlte, hier war sie nicht entbehrt worden.
Am nächsten Tag ging sie mit Maria durch den Garten.
Maria ließ die knospenschweren Zweige durch ihre Finger gleiten. »Bald werden wir Blüten haben,« sagte sie. »Und auch heiraten können wir dann.«
Esther traf es so tief und schneidend. Sie hätte sich aufbäumen mögen, wie ein verwundetes Tier.
Sie blieb vor Maria stehen.
»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen –«
Maria sah ihr ruhig und unschuldig ins Gesicht.
Nun mußte sie der Schwester gestehen, daß sie gekommen war, um ihr den Geliebten zu nehmen. Ja, das mußte sie jetzt, damit es ehrlich war, zwischen ihnen.
»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen,« wiederholte sie zögernd.
Und dann zitterte ihr Blick fort von den klaren, fragenden Augen der andern – und sie ging wortlos weiter.
»Was war es, das du mir sagen wolltest?« fragte Maria neben ihr hinschreitend.
»Nichts – o, nichts von Bedeutung.«
»Arme Esther, du siehst so gequält aus – du mußt viel gelitten haben,« sagte die schöne Maria. Und über ihr wiegten sich segnend die blütenverheißenden Zweige, und die Blümlein freuten sich, wenn sie das Kleid der Allerschönsten streifte. –
Lothar kam in den Garten. Und wie von je suchten seine Augen Marias gesegnetes Angesicht. Aber nicht mit dem müden, schweren Ausdruck von einst kam er zu ihr – die Frohheit und Sicherheit des Glückes hatte auch ihn durchdrungen.
Esther dachte: wir sind uns so viel fremder geworden. Ich muß ihm ja nicht mehr wie damals mit Schmerzen folgen – er ist glücklich.
Und das Gefühl der Einsamkeit, das vor der ersten Heimatsfreude zurückgewichen war, durchdrang sie wieder.
Nie wird es sich aus einem Menschen löschen, wenn er einsam gewesen ist in jener bittern, schweren, sehnsüchtigen Einsamkeit, die zu keusch ist, um nach »Menschen« zu greifen.
Die lieber ihr Leid trägt, als sich an ihrer Schmerzen Heiligkeit vergreift.
Und die doch so arm und tiefgebeugt werden kann, daß sie sich sehnt, mit weggewandtem Gesicht die Hand auszustrecken, bettelnd, ohne den Geber zu sehen – um dann doch immer nur die Gabe verschmäht aus den Händen gleiten zu lassen.
Denn heiliger sind alle Schmerzen der Sehnsucht, als jede Erfüllung aus fremder Hand. –
Und sie dachte: Ich möchte dich hinabziehen zu meinen Schmerzen, zu meinen Entbehrungen und Kümmernissen. Nur daß ich dich für mich allein hätte.
Du bist mir fremd geworden in deinem Glück. Ich aber sehne mich nach Schmerz und Erdenschwere an deiner Seite.
Alle Güte war von ihr gewichen. Sie sah auch nicht die Lieblichkeit der Schwester mehr.
Sie sah Lothar mit einem dunklen Blick an. »Ich muß dich zu mir sehnen können,« dachte sie.
Seine Augen aber glitten an ihr vorüber. Und er verstand sie nicht. –
O sie wußte wohl, er war nicht von jener feilen Art, die sich durch ein Wohlgefallen von ihrer Liebe ablocken läßt, wie jener, an dem sie sich geirrt hatte –
Aber das was sie ihm bot, mußte er doch fühlen als das Kostbarste, was je ein Mensch dem andern bewahrte – die Sehnsucht eines ganzen Lebens –
Diese todesstarke Sehnsucht mußte ihn zu ihr zwingen. –