XV
Und der Frühling kam so mit Macht!
Einmal noch hatte der Winter das frühe Grün überdeckt, aber nun tauten schon wieder die Wasser von den Bergen und schossen durch das Flußbett. Weidenruten wurden im raschen Vorüberbrausen ergriffen, bogen sich, wehrten sich, wurden von der Strömung in die Länge gezogen und schnellten das Wasser peitschend zurück. Die Wiesen aber glichen Teichen, aus denen das Erlengesträuch mit hilflos erhobenen Armen emporstarrte. Und fortwährend war ein Rauschen in der Luft, als stürme die Sehnsucht durch das Land.
Ja, alle Einsamkeit wollte sterben, und in jedem Auge war Hoffnung. –
Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem Land, wo der Frühling so anders kommt als anderwärts. Wo er kommt wie ein plötzlicher starker Wille nach langer Beherrschung, wie ein Wille, der niedergekämpft lag in langen Zeiten – niedergehalten mit ehrlicher Kraft. Und nun steht er auf – wild und riesenstark geworden, während er gebändigt darniederlag.
Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem Land. – – – –
Und das Wasser trat zurück und leuchtete in der stolzen schimmernden Ruhe der Blütenzeit.
Wie mit weißem Schaum bedeckt standen die Bäume. Und war es nicht, als hörte man die Erde knistern unter dem Hervorbrechen der Blumen?
Alle Farben waren blank und glatt vor Unberührtheit. Ein feiner, schwebender Duft ging wie Liebesahnung durch die Natur, wurde voller und stärker und strömte zuletzt wie ein einziger tiefer Klang über alles Land. –
Hätte jetzt jemand Esther gefragt: »Ist es so? Ist es das: Du gehst umher und suchst den mit Gewalt an dich zu reißen, den du liebst – du bist schön geworden, weil du siegen willst, ist es das, Esther?« – Hätte jemand so gesprochen, so würde sie antworten müssen: »Ja, so ist es.« Und sie hätte auch noch gesagt: »Sieht mir das nicht ein jeder an? Ich bin schön geworden, weil ich seiner begehre!«
Wie eine köstliche Gewißheit trug sie es in sich, daß er zu ihr kommen würde, kommen mußte eines Tages. Ihr schien, sie hätte nicht mehr gejubelt und nicht mehr geweint, wäre es so gekommen – sie hätte es souverän entgegengenommen, als das was ihr gebührte.
Da war kein Zweifel mehr und auch kein Zurückschrecken vor dem Leid, das sie der Schwester damit thun wollte –
Es gab nur noch das eine Recht, das sie sich kraft einer todesstarken Sehnsucht errungen hatte. – –
Sie ging im Garten und hörte auf seinen Schritt. Sie wußte immer im voraus, wenn er kommen würde. Sie brauchte sich nicht einmal nach ihm umzusehen – sie kannte ein jedes Geräusch, das mit seinem Kommen zusammenhing.
An den Fliederbäumen blieb sie stehen, die ihre kleinen Blüten noch wie Fäustchen ballten.
»Bis der Flieder blüht, sollst du mir gehören,« dachte sie.
Und wenn er vor ihr stand, sagten ihre Augen: »Komm zu mir! Komm zu mir!«
Und sie ging hinaus in die Berge. Und dort, wo alle verschwiegenen Plätze ihre alten Geheimnisse kannten, warf sie sich an den Erdboden – mitten hinein in die honigduftenden, sonnengelben Schlüsselblumen und dehnte ihre festen jungen Glieder und that die Augen weit auf vor dem Licht.
Und dann fühlte sie die Liebe wie ein leises Beben am Herzen und horchte – horchte hinein in den Frühlingstag. – – – –
Einmal aber, wie sie draußen vor dem Gartenzaun vorbeiging, hörte sie dort drinnen Lothar zu Maria sprechen. Und er sagte: »Esther ist so schön geworden – anders noch als früher. Man möchte immer von ihr denken, daß sie ein beglückendes Geheimnis in sich trägt.«
Und Maria lachte. Leicht und sorglos lachte Maria. Maria, die Schönste, Maria, die Geliebteste hatte keine Antwort als ein kleines Lachen.