XVI
Und es kamen die stillen, schweren Tage des Frühsommers.
Alles Blühen wurde farbenreicher und üppig, und die Luft stand zitternd und hell über der Erde.
Es war gegen Abend.
Esther saß mit der Schwester und Lothar im Garten.
Die Vögel stießen schrille, scharfe Locktöne aus, die in der unbewegten Luft wie erstickt abbrachen.
»Es ist noch immer so heiß,« sagte Maria. »Die Büsche sind so dicht geworden und halten die Tageshitze gefangen. Wollen wir nicht einmal nach dem Berggarten sehen?«
Und sie gingen den grünen Heckenweg hinter der Stadt hinaus und erstiegen einen Berg, an dessen Hang sich Weingärten hinzogen.
Es war schon ein wenig dämmerig im Thal, droben aber lag noch das weißliche, schon abgetönte Licht des Sommerabends.
Ganz hinauf stiegen sie, bis zu einem kleinen Steinbruch, der von Schlehengestrüpp durchwachsen war.
Da hatten sie unter sich den weiten, blühenden Hang, der einmal ein wohlgepflegter Weinberg gewesen. Jetzt aber wucherten die tiefen Farben der Akelei zwischen den Reben, und weiße, scharfduftende Rosen waren im Erblühen.
Weit, weit unten lag die Stadt, aus deren Dämmern sich kleine, unsichere Lichtfunken hoben, und aus den fernen bläulichen Kornfeldern, die sich mit dem Sinken des Abends entfärbten, roch es frisch herüber.
Das Schönste aber waren die weißen Irisblüten.
Hell und gleißend erhoben sie sich dicht vor ihnen gegen den Abendhimmel.
Der Mond kam leicht und durchsichtig hinter den jenseitigen Bergen hervor und strich zögernd über den Himmel.
Die Irisblüten waren wie weiße, flackernde Flammen. Esther beugte sich tief hinab zwischen die glatten, glänzenden Stiele, die sich knirschend aneinander rieben und atmete den kühlen, unsagbar feinen Duft. Von der Nachtluft leicht bewegt, flatterten die Blütenblätter mit einem sirrenden Ton, der wie Seidenrauschen klang.
Maria erhob sich von dem steinernen Sitz und trat unter die Schwertlilien. Sie bog die Stengel auseinander und legte sich mitten unter sie.
Esther sah hinüber zu Lothar. Der blickte weit hinaus in das nächtige Land.
Aber der Nachtwind strich vorbei wie eine Sehnsucht nach kühlen, rätselhaften Geheimnissen.
»Ich liebe dich,« dachte Esther. »Ich liebe dich – –
Dringt es denn nicht zu dir? Kann meine Liebe noch für dich schweigen in dieser Nacht?«
Doch er schwieg und sah weit hinaus in das nächtige Land.
Da war ihr, als müsse sie sich jetzt erheben und zu ihm gehen und seine Hand fühlen. Als müsse sie sagen: »Komm nun zu mir, denn du bist bei mir zu Hause – bei mir allein.«
Aber sie regte sich nicht, folgte nur seinem fernen Blick.
Und es wurde ganz ruhig in ihr, ruhig wie zu einem angestrengten Horchen. Und ihr war, als sehe sie dort draußen im unbestimmten Licht zwei Seelen zusammenfließen – dort draußen – weit – zwischen Himmel und Erde.
Und ein tiefes, geheimnistrunkenes Glück verschleierte alle Wirklichkeit. Sie gab sich ganz dem Entzücken des Traumes hin.
Sie dachte: »Was geht mich die Erfüllung an und die Ewigkeit der Seligen? Liegt nicht alle Ewigkeit in diesem Augenblick?« –
Maria richtete sich halb zwischen den Irisblüten auf. »Was denkst du jetzt?« fragte sie Lothar.
Der wandte sich wie zögernd ihr zu.
»Ich dachte, wie leicht es sei, auf die Ewigkeit zu verzichten, da man sie doch fühlen kann in einem Augenblick.«
Da wußte Esther, es gab keine Täuschung mehr: Fern von der Welt der Wirklichkeit und des Bewußtseins hatten sich ihre Seelen berührt.
Und sie weinte ganz still – sie weinte die wunderbaren Thränen um eine erste bräutliche Berührung. – – – –
Maria war es, die zuerst sagte: »Es wird spät, wir müssen heim.«
Und wie sie wieder den Weg hinabgingen, schmerzte es Esther gar nicht mehr, daß Lothar und Maria sich an der Hand hielten wie Menschen, die allein für einander bestimmt sind.