XVII

Die Schwermut des Verblühens lag über dem Land.

Im Garten beugten sich die Lilien, die Reseda wucherte in den Rosenbeeten, und das Grün der Blätter vertiefte sich.

Ein schwerer Duft rang sich aus der Erde los, und die Schatten waren sehr dunkel. –

In dieser Zeit traf es sich einmal, daß Esther mit Lothar allein war.

Sie gingen nebeneinander den Kiesweg auf und ab, der ganz unten im Garten an der Ligusterhecke entlang führte.

Und Esther fühlte die Zeit verrinnen, als sei sie kostbar wie das Wasser, das der Durstende in der hohlen Hand geschöpft, und das nun Tropfen um Tropfen zwischen den Fingern hindurchgleitet.

Endlich sagte Lothar: »Sie muß bald kommen.« Er dachte an Maria.

»Ja, sehr bald,« antwortete Esther. Sie dachte: Tropfen für Tropfen verrinnt – Tropfen für Tropfen. Aber was will ich denn noch? Ist nicht jeder Wunsch zur Ruhe gegangen in jenem geheimnisvollen Glück?

Und sie fühlte, wie ihr die schwermütige Lieblichkeit des Spätsommertages zu Herzen ging – sie gleichsam heimatlich berührte.

Lothar sagte: »Ich liebe diese Zeit in der Natur mehr als irgend eine andere. Sie ist mir näher, vertrauter als manche, die ich schöner finde.«

Esther lächelte nur, wie er ihre Gedanken aussprach. Sie sagte: »Es giebt so viele Dinge, mit denen es so ist. Wir gehen vielleicht von ihnen fort, um etwas anderes über die Maßen schön zu finden – aber dann treibt es uns eines Tages doch wieder zurück zu dem, was uns heimatlich ist.«

Lothar fiel ihr ins Wort. »Und dann das – es ist das Sonderbarste: Wir wissen uns verwandt mit irgend einer fernen Zeit – einer Zeit, die lange vor uns lag. Und alles, was uns im Leben von dorther berührt, macht uns Heimweh.«

»Ja,« sagte Esther, »ich habe auch zuweilen gedacht, daß es jene Zeit ist, der wir angehören sollten. Nun glaube ich aber mehr noch, es ist die Verlassenheit, die auf allem Zurückgebliebenen aus fernen Zeiten liegt, es ist die Vergangenheit an sich, die so bethören kann.

Dort suchen wir uns dann eine Heimat, wohin wir alle erträumte Schönheit tragen können – eine Heimat, die sie mit uns vor den Menschen verschweigt.«

Esther sprach nicht weiter und fühlte nun seinen Blick. Sie hörte auch seinen Atem wie in Erregung tiefer gehen, sah aber nicht auf zu ihm.

»Esther – Sie sagen das – was in mir ist –«

Seine Worte waren zögernd, wie eine Frage gesprochen.

Esther dachte: »Warum soll er es nicht wissen, daß wir einander ähnlich sind wie nie zwei Menschen zuvor? –«

Und sie erwiderte ihm nichts.

Da sagte er, und seine Stimme klang seltsam bewegt: »Ja, Esther, wir sind uns sehr gleich. Und es thut gut, einen Kameraden im Leben zu wissen, zu dem die Dinge kommen wie zu uns selbst.

Maria ist anders.

Marias Heimat liegt in dieser Zeit und doch in einer höhern Welt. Zu ihr kommen die Geschehnisse schon geläutert und vergeistigt – gleichsam wie mit Engelsflügeln.

Aber alles Frohe und Leichte bedarf der Schonung. Es giebt so viele Freudenzerstörer. Sie braucht jemand, der sie schützt vor allem Schmerz – einen von uns Schweren, die in der Erde wurzeln und die Heimat in irdischen Vergangenheiten suchen. Einen von uns, die wir noch die Sehnsucht als Schmerz und Vereinsamung empfinden – und eben deshalb lieben müssen, was strahlend und leicht und erdenfern ist.

Einen von uns, dem sie Erlösung und Erhöhung ist.

Niemand kann wie Sie meine Liebe zu Maria verstehen, Esther –«

»Ja, das kann ich,« sagte Esther so langsam und leise, daß ihre Stimme klang wie ein verwehter Ton. –

Marias weißes Kleid schimmerte schon durch die Büsche –

Und dann kam sie selbst – schön und gütig wie das Licht.