XVIII

Da kam ein Brief aus Dänemark von Eliza.

Sie schrieb zuweilen diese kleinen Briefe, die klangen wie zärtliches Vogelgezwitscher. Und Esther waren sie immer eine schmerzliche Freude.

Als Esther den Umschlag öffnete, fiel aus dem zusammengefalteten Briefbogen eine Karte Adam Rudes. Die las sie zuerst, denn sie fürchtete schlimme Nachrichten.

Er schrieb:

»Mein liebes Kind!

Wenn es Dir möglich ist, thue es Eliza, worum sie Dich bittet. Sie ist recht krank und meint immer, daß sie durch Dich gesund werden kann.

Denke nicht an die Worte eines alten Mannes, die Dir vielleicht Deinen Entschluß erschweren könnten.

Ich verspreche Dir, das Vergangene soll Dir nichts anhaben, und ich selbst will Dich rein halten von meinem Schicksal, wie es geschah – bis auf das eine Mal.

Dein
Adam Rude. –«

Zitternd faltete Esther Elizas Brief auseinander.

Da stand:

»Meine süße Esther!

Wenn Du es doch thun wolltest und zu mir kämst. Ich sehne mich so sehr nach Dir.

Ich bin krank und sehne mich, daß Du gut zu mir bist. Komm doch!

Deine
Eliza,
die sich so schrecklich freuen würde,
wenn Du kämst!«

»Was hast du denn, Esther?« fragte Maria, die der Schwester allein gegenübersaß.

»Fort – ich muß gleich fort!« sagte Esther wie geistesabwesend.

Sie fragte niemand, sie zog niemand zu Rate – es war, als sei ihr ganzes Wesen schon dorthin enteilt, wo ihre sorgenden Gedanken waren.

Maria klagte: »Aber dann wirst du ja nicht hier sein zur Hochzeit!«

»Nein, das werde ich dann nicht,« sagte Esther mit einem seltsamen Lächeln und strich sich das Haar aus den Schläfen.

»Ach – aber – gelt, du bist doch nicht böse, wenn wir nicht warten bis du wiederkommst, Schwesterchen?

Du weißt doch, wir haben schon so lange warten müssen, bis Lothar die Anstellung bekam.

Lydia kann ja –«

»Ja, ich weiß, Lydia kann mich hier ersetzen,« sagte Esther und ging hinaus, ihren Koffer zu packen.

Dann telegraphierte sie nach Eriksgaard: »Ich reise morgen früh ab.« –

Am Abend saß sie mit Lydia und dem Brautpaar noch zusammen.

Lydias liebevolle Besorgnis nahm sie heute ungerecht auf. Es erinnerte sie so sehr daran, daß Lydia sie so ganz, so lückenlos ersetzen würde. Keiner würde sie, nicht einmal äußerlich, entbehren.

Man sprach sehr wenig. Es lag auf allen wie eine scheue Ahnung, daß eines unter ihnen war, das Schmerzliches in sich trug.

Lothar erbot sich schließlich, vorzulesen.

Und er nahm eins der Bücher, die er immer für Maria mitbrachte. Esther sah, daß es von selbst aufblätterte, nach Art der Bücher, die eine oft gelesene Lieblingsstelle enthalten.

Und er las ein Gedicht von Clemens Brentano:

Einsam will ich untergehn,
Keiner soll mein Leiden wissen,
Wird der Stern, den ich gesehn,
Je vom Himmel mir gerissen,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste!
Wenn der Stern, den ich gesehn
Mich zum letzten Male grüßte,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide!
Giebt der Stern, den ich gesehn,
Mir nicht weiter das Geleite,
Will ich einsam untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen.
Einsam will ich untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen!
Will der Stern, den ich gesehn,
Nicht mehr auf mich niederschauen,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Sklave an der Kette!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Sklave an der Kette!
Scheint der Stern, den ich gesehn,
Nicht mehr auf mein Dornenbette,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode!
Wird der Stern, den ich gesehn,
Mir nicht mehr ein Friedensbote,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren!
Wird den Stern, den ich gesehn,
Jemals meine Schuld verscherzen,
Will ich einsam untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen!
Einsam will ich untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen!
Soll den Stern, den ich gesehn,
Jemals meine Schuld verscherzen,
Will ich einsam untergehn
Wie mein Herz in deinem Herzen!

Er schwieg und sah mit einem verlorenen, träumerischen Ernst auf Maria.

Jenes leichte, lässige Gefühl der Glückssicherheit, das ihn in dieser Zeit meist an der Oberfläche gehalten hatte, war plötzlich von ihm gewichen.

Esther fühlte, ihm war nicht die Kraft verloren gegangen und nicht der Ernst, schwer am Leben zu tragen.

Und sie wußte, daß diese Worte, die er eben gelesen hatte, das Tiefste in ihm berührten – daß es das Glaubensbekenntnis seiner Liebe war zu Maria, der Einzigen.

Wie eine Nachtwandlerin that sie noch, was geschehen mußte.

Sie verabschiedete sich von Lothar, ohne den Ausdruck einer starren Ruhe, der den ganzen Abend über ihrem Gesicht lag, zu verändern.

Und während sie ihm die Hand gab, sah sie ganz tief in seinen Augen etwas wie ein leises Verstehen aufglimmen – ein fernes, unterdrücktes Verstehen, das nicht erst jetzt entstanden sein konnte.

Und sie fühlte wie ihr eigner Blick so ganz fest und ruhig wurde – wie um ein jedes Einverständnis abzuweisen.

Wenn er später an diesen Augenblick zurückdenken würde, so sollte es ohne die niederziehende Last einer Gemeinsamkeit zwischen ihnen sein. Sie konnte ihn so ganz verstehen: Seine Liebe mochte keine fremde Berührung auf sich dulden.

Ja, sie gab ihm mit diesem ruhigen, kühlen Blick die Fremdheit wieder, die zwischen ihnen bestehen sollte. –

Dann ging sie hinauf in ihr Zimmer.