DIE PESSACH-HAGADAH.
Von Theodor Zlocisti.
Israel das auserwählte Volk! Hat der Stolz dieses Bekenntnis geboren, der Stolz, der die Verpflichtung in sich trägt? Oder ist diese Überzeugung nur ein ethisches Erziehungsmittel unserer alten Meister, die unermüdlich Barrikaden türmten um die Zelte Jakobs, daß sie festblieben im brausenden Sturm der Zeiten und nicht ihr schützendes Dach verlören, wenn einmal die Sonne in mitleidigen Gnaden der Gemeinde lächelte? Formel und Stimmung der Segenssprüche und Gebete steigerten Israels Überzeugung von seiner Erwähltheit auch dann noch zu schöpferischem Leben, als das Verlangen nach der Erlösung von der Fessel jüdischer Verpflichtung jene — sonst ungeübte — Bescheidenheit aufkommen lassen mochte, nichts anderes und nicht mehr denn die Völker der Erde zu sein. Sein zu — wollen.
Die Geschichte sprach. Vor ihrer eindringlichen Rede mußte das Murren derer verstummen, die Israels Vergangenheit wie Sträflingsketten empfanden auf dem Wege des „Fortschritts“, der so viele Flüchtlinge sah.
Freiheitssehnsucht und das Ahnen einer höheren Berufung, das die Seelen in der Sklavennot festmachte im Entschluß und stark zur Tat, fügten die Stämme zum Volke. Aus mythischem Gewölk stieg es in den Lichtkreis der Geschichte. Völker, die am Morgen blühten, versanken in die Nacht. Der Trutz der Gewaltigen zerbrach. Die Kleinen verdorrten in der Schwüle. Die Herren der Welt und ihre Werke starben. Aber Israel, der Knecht Gottes, mußte leben. Und lebt.
Nur das Tote und was das Gesetz des Sterbens in sich trägt, hat eine Geschichte. Das jüdische Volk hat nur eine Vergangenheit. Es lebt, da es kämpfen muß: um sich, um Gott, um eine Zukunft. Es lebt harrend des Messias, der sich durch den Propheten Eliah ankündigt. Es lebt für das goldene Zeitalter der Menschen, das nur die Resignation sterbender Völker, die Verzweiflung der Geschichtsnationen in die Vorzeit, die war und nicht wiederkehrt, hat verlegen können.
Israel lebt; und dieses Lebendigsein läßt seine Vergangenheit nicht zur Geschichte erstarren. Was in den Zeiten war, muß den Geschlechtern wirklich sein. Und Gegenwart! War einstmals Erlebtes nicht unwertiges Beiwerk, sondern das Erlebnis, dann ist es heut wie einst: ewige Gegenwart, die kein Verblühen kennt.
Dieses ist des Peßachfestes letzter Sinn. Dieses ist das gestaltende Prinzip der Hagadah, das formende Element von Peßachbrauch und Sitte. „In jedem Geschlecht und Geschlecht ist der einzelne verpflichtet, sich selbst so zu sehen, als sei er persönlich aus Mizrajim gezogen. Denn es heißt: Und du sollst verkünden deinem Sohne an jenem Tage also: Wegen dessen, was der Ewige mir getan hat bei meinem Auszug aus Mizrajim... Nicht unsere Väter allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst, sondern auch uns hat er mit ihnen erlöst, denn es heißt: Und uns hat Er von dort herausgeführt, um uns zu führen und um uns zu geben das Land, das er unsern Vätern zugeschworen.“
Peßach als Geschichtsfest, als ein Fest der Erinnerung zu feiern, mußte als Entehrung gelten. Wer den Auszug aus Mizrajim nicht als ein persönliches Erlebnis in sich trug, war ein Abtrünniger, frevelte an dem Lebensgesetz des jüdischen Volkes. Nur der Böse — der Feind Israels! — konnte fragen: „Was soll dieser Dienst — euch?! Euch! Nicht ihm! Er schließt sich aus der Gemeinschaft aus. So verleugnet er das Wesentliche. Mache ihm darum die Zähne stumpf und sage ihm: Wegen dessen, was der Ewige mir getan hat bei meinem Auszug aus Mizrajim... Mir, nicht ihm. Er wäre von dort nicht befreit worden.“
Sich selbst als den Erlösten zu fühlen und fröhlich die Verpflichtung aus dieser Gnade zu tragen: das war die Überwindung der Zeiten. Ägypten war nicht einst. Es lebt fort als das Land unserer Knechtschaft. Und in neuer Gestalt nur steht es auf, Israel zu vernichten. Die Feinde wechseln. Die Feindschaft bleibt. Das Werkzeug der Frohnherren erneuert sich, und der Haß findet keckere Künste der Versklavung —: aber im Peßach trägst du die Gewißheit der Erlösung. Die Befreiung der Nation nimmt dem einzelnen die Kette ab. Und der einzelne, der in sich das Werk der Befreiung fühlt, erlöst das Volk. So verknüpft Peßach dich mit dem Volke und bindet die Geschlechter durch die Ewigkeit gemeinsamen Schicksals! Neue Zeiten steigen empor mit neuen Geschehnissen. Es sind die alten, nur in neuem Mummenschanz. Neue Geschlechter kommen. Es sind die alten, wird das Erlebnis des Vaters nur das Erlebnis des Sohnes. Aber die Kette der Geschlechter ist zerrissen, wenn der Sohn stumm steht vor der tiefsten Erregung des Vaters. Und also strebt das Erziehungsproblem unserer Meister empor zur Versöhnung und Verschmelzung der Gewordenen und der Werdenden: „Erzähle ihnen nicht. Sondern lehre die Kinder — fragen.“ Mah nischtanah halajlah haseh mikol halejloth ... Das Fest der Vergangenheit wird das Fest derer, die in sich die Zukunft tragen.
Als der Tempel noch auf der Höhe Zions stand, gab es wohl noch kein besonderes Rituale. Aus allen Städten und Gauen kamen die Familien in die heilige Stadt, um dort mit Opfern und fröhlichem Gelage ihre eigene Befreiung zu feiern. An drei Millionen Menschen — Freiheitkünder — sah noch kurz vor dem „jüdischen Kriege“ Jeruschalajim. Peßach machte sie zu einem Volke, wie die ägyptische Befreiung sie zu einem Volke gemacht hatte. Wie es die Kraft immer aus sich gebar, in Raum und Zeit Getrenntes zu vereinen, aus den Umständen Geschiedenes zusammenzufügen, so löste es in alter Zeit die Spannung der sozialen Schichten und der religiösen Bünde. Der Arme war der Gast des Reichen. Ha lachma anja — dies ist das Brot des Elends. Es gehörte den Dürftigen. Die Genossenschaften, die in der levitischen Reinheit lebten — die Chawerim —, wollten sich jetzt nicht vom Am haarez unterscheiden, dessen Sein und dessen Werk im Erdhaften wurzelten: Zu Peßach hieß es: Kol Israel chawerim. Das Fest weihte auch die Ungeweihten. Erst in der Folge weitete sich der Sinn dieser Formel zur Notwendigkeit eines Lebensprinzips aus. Pharao lag noch nicht am Boden. Römische Kohorten durchzogen das Land. Der Tempel fiel. Das Imperium romanum schwoll um eine neue Kolonie an. Viele mußten ins Elend ziehen. Aber des Peßach konnten sie nicht vergessen. Die im Lande blieben auf heimischer Scholle — den Zöllnern frohnend wie einst den Zwingherren in Ägypten — zogen wie einst hinauf in die heilige Stadt, opferten das Lamm und sangen, wie uns des Nazareners Jünger melden, den Lobgesang. Frühe schon war also das Hallelgebet in die Festordnung eingefügt worden. An die Stelle der fließenden Bräuche eines fröhlichen Freiheitsfestes hatte die Sorge um die Erhaltung des Volkstums die Ordnung gesetzt. Die Meister sahen den Gang der äußeren Geschicke schmerzergriffen. Aber weit in die Zeiten hinausblickend griffen sie besonnen das Werk an: der Weiterführung und Umformung mosaischen Gesetzes und jüdischer Sitte. Den neuen Lebensbedingungen des Exils sich weise anpassend, wollten sie die Verbannung überwinden, überdauern. Sprache und Brauch und die Übungen des heiligen Dienstes durften, sollten sich wandeln, damit die Seele des Volkstums in unbefleckter, unberührter Reinheit blieb. Peßach mußte gerettet werden. Es war die Rettung selbst! Die enge Beziehung der Nation zum Erlebnis ihrer Volkswerde — leidenschaftlicher annoch, als das äußere Band der Staatseinheit zerriß — mußte den Erstarrungsprozeß des Peßachrituale hinauszögern. Noch kämpfte das „Haus Schammais“ mit der Schule Hillels, ob nur der erste Psalm des Hallelgebetes — „Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobet den Namen des Herrn“ — vor dem Festmahl gesungen werden sollte oder auch der zweite, der sich dichter dem Sinn des Festes anschmiegte: „Als Israel aus Mizrajim zog, das Haus Jakob aus dem fremden Volke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich.“ Noch war die Formel des Weihespruches nicht festgeschmiedet. Rabbi Tarfon, der die Schergen der römischen Herrschaft fürchtete, fügte ihm nur den Satz bei:... „und uns diese Nacht erleben ließest, daß wir Mazzah und Maror darin essen dürfen“. Aber der jüngere Rabbi Akiba, der im barkochbäischen Aufstande das heilige Banner der Propheten trug, der gotterfüllte Märtyrer des letzten nationalen Verzweiflungskampfes, Akiba preßte die lodernde Flamme patriotischer Sehnsucht in die Worte: „Laß uns, Gott, noch andere Feste, die zu uns kommen, in Frieden erleben, jubelnd ob des Wiederaufbaues deiner Stadt, freudig in deinem Dienste, daß wir wieder essen dürfen von den Fest- und Peßachopfern, deren Blut — dir wohlgefällig — die Wand deines Altars berührt, und daß wir dir danken mit neuem Liede für unsere Befreiung und für die Befreiung unserer Seele. Gesegnet seist du Gott, der Israel erlöst.“ Mächtig brauste der Jubel dieses Festes persönlichen Erlebnisses auf. Und der Weihespruch, den die Weisen schufen, steigerte noch die Größe des Erlebnisses: ... „der uns erlöst hat und unsere Väter erlöst hat aus Ägypten.“ Die Väter traten zurück vor der Befreiung des lebenden Geschlechtes. Im Leid der Gegenwart sollte es die Wonne der Freiheit fühlen.
Allein da die letzte nationale Hoffnung verschüttet war, sollte sich der Ernst gleich einem schweren Tau in die sonnenfrohen Flügel der Festesfreude legen. Einst schwelgte der Jude nach dem Peßachmahle bei feurigem Weine. Lieder erklangen im Kreise; und die kichernde, schmeichlerische Flöte, das Lieblingsinstrument der Juden, zauberte im Kusse mit trunkenen Lippen hüpfende Weisen hervor. Da leuchteten die Augen und die Stirnen glühten. Die Glieder regten sich zum Tanze. Und freudetrunken zog die Jugend in die Häuser der Freunde. Sie scherzten und lärmten, bis die kühle Nacht sie hinausrief auf die Berge; sprangen sie nicht wie Widder, und die Hügel nicht wie junge Schafe? Das Echo der Felsen und Wände sang fröhlichen Refrain; und die Sterne lächelten...
Als zum Beginn des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung Rabbi Jehuda Hanassi die mündlich überlieferten Gesetze und Bräuche in der Mischnah festlegte, war das hellenisch anmutende Epikomon untersagt. Selbst nach dem dritten und vierten Becher des Rituale durfte kein Wein mehr genossen werden. „Warum all die Zeugnisse, Vorschriften und Gesetze?“ fragt das kluge Kind. Und beziehungsvoll soll der Vater antworten: „Man lasse die Peßachfeier nicht mit einem Epikomon schließen.“ Die Freiheit soll im Geiste erlebt werden. Nicht im Rausch. Die Freude in Bande zu schlagen, ward sittliche Pflicht. Israel war wieder im Galuth. Des Spiritualismus dichtes Gewebe hüllte schützend das einst erdhafte Volk.
Das Leben auf eigener Scholle war verwehrt. Das Leben im eigenen Geiste konnten nicht Feuer und Schwert und nicht die Macht der Cäsaren vernichten. Wenn nur die Kette der Geschlechter sich nicht löste! Im Kinde das nationale Erlebnis der Befreiung aus Mizrajims Sklaverei zu einem persönlichen aufsteigen zu lassen, wurde, je weiter die Zeiten schritten, um so deutlichere Aufgabe der Peßachübung. Schon Rabban Gamliel hatte gefordert, daß am Peßachabend von den drei Dingen, dem Peßachlamm, dem ungesäuerten Brote und den bitteren Kräutern gesprochen werden sollte. Das Kind mußte sehen, fragen und hören. In den Sinnbildern der bitteren Leiden Israels sollte ihm der Auszug aus Ägypten gegenwärtig werden. Und also fortbauend fügten unsere Meister Stein um Stein zu unserer Hagadah. Nicht eine geschichtliche Überlieferung galt es weiterzugeben; nicht antiquarische Kenntnisse zu erhalten. Die Frage nach dem Sinn des Peßachopfers schwand, als der Opferkult in die Form national durchsetzter Gebete eingeschmolzen war. Die Frage, warum sitzen wir heut angelehnt, wurde eingefügt. Und die anderen Fragen wurden nach den aus verändertem Milieu gegebenen Vorstellungen des Kindes neu gewendet. Die Antwort des Vaters gab zunächst wohl nur den schlichten Bericht von den Leiden Israels in der ägyptischen Sklaverei und von ihrer Befreiung. Aber in den Jahrhunderten wurden aus alten Büchern Geschichtchen entlehnt, die dem Feste galten und zur Seele eines jüdischen Kindes sprechen konnten. Als letztes Zwischenstück kam die geistvolle, packende Erzählung von den vier verschieden gearteten Söhnen, die nach dem Sinn des Festes fragen.
So wuchs die Peßach-Hagadah. Wie der Peßachabend die große Stunde des Kindes wurde, wurde die Hagadah das Buch des Kindes. Es löste sich aus den großen Folianten, in deren gewundenen Wegen es wie ein verborgener Garten lag; und führte klein und zierlich sein eigen Leben. Gebetstücke schmiegten sich an. Fromme Lieder baten um Eingang. Aber als um das Jahr 1100 die Hagadah ganz als selbständiges Werk auftrat, war ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Wie der Peßachabend die Geburtsstunde des Erlebnisses war, das sich immer wieder erneute, also verjüngten sich Brauch und Sitte, und neue Lieder schmeichelten sich ein, ernste und scherzende, wie das Lied von Böcklein, Chad Gadja, das Adirhu und die nachdenkliche Zahlenspielerei des Echad mi jodea.
Also wurde das Peßachbuch ein Lieblingsbuch der Juden. Ein Kinderbuch in unserem Sinne konnte es nicht werden. Zunächst schon, weil sich zum Seder die ganze Familie versammelte und der Eifer und die Nachdenklichkeit auch der Erwachsenen angeregt werden mußte. Aber weit darüber aus: hatte denn das jüdische Kind eine rechte Kindheit? Es sah die Sorge frühe um sich und die Angst, die in den Ecken hockte. Die Liebe, die es betreute, erbebte zu oft nur im Fürchten. Seine Spiele wagten sich nicht ins Freie. Sie suchten nicht das Leben zu erfassen, mit kindlichen Händen zu begreifen; sondern hatten geheime Beziehungen zu einem Sein, das über allem Irdischen ist. Frühe schon kehrte sein Geist ein zur Weisheit der Ahnen; ging er auch nur zagend und in kindlicher Befangenheit in diesen stillen Gärten, so wußte er doch, daß sie seine Welt sein — mußten.
So war die Peßach-Hagadah ein Buch auch für dieses jüdische Kind; wert und lieb noch den Gereiften, die ihrer kindheitarmen Kindheit gerne dachten, mit seiner niedergehaltenen Natürlichkeit und seinem gesteigerten Intellektualismus. Ein Buch, in dem die verängstete, freiheitsehnende Seele sich im Spiegelbilde fand. Ein Buch, das sich dem Alltag entzog und — alljährlich nur für zwei Abende der dunklen Truhe entführt — in den Monaten aufgestapelt die Freude am Lichte, an Freiheit und leuchtenden Augen trug. So war es, daß eine fast zärtliche Liebe dieses Buch wie nie ein anderes jüdisches Buch umgab. Es wurde häufig abgeschrieben, und sinnende Künstler wußten mit goldigen Farben, mit kecken Buchstaben und zierlichen Bildern den Ernst der schweren Buchstaben ins Heitere zu schmücken. Fünfundzwanzig dieser illuminierten Handschriften-Hagadahs haben in unsere Tage die Kunde liebevoller Sorgfalt getragen. Sie stammen aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, aus Spanien, Frankreich und Deutschland. Allein als schon die Druckerkunst die Demokratisierung des Buches begonnen hatte, starb die Freude an dem persönlichsten Besitz einer bemalten Handschrift nicht. Bis ins achtzehnte Jahrhundert blühten jüdische Meister dieser heiteren Kunst, und Aaron Schreiber Sterrlingen aus Gewitsch in Mähren war weit berühmt als Hagadahschreiber in den Landen. Auf schwerem Pergamente lebte die Geschichte vom Auszug aus Mizrajim. In langen Tagen und in Nächten erstand die Schrift; und Sinnen und Sorge, Segen und Versagung in den Schöpferstunden gruben sich in die Buchstaben ein. Bald liegen sie kauernd am Boden; bald streben sie empor, als wollten sie wie eine Jakobleiter der Enge des Irdischen entstreben. Noch ist der Buchstabe nicht zum Blei erstarrt. Getreulich folgt er Willen und Laune des Schöpfers. In den krausen, verschnörkelten Initialen spiegelt sich noch das verworrene Gewoge der Absichten, der Hoffnungen und Zagnisse, die jeden Gestalter im Anbeginn seiner Arbeit durchziehen. In den Zwischenstücken, die so scheinen wollen, als seien sie eine Erholung für den Leser, ruht der Sturm des Schaffens; und besonnen, nachdenklich wird die Linie der Zeichnung. Und wenn ein Stück zu Ende gebracht, tollt sich die Freude am gelungenen Werk in den Kapriolen der Phantastik aus. Die Lust am grotesken Buchstaben, der sich in Schlangenschwänzen, Giraffenhälsen, Karikaturenköpfen, in Blüten und Gezweige verliert, das Behagen an bizarren Schlußstücken und der sittliche Ernst, der Zwischenstücke formt — große Worte etwa, die wie Könige des Gedankens in Schloß und Burgen stehen oder sich in dichter Dornenhecke ungeweihtem Auge zu verbergen scheinen —: sie haben sich in allen handschriftlichen Hagadahs erprobt. In den Bilderbeilagen weichen sie indessen ab. Die älteste — zugleich das köstlichste Erbe jüdischer Künstlerschaft — die Hagadah von Serajewo bringt in enger Folge Bilder zur Genesis und zur Erzählung des Auszugs aus Ägypten. Die Illustration des eigentlichen Peßachrituale tritt hier zurück. Andere wieder schließen sich enger den Begebenheiten an, die im Peßach ihre ewige Wiederkehr feiern. Moses, sein wundersames Schicksal und seine Berufung werden der Mittelpunkt dieses eingeengten Bildkreises. Die Erzählungen von den vier Weisen, die zu B’ne-B’rak vom Peßach sprachen, bis daß der Morgen sie zum Gebete rief, die Typen der vier Fragenden, Rabban Gamliel, der die Festordnung schuf, werden im Bilde deutlich. Und Eliah sehen wir nahen, den ewigen Wanderer, der wie ein gütiger Tröster aus dem düstern Wirrsal der Gegenwart in den Frieden des Messias weist.
Wie sich die Formensprache des Zeichners aus dem Primitiven, über die Technik der Renaissance zum Realismus aufhellt, so prägt sich in der Auswahl der Motive die Stimmung der Zeiten aus. Dunkle Tage kommen, da der Haß die stachliche Peitsche schwingt. In den frühen Hagadahhandschriften, die stolze Herren aus romanischen Landen sich zeichnen ließen, herrscht das Bild, dem die Bibel den Vorwurf gibt. In den deutschen des späten Mittelalters will sich die Legende verkünden. Die große aristokratische Linie verläuft ins Volkstümliche, in die Träumereien des Gedrückten, in die Enge des Hauses. Die Helden und Starken — Simson, David — kommen in die Hagadah und — das Genrebild des häuslichen Lebens!
Der Weg dieser Entwicklung mündet in den Drucken und verliert seine letzte Spur im — Kliché. Von den 895 Ausgaben, die in den vier Jahrhunderten von 1500–1900 erschienen sind, tragen 194 bildnerischen Schmuck.
In den ersten Drucken, von denen uns Stücke erhalten sind, ringt noch ein echter, gottergebener Kunsttrieb. Der Druck vervielfältigte, demokratisierte das Buch. Aber der Meister saß in einsamer Klause, schnitt krause Gedanken, heilige und frohe Stimmung in seine Buchstaben und Stöcke; und die Phantasie des rechten Werkmannes machte das dürre Holz lebendig. Die Prager Hagadah von 1526 und die von Mantua aus dem Jahre 1560 sind köstliche Schöpfungen. Technisch gebunden an die Formen des deutschen Holzschnittes, motivisch geleitet durch die letzten illustrierten Handschriften-Hagadahs, ästhetisch erzogen durch die Renaissance finden sie den Weg zu persönlicher Gestaltung. Jede Seite hat ihr eigenes Leben. Ein naiver Kunstsinn verteilt den Raum. Die Zeilen sind ungleichmäßig, oft wie Blöcke aufgebaut, oft wie Terrassen ansteigend. Fruchtgirlanden rahmen die Seiten ein. Aber nicht in langweiliger Wiederholung. Stücke fallen aus, um einem Bildchen Platz zu geben; oder wuchtig rückt der Textwert vor. Mit den einfachsten Mitteln wird ergötzliche Mannigfaltigkeit erreicht. Die Bilder begleiten den Text; oft nur ein einziges Wort verdeutlichend. Die Legende drängt sich vor und das liturgische Element. Die Peßachfeier im Hause wird in realistischen Triptychen dargestellt. Und die Hasenjagd fehlt nicht. Sie war aus einem Merkwort entstanden: J. K. N. H. S. (Jajim, Kiddusch, Ner, Hawdalah, S’man): Jagnehas sprachen es die deutschen Juden. Und also kam die in der alten Kunst beliebte und symbolisch vielgedeutete Hasenjagd in die — Hagadah. Das kraftvolle Sch’foch chamathcha al hagojim — der Fluch gegen die Völker, die Gott nicht erkennen — erhält ein eigenes Schmuckblatt: Adam und Eva, Judith mit dem Haupte des Holofernes, Simson, der das Tor vom Tempel des Gottes Dagon trägt, und — Eliahu auf seinem müden Eselein. Die vier Fragenden stehen noch jeder für sich. Aber der Bösewicht trägt schon den Harnisch des Landsknechtes.
Es war nicht mehr die hohe Kunst und die volle Farbenpracht der illuminierten Handschriften. Aber es blieb doch ein Reichtum künstlerischer Gesichte und die Vielgestaltigkeit des Typographen.
Indes: Je weiter die Zeiten vorschritten, um so kunstloser, eintöniger wurden die Zeichnungen, bis sie im Morast der Erbärmlichkeit rettungslos stecken blieben. Es ist, als wäre mit dem Judentum auch der jüdische Gestaltertrieb in nicht mehr verstandener Überlieferung erstarrt —: war Peßach nur noch alter, geheiligter, anbefohlener Brauch, und war es nicht mehr das immer sich erneuernde Erlebnis der Befreiung?
Ist die Peßach-Hagadah tot? Und hat sie deshalb eine Geschichte? Oder will sich der große Tag verkünden, da Israel wieder hinaufzieht gen Jeruschalajim, zur Stadt des Herren, um dorten in fröhlichem Feste die Erlösung aus Mizrajim zu feiern, weil es in junger Seele die eigene Erlösung erlebt?