MIT DEM FRÜHLING.

Von Sch. Ben-Zion.

„Der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, vergangen.“ Der Lehrer fuhr wieder heim in seine Stadt und die Schule ist aus und vorüber. Nur einige Erinnerungen an die Melodie zum Hohenliede sind geblieben, die wie weiße Wolken am Himmel schweben. Awremel ist jetzt ein freier Mann; sogar einen Fingerring besitzt er, einen Ring von reinem Silber, den er im Kehricht fand. Er weiß aber noch nicht recht, was er mit seiner Freiheit und seiner Herzensfreude und mit dem Fingerring anfangen soll.

Der Himmel ist hell, die Sonne klar und neuer Schein über der Welt. Wie schön, wie lieblich wäre es jetzt, hinauszugehen und unter der Wölbung des reinen Himmels hinzuwandeln und still in die Tiefen der Welt zu träumen! Oder mit allen Gespielen wie junge Füllen hinzusprengen, die dem Wind nachjagen, den Duft der feuchten Erde, des neusprießenden Grases zu atmen, Könige zu wählen, Heere anzuführen und Krieg zu erklären!... Aber ach, eins hindert an all dem, eins ist unheilvoll: der Schmutz. Alle Gassen sind voll Morast, so daß nicht einmal ein trockener Übergang möglich ist.

Und im Hause geht erst recht alles drunter und drüber. In allen Zimmern eine heillose Unordnung; mit jedem Schritt stolpert man über allerlei Möbelstücke und Gerätschaften, die von ihren gewohnten Plätzen fortgerissen und durcheinandergerüttelt sind. Eiserne und kupferne Töpfe werden mit Knirschen und Kreischen geputzt, so daß die Ohren zerreißen und alle Nerven im Körper erzittern. Den Kissen und Matratzen werden die Überzüge abgenommen, dann klopft man sie mit Stöcken, dichter Staub steigt auf, Federn fliegen; und der Staub erhebt sich und füllt einem die Augen, er fällt wieder und legt sich auf alles; alles sieht so schmutzig aus, dazu ist es mit Kalk und Lehm beschmiert. Und von all dem Schmutz hat man einen faden Geschmack im Munde, wie von gelöschtem Kalk oder geknetetem Lehm.

Das alles hätte Awremel schließlich nicht gestört; hier seine Kraft und seinen Heldenmut zu zeigen, wo es ein gottgefälliges Werk war, das Haus auf den Kopf zu stellen, hätte ihm nur gepaßt. Aber seine Mutter stört ihn und vertreibt ihn von überall. Hier steht die neue Kiste, die man für Mazzoth gekauft hat, und dort ein Fäßchen für Borschtsch zu Peßach. Diesem „Allerheiligsten“ darf man nicht nahekommen. Wenn er in die Küche kommt und den Herd nur anrührt, jammert die Mutter gleich: „Herr der Welt, wozu lebe ich noch?“ Auch der alten Dienerin, die sonst zu Awremel immer so sanft ist, weil er doch ein „Gelehrter“ ist, darf er jetzt ohne Lebensgefahr nicht in die Nähe. Sie tüncht und kalkt mit der Magd, hadert mit ihrem Schicksal und lamentiert: „Herr der Welt, wie soll ich bis zum Seder-Abend mit all der Arbeit fertig werden?“

Der Herr der Welt scheint aber an ihrem Schmerz wenig Anteil zu nehmen und macht sich im Himmel und auf Erden einen prächtigen Frühling. Der Tag leuchtet immer tiefer, die Sonne gleißt, die Luft weht lau, der Wind geht frisch und eine geheimnisvolle Freude verbreitet sich im ganzen Weltraum.

Was soll aber Awremel anfangen? Er klettert auf den Schrank, um die Peßach-Hagadah zu suchen. Dabei wirft er ein Gebetbuch in den Kübel, in dem die Magd den Kalk mischt. Der Kalk spritzt hoch auf, daß die Magd fast blind wird. Die Mutter will ihn fassen, er springt herab, balanziert zwischen den Gefäßen, die dastehen, zerbricht einen irdenen Topf und entwischt.

„Unglücksjunge,“ ruft ihm die Mutter nach, „was hast du hier zu suchen? Trink Tee und geh ins Beth-Hamidrasch beten, wie jeder Mensch.“ Das leuchtet Awremel ein; schnell verschwindet er und verzichtet sogar auf den Frühstückstee; denn im Beth-Hamidrasch kann er seinen Gespielen seinen Ring zeigen, seinen Fund, und sie können ihm vielleicht einen Rat geben, was er damit tun soll.

Aber er findet im Beth-Hamidrasch keinen von seinen Freunden. Sie haben nicht so nahe wie er, so sind sie nicht gekommen. Der Schmutz hat sie umschlossen wie eine Wüste. So steht er einsam und allein unter den Erwachsenen, die schnell beten, und hat gar keine Lust, mitzubeten. Ihn beschäftigt nur eine einzige Frage: was soll er mit dem Ring tun? Soll er ihn verkaufen? Woher dann einen Käufer nehmen? Er muß ihn zuvor putzen, und zwar mit der Pasta, womit der Diener die Leuchter im Beth-Hamidrasch für die Feiertage putzt. Jede Ware gilt, wonach sie aussieht. Wenn der Ring wie neu sein wird, wird sich vielleicht irgendwie ein Bräutigam finden, der ihn als Verlobungsring kauft. Aber der Diener ist bärbeißig, er ist ein Soldat noch aus der Zeit Nikolaus I., und er jagt Awremel fort und läßt ihn nicht einmal zusehen. So geht Awremel fort und blickt voll Neid auf die neue Borte an dem Gebetmantel des reichen Reb Jeschua Heschel. Auch sie ist aus Silber; aber weil das Silber schön poliert ist, blühen zwischen den Fäden Lichtfunken wie goldene Augen. Und Awremel schlendert weiter und putzt seinen Ring, damit er ebenso schön glänze. Er reibt ihn am Leder seiner Schuhe und an dem Futter seines Rockes; und dabei belauscht er das Gespräch zweier Schnorrer, die einander erzählen, durch wieviele Dörfer und Städte sie in ihrem Leben gekommen sind. Der Dajan Reb Selig legt jetzt T’fillin; es ist schon spät und der Ring glänzt schon, aber er glänzt noch bei weitem nicht so, wie die Borte. Er will weiterputzen, während er zusieht, wie der Dajan seine T’fillin abnimmt und die Riemen zusammenlegt wie die Flügel einer Taube. Und Awremel putzt und putzt. Der Dajan hat bereits dreimal die Decke der Bundeslade geküßt, dann ist er fortgegangen; das Beth-Hamidrasch leert sich, Awremel wird müde und weiß nicht, wieweit er in seinem Gebete gekommen ist. Sein Herz ist leer und er schluckt vor Hunger seinen Speichel. Aber doch ist es ihm angenehm, so einsam und allein auf der Fensterbank zu sitzen, die von der Sonne beschienen ist, und in die Gasse zu sehen.

„Die Zeit unserer Freiheit.“ Freiheit ist ein schönes Ding. Es gibt keinen Zwang der Schule, keinen Zwang des Hauses; es ist still, friedlich und licht. Er sitzt da, schaut hinaus und weiß, daß an seinem Finger ein dicker silberner Ring glänzt; er sieht Wasserlachen im Schmutz der Straße stehen, moorartige Pfützen, die aber glitzern wie helles Gold und Märchen von rieselnden Quellen erzählen. Eine Kuh mit hängendem Bauch und vollem Euter, deren Rippen sich wie Beulen aus der schmutzigen Haut heben, steht regungslos, wie eine Statue, nahe der Wand. Sie zuckt nicht, kaut nicht wieder, bewegt kein Ohr; sie ist nur damit beschäftigt, ihren ausgefrorenen Körper der Sonne hinzuhalten. Ein großer Hahn mit seinen Hühnern bricht mit großem Aufruhr aus einem Bodenfenster; sie haben sich gegen ihren Zwingherrn empört, die Steige zerbrochen und verbreiten sich nun mit Gekreisch und Gegacker über das Dach. Der Hahn schlägt mit den Flügeln und ruft seine Freiheit mit lautem Kikeriki vom Dachfirst aus in die Welt. Zwei Leute tragen an einer Stange einen großen Korb voll Mazzoth vorbei, die im Sonnenschein leuchten; Awremel spürt ihren warmen Duft durch das Fenster und sein Hunger zerrt in ihm.

Er springt von der Fensterbank und will sich einreden, daß er schon zu Ende gebetet hat. Ist es denn anzunehmen, daß er bis zur Essenszeit mit dem Gebete nicht fertig geworden sein sollte? Da erscheinen eben zwei junge Leute, die miteinander eifrig und leise sprechen; anscheinend disputieren sie über eine wichtige Sache. Awremel ist der Meinung, es lohne sich, ihnen zuzuhören; und als sie stehen bleiben, schleicht er sich in ihre Nähe. Die Zeit, die er lauschend verbringt, kann ja zugleich für ein Gebet gelten; auf eins mehr oder weniger kommt es wahrhaftig nicht mehr an. So hört er, wie der eine, der Rote, zu dem Blassen mit dem dicken wollenen Halstuch sagt:

„Und glaubst du denn, das Hohelied sei wirklich eine Allegorie auf das Volk Israel? Gar keine Spur, sage ich dir! Es sind einfach Liebesgespräche zwischen Salomo und Sulamith und ihrem Herzensfreunde, dem Hirten....“

Der Blasse staunt und zweifelt, sein Gesicht flammt auf und er fragt: „Wie?“

Da springt Awremel aus seinem Lauscherwinkel hervor, lacht den beiden ins Gesicht und läuft aus dem Beth-Hamidrasch. Hinter dem Hause, unter einer Leiter und auf einem umgekehrten Faß ißt er sein Mittagmahl, Butterbrot, das ihm die Mutter gegeben, und ein Stück Zucker, das er „genommen“ hat. Und da er satt und zufrieden ist, findet er keinen anderen Platz als diese Leiter. Er steigt hinauf und steht schon auf der letzten Sprosse; alles in ihm spricht: „Die Zeit unserer Freiheit.“ Die Freiheit pocht in seinem Herzen wie ein gefangener Vogel, der an die Wände seines Käfigs pickt und davonfliegen möchte. Alle Dächer leuchten im Lichte der Freiheit; er hätte Lust, sich mit einem Satz auf den First zu schwingen und von Dach zu Dach über die ganze Stadt hinzuhüpfen.

„Sieh, da kommt er, springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Mein Geliebter gleicht einem Reh oder dem jungen Hirsche.“

Zwei Störche, Boten der Freiheit, fliegen über ihm dahin. Und was sind all die Geräusche von den Höfen her, all das Kreischen, Schlagen, Reiben, was ist es? Sind das nicht Rufe der neuen Freiheit? Freiheit in der Welt, Freiheit im Hohenliede. Über die Bibelverse ist ein neues, heiteres Licht ausgegossen.

„Die Blumen zeigen sich im Lande, der Lenz ist gekommen und der Turteltaube Ruf läßt sich in unserm Lande hören. Der Feigenbaum, schon reifen seine Früchte...“ Wenn man das alles wörtlich und einfach nimmt, ohne Deutung, ohne „Das heißt“ und „Er will sagen“ — kluge Worte hat der Rote gesprochen.

Von der Leiter zum Dachboden ist’s nur ein Sprung.

Unter dem Dache herrscht ein geheimnisvolles Halbdunkel. Alles ist still, nur eine Henne gackert von der Steige im Winkel her. Und vom Dache hört man ein freches Zwitschern: die Vögel plaudern dort und kratzen mit den Klauen ihrer dünnen Füßchen in einem bescheidenen Winkelchen: Sulamith verbirgt sich dort. „Meine Taube in den Felsspalten, in den Steinritzen...“

Die Welt draußen lebt, freut sich, arbeitet, ist geschäftig; hierher entflieht, um sich zu verbergen, nur alles Weiche, alles Süße, das in jedem Laute lebt. Hier tönt nur die Stille und Heimlichkeit, das Zittern des Alls. Und dies bildet hier einen köstlichen Schatz, einen Schatz verborgener Freuden.

Ein Windhauch kommt seines Wegs vorüber, flüstert und klappert im Kamin, zwängt sich herein, bläst in den goldenen Staub, der in der Sonne tanzt, bewegt die Spinnenfäden und verschwindet wieder... Awremel hockt in seinem Versteck, im schattigen Winkel, er kauert sich noch enger zusammen und schließt die Augen vor der Wonne seiner vielen Genüsse. Und ihm ist, als hätte der Wind ihn mitgenommen und an einem einsamen Ort in einen weichen Schoß gelegt, dort zu schlafen wie ein Kind. Aber die neue Wonne, die ihn erfüllt, läßt ihn nicht schlafen. Er weiß nicht, was er mit seiner Seele, was er mit dieser Wonne anfangen soll — so wie er mit dem Ringe nichts anzufangen weiß. Er ist reich über alle Maßen und hat für seine Schätze keine Verwendung. Er steht auf und geht langsam vor, als schleiche er listig, die helle Freude der Welt zu haschen; er klettert auf die Hühnersteige und legt seinen Kopf zum Dachfenster hinaus: welche Weite, welche Welt erschließt sich ihm da!

Er sieht alles und niemand sieht ihn: als hätte er eine Tarnkappe aufgesetzt. Er ist ein Herrscher, der niemand über sich hat. Und jenseits der Dächer, jenseits der Höfe, jenseits der weißen Wäsche, die an den Schnüren hängt und sich im Winde bewegt, sieht er einen grünen Berg, auf dessen Gipfel ein helles Wäldchen in einem dünnen blaugrauen Nebel fast verborgen ruht. Und der Berg dehnt sich in den Nebel hinein ins Unendliche und schmilzt wie ein Stück Zucker in heißem Wasser. Awremels Blick schwebt über den Wolkenhügeln, die vom fernen Horizonte aufsteigen, weiß wie Perlmutter. Er schwebt über den Schneestreifen, die zerschmelzen und wie flüssiges Gold gleißen. Eine Herde von Schafen und Ziegen zieht den Berg herab, der ganze Abhang ist bunt und gefleckt; und in Awremels Seele regt es sich mächtig, daß er in einem lauten Gesange seinen Jubel Luft machen muß. „Tu mir kund, o du, den meine Seele liebt: Wo weidest du? wo lagerst du am Mittag?... — Mit mir, vom Libanon, o Braut, komm mit mir vom Libanon! Meine Schwester Braut, von den Löwenwohnungen, von den Pantherbergen!“

Er und seine „Schwester Braut“ wandeln nebeneinander, beide schweben leicht dahin, ohne die Erde zu berühren, aneinander geschmiegt in zartem Kosen, sie zittern und schweben in der Luft wie zwei junge Pflänzlein, von einem würzigen Windhauch berührt. „Ich will zum Balsamberge gehen und zum Weihrauchhügel.“

Er ruft sein Lied von der Höhe hinaus und eine dünne, zarte, klare Stimme antwortet ihm mit melancholischer Weise aus der Tiefe:

„Lieb Mütterlein, o schweige still,

Daß niemand es erfährt;

O lösche meines Herzens Höllenbrand:

Gib, was es heiß begehrt!“

Dieses Lied singt die schwarze Adel, die Tochter Evas, der Witwe, die am Nachbarhofe wohnt. Ihr Häuschen ist so klein wie Kinderspielzeug, die Fenster sind winzig und hart über dem Erdboden. Die kleine Adel steht auf einem Schemel und tüncht die Außenwand der Hütte. Eine lichte Strahlenkrone flimmert um ihre Locken, in die der Wind bläst, daß sie ihr über Stirn und Augen fallen. Sie hebt ihr Gesicht, das von der Wärme des Tages blüht, zu ihm auf, blinzelt mit den Augen, rümpft das Näschen vor der Lichtfülle, die ihn umfließt, und öffnet ihre Lippen zu einem kleinen Lächeln. Sie bückt sich, taucht den Pinsel in den Kalkeimer vor ihren Füßen und kehrt zu ihrem traurigen Liedchen zurück.

„Vor Sehnen nach der Liebsten mein

Ist krank mein Herz und Blut.

Sie wohnt in einem kleinen Hüttelein,

Hat keines Hellers Gut.“

Und zum dritten Male ertönt die sehnsüchtig klagende Weise:

„Mein Mut siecht hin, mein Arm erschlafft,

Schwer trag ich dein Gebot.

Verweigerst du, die meine Seele liebt,

So bleibt mir nur der Tod.“

Und mit einer Stimme, die vor Sehnen vergeht, wiederholt sie:

„Verweigerst du, die meine Seele liebt,

So bleibt mir nur der Tod.“

In Awremels Köpfchen geht alles drunter und drüber. Er ist wie trunken von dem Liede, er will etwas tun, um Adel in Erstaunen zu setzen. Er fühlt: er ist leicht wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch, stark wie ein Löwe. Aber er kann doch nicht auf das Dach steigen und hinunterspringen —! So klettert er schleunigst die Leiter hinab, springt über den Zaun und in Adels Hof und nähert sich ihr, eben als sie den Pinsel wieder in den Kalkeimer taucht. Er faßt sie an der Hand und sagt: „Ich — ich — will dir den Pinsel eintauchen!“

Sie steht auf dem Schemel und tüncht die Wand mit dem Pinsel, den er eingetaucht hat. Ihr Kopf legt sich in den Nacken zurück, ihr leuchtendes Gesicht ist erhoben und ihre schwarzen Augen ruhen verborgen in dem Schatten ihrer langen Wimpern. Sie glänzen wie Punkte lauteren Goldes. Awremel sieht zu ihr auf und sein Herz ist voll Wonne; ohne es zu wissen, genießt er das Glück einer Blume, die in Tau und Licht badet.

Plötzlich stößt „seine“ Adel einen kleinen Schrei aus, preßt die Lippen aufeinander und zieht ihr Näschen vor Schmerz in Falten. Sie beugt sich zu ihm und zeigt ihm ihren Finger, in den der Kalk eine kleine Wunde gebrannt hat; dann reicht sie ihm einen Leinenstreifen, er solle ihr damit den Finger verbinden. Awremel ist eifrig und voller Freude, daß er Adel gehorchen und ihr helfen, daß er den Schmerz seiner „Schwester Braut“ stillen darf. Er wickelt den Streifen fest um ihren Finger. Doch hat er keinen Faden, den Verband festzubinden; und ohne nachzudenken, nimmt er mit freudiger Bewegung seinen Silberring und streift ihr ihn über den gestreckten Finger. Er steckt ihr den Ring fest an und sein Herz schlägt ihm laut bis in den Hals hinauf. Und er lächelt und spricht die Trauungsformel: „Du bist mir verlobt durch diesen Ring nach dem Gesetze Moses und Israels.“ Aber sogleich erschrickt er über das, was er getan hat...

„Wir wollen uns immer lieb haben, Awremel,“ spricht sie zu ihm: ein Scherz, der Wahrheit enthält.

„Gewiß, gewiß,“ versichert Awremel; dabei schämt er sich und zittert und erwägt, ob er jetzt nicht verpflichtet ist, ihr einen Scheidebrief zu schreiben?

Plötzlich wendet er sich von Adel ab und läuft schleunigst davon, vor dem Mädchen und vor dem Ring an ihrem Finger, klettert über den Zaun und auf die Leiter und verbirgt sich in der Dachkammer. Dort preßt er das Gesicht in die Hände; Tränen würgen ihn; hier will er vor Schande sterben an „seines Herzens Höllenbrand“, hier in dieser Bodenkammer „bleibt ihm nur der Tod.“

Und da ertönt Adels Stimme wieder in flehenden Tönen:

„Schon drei lange Tage zürnst du mir;

Sage, Liebster mein, was tat ich dir?

Glaubest, Zweifler du, ich lieb dich nicht?

Frag den Wunderrabbi, wie man tut,

Laß dir deuten, was der Traum dir spricht —

Gib mir deine Hand, sei wieder gut!“

Sie schämt sich nicht und sorgt sich nicht; aber auf ihm lastet seine Tat wie ein schwerer Alb, wie ein Traum aus einer schlaflosen Nacht, in dem trübe Bilder und Irrlichter wechseln. Er sitzt in der Finsternis wie ein von Gott Geschlagener und wartet, bis Adels Stimme schweigt. Dann erhebt er sich, steigt vom Boden hinab, traurig, schuldbeladen und sündig, wie einer, der zum Richtplatz geht... Die untergehende Sonne wirft einen roten Schein auf sein verschämtes Gesicht und leuchtet in feurigem Glanze.