NARREN, GAUKLER UND VOLKSLIEBLINGE
HERAUSGEGEBEN VON ALBERT WESSELSKI
DRITTER BAND: DER HODSCHA NASREDDIN I


DER HODSCHA
NASREDDIN

Türkische, arabische, berberische,
maltesische, sizilianische, kalabrische,
kroatische, serbische und griechische
Märlein und Schwänke
Gesammelt und herausgegeben von
Albert Wesselski
I. Band
Alexander Duncker Verlag
Weimar MCMXI

Alle Rechte vorbehalten.

DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE VON
ALEXANDER DUNCKER VERLAG
**** IN WEIMAR IN DER OFFIZIN VON ****
OTTO WIGAND M. B. H.
IN LEIPZIG IN EINER AUFLAGE VON 1000
NUMERIERTEN EXEMPLAREN GEDRUCKT;
AUSSERDEM WURDEN 50 EXEMPLARE AUF
BÜTTENPAPIER ABGEZOGEN. DER EINBAND
**********WURDE VON DER**********
LEIPZIGER BUCHBINDEREI A.-G.
VORM. GUSTAV FRITZSCHE ANGEFERTIGT.
DIESES EXEMPLAR TRÄGT DIE
NUMMER
1007

Herrn Professor
Dr. theol. et phil.
AUGUST WÜNSCHE
in Verehrung
und Dankbarkeit
gewidmet.


[Einleitung des Herausgebers.]

DIe Motive der Märchen sind der Ausdruck gewisser Vorstellungen, denen die Menschen irgendwo und irgendwann angehangen haben müssen. Es müssen wohl einmal, vielleicht auf der ganzen bewohnten Erde, wenn auch nicht zu derselben Zeit, das Tier, die Sonne, der Stein, die Wolke für den Menschen Dinge gewesen sein, deren Wesenheit er nicht von der seinigen unterschied, und sicherlich hat er sich von diesen Vorstellungen seines Kindheitsalters nur sehr langsam emanzipiert. Unbestreitbar ist es wohl auch, daß solche, gewissermaßen religiöse Anschauungen, die viele Generationen überdauert haben mögen, nicht von allen Angehörigen eines Rudels oder Stammes gleichzeitig aufgegeben worden sind, und ebenso darf man annehmen, daß sich ganze Völker von manchen Anschauungen früher losgesagt haben als andere. Es ist nun nur natürlich, daß bei denen, die irgendeinen Standpunkt längst überwunden hatten, Verwunderung und ein Überlegenheitsgefühl rege wurden, wenn sie auf andere stießen, die noch in dem alten Wahne befangen waren, und diese Empfindungen haben sich bei ihnen auch einstellen müssen, wenn sie auf naive Vorstellungen, die für sie etwa schon äußerer Umstände wegen unmöglich gewesen wären — zum Beispiele für Binnenvölker, daß die untergehende Sonne im Meere ertrinke — bei andern gestoßen sind. Nichts liegt nun näher, als daß diese Empfindungen der Höherstehenden ihren vorläufigen Ausdruck in einem Verlachen oder Belächeln der rückständigen Vorstellung gefunden haben. Während wir bei jedem der an der Zahl immer geringer werdenden Naturvölker ganze Gruppen von ihm eigenen und ursprünglichen Vorstellungen noch unmittelbar vorfinden, sind uns diese bei den alten Kulturvölkern nur in ihren Überlieferungen erhalten und zwar, primär, im Märchen, dann aber auch, mit einer Kritik verbunden, im Schwanke: das Märchen kennt keine oder nur eine falsche Logik; im Schwanke wird der Mangel der Kausalität belacht.

Die Entstehung des Schwankes, der nur ein einziges Märchenmotiv braucht, das eben belacht wird, ist also zum Unterschiede von dem Märchen, das dasselbe Motiv verarbeitet, an eine Kulturstufe gebunden, die schon einzelne früher im Schwange gewesene oder anderswo noch geltende Meinungen als widersinnig, als falsch erkennt. Der Vater, der, als ihm ein Kind stirbt, ein zweites tötet, damit das erste nicht den langen Weg allein zu gehn brauche[1], kann erst dann verlacht werden, wann die Vorstellung, daß der Tote noch die Bedürfnisse des Lebenden hat, im allgemeinen überwunden ist, oder nur dort, wo sie nie existiert hat; der Haß gegen ein Bild[2] kann erst dann ein Gegenstand des Spottes werden, wann der Glaube, daß dem Bilde die Eigenschaften des Originals innewohnen, seine Lebenskraft so ziemlich verloren hat, oder nur dort, wo er nie vorhanden war.

Wenn diese Theorie richtig ist, dann ist die älteste Gattung des Schwankes die Erzählung von der Dummheit des andern oder der andern, und mit jeder menschlichen Anschauung, die, ob sie nun der einfachen Naturbetrachtung oder einer höhern Geistestätigkeit entsprungen ist, im Laufe der Jahrtausende ihre Berechtigung verliert, wächst ein neues Schwankmotiv zu; von dem Lachen über den, der ein Tier durch Strafen witzigen will wie ein ungehorsames Kind, bis zu dem Lachen über das Weib, das einem Vaganten glaubt, er komme schnurstracks aus dem Himmel, liegt eine Reihe von unendlich vielen Gliedern. Der Schlauheitsschwank, der schon eine weitere Person einführt, die sich die Dummheit der ersten zunutze macht, darf keinen Anspruch auf das Alter des reinen Dummheitsschwankes erheben.

Der Dummheitsschwank trägt aber schon, und sei er noch so primitiv, den Charakter einer bewußten Verarbeitung eines freilich noch nicht als solches erkannten Märchenmotivs an sich, das er uns oft, indem er die Kuriosität der kindlichen Vorstellung demonstrieren will, in einer reinern Form als das Märchen überliefert; er ist gewissermaßen schon, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine Art literarisches Erzeugnis, und diese Eigenschaft muß ihn befähigen, auch dort, wo für seine Grundlage, nämlich das betreffende Märchenmotiv, als eine für die Ortsverhältnisse ungereimte Vorstellung eine Neuverbreitung oder als eine in grauer Vorzeit überholte Vorstellung eine Wiederverbreitung ausgeschlossen gewesen wäre, durch seinen absoluten Wert als Unterhaltungsstoff im weitesten Maße vorzudringen. Gar viele Märchenmotive, und gerade die ursprünglichsten, mögen erst durch den sie parodierenden Schwank auf fremden Boden verpflanzt oder auf dem eigenen zu neuem Leben erweckt worden sein.

Von den außerordentlich zahlreichen Dummheitsschwänken, die in der vorliegenden Sammlung — vorläufig sei nur von ihrem ersten Teile die Rede — an einen einzigen Namen geknüpft erscheinen, beruhen sehr viele auf so primitiven Vorstellungen, daß schon daraus erhellt, daß sie dem Manne, von dem sie erzählt werden, nur beigelegt worden sind. Wenn auch bei dem Mangel an alten Aufzeichnungen derartiger leichter und so lange mit Unrecht verachteter Geschichtchen viele Typen nicht sehr weit zurückverfolgt werden können, so müssen doch die obigen Erwägungen zu der Annahme eines ehrwürdigen Alters genügen, umsomehr als es klar ist, daß von dem Auftauchen eines Dummheitsschwankes bis zu seiner ersten Niederschrift eine geraume Zeit verflossen sein muß, in der er sich so wie das in ihm behandelte Märchenmotiv und oft mit diesem mündlich fortgepflanzt hat. Deswegen aber die Existenz des nunmehrigen Trägers dieser Überlieferungen zu leugnen, hätte wohl keine Berechtigung; es wird ja auch niemand einfallen zu behaupten, König Franz I. von Frankreich habe nie gelebt, weil von ihm eine Schnurre erzählt wird, die schon im Conde Lucanor steht.

Von dem Hodscha Nasreddin wird uns als von einem Zeitgenossen dreier wohlbekannter Fürsten gesprochen. Zuerst des Sultans Alaeddin III. (II.), des letzten Herrschers der Seldschukendynastie in Karamanien, der im Jahre 1392 Konia, das alte Iconium, und Akschehir, das alte Philomelion, an Bajazet I. verloren hat, dann eben dieses Osmanensultans und endlich des tatarischen Eroberers Timur, der am 20. Juli 1402 Bajazet in der Schlacht von Angora aufs Haupt geschlagen und gefangen genommen hat; dort, wo der betreffende Gewalthaber einfach Bei genannt wird, hat man die Wahl zwischen den drei genannten Fürsten und dem von Timur eingesetzten Bei von Karamanien, nämlich Mohammed, dem ältesten Sohne Alaeddins III., doch dürfte wohl meistens Timur gemeint sein, bei dem Nasreddin die Stelle eines lustigen Rates eingenommen haben soll. In dieselbe Verbindung wird Nasreddin allerdings auch mit Bajazet gebracht, einmal von dem Historiker De la Croix[3] und dann noch von Karl Friedrich Flögel[4]; beide vermeiden es aber, ihre Quellen anzugeben. Von seinem Freundschaftsverhältnisse zu Timur berichtet hingegen schon Demetrius Cantimir oder Kantemyr, der 1723 verstorbene ehemalige Fürst der Moldau, das Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften[5], und dieser schickt nicht nur seinen Erzählungen von Timur und Nasreddin die Bemerkung voraus, daß sich Timur nach den Historikern drei Tage lang bei Jenischehir aufgehalten habe, um den Erzählungen des türkischen Äsops zu lauschen, der ihm so lieb geworden sei, daß er ihm zuliebe auf die Plünderung dieser Stadt verzichtet habe, sondern sagt auch weiter, er entnehme die folgenden Schnurren einem türkischen Buche. Dem Alter, das dieses Buch gehabt haben muß, entspricht das von mehrern Manuskripten, die Decourdemanche für seine große Ausgabe von Nasreddins Schwänken[6] benutzt hat, und deren eines schon um 1600 niedergeschrieben worden ist; daher müßte sich wohl die Annahme, daß Nasreddin eine mythische Person sei, auf andere Prämissen stützen als auf die Tatsache, daß mit seinem Namen uralte Schwankmotive verknüpft worden sind. Daran ändert es auch nichts, daß eine Sage wissen will, er habe schon zu der Zeit Harun al Raschids gelebt: Mohammed Nasreddin, der damals einer der weisesten Männer gewesen sei, habe sich mit seinen Lehren in einen Widerspruch zur Religion gesetzt und sei deshalb zum Tode verurteilt worden; um sein Leben zu retten, habe er sich wahnsinnig gestellt. Der ungarische Gelehrte Kúnos, der sie erzählt, hat sicherlich recht, wenn er die Entstehung dieser Sage darauf zurückführt, daß man versuchen wollte, manche Späße des Hodschas zu rechtfertigen[7]. Nicht mehr Bedeutung darf einer persischen Überlieferung beigemessen werden, die Nasreddin als einen Zeitgenossen und Untertanen des Schahs Takasch (um das Jahr 1200 unserer Zeitrechnung) nennt[8]; hier war wohl der Wunsch maßgebend, den berühmten Nasreddin als persischen Landsmann beanspruchen zu können. In beiden Fällen handelt es sich überdies um ganz vereinzelte, von dem Massiv der übrigen Überlieferungen abseits stehende Anekdoten.

Weniger als das hohe Alter der von den Historikern übernommenen Traditionen fällt bei der Frage, ob Nasreddin der Mythe angehört, der Umstand ins Gewicht, daß der Hodscha Nasreddin im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts eine solche Berühmtheit genossen haben soll, daß einer seiner Nachkommen eben dieser Abstammung wegen ein kaiserliches Geschenk erhalten hätte. Wäre diese Geschichte tatsächlich, wenn auch nur in ihren Grundzügen und ohne das lustige Moment, von einem Historiker dieser Zeit bezeugt[9], dann wäre sie eine glückliche Illustration zu der Tatsache, daß damals schon Nasreddin als derselbe galt, als der er heute gilt, einer Tatsache, die aber schon aus dem Alter des ältesten der von Decourdemanche benützten Manuskripte hervorgeht.

Von nicht viel größerer Bedeutung für die Lösung jener Frage ist es wohl auch, daß noch heute in Akschehir das Grab des Hodschas Nasreddin gezeigt wird, wenn dieses auch schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts von dem berühmten osmanischen Reisenden Evlija Tschelebi besucht worden ist[10], und obwohl ihm, wie von mehrern Geschichtsschreibern bewährt wird, der Sultan Murad IV. (1623–40), der sich dort auf einem Feldzuge längere Zeit aufgehalten hat, die Anregung zu einem Gedichte verdankte[11].

Dieses Grab beschreibt der Grieche Walawani in einer dem Hodscha Nasreddin gewidmeten Monographie folgendermaßen[12]:

»Gleich beim Eintritte in den Friedhof von Akschehir zieht den Blick des Besuchers ein sonderbares Bauwerk auf sich. Vier in die Erde eingerammte hölzerne Säulen tragen ein viereckiges, einem rechtwinkeligen Vierflächner ähnelndes baufälliges hölzernes Dach, das ein Grab schützt; über diesem Grabe befindet sich ein außerordentlich großer Turban, der keineswegs aus Stein ist, sondern aus Leinwandbändern, die um das Grabsäulchen gewickelt sind. Drei Seiten des Grabes sind offen, und nur die dem Beschauer zugewandte, die nördliche, ist mit einer zweiflügeligen hölzernen Tür geschlossen, an der zwei ebenfalls hölzerne Schlüssel hangen. Das Bild des Grabes berührt wunderlich; der Beschauer wird nämlich gleich beim ersten Anblicke unwillkürlich von einem unbezähmbaren Gelächter befallen, weil er nicht sofort begreifen kann, warum das allen Winden preisgegebene Grab so sorgfältig verschlossen wird. Indessen dauert es nicht lange, so kommt er darauf, daß es sicherlich die Absicht des oder besser der geistigen Schöpfer gewesen sei, den Witz jenes Mannes zu versinnbildlichen, der auch noch im Tode Heiterkeit um sich ausgießt und ein Lächeln auf die Lippen zwingt; diese geistreiche Darstellung zu ersinnen war ein einziger, und noch dazu ein Asiate nicht imstande.«

Trotz Walawani kam man aber mit der Behauptung, es sei ein einziger Mann und wirklich ein Asiate gewesen, der die Idee zu diesem Grabmale gefaßt und auch ausgeführt habe; und dieser eine sollte niemand anders als Nasreddin selber gewesen sein. Kúnos erzählt nämlich, leider wieder ohne Quellenangabe[13]:

»Nasreddin verlangte einmal von Timur zehn Goldstücke, um sich ein Denkmal errichten zu lassen. In seiner gewohnten Freigebigkeit, aber auch aus Neugier erfüllte ihm Timur diesen eigentümlichen Wunsch. Der Hodscha ließ sich für die zehn Goldstücke ein Türbeh, ein Grabmal, bauen, das an drei Seiten offen und nur an der vierten durch eine Mauer geschützt war. In diese Mauer ließ er eine Tür machen, und an dieser ließ er ein Vorhängschloß anbringen. Das Türbeh trugen vier Holzsäulen, und er ließ es mit einem viereckigen Holzdache versehn, um darunter seinen Grabstein zu stellen. Den sonderbaren Bau, den er in dem Friedhofe von Akschehir aufstellen ließ, erklärte er, wie folgt: ›Den Nachkommen werden die großartigen Steinbauten Timurs nur Anlaß zu Tränen geben; Nasreddins Grab aber wird die Leute zur Heiterkeit stimmen und ein fröhliches Lachen auf ihre Lippen locken.‹ Und so geschah es auch. Der Hodscha wurde dort begraben« usw. usw.

Einzelnes aus dieser Geschichte stimmt mit dem überein, was Cantimir aus seinem livre turc über Nasreddin mitgeteilt hat[14]; aber Cantimir spricht von dem Bau einer einfachen Tür auf freiem Felde, und mit keinem Worte ist davon die Rede, daß sie dem Hodscha hätte als Grabmal dienen sollen. Diese Tür spukt auch in manchen Überlieferungen: die Serben erzählen von ihr, versuchen jedoch für die unklare Reminiszenz eine befriedigende Erklärung zu finden[15], und dasselbe tut der rumänische Dichter, der ja auch nur Volksüberlieferungen wiedergibt[16]. Aber mit Nasreddins Grab hat das Türmotiv nichts zu tun, und die sich so hübsch lesende Beschreibung Walawanis entspricht samt ihrer erweiterten Bearbeitung durch Kúnos keineswegs der Wahrheit.

Die Fabel von der Tür hat schon der erste Engländer, der sich mit Nasreddin befaßt hat, William Burckhardt Barker, dem sie freilich in einer andern, immerhin aber den Kern bringenden Form erzählt worden sein muß, mit der Autorität, die der Augenschein verleiht, klar und deutlich abgelehnt[17]: »Among other contradictions related of Nasr-il-deen Khoja, the Turks say that ›such were the contradictions in his character and throughout his whole life—sometimes appearing so learned, sometimes so stupid, etc.—that even after death these contradictions were kept up‹: and that ›his tomb has now an iron grate, with a large gate and lock, but no railing round it.‹ The author has, however, visited his tomb at Ackshahír, and can attest that it is ›a vulgar error,‹ and that it is a simple unassuming monument, with an iron railing round it, and a small gate and lock like the rest of the tombs of the Mosolmen near it.«

Und ganz gegenstandslos wird die Fabel, wenn man die auch auf eigenen Wahrnehmungen fußende Beschreibung liest, die der letzte Türke, der über Nasreddin geschrieben hat, von dem Grabmal gibt[18]: »Das Grabmal trägt eine Kuppel, die auf vier glatten, hübschen Säulen ruht. In der Mitte steht der Sarg mit dem gestreiften Turban, wie ihn die Hodscha zu tragen pflegen. Die Wände des Sarges sind auf den den Besuchern zugewandten Seiten voll einer großen Zahl von Aufschriften in Versen und Prosa.« Das ist alles; keine Spur von einer Tür, einem Vorhängschlosse oder einem Schlüssel. Im übrigen sei auf die in der Ausgabe Behaïs enthaltenen Lichtbilder verwiesen, die das Grabmal von innen und von außen und vor und nach seiner in den letzten Jahren der Regierung Abdul Hamids erfolgten Restaurierung wiedergeben.

Ob das Grab überhaupt als das Nasreddins betrachtet werden darf, ist eine andere Sache. Zu Häupten des Sarges findet sich nämlich folgende Inschrift:

Dies ist das Grab des Verewigten,
dem Verzeihung gewährt worden ist, der bedarf
des Erbarmens seines Herrn, des Verzeihenden,
des hochehrwürdigen Nasreddin.
Für seine Seele
(bete) eine Fatiha. 386.

Diese Jahreszahl macht Behaï viel Kopfzerbrechens[19]; denn auch wenn man sie verkehrt liest, erhält man als Todesjahr Nasreddins — und das soll sie ja wohl bedeuten — spätestens 1285 unserer Zeitrechnung, und Timur ist 1405 gestorben, Bajazet 1403. Aber weder von dem einen Herrscher, noch von dem andern wird ein Grab gezeigt; zu dem ihres Spaßmachers pilgern noch heute Tausende gläubiger Menschen. Was tut es diesen, wenn die Jahreszahl falsch ist? oder wenn das Grab wirklich nichts andres ist als die Frucht einer glücklichen Laune eines oder mehrerer Asiaten? Andächtig hängen die Wallfahrer ihre Zeugfetzchen, die das Fieber abwehren sollen, an die Gitterfenster des Grabmals; und die Einwohner von Akschehir bringen dem Hodscha sogar Speiseopfer, und werden die verschmäht, so glauben sie, eine Hungersnot werde hereinbrechen[20].

Die von Akschehir haben ja Nasreddins Macht, Wunder zu wirken, schon zu seinen Lebzeiten verspüren müssen. Als sie ihn einmal erzürnt hatten, ging Nasreddin auf den Akschehir beherrschenden Berg, der, etwa durch ein Erdbeben vergangener Zeiten, gespalten ist; vor diesen Spalt hing er einen kleinen Teppich, und damit machte er es den Winden unmöglich, über die Stadt hinzustreichen und die Wolken über sie zu schicken. Als der Regenmangel empfindlich zu werden begann, schickten seine Mitbürger eine Abordnung zu ihm mit der Bitte, er möge den verwunschenen Teppich von dem Spalte wegnehmen und seiner Vaterstadt einen Regen vergönnen. Der Hodscha ließ sich erweichen; und kaum hatte er den Rand des Teppichs ein klein wenig gehoben, so erquickte schon ein kühles Lüftchen die unter der Hitze schmachtende Stadt, und der Himmel säumte nicht lange, seine wohltätigen Schleusen zu öffnen[21].

Der Hodscha ist aber noch immer ein leicht reizbarer Herr; wenn einer, der an seinem Grabe vorbeikommt, so verstockt ist, daß er durchaus nicht lachen will, so straft er ihn schier augenblicklich mit seinem Zorne. Davon weiß der Verfasser der letzten türkischen Ausgabe ein Liedchen zu singen[22]; geben wir ihm das Wort: »Als wir, nämlich ich, die arme Schreiberseele, die dieses Buch verfaßt hat, mein Vater und der Gatte meiner Schwester, auf einer Reise die Straße nächst dem Mausoleum Nasreddins fuhren, ja dicht an diesem vorüberkamen, sagte mein Schwager: ›Wenn ich jetzt nicht über den Mann lache, wer weiß, was mir da schlimmes zustoßen wird.‹ So sprach er und hörte nicht auf uns, obwohl wir ihn inständigst baten. Als wir nun unter einem herabhängenden Aste einer alten Platane dahinfuhren, verfing sich dieser in dem Sommerdache des Bauernwagens und riß es in Fetzen; die Pferde wurden scheu, und auf ein Haar wäre der Wagen umgestürzt. Das Weinen war uns näher als das Lachen.«

Glücklicherweise können derartige Unfälle nicht oft vorkommen; denn es wird einem Türken recht schwer, bei dem Anblicke des Grabes, der die Erinnerung an Hunderte von Schwänken erweckt, ernsthaft zu bleiben, und ein drastischer Beleg ist dafür eine Geschichte, die Kúnos in Aidin aus dem Munde eines Augenzeugen gehört hat[23]: »Nach euerer Zeitrechnung war es im Jahre 1832, daß wir, als wir unter der Führung Ibrahim Paschas in Kleinasien waren, um den Aufruhr in der Gegend von Konia zu ersticken, auch bei Akschehir vorübermarschierten. Unser Weg führte an dem Friedhofe vorbei, und da entging es dem Blicke des Paschas nicht, daß keiner von den Soldaten, wenn ihre Blicke auf den Turban des Hodschas[24] fielen, ein Lächeln verhalten konnte. Der Pascha ließ halten; als er nun erfuhr, warum die Soldaten lachten, ließ er unter ihnen verlautbaren, wer an dem Grabe vorbeigehn könne, ohne zu lachen, den werde er beschenken. Manchen gelang es auch, das Lachen zurückzuhalten; endlich ging aber ein Albanese vorüber, der seinen Ernst um jeden Preis bewahren wollte. Kaum hatte er jedoch den sonderbaren Turban erblickt, so platzte er auch schon los, obwohl er seine Lippen und Zähne zusammengepreßt und die Augen fest geschlossen hatte, und schrie: ›So ein Mensch ist dieser Hodscha, daß er die Leute, wenn er es schon von oben nicht kann, so doch von unten zum Lachen bringt!‹«

Bei solchen Zeugnissen ist es denn nicht zu verwundern, daß sich eine Legende gebildet hat, die eine Begründung zu geben versucht, daß das Lachen über den Hodscha die Jahrhunderte überdauert hat und daß schon die Nennung seines Namens genügt, um es stets wieder hervorzurufen. Diese Legende, oder besser, dieses ätiologische Märchen, das ich allerdings nur in einer einzigen, serbischen Fassung[25] nachweisen kann, erzählt:

Es lebte einmal ein Evlija, ein Heiliger; er hatte drei Söhne, die alle drei Imame waren. Sein ganzer Besitz bestand in einem Widder. Eines Tages fragten ihn die Söhne: »Was werden wir heute essen?« Der Evlija zeigte auf den Widder. Alsbald sprangen die Söhne auf, schlachteten den Widder und zogen ihm das Fell ab; dann brieten sie ihn und verzehrten ihn. Sie sammelten hierauf alle Knochen, der Evlija stand auf, nahm den Koran in die Hand und betete über den Knochen, und die Söhne sagten Amen. Er betete, sie sagten Amen, er betete und sie sagten Amen, bis zuletzt der Widder wieder lebendig wurde. »Führt ihn in den Garten,« sagte der Evlija, und die Söhne führten den Widder in den Garten.

Am nächsten Tage fragten wieder die Söhne: »Was werden wir heute zu Mittag essen?« und der Evlija deutete mit dem Finger in den Garten und sagte: »Den Widder.« Die Söhne schlachteten ihn wieder, brieten ihn und aßen ihn. Sie sammelten wieder die Knochen und der Evlija nahm wieder den Koran und betete; die Söhne sagten Amen. Er betete und die Söhne sagten Amen, und der Widder wurde wieder lebendig.

Eines Tages ging der Evlija zu einem Grabe. Die Söhne ergriffen wie gewöhnlich den Widder, schlachteten ihn, brieten ihn und aßen ihn; auch die Knochen sammelten sie wieder. Einer von ihnen nahm den Koran und betete, und die andern zwei sagten Amen. Der eine betete und die andern sagten Amen, aber siehe da — der Widder wurde nicht lebendig.

Unterdessen kam der Evlija heim, und er fragte seine Söhne: »Wo ist der Widder? was habt ihr mit ihm gemacht?« Sie zuckten die Achseln: »Du siehst ja selber, was wir mit ihm gemacht haben.« Der Evlija besann sich, wie eben ein Evlija, sofort; er wußte alles, und darum wollte er sie nicht erst schelten, sondern fragte sie nur: »Wer hat ihn denn getötet?« »Der da,« antwortete Nasreddin. Und der Evlija sagte: »Auch er soll getötet werden!« Und er fragte wieder: »Wer hat ihm denn das Fell abgezogen?« »Der da,« antwortete Nasreddin. »Amen auch ihm! Und was hast du gemacht?« »He, he,« antwortete Nasreddin, »ich habe nur gelacht!« Nun sagte der Evlija: »Drum soll es geschehn, daß auch die Leute über dich lachen, und Gott gebe, daß alle Völker, weß Glaubens immer, über dich lachen, solange die Welt besteht!«[26]

Das Volk hat den Hodscha Nasreddin nicht nur unter die Märchenhelden, sondern auch unter die Heiligen versetzt; er hat ja auch kurz nach seinem Hinscheiden die Gläubigen, die in einer nahe bei seinem Grabe gelegenen Moschee versammelt waren, vor dem ihnen durch den Einsturz der Kuppel drohenden Tode errettet[27]. Und dort, wo sein Grab ist, in Akschehir, gibt es kaum eine Gasse, einen Brunnen oder eine Dschami, woran sich nicht Überlieferungen von Nasreddin knüpften, und von jeder Moschee wird behauptet, Nasreddin habe in ihr gepredigt: man zeigt dem Fremden, wo er über die Allgegenwart Gottes die Worte gesprochen hat: »Wenn Gottes Hand nicht alles lenkte, dann müßte wenigstens einmal etwas geschehn, wie ich es wollte!« und mit besonderm Stolze führt man den Besucher zu der Kanzel, auf der der Hodscha die berühmte dreigeteilte Predigt gehalten hat, die unsere Sammlung eröffnet[28].

Mag immerhin einer oder der andere, weil die Kette der Beweise nicht lückenlos ist, behaupten: Nasreddin hat nicht gelebt; das eine wird niemand leugnen wollen: Nasreddin lebt.

Über seinen Geburtsort gehn die Überlieferungen auseinander. Kúnos läßt die Entscheidung offen zwischen Siwri-Hissar und Akschehir, Behaï gibt Siwri-Hissar an, und Ali Nouri[29], der pseudonyme Verfasser einer deutschen Ausgabe von Nasreddins Schwänken, sagt kurzer Hand, daß er in Akschehir geboren sei. Flögel nennt Jenischehir als Geburtsort; aber die von Akschehir, die förmlich mit Eifersucht alles hüten, was an den Hodscha erinnert, weisen es entschieden zurück, daß er in Jenischehir jemals auch nur gewesen sei[30]. Wohl nur auf dem Schlusse aus seiner Zeitgenossenschaft mit Timur und Bajazet beruhen die Angaben, daß er, wie Behaï sagt, in der Regierungszeit Sultan Orchans (1326–1359) oder, nach andern, um 1360 geboren sei. Kombination ist natürlich auch alles übrige, was über seine Lebensumstände erzählt wird, obwohl es im allgemeinen herzlich wenig ist; andere Quellen als die Schwänke gibt es ja nicht. Und bei dem jüngsten Biographen Nasreddins fühlt man leicht, daß der Wortschwall als Mittel verwandt wird, um die peinlich empfundene Unwissenheit zu verdecken; immerhin sei mitgeteilt, was dieser zu berichten weiß[31]:

»Nach der herrschenden Meinung hat sich der verewigte Hodscha in Akschehir und wohl auch in Konia dem Studium und der Vervollkommnung in den Wissenschaften hingegeben. Dann war er in einigen Städten und Bezirken in der Nähe von Akschehir Kadi. In seiner Vaterstadt Siwri-Hissar war er Prediger. In einigen andern Orten war er Lehrer an geistlichen Seminaren und Vorbeter. Auch hat er Amtsreisen unternommen in die Wilajete Konia, Angora und Brussa, sowie in einige andere angrenzende Provinzen. ... Er gehörte zu den Juristen aus der Rechtsschule Abu Hanifas[32] ... Als er einmal von der Regierung in Staatsgeschäften nach Kurdistan geschickt wurde, sagte dort einer, der ihn erkannte: ›Unser Hodscha versteht sich sogar auf Politik und Regierungskunst und ist darum ein ganzer Mann.‹ Ein andermal wurde er in Akschehir mitten aus einer Versammlung herausgeholt; für die Regierung hatte sich nämlich die Notwendigkeit ergeben, sofort Eilboten dorthin zu schicken und ihn aufzufordern, so schnell wie möglich in die Hauptstadt zu kommen. Meistens beschäftigte er sich mit der mohammedanischen, auf Koran und Überlieferung gegründeten Rechtskunde.«

Die Naivetät, die aus diesen Erzählungen spricht, wird noch übertroffen durch die groteske Art der Lobsprüche, die Behaï dem Hodscha angedeihen läßt. Mit Entrüstung erfüllt es ihn, daß man versucht hat, unwahre Behauptungen über Nasreddin durch erfundene Geschichten zu stützen, und daß in einem von ihm nicht näher bezeichneten Buche der Ausspruch getan wird: »Der Hodscha zeigt manchmal den höchsten Grad von Freigeisterei; auch ist er nicht Wandermönch geworden. Es ist dem Gedächtnis überliefert, daß seine durch anderweitige Beispiele erwiesene fluchwürdige Gottlosigkeit gewiß der als göttliche Strafe zu gewärtigenden Vernichtung würdig ist, und daß er Fragen der Jurisprudenz und der Theologie im Verkehre mit den verschiedensten Klassen der Muselmanen unter der Verhüllung durch Schwänke behandelt hat. Möge ihm Gottes Barmherzigkeit noch zu teil werden!« Dagegen donnert Behaï in folgender Philippika: »Nirgends ist bei Sr. Hochehrwürden und Sr. Heiligkeit — nämlich Nasreddin — irgendein der Welt schmeichelnder Unglaube festzustellen. Seine Gerechtigkeit steht außer Zweifel, gemeine und niedrige Handlungen finden sich bei ihm nicht; ja nicht einmal in Gedanken hat er gesündigt. Freilich gibt es — das sei in aller Ehrerbietung gesagt — auch für den Hodscha eine Grenze, über die hinaus seine sittliche Kraft nicht reicht: da auch er nur ein Mensch war, da auch ein Muselman nicht ohne Sünde ist, hat wohl auch er in Sünde fallen können, und es ist möglich, daß er in seiner Kindheitszeit und seinem Jünglingsalter unpassendes getan, ja eine Sünde begangen hat; nur allmählich vervollkommnete er sich, machte er Fortschritte in der Wissenschaft, in den Kenntnissen, in der sittlichen Vervollkommnung und in der Weisheit und bildete Körper und Charakter aus, bis er schließlich zu dem höchsten Grade der Vereinigung mit Gottes Heiligkeit und seinem heiligen Geiste gelangt ist.« Und an einer andern Stelle heißt es: »Staunenswert war seine asketische Frömmigkeit; selbst im Schlafe hat er sich nie durch unreine Gedanken befleckt.« Und weiter: »Er zog es vor, sich betrügen zu lassen, ja sogar einen empfindlichen Schaden zu erleiden, als irgendeinem Menschen eine schändliche Lüge oder einen Betrug zuzutrauen ... Se. Hochehrwürden, der verewigte Nasreddin war ein tiefgründiger Gelehrter, der der Weltlust und den weltlichen Dingen entsagt hat; er war eine durchaus reine und lautere Natur in des Wortes tiefster Bedeutung, er war geradezu eine Engelsnatur.«

Der Leser soll nicht weiter gelangweilt werden; hoffentlich begleitet ihn aber die Erinnerung an diese Panegyriken bis zu der Lektüre der Schwänke.

Ebenso schmerzlich wie den dem Hodscha gemachten Vorwurf der Gottlosigkeit empfindet es Behaï auch, daß dieser manchen nur als einfacher Spaßmacher gilt: »Wir zählen den verewigten Hodscha zu einer Art von Persönlichkeiten, die nur auf ein einziges Volk — nämlich das türkische — beschränkt geblieben ist; weder Behlewal Dana in der Anfangszeit des Islams, noch der sprichwörtlich gewordene Mudschadib, noch Dschoha, noch Männer wie Abdal, die sich ihn zum Vorbilde nahmen, noch Abu Dulama von den Arabern, noch Talhak von den Persern, diese Schmarotzerseelen, noch irgendein anderer von den übrigen Völkern kann mit unserm Hodscha verglichen werden.«[33]

Dieser Ausspruch ist nicht unwichtig; er beweist, daß man auch in dem Volke, dem Nasreddin angehört, schon die Verwandtschaft erkennt, die ihn mit andern Gestalten verbindet, die, ob historisch oder nicht, als wenig verschiedene Typen die Helden des Dummheitsschwankes und oft zugleich des Schlauheitsschwankes darstellen. Von diesen haben wir uns hier noch mit Dschoha zu beschäftigen.

Der Umstand, daß Dschoha viele sonst mit Nasreddin verbundene Schwanküberlieferungen auf sich vereinigt, hat einzelnen Gelehrten den Anlaß zu der Behauptung gegeben, Nasreddin und Dschoha seien einunddieselbe Person, und man hat sogar versucht, das arabische Wort Dschoha als eine Ableitung des türkischen Hodscha zu erklären[34]. Diese Meinungen sind aber unhaltbar, da Dschoha als ein dem Hodscha Nasreddin ähnlicher Typus lange vor diesem belegt ist.

Schon der Fihrist des 995 gestorbenen ibn Ishak an Nadim, eine Bibliographie der damals vorhandenen arabischen Literatur, nennt unter den Schwankbüchern unbekannter Verfasser ein von Dschoha handelndes[35]; dieses ist ebenso wie die andern dieser Gruppe angehörenden Schriften verloren. Die nächste Erwähnung Dschohas findet sich in dem Kitab madschma al amthal des 1124 verstorbenen al Maidani, einer großen arabischen Sprichwörtersammlung[36]; Maidani belegt einzelne Sprichwörter, die mit dem Namen eines Einfaltspinsels verknüpft sind, mit kleinen Erzählungen von dem betreffenden, und so hat er auch drei Geschichten von Dschoha[37]. Dieser führt aber auch noch zugleich mit Nasreddin ein von ihm unabhängiges Dasein; der Thamarat al aurak von ibn Hidschdscha al Hamawi (1366–1434) bringt von ihm einige Schwänke und sagt über ihn: »Manche behaupten, daß er der unterhaltendste Mensch von der Welt gewesen sei, daß es aber zwischen ihm und den Leuten Zwistigkeiten gegeben habe, und daß man ihm alle möglichen Geschichten beigelegt habe; andere sagen, er sei der leichtfertigste Taugenichts gewesen.«[38]

Bis zum fünfzehnten Jahrhunderte, oder wenn man auf die Tatsache, daß keine ältere Aufzeichnung Nasreddinscher Schwänke erhalten ist, pochen will, bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts können also die Überlieferungen des Dschohakreises als die ältern nicht von solchen der Nasreddingruppe beeinflußt worden sein; daß aber später Dschoha und Nasreddin, die ja, der eine für die Araber, der andere für die Türken, gleichartige Typen des Narren und Volkslieblings darstellen, ineinander übergeflossen sind, ist leicht verständlich. Dem tragen die heute im arabischen Oriente außerordentlich verbreiteten Drucke Rechnung, die schon im Titel die beiden Personen identifizieren: Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha. Freilich läßt der Umstand, daß Nasreddin oft auch als Dschoha er-rumi, als rumelischer oder türkischer Dschoha bezeichnet wird[39], den Schluß zu, daß der Araber noch immer zwischen den beiden unterscheide und durch diese Bezeichnung nur die Ähnlichkeit, die auch er zwischen ihnen erkennt, ausdrücken wolle; dies erscheint aber als nebensächlich, weil zur Ausstattung beider Volkslieblinge der Schatz der alten Überlieferungen gleichmäßig geplündert worden ist und noch weiter geplündert wird. Was man heute vorläufig nur von Nasreddin erzählt — abgesehn natürlich von dem genannten oder ungenannten Schwankhelden, von dem es zuerst berichtet worden ist — wird morgen auch von Dschoha erzählt, und ebenso umgekehrt; klar ist es dabei, daß die Araber bei ihrer reichen Schwankliteratur meist die gebenden, die Türken die empfangenden sind.

Die verschiedenen Ausgaben des Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha, deren Inhalt so ziemlich identisch zu sein scheint, enthalten fast alle Geschichten des noch zu besprechenden, zum ersten Male 1837 erschienenen türkischen Volksbuches von Nasreddin und in derselben Anordnung. Wenn der Schluß, den Basset aus dem das Jahr der Hidschra 1041 zeigenden Chronogramme einer ihm vorliegenden Bulaker Ausgabe zieht, richtig ist[40], wenn also der Nawadir in seiner heutigen Form schon im 17. Jahrhunderte — das Jahr 1041 der Hidschra entspricht dem Jahr 1631 n. Chr. — abgefaßt worden ist, dann haben das türkische Volksbuch und der arabische Nawadir dieselbe Vorlage gehabt, die allerdings im Nawadir fast auf das Doppelte erweitert worden ist; jedenfalls hat der Verfasser des Nawadirs neben der türkischen Quelle auch arabische und vielleicht andere bereits niedergeschriebene Schnurren vor sich gehabt: aus dem Mustatraf von al Abschihi († 1446) sind zum Beispiele in den Nawadir ganze Seiten aufgenommen worden[41].

Durch die Araber ist Dschoha, und zwar dieser Dschoha des Nawadirs, die allbeliebte Schwankfigur auch im nördlichen Afrika geworden, und so wie die dem türkischen Volksbuche noch nicht angehörenden Dschohageschichten in die türkische Überlieferung übergegangen sind, so haben auch Erzählungen des Nasreddinkreises zugleich mit Dschohageschichten oder als solche in dem Volksmunde des Maghribs Aufnahme gefunden. Natürlich haben die Araber ihr sowieso beschränktes Eigentumsrecht an Nasreddin-Dschoha nicht behaupten können, sondern haben ihn mit den Berbern teilen müssen. Die Kabylen der Küste Algiers haben ihren Dscheha, die Beni Msab der Sahara ihren Dschoha, die Berbern von Tamazratt ihren Dschuha, die in der Oase Ghat ihren Schaha; und wie der tunisische und der tripolitanische Araber von Dschuha erzählt, so hat sich der Nubier einen Dschauha geschaffen. Der Schwank von der Schüssel, die zuerst gebiert und dann stirbt, begegnet mit dem türkischen Nasreddin, mit dem türkisch-arabischen Nasreddin-Dschoha, mit dem arabischen Dschoha und mit dem berberischen Dscheha als Helden; schließlich kehrt er auch auf Malta wieder, und dort ist aus dem Dschoha ein Dschahan geworden[42].

Gemeiniglich wird auch angenommen, daß der sizilianische Volksnarr Giufà oder Giucà, der in Piana de’ Greci, in Palazzo Adriano und in andern albanesischen Ansiedelungen Siziliens Giuχà heißt[43], der nationalisierte arabische Dschoha sei; dem steht entgegen, daß auch in Toskana der bevorzugte Träger von Dummheitsschwänken Giucca, Giucco, Ciocco heißt. In jedem italiänischen Wörterbuche findet man neben sciocco auch giucco = Dummkopf, neben scioccaggine, scioccheria usw. auch giuccaggine, giuccheria usw. = Dummheit, und in Pitrès Sammlung toskanischer Volkserzählungen kommt eine moglie giucca, eine dumme Frau, vor, die ihrer Dummheit halber Giucca gerufen wird[44]. Wahrscheinlich ist ja eine oder die andere von den Giufàgeschichten arabischen Ursprungs; ob man aber deswegen und wegen des flüchtigen Gleichklanges eines aus der italiänischen Sprache ebenso gut erklärbaren Wortes mit einem arabischen Namen so weittragende Schlüsse ziehen darf, bleibe dahingestellt.

Eher könnte man wohl eine Namensentlehnung bei dem entsprechenden kalabrischen Typus annehmen, dessen einer Name Hiohà — der andere lautet Juvadi oder Juva’, was wieder zu Giufà stimmt — sicherlich mehr als Giufà an Dschoha erinnert; was die innerliche Verwandtschaft betrifft, so findet man, auf diesen übertragen, sogar eine als reine Dschohageschichte nicht belegte Erzählung des Nasreddinkreises vor.

Für das Verhältnis Nasreddins zu Dschoha ist die Feststellung wichtig, daß aus der Zeit vor Nasreddins angeblichem oder wirklichem Leben noch keine einzige Dschohageschichte bezeugt ist, die als Quelle eines Nasreddinschen Schwankes angenommen werden müßte[45], während das sonst Nasreddin zugeschlagene Gut wahrlich nicht gering ist. Eine ganze Reihe von Schnurren — es ist hier wieder nur von dem ersten Teile unserer Ausgabe die Rede, genauer ausgedrückt von den Nummern 1 bis 331 — findet sich schon bei dem Perser Ubeid Zakani († 1370 oder 1371), nicht so viele bei dem syrischen Bischofe Bar-Hebraeus (1226–1286), und einige stehn schon in dem Kitab al ikd al farid von ibn Abdirabbihi (860–940); daß äsopische Fabeln Verwendung gefunden haben ist weniger verwunderlich, als daß auch die unter dem Namen der Facetien von Hierokles bekannte, vielleicht schon im fünften Jahrhunderte verfaßte Sammlung ausgebeutet worden ist. Auf vereinzelte Parallelen, wie sie sich zum Beispiele bei az Zamachschari (1074 bis 1143) und al Habbarija († 1100) finden, sei hier nicht näher eingegangen. Daß von Nasreddin Geschichten erzählt werden, die auch Karakusch, dem Wesir Saladins, beigelegt worden sind, kann, da sie noch in keinem sicher dem ursprünglichen Verfasser der Karakuschanekdoten al Mammati († 1209) zugehörigen arabischen Texte, sondern nur in einer viel spätern türkischen Bearbeitung nachgewiesen sind[46], nicht in Betracht kommen, und dasselbe gilt von den Erzählungen, zu denen sich Gegenstücke auch in den türkischen Vierzig Wesiren finden, deren arabisches Original noch nicht bekannt ist[47]. Mehrere Stoffe Nasreddins sind vor diesem von abendländischen Erzählern behandelt worden; hier darf wohl manchmal eine europäische Quelle angenommen werden, zum Beispiele bei dem in den europäischen Überlieferungen so oft wiederkehrenden und im Oriente nur mit Nasreddin belegten, schon von Boccaccio zu einer Novelle gestalteten Schwanke von den angeblich einbeinigen Gänsen oder Kranichen, die sich, als man sie erschreckt, auf beiden Beinen davonmachen. Mit jeder Spanne Zeit, um die man überdies das erste Auftauchen eines Schwankes bei Nasreddin hinaufrückt — der Spielraum ist auch bei den schon in den ältesten Manuskripten enthaltenen immerhin fast zweihundert Jahre — wird eine Übertragung durch die Vermittlung der Literatur wahrscheinlicher; und daß die heute noch nicht abgeschlossene Übertragung der mündlichen Überlieferungen schon sehr zeitlich begonnen hat, ist bei Gestalten wie Nasreddin selbstverständlich.

Die erste gedruckte Ausgabe der Schwänke Nasreddins ist 1837 in Konstantinopel erschienen und drei Jahre vorher hat J. Dumoret im Journal asiatique nach einem Pariser Manuskripte drei Erzählungen veröffentlicht, für deren Verfasser er Nasreddin hielt[48]; vorher wußte man von diesem in Europa nicht mehr, als was Flögel und die genannten Historiker berichteten und was Goethe im West-östlichen Diwan mitgeteilt hat[49].

Goethe verdankt seine Kenntnis Nasreddins dem Berliner Orientalisten Prälaten von Diez, der für ihn fünf Schwänke übersetzt hat[50]. Diez, der »würdige Mann« mit der »strengen und eigenen Gemütsart« hatte an Nasreddin kein sonderliches Gefallen; in einem vom 24. April 1816 datierten Briefe an Goethe schreibt er: »Fürs Weitere möchte ich Ihnen gern ein Paar Erzählungen von Nusreddin Chodscha mitsenden, der nicht sowohl ein witziger Kopf als ein ziemlich platter und unsauberer Schwänkemacher gewesen.« Und am 11. Oktober 1816: »Nussreddin Chodscha war nur ein ziemlich gemeiner Spaßmacher und Zotenreißer. Die Erzählungen die man von ihm hat, sind daher noch jetzt nur der Gegenstand der Unterhaltung gemeiner Leute in den langen Winterabenden. Er lebte im vierzehnten Jahrhundert als Lehrer (Chodscha) auf einem Dorfe in Kleinasien, um die Zeit, als Timur oder Timurlenk, der lahme Timur (woraus man in Europa Tamerlan gemacht) in Asien auf Eroberungen ausging. Timur fand Vergnügen an den Schwänken und Einfällen des Mannes und führte ihn auch eine Zeitlang als Gesellschafter mit sich herum. Man hat mehrere kleine Sammlungen seiner Einfälle. Mir ist aber niemals bekannt geworden, daß man in Europa etwas davon übersetzt habe. Ich habe daher einige der züchtigsten und besten Erzählungen in der Beilage wörtlich übersetzt, damit Ew. Hochwohlgeb. daraus den Geist des Mannes näher kennen lernen mögen. Wenn Timur ihn als Spielzeug gebrauchte, so mußte er sich auch manche Grobheiten von ihm gefallen lassen.«

Goethens Gesichtskreis war etwas weiter als der des Prälaten; in seiner Antwort an ihn, datiert vom 23. Oktober 1816, heißt es: »Die Stellung solcher Lustigmacher an Höfen bleibt immer dieselbe, nur das Jahrhundert und die Landschaft machen Abstufungen und Schattierungen, und so ist denn dieser sehr merkwürdig, weil er den ungeheuren Mann begleitet, der in der Welt so viel Unheil angerichtet hat und den man hier in seinem engsten und vertrautsten Zirkel sieht.« Und in den Noten und Abhandlungen zum Diwan hat Goethe aus den fünf ihm von Diez übersandten Erzählungen[51] von dem »lustigen Reise- und Zeltgefährten des Welteroberers« den Schluß gezogen, »daß gar manche verfängliche Märchen, welche die Westländer nach ihrer Weise behandelt, sich vom Orient herschreiben, jedoch die eigentliche Farbe, den wahren, angemessenen Ton bei der Umbildung meistens verloren«; und er fährt fort: »Da von diesem Buche das Manuskript sich nun auf der königlichen Bibliothek zu Berlin befindet, wäre es sehr zu wünschen, daß ein Meister dieses Faches uns eine Übersetzung gäbe. Vielleicht wäre sie in lateinischer Sprache am füglichsten zu unternehmen, damit der Gelehrte vorerst vollständige Kenntnis davon erhielte. Für das deutsche Publikum ließe sich alsdann recht wohl eine anständige Übersetzung im Auszug veranstalten.« Vorher hat er schon eine von den fünf Erzählungen abgedruckt und ihr die Bemerkung vorausgeschickt, wie er sich die Ausgestaltung des im Diwan nur zwei Gedichte umfassenden Buch des Timur gedacht hätte.

Der Anregung Goethes ist, wohl unbewußterweise, der erste Übersetzer der türkischen gedruckten Sammlung, Camerloher, zum Teile nachgekommen, indem er einige Stellen, die ihm für den deutschen Leser zu frei schienen, lateinisch übertragen hat[52]. Eine französische Ausgabe des inzwischen in Konstantinopel oft aufgelegten Volksbuches ist 1876 von Decourdemanche besorgt worden[52], der später auch den schon erwähnten, auf einer Reihe von Handschriften beruhenden Sottisier de Nasr-Eddin-Hodja herausgegeben hat. Eine reiche Auswahl aus dem Volksbuche in türkischer Sprache mit einer interlinearen englischen Übertragung hat W. B. Barker seinem ebenfalls schon genannten türkischen Lesebuche beigegeben; er folgte damit dem Beispiele Dietericis, der sieben Nasreddingeschichten aus zwei Manuskripten Diezens in seine 1854 erschienene Chrestomathie ottomane aufgenommen hatte, und Malloufs, in dessen Dialogues turcs-français, Smyrna, 1854 (2. Auflage Konstantinopel, 1856) sich sieben Erzählungen von Nasreddin finden. Sechs davon hat Mallouf in der Revue de l’Orient, de l’Algerie et des Colonies von 1853 ins Französische übersetzt; die von Dieterici veröffentlichten hat H. Ethé in seinen Essays und Studien, Berlin, 1872 zur Unterlage eines Aufsatzes über Nasreddin benutzt.

Im Jahre 1299 der Hidschra (1883) hat Mehmed Tewfik in Stambul eine Sammlung von 71 Schwänken Nasreddins herausgegeben; wenige Monate später ließ er ihr 130 Schwänke von Buadem folgen. Buadem, zu deutsch: dieser Mann, ist eine von Tewfik erfundene Gestalt, zu deren Ausstattung er vorläufig viele Schnurren des Nasreddin-Dschohakreises verwandt hat. In geringerm Maße ist dies bei den 96 Schwänken festzustellen, die er seinem Buademwerke in der Ausgabe von 1302 beigegeben hat[53].

Nur zwei anscheinend neue Erzählungen, darunter eine von Timur, bringen die ihrer Einleitung halber schon oft zitierten Naszreddin hodsa tréfái, die Kúnos in Kleinasien aus dem Munde eines Aidiners aufgezeichnet hat; die Nummern 1 bis 123 finden sich, eine ausgenommen, schon in dem 125 Geschichten enthaltenden Volksbuche, und auch die Reihenfolge ist bis auf zwei Ausnahmen beibehalten worden[54].

Schon 1872 ist in Athen eine griechische Ausgabe der Schwänke Nasreddins erschienen mit dem Titel Ὁ Ναστραδὶν Χώντζας. Διηγήματα αὐτοῦ ἀστεῖα καὶ περίεργα[55]. Sie ist mir trotz allen Bemühungen unzugänglich geblieben, enthält aber angeblich denselben Text wie das bei Saliber in Athen erschienene Groschenbändchen Ὁ Νάσρ-ἐδδὶν-Χότζας καὶ τὰ ἀστεῖα ἀνέκδοτα αὐτοῦ. Dieses bringt, augenscheinlich in Übersetzung, viele Stücke aus dem Volksbuche, daneben solche, die bei Tewfik wiederkehren, aber auch eine Reihe von Erzählungen, die sich weder im Volksbuche, noch bei Tewfik finden[56]. Daß übrigens Nasreddin bei den Griechen eine selbständige Existenz führt, zeigt auch das im II. Bande S. 250 besprochene Märchen von Naxos[57].

Die serbische Ausgabe, aus deren Einleitung oben das Märchen von dem Evlija und seinen drei Söhnen mitgeteilt worden ist, nennt Mehmed Tewfik als Verfasser und trägt auf dem Titel den Vermerk Prevod s nemackog, Übersetzung aus dem Deutschen; dies ist aber nur zum Teile richtig. Die Seiten 9 bis 48 enthalten zwar Übertragungen aus Tewfiks Nasreddinausgabe, aber dazwischen sind einige aus dem Volksbuche entnommene Erzählungen eingeschoben, und manche beruhen überhaupt auf einer andern Quelle; der darauf folgende Abschnitt mit dem Titel Buadam bringt die 130 Buademschwänke in ungeänderter Anordnung, fügt aber noch vier mit Buadam beginnende Schwänke hinzu, die bei Tewfik kein Gegenstück haben, und das letzte Drittel des Buches, bezeichnet mit Dodatak oder Anhang erzählt neben einigen nach Camerloher übersetzten Geschichten eine lange Reihe von solchen, die dem serbischen Volksmunde entnommen sind, wenn sich auch etliche schon im Sottisier finden. In Serbien und in Bosnien laufen ja noch zahllose Überlieferungen von Nasreddin um: einige wenige sind wohl in südslawischen Zeitschriften und in der Anthropophyteia aufgezeichnet, andere werden nach einer gütigen Mitteilung von Hrn. Dr. Friedrich S. Krauss alljährlich in Volkskalendern erzählt; die meisten aber harren noch immer einer Niederschrift, wie dies auch in den andern früher unter türkischer Herrschaft gewesenen Balkanländern der Fall sein dürfte[58].

In kroatischer Sprache ist 1857 in Zara ein Buch erschienen mit dem Titel Nasradin iliti Bertoldo i njegova pritanka domisljatost, himbenost i lukavstina; mir liegt es in einem um Rätsel, Sprichwörter und Gedichte vermehrten Neudrucke vor: Nasradin k staroj matici povracen i Nasradinic, U Zadru (Zara), 1903. Wie schon der ursprüngliche Titel andeutet, ist es nichts als eine kroatische Bearbeitung des italiänischen Volksbuches von Bertoldo und Bertoldino, dessen Helden durch Nasradin und Nasradinic ersetzt sind. Aber auch eine Ausgabe von Schwänken Nasreddins gibt es in der kroatischen Sprache; ich kenne nur die keine Jahreszahl tragende zweite Auflage Posurice i sale Nasredina, Zagreb (Agram). Sie bietet eine nicht ganz vollständige Übersetzung des Tewfikschen Nasreddin und der 130 Buademschwänke — statt Buadem steht überall Nasredin —, aber anscheinend nicht nach der deutschen Ausgabe[59]; die Reihenfolge wird im allgemeinen beibehalten und nur gelegentlich, der beigegebenen Illustrationen halber, geändert. Dann und wann sind andere Erzählungen eingestreut, und von S. 64 an wechseln Schwänke aus dem Volksbuche mit andern, von denen ein Teil mit solchen aus der oben, S. XXVII zitierten deutschen Ausgabe von Ali Nouri übereinstimmt. Die Illustrationen sind dieselben wie bei Ali Nouri[60].

Verhältnismäßig wenig aus dem Volksbuche, sondern meistens selbständige Schnurren, von denen gleichwohl einige mit griechischen und serbischen Hodschageschichten übereinstimmen, enthält die schon einmal erwähnte Gedichtesammlung Nazdravaniile lui Nastratin Hogea von Anton Pann, die zum ersten Male 1853 erschienen und oft nachgedruckt worden ist; in deutscher Sprache hat sich in einer poetischen Bearbeitung einiger, nur zum Teile dem Volksbuche angehöriger Schwänke Nasreddins der in Kroatien geborene Franz von Werner, der schon in jungen Jahren in türkische Dienste getreten ist, unter dem Namen Murad Efendi versucht; sein Nassreddin Chodja ist 1878 in Oldenburg erschienen.

Auch ins Armenische sind die Schwänke Nasreddins übersetzt worden, und sie haben ihren Weg weiter genommen über Gebirge und Steppen; besonders sollen sie die Bewohner des Berglandes von Dagestan lieben, und nicht nur in Tiflis, sondern auch in Kasan erscheinen immer neue Ausgaben, die sich dem türkischen Volksbuche anlehnen. Nach Nikolaj Katanoff in Kasan ist Nasreddin sogar bei den Tarandschi an der sibirisch-chinesischen Grenze bekannt[61], und daß ihn auch die Perser kennen, haben wir schon gesehn. Freilich wechselt er dabei seine Volkszugehörigkeit: im Kaukasus ist er ein Tscherkesse, in Kasan ist er ein Tatare, in Persien ist er ein Perser, so wie er in Serbien ein Serbe geworden ist. Darum spiegeln die Schwänke, die in den verschiedenen Ländern an ihm haften geblieben sind, den Humor dieser Völker ab; am deutlichsten ist das Bild natürlich bei den Türken, wo er den Nationalheros des Witzes darstellt: dort bilden die Nasreddinschen Schnurren nicht nur einen Unterhaltungsstoff in den Kaffeehäusern und bei den Abendgesellschaften, sondern sie dienen auch in den Pausen der Gerichtsverhandlungen zu willkommenem Zeitvertreib; die Kinder erzählen sie schon einander, und die Erinnerung an sie wird durch zahlreiche Sprichwörter[62] lebendig erhalten.

Mehrmals ist der Versuch gemacht worden, Nasreddins Wesen durch einen Vergleich mit einem bekanntem, abendländischen Vertreter seiner Gattung zu deuten; am nächsten liegt in solchen Fällen stets unser Eulenspiegel, und so ist denn Nasreddin schon von Hammer und später von Ethé, Barker, Wilhelm Schott und andern als der türkische Eulenspiegel bezeichnet worden. Dagegen hat sich Köhler gewandt: »Eulenspiegel ist stets ein durchtriebener Schalk, der nie etwas einfältiges oder dummes sagt oder tut, sondern stets wohl berechnete Streiche und Possen mit vollem Bewußtsein ausführt, um andere zu necken und zu verspotten; Nasreddin dagegen ist ein echter Narr, d. h. ein Gemisch von grenzenloser Einfalt und Dummheit und von Geist und Witz, etwa — wenn man einen Deutschen vergleichen will — wie Klaus Narr.« Aber auch dieser Vergleich beruht nur auf dem wenigen gemeinsamen, läßt jedoch das viele ungleichartige unberücksichtigt; und dasselbe ist es mit dem Vergleiche, den Cantimir anstellt, indem er Nasreddin einen türkischen Äsop nennt[63]. Klaus Narr war kein Äsop, und Äsop war kein Abderit; Nasreddin ist aber Äsop und Abderit zugleich.

Der erste, der sich mit den Schwänken Nasreddins wissenschaftlich befaßt hat, war der ausgezeichnete Gelehrte Reinhold Köhler; er hat 1862 im Orient und Occident das Camerlohersche Büchlein zum Gegenstande einer Abhandlung gemacht[64]. Ihm folgte, nachdem Decourdemanche die Forschung nach Quellen und Parallelen Nasreddins als unnütz bezeichnet hatte[65], der Professor und derzeitige Dekan an der Universität Algier, René Basset, der den von A. Mouliéras gesammelten und ins Französische übertragenen kabylischen Dschehageschichten eine groß angelegte kritische Studie gewidmet und diese durch viele gelegentliche Nachträge in der Revue des traditions populaires und durch einen Aufsatz im Keleti szemle ergänzt hat. Die Abhandlung Horns in eben dieser Zeitschrift und besonders die umfassende Studie Hartmanns in der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde sind schon öfters erwähnt worden.

In dem vorliegenden Buche hat der Herausgeber versucht, sich die Resultate der von diesen Gelehrten geleisteten Arbeit zunutze zu machen und auf ihnen weiterzubauen. Die dazu notwendige Grundlage, die Schwänke, sind im ersten Bande dem alten türkischen Volksbuche, wie es in den Übertragungen von Camerloher, Barker und Decourdemanche vorliegt, dem Sottisier von Decourdemanche, den Historikern und den von Kúnos gesammelten Texten entnommen; der zweite Band bringt die von Basset in der Revue des traditions populaires übersetzten Geschichten des Nawadir el chodscha nasr ed-din, die von Mardrus veröffentlichten Dschohageschichten, die arabischen und berberischen, hauptsächlich von Stumme und Mouliéras gesammelten Schwänke derselben Gattung, die maltesischen Dschahanschwänke, die Giufàgeschichten Siziliens mit Ausnahme der in der leicht zugänglichen Sammlung von Gonzenbach erschienenen, die kalabrischen Juvadigeschichten und die kroatischen, serbischen und griechischen Nasreddinschnurren. Im allgemeinen ist es vermieden worden, gleichartige Behandlungen desselben Motivs aufzunehmen; die Bibliographie jedes Schwankes bildet, soweit sie in den Kreis der zu Nasreddin, Dschoha, Dschahan usw. gehörigen Überlieferungen fällt, den ersten Absatz der zu dem Schwanke gehörigen Anmerkung, die im übrigen die etwa vorhandene Literatur bringt und manchmal auch auf eine vergleichende Darstellung anderer Versionen des betreffenden Motivs eingeht. Recht getan glaubt der Herausgeber zu haben, daß er die hin und wieder im Sottisier vorkommenden Schwänke, die nicht von Nasreddin handeln, nicht von der Aufnahme ausgeschlossen hat; einmal werden viele von ihnen auch von Nasreddin oder Dschoha erzählt, und dann bieten sie auch an und für sich schon einen Beitrag zur Geschichte und zum Verständnis der türkischen Schwankliteratur, der wohl, wenn er so nahe liegt, nicht zurückgewiesen werden soll. Ein Anhang bringt Mitteilungen über Schwänke, die aus mehrfachen Gründen in dem Texte keinen Platz finden konnten.

Eine angenehme Pflicht ist es dem Herausgeber, Herrn Professor Dr. Hans Stumme und Frl. Berta Ilg seinen besten Dank auszusprechen für die Liebenswürdigkeit, womit sie ihm den Abdruck einzelner Stücke aus ihren Büchern gestattet haben.

Tetschen a. E., im Juli 1911.

Albert Wesselski.


I.
Türkische Überlieferungen


1. Die hundertfünfundzwanzig Schwänke
des Volksbuchs


[1.]

DEr Hodscha Nasreddin stieg eines Tages auf die Kanzel, um zu predigen, und sagte: »Muselmanen, kennt ihr den Gegenstand, wovon ich mit euch sprechen will?«

»Wir kennen ihn nicht,« antwortete man aus der Zuhörerschaft.

Da schrie der Hodscha: »Ja, wie sollte ich denn mit euch von etwas sprechen, das ihr nicht kennt?«

Er stieg ein andermal auf die Kanzel und sagte: »Wißt ihr, meine Gläubigen, was ich euch sagen will?«

»Ja, wir wissen es,« war die Antwort.

»Was brauche ich euch dann davon zu sprechen, wenn ihr es sowieso schon wißt?« Mit diesen Worten stieg der Hodscha von der Kanzel.

Die Gemeinde war betreten über sein Weggehn. Nun schlug ein Mann vor, daß, wenn der Hodscha wiederkomme, die einen sagen sollten: »Wir wissen es«, und die andern: »Wir wissen es nicht«; und dieser Ratschluß drang durch.

Wieder kam der Hodscha und er schrie, wie früher: »Wißt ihr, Brüder, was ich euch sagen will?«

Sie sagten: »Einige von uns wissen es, die andern aber wissen es nicht.«

»Gut also,« antwortete der Hodscha; »da mögen es die, die es wissen, den andern mitteilen.«

[2.]

»MUselmanen,« rief Nasreddin, der Hodscha eines Tages, »dankt dem Allerhöchsten recht von Herzen, daß er dem Kamel keine Flügel gegeben hat; denn dann käme es von oben auf unsere Häuser und in unsere Gärten herab und fiele uns vielleicht noch auf die Köpfe.«

[3.]

DEr Hodscha stieg eines Tages in einer gewissen Stadt auf die Kanzel; und er sagte: »Muselmanen, die Luft in euerer Stadt ist dieselbe wie in der meinigen.«

»Wieso, Hodscha?« sagte einer in der Versammlung.

»Das ist sehr einfach,« antwortete der Hodscha; »zu Hause habe ich mich umgesehn, wie viel Sterne man sieht, und gerade so viel sind ihrer auch hier.«

[4.]

EInes Tages ging der Hodscha ins Bad. Dort war er allein, und voller Freude darüber begann er ein paar Lieder zu singen. In dem engen Raume erschien ihm seine Stimme hübsch und angenehm, und er sagte: »Sie ist eigentlich ganz lieblich; warum sollen sich ihrer nicht auch die andern freuen?« Damit verließ er das Bad und entfernte sich. Es waren aber schon einige Stunden des Vormittags vorbei.

Ohne irgendwie zu verziehen, stieg der Hodscha auf das Minaret und rief zum Morgengebete.

Da schrie unten einer: »Was ist denn das für ein Narr, der jetzt mit seiner garstigen Stimme unser Viertel zum Morgengebete ruft?«

Und der Hodscha rief von der Höhe herab: »Ja warum findet sich denn kein gütiger Wohltäter, der hier oben auf dem Minaret ein Bad baut, um diese Stimme, über die man sich beklagt, zu ändern?«

[5.]

EInes Nachts träumte der Hodscha, als er im Bette lag und schlief, es gebe ihm einer neun Asper; und damit war er nicht zufrieden, sondern sagte: »Gib mir zehn.« Unterdessen wurde er wach, und da fand er seine Hände leer.

Das war ihm sehr leid; er schloß alsbald die Augen, streckte die Hand aus und sagte: »Ich habe mich anders besonnen; gib die neune her.«

[6.]

EInes Tages ging der Hodscha in einer einsamen Gegend, als er von der andern Seite her etliche Reiter kommen sah; es mochten Diebe sein. In der Nähe war ein Grab; er kleidete sich hastig aus und eilte in die Grabeshöhlung. Aber die Reiter hatten ihn schon bemerkt und näherten sich ihm. »He Freund,« riefen sie, »was machst du da drinnen?«

Der Hodscha, der nicht recht wußte, was sagen, antwortete: »Das ist mein Grab; ich bin nur für einen Augenblick herausgegangen, um Luft zu schnappen.«

[7.]

DEr Hodscha trat einmal in einen Garten. Dort steckte er Möhren, Rüben und alles, was ihm unterkam, in seinen Sack oder in seinen Busen. Es kam der Gärtner, und der sagte, als er ihn dabei ertappte: »Was machst du da?«

Erschrocken fand der Hodscha keine andere Antwort, als daß sich ein mächtiger Wind erhoben und ihn dorthin geschleudert habe.

»Aber,« sagte der Gärtner, »wer hat denn das alles ausgerissen?«

»Wenn der Wind«, sagte der Hodscha, »stark genug war, mich von draußen da herein zu bringen, war er wohl auch imstande, dein Gemüse auszureißen.«

Nun sagte der Gärtner: »Wer hat denn dann das ganze Zeug da in den Sack gesteckt?«

»Das war es gerade,« sagte der Hodscha, »worüber ich nachgedacht habe, als du dahergekommen bist.«

[8.]

ALs der Hodscha-Effendi — Gottes Gnade sei mit ihm — in Konia war, trat er in den Laden eines Halwaverkäufers[66]; und schon sagte er: »Im Namen Gottes« und begann von den Kuchen zu essen. Der Verkäufer aber schlug mit den Worten: »Was tust du da?« auf ihn los.

Doch der Hodscha sagte: »Was für eine herrliche Stadt ist doch dieses Konia! Mit Schlägen zwingen sie einen, daß man Halwa ißt!«

[9.]

IM Monate Ramasan verfiel der Hodscha auf den Gedanken, sich, um das den Gläubigen auferlegte Fasten beobachten zu können, einen Topf anzuschaffen, worin er jeden Tag ein Steinchen tun wollte. Eines Tages warf aber sein Töchterchen eine Hand voll Steine in den Topf. Kurz darauf wurde der Hodscha gefragt, der wievielte sei.

»Wartet einen Augenblick,« sagte er; »ich will nachsehn.«

Er ging ins Haus, schüttete den Topf aus und zählte die Steine; da fand er, daß es hundertzwanzig waren. »Sage ich eine derartige Ziffer,« dachte er, »so werden sie mich für verrückt halten.« Und so antwortete er den Fragenden: »Heute ist der fünfundvierzigste.«

»Aber, Hodscha, ein ganzer Monat hat doch nur dreißig Tage, und du sprichst uns vom fünfundvierzigsten.«

Der Hodscha sagte: »Ich habe euch nicht vielleicht leichtfertig geantwortet; wenn ihr euch an die Zeitrechnung des Topfes hieltet, so hätten wir heute den hundertundfünfundzwanzigsten.«

[10.]

DEr Hodscha wurde gefragt: »Von den zwei Monden, dem neuen und dem alten, was geschieht mit dem, der sein letztes Viertel hinter sich hat?«

Er antwortete: »Man zerbricht ihn, um Sterne daraus zu machen.«

[11.]

EInes Morgens beschloß der Hodscha, die Stadt zu verlassen; da er ein Kamel besaß, sagte er sich: »Ich nehme es als Reittier; auf diese Weise werde ich angenehmer reisen.«

So ritt er denn mit der Karawane dahin, als eines Tages das Kamel strauchelte, den Hodscha abwarf und auf ihn trat. Auf seine Schmerzensschreie kamen die Leute von der Karawane herbei und hoben ihn auf.

Kaum war er wieder zum Bewußtsein gekommen, als er schrie: »Seht nur, Muselmanen, was mir dieses Kamel böses angetan hat. Seid doch so gut und bindet mir es fest; ich muß mich an ihm rächen.«[67]

»Aber Hodscha,« schrien die Leute; »fürchtest du denn nicht Gott, daß du dich an dem Tier da rächen willst?«

Der Hodscha antwortete jedoch: »Was soll das heißen? an einem Menschen kann man sich rächen, und an einem Kamel sollte mans nicht können?«

[12.]

EInes Tages kaufte Nasreddin Eier, und zwar neun um einen Asper; dann ging er an einen andern Ort und verkaufte zehn um einen Asper. Da wurde er gefragt: »Warum gibst du zehn um den Preis, den du für neun gezahlt hast?«

Er antwortete: »Es ist zu meinem Nutzen, wenn man sieht, wie mein Geschäft vorwärts geht.«

[13.]

EInes Tages kleidete sich der Hodscha in seinen neuen Kaftan und ging in die Moschee. Es kam der Augenblick, wo man sich mit dem Gesichte zu Boden neigen muß. Als nun der Hodscha also gebückt dastand, packte ihn der, der hinter ihm war, an den Hoden. Ohne sich zu besinnen, tat der Hodscha dasselbe mit dem Imam, der sein Vordermann war.

Der fragte ihn: »Was tust du da?«

»Nichts,« antwortet der Hodscha; »darf ich denn nicht nehmen, was man mir nimmt?«

[14.]

DEr Hodscha saß einmal am Ufer eines Flusses, als er einen Trupp von zehn Blinden auf ihn zukommen sah. Die trafen mit ihm die Abmachung, daß er sie, den Mann für einen Para, hinübertragen solle.

Beim Hinübertragen fiel nun einer von den Blinden ins Wasser und wurde fortgerissen. Augenblicklich begannen die Blinden zu schreien.

Aber der Hodscha sagte: »Warum schreit ihr? ihr zahlt mir einfach für einen weniger, und die Sache ist in Ordnung.«

[15.]

EIner, der ein Ei versteckt in der Hand hielt, sagte zum Hodscha: »Wenn du errätst, was ich in der Hand habe, so gebe ich dirs, damit du dir einen Eierkuchen machen kannst.«

Darauf sagte der Hodscha: »Sag mir, wie es aussieht, und ich werde dir antworten.«

»Außen ist es weiß und innen gelb.«

»O, ich weiß schon, was es ist,« rief der Hodscha; »es ist eine ausgehöhlte Rübe, in die man Stückchen von einer Möhre gesteckt hat.«

[16.]

EInes Tages stahl der Hodscha ein Kalb, ohne daß es der Eigentümer bemerkt hätte. Der Hodscha tötete das Kalb und versteckte das Fell. Bald darauf ward der Bestohlene inne, daß sein Kalb verloren war; er lief durchs Viertel und schrie: »Muselmanen, mir ist mein Ochs gestohlen worden; was für ein Schaden!«

So klagte er, als plötzlich der Hodscha das Kalbfell hervorzog: »Jetzt schäme dich aber, du Dieb; wie kannst du einen Ochsen für ein Kalb verlangen?«

[17.]

ALs der Hodscha auf dem Markte herumstrich, kam einer auf ihn zu und fragte ihn: »Wie steht denn der Mond? Drei viertel oder voll?«

»Ich weiß es nicht,« sagte der Hodscha; »ich habe weder einen gekauft, noch einen verkauft.«

[18.]

DEr Hodscha nahm eine Leiter auf seine Schultern und ging, lehnte sie an eine Gartenmauer, stieg hinauf, legte sie an der andern Seite an und stieg hinunter. Der Gärtner, der ihn sah, rief ihn an: »Was machst du da, was suchst du?«

Der Hodscha packte rasch die Leiter und antwortete: »Ich verkaufe Leitern.«

»Hier also ist der Markt für Leitern?« versetzte der Gärtner.

Aber der Hodscha sagte: »Was für ein Dummkopf du bist! kann man denn nicht überall Leitern verkaufen?«

[19.]

EInes Tages nahm der Hodscha seine Hühnchen eins nach dem andern her und legte ihnen jedem ein schwarzes Badetuch um den Hals. Dann ließ er sie laufen. Das Volk sammelte sich an und fragte ihn, warum er die Hühnchen also herrichte.

Er antwortete: »Sie tragen Trauer um ihre Mutter.«

[20.]

EIn Ochse war auf das Feld des Hodschas gelaufen; als ihn der bemerkte, packte er einen Stock und rannte auf ihn los, aber der Ochs entwich. Eine Woche war vergangen, als ihn der Hodscha wieder sah; diesmal war der Ochs an einen Bauernkarren gespannt. Augenblicklich erwischte der Hodscha einen Knüttel und versetzte dem Tiere eine tüchtige Tracht Prügel. Der Bauer aber schrie, als er das sah: »Aber Freund, was hast du denn gegen meinen Ochsen?«

»Laß mich machen, du Dummkopf; er weiß schon, was er angestellt hat.«

[21.]

EInes Tages verrichtete der Hodscha seine Waschungen an dem Ufer eines Flusses; dabei fiel ihm einer von seinen Pantoffeln ins Wasser, und er sah, wie ihn der Fluß mit sich fortführte. Da kehrte er dem Flusse seinen Rücken zu, ließ einen Wind[68] und sagte: »Da nimm deine Waschung zurück und gib mir meinen Pantoffel wieder.«

[22.]

DEr Hodscha traf einmal seine letztwilligen Verfügungen: »Wenn ich sterbe, so legt mich in ein altes Grab.«

Die Anwesenden sagten: »Warum denn?«

»Wenn dann die Engel[69] kommen, um mich zu fragen, werde ich ihnen antworten: ›Ich bin schon befragt worden; seht ihr denn nicht, daß mein Grab schon alt ist?‹«

[23.]

DEr Hodscha fühlte einmal das Bedürfnis, sein Wasser abzuschlagen; er ging auf den Abtritt und blieb dort einen Tag und eine Nacht. In der Nähe lief ohne Unterlaß ein kleiner Brunnen, und das Plätschern dieses Brunnens ließ ihn meinen, daß er mit seiner Verrichtung noch nicht zu Ende sei.

Da kam einer dazu und rief ihn an: »He Freund, du bleibst aber lange da!«

»Ich muß doch zuerst fertig werden,« antwortete der Hodscha, »bevor ich weggehe.«

[24.]

EInes Tages wollte der Hodscha ein Pferd besteigen, aber das hielt sich so trefflich, daß er nicht hinaufkommen konnte; schließlich fing er zu fluchen an.

Dann aber sah er hinter sich; und da er bemerkte, daß er allein war, stellte er diese Betrachtung an: »Gestehn wir es uns nur, daß es unter uns noch schlechtere Kerle gibt als das Pferd da.«

[25.]

EInmal war der Hodscha im Bade; während ihn der Wärter hinüber und herüber abrieb, packte er ihn heftig bei den Hoden.

»Was machst du denn?« fragte ihn der Wärter.

»Ich habe dich nur gehalten,« antwortete der Hodscha, »damit du nicht fällst.«

[26.]

DEr Hodscha hatte eines Tages die Knaben von Akschehir ins Bad zu führen. Die verbargen jeder ein Ei in der Achselhöhle; dann gingen sie alle mitsammen ins Bad, kleideten sich aus und setzten sich auf den runden Stein mitten im Bade. Und sie sagten: »Kommt alle her; wer jetzt kein Ei legt, bezahlt das Bad.«

Die Sache wurde so abgemacht; nun gluckte ein jeder, zerarbeitete sich, als ob er kreißte, und legte sein Ei auf den Stein.

Alsbald erhob sich der Hodscha, der ihnen zugesehn hatte, schlug mit den Armen wie mit Flügeln und krähte wie ein Hahn; und die Knaben sagten: »Was machst du, Meister?«

»Nun, braucht es denn keinen Hahn für so viel Hennen?«

[27.]

EInes Tages verließ der Hodscha sein Haus in schwarzen Kleidern. Den Leuten fiel das auf und sie fragten ihn, warum er also gekleidet sei.

Er antwortete: »Der Vater meines Sohnes ist gestorben, und darum trage ich Trauer.«

[28.]

NAch einem langen Marsche hatte der Hodscha Durst. Er sah um sich und gewahrte einen Brunnen, dessen Öffnung mit einem Pflocke verschlossen war. Nach einem Trunke verlangend, zog er den Pflock heraus; da schoß auch schon das Wasser in mächtigem Strahle heraus und ihm über den Kopf.

Voller Ärger schrie er: »Da hat mans, wie närrisch du fließt; drum hat man dir auch einen Pflock in den Hintern getrieben.«[70]

[29.]

EInes Tages steckte der Hodscha etliche Pastinaken zu sich und ging ins Gebirge Holz fällen. Als er durstig ward, schnitt er eine an; er fand sie schal und warf sie weg. Er schnitt eine andere an und tat dasselbe, kurz, er schnitt alle an, aß von einigen ein wenig und pißte auf die Stücke, die übrig blieben.

Dann fuhr er fort, Holz zu fällen, und kurz darauf bekam er von neuem Durst. Nun nahm er die Köpfe der zerschnittenen Pastinaken und hierauf jedes einzelne Stückchen; und indem er sagte: »Das da ist benetzt, das nicht«, aß er sie schließlich alle miteinander auf.

[30.]

ALs der Hodscha einmal in die Stadt ging, begegnete er plötzlich zwei Männern; die fragte er: »Wohin geht ihr?«

Sie antworteten: »Wir sind erst am Anfang unserer Rute.«

»Na, hoffen wir,« sagte der Hodscha, »daß ihr am Abende bei der Eichel anlangt.«

[31.]

DEr Hodscha Nasreddin-Effendi hatte ein Lamm. Seine Freunde dachten sich einen lustigen Streich aus, um es zu essen. Einer von ihnen kam ihm wie zufällig entgegen und sagte im Vorbeigehn zu ihm: »Was willst du mit dem Lamme da? morgen ist der Tag des jüngsten Gerichtes; komm, schlachten und essen wir es.«

Der Hodscha glaubte es nicht; er hörte auch kaum hin.

Es kam ein zweiter und sagte dasselbe; kurz, sie kamen alle, einer nach dem andern oder auch paarweise, und behaupteten, wie es abgemacht war, daß am nächsten Tage das Ende der Welt sein werde. Schließlich stellte sich der Hodscha, als ob er es glaubte.

»Wenn es so ist, so seid willkommen, Freunde! Nun wollen wir hinaus aufs Feld gehn, das Lamm schlachten und uns unsere letzten Augenblicke noch recht gut miteinander unterhalten.«

Alle waren dabei; sie nahmen das Lamm und zogen aufs Feld.

Da sagte der Hodscha: »Ihr, meine Freunde, vergnügt euch; ich will mich daranmachen, das Lamm zu braten.«

Er war mitten unter ihnen und so legten alle ihre Mützen und Turbane bei ihm nieder, um sich zu ergehen. Ohne zu verziehen, zündete der Hodscha ein großes Feuer an, warf alle ihre Sachen hinein und begann das Lamm zu braten.

Bald darauf sagte einer von der Gesellschaft zu den andern: »Sehn wir einmal nach, ob das Lamm des Hodschas schon hübsch braun ist; kommt es essen.«

Als sie hinkamen, wurden sie inne, daß der Hodscha alle ihre Kleider ins Feuer geworfen hatte. »Bist du ein Narr? warum hast du unsere Sachen ins Feuer geworfen?«

»Ja, meine Herren,« erwiderte der Hodscha, »glaubt ihr denn das nicht, was ihr mir früher erzählt habt? Wenn morgen das Ende der Welt ist, was braucht ihr da Kleider?«

[32.]

EInmal kam ein Dieb in das Haus des Hodschas, packte alles, was ihm unter die Hände kam, zusammen, lud es sich auf den Rücken und ging weg. Kaum war er draußen, als der Hodscha das übriggebliebene zusammenpackte und sich damit belud; dann folgte er den Spuren des Diebes bis zu dessen Haustür.

Dort sagte der Dieb: »Was willst du von mir?«

»Wieso?« sagte der Hodscha; »bin ich denn nicht richtig bei dem Hause, wohin wir umgezogen sind?«

[33.]

EInes Tages wurde der Hodscha gefragt: »Verstehst du nicht Persisch? Sprich ein wenig, damit wir uns überzeugen.«

Er antwortete ihnen in dieser Sprache: »Die Gans, die mein Grab höhlen soll, fliegt noch im Gebirge; es haben sich Leute versammelt, aber sie haben mich noch nicht in der Todesstarre gefunden.«

Da gingen sie eilfertig weg, ohne noch etwas weiter zu verlangen.

[34.]

DEm Hodscha war einmal Geld gestohlen worden. »O Herr,« rief er aus, »bist du denn in Armut gefallen, daß du mir meine Ersparnisse genommen hast?« Unter derlei Klagen ging er in die Moschee; dort verharrte er im Gebete bis zum Morgen und dann ging er nach Hause.

In derselbigen Nacht war es geschehn, daß ein Schiff auf dem Meere Sturmesnot litt, und die Seeleute hatten gelobt, wenn sie entrännen, dem Hodscha ein Geschenk zu geben. Der Herr ließ es zu, daß sie heil ans Land kamen; ihrem Gelübde treu, brachten sie nun dem Hodscha das versprochene Geld.

»O Gott, o Gott,« schrie da Nasreddin, »wozu hast du es mir zu nehmen brauchen, wenn du es mir nach einer außer Hause verbrachten Nacht zurückgeben wolltest?«

[35.]

EInes Tages entlieh der Hodscha von seinem Nachbar eine große Pfanne. Nachdem sie ihm ihren Dienst geleistet hatte, trug er sie zurück und brachte zugleich ein kleines Pfännchen.

»Was soll denn das Pfännchen,« sagte der Nachbar, »das jetzt dabei ist?«

»Ach,« antwortete der Hodscha, »die Pfanne war schwanger, und das ist das Junge.«

Der Nachbar nahm beides in Empfang. Kurze Zeit nach dieser Begebenheit ging der Hodscha die Pfanne noch einmal entleihen. Fünf Tage wartete der Nachbar vergebens, daß sie ihm zurückgestellt würde; dann pochte er an die Tür des Hodschas. Der öffnete und fragte ihn: »Was willst du?«

»Meine Pfanne.«

»Wohl ergehe es dir, aber deine Pfanne ist gestorben.«

»Ja kann denn eine Pfanne sterben?«

»Natürlich; und warum solltest du es nicht glauben wollen, wo du doch geglaubt hast, daß sie ein Junges bekommen hat?«

[36.]

ALs der Hodscha einmal auf einem Begräbnisplatze herumging, sah er, wie ein riesiger Hund einen Grabstein besudelte. Empört wollte er ihn mit einem großen Prügel, den er in der Hand hatte, schlagen, aber der Hund machte Miene, ihn anzufallen.

Da also der Hodscha sah, daß die Sache schief ging, rief er dem Hunde zu: »Mach nur weiter, Freund, mach nur.«

[37.]

DEr Hodscha fing eines Tages einen Storch; er trug ihn nach Hause, nahm ein Messer, stutzte ihm den langen Schnabel und die langen Beine und setzte ihn auf einen erhöhten Platz.

»So,« sagte er; »jetzt siehst du wenigstens einem Vogel ähnlich.«

[38.]

EInes Tages schluckte der Hodscha heiße Suppe; er stieß einen Schrei aus und lief voll Aufregung auf die Straße hinaus: »Platz, Leute, Platz! ich brenne im Leibe.«

[39.]

EIn Molla hatte Arabien, Persien, Indien und alle Länder durchwandert, ohne daß es ihm gelungen wäre, eine gewisse Frage beantwortet zu erhalten. Schließlich wurde ihm der Hodscha genannt; augenblicklich machte er sich auf nach Akschehir. Auf dem Wege kaufte er um einen Asper Granatäpfel und steckte sie zu sich. Im Gefilde von Akschehir angekommen, sah er einen Mann in Sandalen und einem Filzmantel, der den Acker bearbeitete, gleichwohl aber das Aussehn eines gebildeten Menschen hatte; es war der Hodscha. Er trat auf ihn zu und grüßte ihn.

Der Hodscha erwiderte den Gruß und sagte: »Molla-Effendi, was gibt es neues?«

»Ich will dir einige Fragen vorlegen; wirst du sie beantworten können?«

»Sicherlich. Aber es hat einmal einer gesagt: ›Ohne Geld hätte deine Mutter deinem Vater nichts bewilligt‹; warum sollte ich dir einen Gefallen tun?«

Der Molla nahm die Granatäpfel aus seinem Busen und bot sie dem Hodscha an. Nun begann der die Fragen des Mollas zu beantworten, wobei er einen Apfel nach dem andern verzehrte. Eben war er mit den Äpfeln fertig geworden, als der Molla sagte: »Nun habe ich noch eine Frage.«

»Du täuschest dich, mein Freund; sind denn noch Äpfel da?«

»Ach,« sagte der Molla, »du scheinst mir ein tüchtiger Schelm zu sein; an derlei Weisen ist kein Mangel.« Und damit machte er sich davon.

[40.]

DEr Hodscha sah einmal eine Menge Enten, die sich in der Quelle eines Baches tummelten. Er lief auf sie zu, um einige zu fangen, aber sie flogen weg. Da setzte er sich an die Quelle und tauchte das Brot, das er mitgebracht hatte, stückchenweise ins Wasser. Während er so das feuchte Brot aß, kam ein Fußgänger vorüber, und der fragte ihn: »Was ißt du?«

»Ententunke,« antwortete der Hodscha.

[41.]

DEr Hodscha wollte einmal eine Leber nach Hause tragen; plötzlich aber schoß ein Sperber aus den Lüften auf sie herab und entflog mit ihr. Der Hodscha sah ihm nach, merkte aber, daß nichts mehr zu machen war. Augenblicklich erstieg er einen erhöhten Ort; als er dann einen Mann kommen sah, der auch eine Leber in der Hand hielt, entriß er sie ihm und eilte damit auf die Spitze eines Felsens.

Der Mann schrie: »Warum beraubst du mich so, Hodscha?«

Der Hodscha antwortete: »Ich habe nur versucht, wie ich es machen müßte, wenn ich ein Sperber wäre.«

[42.]

UM Hodscha kam einer, um Stricke zu entleihen. Der Hodscha ging ins Haus, kam aber sogleich zurück und sagte, daß sie voll Mehl seien, das auf ihnen trocknen solle. Der andere antwortete: »Trocknet man denn Mehl auf Stricken?«

Nun sagte der Hodscha: »Je weniger gern man sie herleiht, desto eher läßt man darauf Mehl trocknen.«

[43.]

NEben dem Hodscha ging einer; sie sahen sich gegenseitig an und traten jeder in demselben Augenblicke ein paar Schritte zurück. »Ist es erlaubt, Herr,« sagte der Hodscha, »dich zu fragen, wer du bist? ich kenne dich nicht.«

Der andere antwortete: »Wieso bist du denn dann über meinen Anblick so erstaunt gewesen?«

Der Hodscha erwiderte: »Ich habe gesehn, daß dein Turban ganz so ist wie der meinige und daß dein Mantel derselbe ist wie der meinige; da habe ich dich für mich gehalten.«

[44.]

IM Hause des Hodschas war einmal jemand krank, und man kam sich um sein Befinden erkundigen.

Er antwortete: »Zuerst war er genesen, aber dann ist er gestorben.«

[45.]

DEr Hodscha steckte seine Hühner in einen Käfig und ging damit nach Siwri-Hissar. Unterwegs sagte er sich: »Diese armen Tiere sind gefangen; ich will sie ein bißchen auslassen, o Herr.« Als sie aber in Freiheit waren, liefen sie nach allen Seiten auseinander. Nun trieb der Hodscha den Hahn mit einem Stocke in der Hand vor sich her und sagte zu ihm: »Was? mitten in der Nacht weißt du, daß es Morgen wird, und am hellichten Tag kennst du den Weg nicht?«

[46.]

ALs der Hodscha eines Tages auf einem Begräbnisplatze neben dem Wege ging, fiel er in ein altes Grab; nun sagte er sich: »Ich will sehn, ob Munkar und Nakir kommen,« und legte sich der Länge nach nieder. Während er also wartete, hörte er ein Geklingel von Glöckchen, die sich näherten. Er dachte, der Tag der Auferstehung und des Gerichtes sei gekommen, und stieg aus dem Grabmale. Da sah er, daß eine Karawane hervorkam; bei seinem Anblicke wurden die Maultiere scheu und rannten nach verschiedenen Seiten davon. Die Treiber liefen auf ihn zu, jeder mit seinem Stocke bewaffnet, und fragten ihn, wer er sei.

»Ich bin ein Toter.«

»Und was tust du da?«

»Ich mache einen Spaziergang.«

»Nun, den wollen wir dir recht angenehm machen.« Und damit warfen sie sich auf den Hodscha und prügelten ihn tüchtig durch; bald hatte er den Kopf zerschlagen und die Augen braun und blau.

Als ihn seine Frau in dieser Verfassung heimkommen sah, fragte sie ihn, woher er komme. Er antwortete: »Von den Toten; ich bin im Grabe gewesen.«

»Wie geht es denn in der andern Welt zu?«

»Ach, Weib, vor einem hüte dich; mach nur ja die Maultiere nicht scheu, die man treibt.«

[47.]

MAn hatte den Hodscha als Gesandten zu den Kurden geschickt. Sofort nach seiner Ankunft luden sie ihn zu einem Festmahle ein; er zog seinen Pelzmantel an und ging hin. Mitten im Gespräch ließ er plötzlich einen Furz; da sagten sie zu ihm: »Es ist eine Schande, Molla-Effendi, also zu furzen.«

»Was?« schrie er; »wie hätte ich denn denken sollen, daß es die Kurden verstehn, wenn man auf türkisch furzt?«

[48.]

EInes Tages ging der Hodscha mit seinem Amad[71] auf die Wolfsjagd. Dieser war eben in die Höhle gekrochen, als der Wolf unversehens zurückkam. Der Hodscha benutzte den Augenblick, wo der Wolf in dem Loche verschwand, und packte ihn beim Schwanze. Daraufhin begann der Wolf mit den Beinen zu scharren; der Staub drang dem Amad in die Augen, und er schrie: »Hodscha, was ist das für ein Staub?«

Der Hodscha antwortete: »Wenn sein Schwanz reißt, wirst du noch einen ganz andern Staub sehn!«

[49.]

EInes Tages stieg der Hodscha auf einen Baum; dann begann er den Ast, auf den er sich gesetzt hatte, abzuhacken. Ein Vorübergehender sah dies von unten und rief ihm zu: »He Freund, weißt du denn nicht, daß du zugleich mit dem Aste, den du von dem Baume abschneiden willst, herunterfallen wirst?«

Der Hodscha antwortete nichts; als er aber mit dem Aste heruntergefallen war, begann er dem wohlmeinenden Ratgeber, der weiterschritt, nachzueilen. Und er rief ihn an: »He Freund, da du es vorausgesehn hast, wann ich herunterfallen werde, so mußt du mir zweifellos auch sagen können, wann ich sterben werde.« Und bei diesen Worten hielt er den Fremden fest.

Der antwortete, um von ihm loszukommen: »Wann dein Esel, während er beim Ersteigen einer Anhöhe brällt, einen Furz läßt, so wird die Hälfte deiner Seele entweichen; wann er dann den zweiten läßt, so wird sie gänzlich von dir scheiden.«

Der Hodscha setzte seinen Weg fort; und bei der zweiten Mahnung warf er sich zu Boden mit den Worten: »Ich bin tot.«

Es versammelten sich Leute um ihn, und die brachten eine Bahre, legten ihn darauf und machten sich auf den Weg nach seinem Hause. Da kamen sie an eine Pfütze, die es ihnen verwehrte, geradeaus weiterzugehn. Als sie nun einander fragten: »Wie sollen wir da hinüberkommen?«, hob der Hodscha sein Haupt und sagte: »Als ich noch am Leben war, bin ich immer diesen Weg gegangen.«

[50.]

EInmal gedachte der Hodscha einen unterirdischen Stall zu machen[72]. Nun sah er auf einem Spaziergange in dem Keller eines seiner Nachbarn eine Kuh und etliche Ochsen. Hoch erfreut darüber ging er wieder heim und sagte zu seiner Frau:

»Was gibst du mir für eine gute Neuigkeit? ich habe einen Stall voll Rinder gefunden, der noch so ist, wie er zur Zeit der Ungläubigen war.«

[51.]

DEr Hodscha hatte zwei Töchter; die kamen ihn einmal beide besuchen, und er fragte sie: »Wovon lebt ihr?«

Die eine sagte: »Mein Mann ist Bauer; er hat viel Korn gesät, und wenn es regnet, wird er so viel haben, daß er mich kleiden kann.«

Die andere sagte: »Mein Mann ist Hafner; er hat viele Töpfe gemacht, und wenn kein Regen kommt, so wird er so viel haben, daß er mir Kleider kaufen kann.«

Nun sagte der Hodscha: »Eine von euch wird ja bekommen, was sie wünscht; aber welche, das weiß ich nicht.«

[52.]

EInes Tages kam der Hodscha nach Siwri-Hissar; es war am Ende des Ramasans und man wartete, daß es Neumond werde, weil dann das Bairamfest beginnen sollte. Er sah eine Menge Leute versammelt, die alle den Mond beobachteten, und da sagte er:

»Was ist denn an dem Monde so bemerkenswert? Bei uns zu Hause ist er so groß wie ein Wagenrad, und es kümmert sich kein Mensch um ihn; hier, wo er so dünn ist wie ein Zahnstocher, versammeln sich alle Leute, um ihn zu betrachten!«

[53.]

DEr Hodscha kam einmal in eine Stadt und sah dort die großen Röhren einer Wasserleitung. Da fragte er einen Vorübergehenden: »Was ist das?«

Der antwortete: »Das ist das, womit wir Städter das Wasser ablassen.«

»Daraus läßt sich schließen,« versetzte der Hodscha, »wie euere Frauen gebaut sein müssen.«

[54.]

EInes Tages ging der Hodscha in Akschehir spazieren. »Herr Gott,« rief er aus, »gib mir tausend Goldstücke; eines weniger nehme ich nicht.«

Dieses Gebet hörte ein Jude, der in seiner Nähe war; neugierig, was geschehn werde, tat er neunhundertneunundneunzig Goldstücke in einen Beutel und warf ihn durch das Rauchloch in die Hütte des Hodschas.

Als der Hodscha den Beutel am Boden bemerkte, rief er aus: »O Herr, du hast mein Gebet erhört.« Er öffnete den Beutel und zählte die Goldstücke; da fand er, daß eines fehlte. Und er sagte: »Der, der mir diese gegeben hat, wird mir auch noch das letzte geben; ich nehme sie an.«

Bei diesen Worten wurde der Jude unruhig; hastig klopfte er an die Tür des Hodschas: »Guten Tag, Hodscha-Effendi! Gib mir, bitte, die Goldstücke da; sie gehören mir.«

»Bist du närrisch geworden, Krämer? Ich habe zu Gott, dem Untrügerischen — gepriesen sei sein Name — gebetet, und er hat mich erhört; wieso sollte dies Geld dir gehören?«

»Bei meiner Seele, es war ein Spaß.«

»Den Spaß verstehe ich nicht.«

»Ich habe es getan, weil ich dich sagen hörte, daß du eines weniger nicht nehmen werdest.«

»Aber dann habe ich gesagt, daß ich sie nehme.«

»Gehn wir zu Gericht.«

»Zu Fuße gehe ich nicht hin.«

Nun brachte der Jude dem Hodscha ein Maultier, aber der sagte: »Auch einen Pelz brauche ich noch.«

Der Jude brachte ihm noch einen Pelz, und nun gingen sie aufs Gericht zum Kadi. Der fragte sie, was sie herführe, und der Jude sagte: »Der Mann da hat mein Geld genommen und weigert sich, es zurückzugeben.«

Der Kadi sagte zum Hodscha: »Was hast du darauf zu erwidern?«

»Herr, ich habe Gott, den ewig wahrhaften — gepriesen sei sein Name — um tausend Goldstücke gebeten, und er hat mich erhört; als ich dann nachgezählt habe, fand ich um eines weniger. Trotzdem bin ich nicht davon abgestanden, sie zu nehmen, Herr. Nun fordert sie der Jude da als sein Eigentum ein, aber nicht nur sie, sondern auch den Pelz, den ich trage, und das Maultier, auf dem ich hiehergekommen bin.«

»Gewiß gehört alles mir, Herr,« erwiderte augenblicklich der Jude.

Aber der Kadi schrie: »Zum Teufel mit dir, Jude!« Und unverzüglich wurde der Jude mit Stockprügeln hinausgejagt.

Der Hodscha jedoch kehrte stillvergnügt mit Pelz und Maultier heim.

[55.]

EInes Tages nahm der Hodscha an einem Hochzeitsmahle teil; die Kleider, die er anhatte, waren alt. Niemand kümmerte sich um ihn und es wurde ihm keine Aufmerksamkeit erzeigt. Daraufhin ging er weg und lief nach Hause, um seinen Pelz anzuziehn. Dann kehrte er zurück, und kaum war er bei der Tür angelangt, als man ihn auch schon einlud, einzutreten. »Setz dich, Hodscha-Effendi, wenn es dir beliebt, oben an die Tafel,« sagte man zu ihm und überhäufte ihn mit Ehrenbezeigungen und Aufmerksamkeiten.

Da faßte er die Ärmel seines Pelzes und rief: »Gebt, bitte, meinem Kleide zu essen.«

Die Tischgenossen sahen ihn an und baten ihn, sich zu erklären. Und er sagte: »Mein Kleid ist es, dem die Ehre erwiesen wird; warum soll es nicht auch den Genuß haben?«

[56.]

ALs der Hodscha einmal eine Stadt betrat, traf er das ganze Volk damit beschäftigt, zu essen und zu trinken. Man bemerkte ihn, begrüßte ihn artig und brachte ihm Speise und Trank. Das Jahr war aber unfruchtbar. Wie nun der Hodscha so aß und trank, fragte er sich, wieso die Lebensmittel an diesem Orte so im Überflusse vorhanden seien. Schließlich bat er darüber um Auskunft.

»Bist du verrückt?« war die Antwort. »Heute ist doch das Bairamfest, wo sich jedermann, je nach seinen Mitteln, mit Mundvorrat versorgt und aufkochen läßt; der Überfluß dauert nur eine kleine Weile.«

Nun rief der Hodscha: »Wollte doch Gott, daß alle Tage Bairam wäre!«

[57.]

EInes Tages brachte der Hodscha eine Kuh auf den Markt; aber er mochte herumgehn, wie er wollte, er konnte sie nicht verkaufen. Da sagte einer, der vorüberging, zu ihm: »Warum führst du die Kuh herum und verkaufst sie nicht?«

»Ach,« sagte der Hodscha, »seit aller Früh lasse ich sie ansehn; aber wie ich sie auch angepriesen habe, verkaufen habe ich sie doch nicht können.«

Nun nahm ihm der Mann die Kuh ab und führte sie selber herum, wobei er rief: »Seht, wie jung sie ist, und dabei ist sie im sechsten Monate trächtig.«

Im Nu kamen Kauflustige herbei, und bald hatte einer die Kuh um ein hübsches Stück Geld erstanden. Der Hodscha nahm das Geld und ging nach Hause, ganz verwirrt, als hätte er sich betrunken gehabt.

Unterdessen waren zu ihm einige Frauen auf Brautschau gekommen; er hatte nämlich eine mannbare Tochter. Seine Frau sagte es ihm und setzte hinzu: »Du bist nicht gerade der gescheiteste, Mann, drum halte dich abseits. Ich will die Frauen empfangen und unsere Tochter loben, was ich nur kann; vielleicht entschließen sie sich, sie zu nehmen.«

»Gib acht, Weib, was du sagst. Heute habe ich einen neuen Kunstgriff gelernt, und da will ich hineingehn; paß nur auf, wie ich es anpacken werde, um sie herumzubekommen.« Mit diesen Worten trat er zu den Frauen hinein.

»Was willst du da?« schrien sie[73]; »hole uns deine Frau und deine Tochter.«

»Meine Frau ist so mit Arbeit überhäuft, daß sie kaum weiß, was für Eigenschaften ihre Tochter hat; in unserer Familie sind es übrigens wir Männer, die die Gaben und Anlagen eines jeden beobachten und beurteilen, und so bin ich bereit, euch über alles genau Auskunft zu geben.«

»So zähle uns ein paar Einzelheiten auf, damit wir wissen, woran wir sind.«

Der Hodscha sagte: »Sie ist noch sehr jung und seit sechs Monaten schwanger; wenn das nicht stimmt, so bringt sie mir zurück.«

Die Frauen sahen eine die andere an und gingen weg.

Nun sagte das Weib des Hodschas: »Warum hast du so einen Unsinn gesprochen? damit hast du sie vertrieben.«

»Sei unbesorgt,« antwortete er: »sie können weit und breit herumlaufen, ohne daß es ihnen gelänge, ein solches Mädchen zu finden; sie werden also wiederkommen. Kein Mensch hätte meine Kuh gekauft, wenn ich sie nicht auf diese Weise angepriesen hätte.«

[58.]

DEr Hodscha wollte sich seinen Turban umwinden, konnte aber die Enden nicht aneinanderbringen; er wickelte ihn auf und wickelte ihn zu, doch stets war es umsonst. Voll Ungeduld ging er, um ihn versteigern zu lassen.

Als es dazu kam, trat einer näher, der entschlossen schien, ihn zu kaufen. Aber der Hodscha machte sich an ihn heran und sagte heimlich zu ihm: »Hüte dich wohl, ihn zu kaufen; er ist viel zu kurz.«

[59.]

DEm Hodscha wurde ein Sohn geboren; da kam einer zu ihm, um ihm die frohe Nachricht zu überbringen.

Der Hodscha sagte: »Wenn mir ein Sohn geboren worden ist, so muß ich sicherlich Gott dafür danken; aber warum sollte ich auch dir erkenntlich sein?«

[60.]

ZUm Hodscha kam einer, um dessen Esel zu entleihen. »Warte,« sagte der Hodscha, »ich will ihn erst einmal befragen; ist es ihm recht, so ist die Sache gemacht.«

Er ging ins Haus, blieb einen Augenblick drinnen, kam wieder heraus und sagte: »Der Esel ist es nicht zufrieden; er sagt, er würde, wenn ich ihn herliehe, über die Ohren geschlagen werden, und mich würde man auslachen.«

[61.]

DEr Hodscha stieg einmal auf seinen Esel und ritt in seinen Garten. Als er nun wegen eines kleinen Bedürfnisses abseits gehn mußte, zog er seinen Pelz aus und legte ihn auf den Sattel des Esels. Da kam ein Dieb, packte den Pelz und entwich.

Der Hodscha kam zurück und sah, was geschehn war; unverzüglich nahm er dem Esel den Sattel ab, um ihn sich selber aufzulegen, gab dem Esel einen Peitschenhieb und sagte: »Gib mir meinen Pelz wieder, und ich gebe dir deinen Sattel.«

[62.]

EInes Tages ritt er wieder auf seinem Esel aus. Wieder mußte er ein Bedürfnis befriedigen und wieder legte er seinen Pelz auf den Esel. Ein Mann, der ihn beobachtet hatte, packte den Pelz und wollte damit weglaufen. In diesem Augenblicke begann der Esel zu brällen.

»Du magst schreien und brällen,« sagte der Hodscha, »nützen wird es nichts.«

Der Dieb aber, der das hörte, legte in der Meinung, der Hodscha habe ihn gesehn, eiligst den Pelz wieder hin und entlief.

[63.]

DEr Hodscha hatte seinen Esel verloren und er erkundigte sich um ihn. Da sagte einer: »Ich habe ihn dort und dort als Kadi gesehn.«

»Das wundert mich gar nicht,« sagte der Hodscha; »denn wann ich Unterricht erteilte, spitzte er immer die Ohren dorthin, wo er mich sprechen hörte.«

[64.]

DEr Hodscha ging ins Gebirge Holz fällen; da begegnete er einem Manne, der einen sonderlich lebhaften Esel ritt. Der Mann kam näher und ritt an dem Hodscha vorbei. Der rief ihm nach: »Warte ein bißchen; ich muß dich um etwas fragen.«

Der Mann hielt an.

Nun sagte der Hodscha: »Wieso läuft denn dein Esel so schnell? Der meinige geht nicht vom Flecke. Was wendest du an?«

»Was gibst du mir,« antwortete der andere, »wenn ich dirs mitteile?«

»Einen Bienenstock.«

»In der Stadt gibts jetzt roten Pfeffer. Davon kaufe dir. Hierauf geh ins Gebirge, fälle dein Holz, nimm, wann du es dem Esel aufgeladen hast, ein wenig von diesem Pfeffer und stecke es ihm in den Hintern. Dann paß auf: du wirst sehn, wie schnell er laufen wird.«

Auf der Stelle kehrte der Hodscha um, um unverzüglich in die Stadt zu gehn und roten Pfeffer zu kaufen. Dann ging er wieder ins Gebirge, fällte Holz, belud den Esel und steckte ihm ein wenig Pfeffer in den Hintern. Sofort setzte sich der Esel in Galopp, und zwar so, daß ihm der Hodscha nicht folgen konnte.

Er sagte sich: »Das Mittel dieses Menschen ist wahrhaftig gut; wenn ich es selber anwendete, sollte ich da nicht auch so feurig werden? Ich will es versuchen.«

Mit diesen Worten steckte er sich ein wenig hinein; da verspürte er ein derartiges Brennen, daß er zu laufen begann wie das Feuer und den Esel überholte. So kam er zu Hause an.

Seine Frau sagte zu ihm: »Was hast du denn?«

»Jetzt ist nicht Zeit zu reden,« antwortete der Hodscha. »Der Esel kommt nach; lade ihn ab. Inzwischen will ich noch ein paarmal durchs Dorf laufen.«

[65.]

EInmal kam einer zum Hodscha und wollte dessen Esel geliehn haben. Der Hodscha antwortete: »Er ist nicht zu Hause.«

Kaum waren diese Worte gesprochen, als man den Esel drinnen brällen hörte.

»Aber Effendi,« sagte der Mann, »du sagst, der Esel sei nicht zu Hause, und er brällt drinnen.«

»Was?« antwortete der Hodscha, »dem Esel glaubst du, und mir Graubart glaubst du nicht? Du bist ein ganz sonderbarer Mensch.«

[66.]

DEr Hodscha sagte eines Tages zu seiner Frau: »Woran erkennst du es, daß ein Mensch tot ist?«

Sie antwortete: »Daß seine Hände und Füße kalt sind.«

Etliche Tage darauf ging der Hodscha ins Gebirge um Holz; unterm Gehn fror ihn an Hand und Fuß. Da schrie er: »Jetzt bin ich tot«; damit legte er sich unter einem Baume nieder.

Es kamen Wölfe, und die begannen seinen Esel zu fressen. Nun sagte der Hodscha: »Das ist freilich eine hübsche Gelegenheit für euch, wenn der Herr des Esels gestorben ist.«

[67.]

DEr Hodscha fällte einmal Holz in den Bergen, als sich ein Wolf daranmachte, seinen Esel zu zerreißen; und der Hodscha bemerkte das nicht eher, als bis der Wolf seine Beute davonschleppte. Nun rief ihm einer zu, er solle acht geben, was geschehe.

Aber der Hodscha erwiderte: »Wozu schreist du jetzt? Gefressen hat der Wolf, was er wollte; warum soll ich ihn den Berg hinauf abhetzen?«

[68.]

DEr Hodscha wollte einmal seinen Esel verkaufen und führte ihn auf den Markt; auf dem Wege beschmutzte sich der Esel seinen Schwanz mit Kot. Ohne zu zaudern, schnitt er ihm ihn ab und steckte ihn in den Sack. Als er dann den Esel zum Kaufe ausbot, kam einer und sagte: »Du, dein Esel hat keinen Schwanz, man hat ihn ihm abgeschnitten.«

Der Hodscha antwortete: »Kauf ihn nur ruhig; der Schwanz ist nicht weit.«

[69.]

DEr Hodscha kam von einem langen Ritte zurück; sein Esel, der arg durstig geworden war, bemerkte ganz in seiner Nähe eine Pfütze, deren Ränder aber sehr steil abfielen. Kaum hatte er das Wasser gesehn, so sprengte er darauf zu; und er war schon daran, sich hinunterzustürzen, als die Frösche, die dort hausten, zu quaken begannen. Erschreckt wich der Esel zurück.

Der Hodscha lief hin, packte ihn und schrie: »Schönen Dank, meine lieben Sumpfvögel; da habt ihr auch etwas, um euch Kuchen zu kaufen.« Und er warf ihnen ein Dreiparastück ins Wasser.

[70.]

ZU der Zeit des Hodschas Nasreddin-Effendi erstanden drei Mönche, ausgezeichnet in jeder Wissenschaft, und die reisten durch die Welt. Auf dieser Wanderschaft kamen sie auch in das Land des Sultans Alaeddin, und der lud sie ein, den Glauben anzunehmen. Sie sagten: »Wir haben jeder eine Frage; wenn uns die beantwortet werden, so wollen wir euerm Glauben beitreten.« Und darauf einigte man sich.

Sultan Alaeddin versammelte seine Gelehrten und Weisen; aber keiner von ihnen war imstande, eine Antwort zu geben. Voll Zorn sagte Sultan Alaeddin: »So gibt es denn in meinem Lande keinen Weisen oder Gelehrten, der ihnen antworten könnte!«; und er war sehr bekümmert.

Da sagte einer: »Diese Fragen kann niemand sonst beantworten, als der Hodscha Nasreddin-Effendi; der kann es vielleicht.«

Alsbald befahl der König, zu Nasreddin-Effendi einen Tataren zu schicken. Der beeilte sich, zu dem Hodscha zu gelangen, und meldete ihm den Befehl des Padischahs; augenblicklich sattelte Nasreddin seinen Esel, nahm seinen Stock als Stütze, stieg auf den Esel, sagte dem Tataren: »Reite vor mir«, und eilte geradewegs zum Serail Sultan Alaeddins.

Als er vor das Angesicht des Padischahs trat, gab er ihm den Salam und empfing ihn wieder, und es wurde ihm ein Platz zum Sitzen gewiesen. Nachdem er sich gesetzt hatte, flehte er den Segen auf den Padischah herab; dann sagte er: »Was ist dein Wunsch, daß du mich gerufen hast?«

Nun erzählte Sultan Alaeddin, worum es sich handelte, und der Hodscha sagte: »Was sind euere Fragen?«

Da trat einer von den Mönchen vor und sagte: »Meine Frage, ehrwürdiger Effendi, ist: ›Wo ist der Mittelpunkt der Welt?‹«

Sofort zeigte der Hodscha mit seinem Stocke auf den vordern Huf des Esels und sagte: »Hier, wo der Fuß meines Esels steht, ist der Mittelpunkt der Welt.«

Der Mönch sagte: »Woher ist das bekannt?«

Der Hodscha antwortete: »Wenn du es nicht glaubst, so miß es aus; sollte es sich anders ergeben, so sprich demgemäß.«

Darauf trat wieder ein Mönch vor und sagte: »Wie viel Sterne sind an dem Antlitze des Himmels?«

Der Hodscha antwortete: »So viel, wie Haare auf meinem Esel.«

Der Mönch sagte: »Woraus erhellt das?«

»Wenn du es nicht glaubst, so zähle nach; kommen weniger heraus, dann sprich.«

Der Mönch sagte: »Kann man denn die Haare des Esels zählen?«

Der Hodscha sagte: »Kann man denn so viel Sterne zählen?«

Der dritte Mönch trat vor und sagte: »Wenn du mir meine Frage zu beantworten verstehst, so wollen wir alle drei gläubig werden.«

Der Hodscha sagte: »Sprich; wir wollen sehn.«

Der Mönch sagte: »Wie viel Haare sind in meinem Barte?«

Der Hodscha antwortete: »So viele wie in dem Schwanze meines Esels.«

Der Mönch erwiderte: »Woher ist das bekannt?«

Der Hodscha sagte: »Wenn du es nicht glaubst, Freund, so zähle nach.«

Der Mönch sagte, mit diesem Vorschlage sei er nicht einverstanden.

Nun sagte der Hodscha: »Wenn du es nicht zufrieden bist, so laß uns je ein Haar aus deinem Barte und je eins aus dem Schwanze des Esels ausreißen, und wir wollen sehn, was sich ergibt.«

Der Mönch sah, daß das nicht recht anging. Und von Gott, dem Allmächtigen, kam ihm die Eingebung und er sagte zu seinen Reisegefährten: »Ich bin gläubig geworden.« Und er verkündete die Einheit, und auch die andern zwei wurden mit Herz und Seele gläubig. Und fortan waren alle dem Hodscha ergeben.

[71.]

EInes Tages wollte der Hodscha dem Bei Tamerlan einen Besuch abstatten. Er ging in den Garten und pflückte einen Korb Quitten; damit machte er sich auf den Weg. Er begegnete einem Bekannten, und der sagte zu ihm: »Wohin gehst du, Hodscha?«

Der Hodscha antwortete: »Es ist schon lange her, daß ich nicht bei Bei Tamerlan war; ich will ihn jetzt besuchen.«

»Und was ist das?«

»Ein Geschenk für den Bei,« sagte der Hodscha.

»Aber Quitten«, fuhr der Mann fort, »sind jetzt nicht das richtige; jetzt ist die Zeit der Feigen: bring ihm doch einige recht frische.«

Ohne weitere Worte ging der Hodscha wieder heim, warf die Quitten weg und nahm Feigen; freilich merkte er, daß sie noch grün und sauer waren. Er ging damit zum Bei und bot sie ihm nach dem Gruße auf einer Holzschüssel dar.

Der Bei griff sofort um eine Feige, die ihm gut zu sein schien, und führte sie zum Munde; er geriet in Zorn und befahl, die übrigen dem Hodscha an den Kopf zu werfen. Eine nach der andern traf den Hodscha ins Gesicht, aber er rief bei einer jeden: »Gelobt sei Gott!«

»Hodscha,« sagte der Bei, ihn unterbrechend, »warum diese Danksagungen? soll ich sie als eine Verhöhnung auffassen?«

»Meinen Dank sage ich deswegen, weil ich dir habe Quitten bringen wollen und mir einer, Gott sei gelobt, den Rat gegeben hat, lieber Feigen zu nehmen. Wenn es Quitten gewesen wären, wo wäre ich jetzt?«

[72.]

EIn andres Mal ging der Hodscha wieder zum Bei. Der war eben daran, auf die Jagd zu reiten; er nahm den Hodscha mit, ließ ihn aber auf eine elende Mähre steigen. Es fiel ein Platzregen, und jeder machte sich mit seinem Pferde im Galopp davon; der Hodscha jedoch konnte das seinige nicht von der Stelle bringen und mußte zurückbleiben. Ohne zu zaudern, zog er seine Kleider aus, brachte sie am Bauche des Pferdes ins Trockene und saß wieder auf. Als dann der Regen aufhörte, kleidete er sich wieder an und ritt zum Bei. Der verwunderte sich höchlich, ihn nicht im mindesten naß zu sehn.

Der Hodscha erklärte es ihm: »Dieses Pferd ist gar wacker; es ist so schnell gelaufen, daß ich keine Zeit hatte, naß zu werden.«

Der Bei wies nun dem Pferde den ersten Platz in seinem Stalle an. Als er dann wieder einmal auf die Jagd reiten wollte, nahm er den ausgezeichneten Renner selber und gab dem Hodscha ein andres Pferd. Es fing wieder zu regnen an; jeder eilte davon, um sich ins Trockene zu bringen, und der Bei, der auf der Mähre zurückblieb, wurde bis auf die Haut durchnäßt. Wütend über die Antwort, die ihm der Hodscha gegeben hatte, rief er ihn am nächsten Tage vor sich.

»Hältst du mich für deinesgleichen, daß du mich belogen hast?«

»Warum ärgerst du dich, Bei? Weißt du denn nicht, wie man es macht? Hättest du dich, wie ich es getan habe, ausgekleidet und wärest auf dem Pferde geblieben, so hättest du, als der Regen aufgehört hat, trockene Kleider gehabt.«

[73.]

EInes Tages ließ der Bei den Hodscha zum Dscherid[74] einladen. Nun besaß der Hodscha einen prächtigen Ochsen; den sattelte und bestieg er und kam also auf den Platz, wo der Dscherid stattfinden sollte. Alle lachten, als sie ihn sahen.

»Hodscha,« sagte der Bei, »das ist etwas neues, einen Ochsen reiten! Aber laufen kann er nicht.«

Der Hodscha erwiderte: »Ich habe ihn schon schneller laufen sehn als ein Pferd; und dabei war er damals erst ein Kalb.«

[74.]

EInes Tages lud Tamerlan den Hodscha Nasreddin zu einem Mahle ein; nach dem, was man ihm von ihm erzählt hatte, war er begierig geworden, sich seinem Gebete zu empfehlen.

»Tamerlan,« ließ er ihm sagen, »der aus seinem Lande gekommen ist, will Nutzen ziehn von deinen Gebeten und Segnungen. Komm zu ihm und du wirst die Zeichen seiner Hochachtung empfangen.« Und die Boten fügten bei: »Tamerlan wird dich mit Ehren überhäufen.«

Der Hodscha sagte: »Sei es, wie immer es will.« Und er stieg auf seinen Esel und sagte zu seinem Amad: »Komm mit zu Timur.«

Der folgte der Aufforderung und so begaben sie sich zu dem Tatarenherrscher. Sie trafen ihn sitzend, und er war höflich mit dem Hodscha und lud ihn ein, neben ihm niederzusitzen. Bald bemerkte Nasreddin, daß Timur, wie er so saß, seine Füße unter ein Kissen gesteckt hatte; da tat er ebenso die seinigen darunter. Dadurch fühlte sich Timur verletzt, und sein Ärger wuchs, je länger der Hodscha seine Füße neben den seinigen hatte. Und er sagte bei sich: »Sieh einmal, er will es mir gleichtun, mir, dem Padischah, und ohne sich zu entschuldigen!« Und er sagte zum Hodscha: »Was für ein Unterschied ist zwischen dir und deinem Esel?«

»Was für ein Unterschied,« erwiderte der Hodscha, »ist zwischen deiner Majestät und dem Kissen da?«

Der Zorn Timurs wuchs immerzu; und er hätte vielleicht den Hodscha mißhandelt, wenn nicht aufgetragen worden wäre.

Plötzlich nieste Timur mitten unter dem Mahle neben dem Hodscha oder besser auf ihn; da sagte der zu ihm: »Das ist unschicklich, Padischah.«

»Bei uns nicht,« antwortete Timur.

Gegen Ende des Mahles ließ der Hodscha einen lauten Furz. »Was du da machst,« sagte Timur, »ist das vielleicht nicht unschicklich?«

»Bei uns nicht,« sagte der Hodscha.

Als dann die Speisen weggenommen waren und man den Scherbet getrunken hatte, stand der Hodscha auf, um heimzukehren. Und auf dem Wege sagte sein Amad zu ihm: »Aber Hodscha, warum hast du dich in der erhabenen Gegenwart des fremden Padischahs auf diese Weise betragen und sogar einen Furz gelassen?«

»Mach dir keine Sorgen,« antwortete der Hodscha. »Türkisch nennt man es ja so; aber in seiner Sprache bedeutet es gar nichts.«

[75.]

DEr Hodscha ließ einmal eine Gans braten und brachte sie dem Sultan; da er aber auf dem Wege Hunger bekam, riß er ihr einen Fuß aus und aß ihn. Dann trat er vor den Padischah und bot ihm die Gans dar.

Timurlenk merkte die Sache und sagte voller Zorn zu sich: »Der Hodscha macht sich lustig über mich.« Und er sagte zu ihm: »Wo ist denn der andere Fuß?«

»Hierzulande«, antwortete der Hodscha, »haben die Gänse nur ein Bein; wenn du mir nicht glaubst, so sieh dort bei dem Brunnen eine ganze Herde Gänse.«

Die standen nun wirklich alle nur auf einem Beine. Unverzüglich befahl Timur einem Paukenschläger, einen Wirbel zu schlagen. Der nahm die Klöppel und schlug zu, und die Gänse stellten sich auf ihre beiden Beine. »Schau,« sagte Timur, »jetzt haben sie zwei.«

»Mit den Klöppeln da«, antwortete der Hodscha, »könnte man sogar dich dazu bringen, auf allen vieren zu laufen.«

[76.]

ALs der Hodscha Kadi war, kamen zwei Leute zu ihm, und der eine sagte: »Der da hat mich ins Ohr gebissen.«

»Ich war es nicht,« sagte der andere; »er hat sich selber ins Ohr gebissen.«

Der Hodscha sagte: »Entfernt euch auf eine Weile; dann werde ich euch meine Entscheidung mitteilen.«

Sie gingen weg und er schloß sich augenblicklich ein und stellte allerhand Bemühungen an, sein Ohr zu erreichen und sich zu beißen. Seine Versuche endigten damit, daß er auf den Rücken fiel und sich den Kopf ein wenig verletzte. Er umwickelte ihn mit einem Stück Tuch und setzte sich wieder auf seinen Platz; die beiden Gegner kamen wieder vor ihn und nahmen ihren Streit von neuem auf.

Nun sagte der Hodscha: »Wisset, man kann sich nicht nur selber ins Ohr beißen, sondern sogar dabei fallen und sich den Kopf verletzen.«

[77.]

EInes Nachts hörte der Hodscha, der im Bette lag, einen Streit vor seiner Tür. »Steh auf, Weib,« sagte er, »und mach Licht; ich will nachsehn, was es gibt.«

Sie sagte: »Bleib doch.«

Aber ohne auf sie zu hören, nahm er die Bettdecke um und trat hinaus. Augenblicklich riß ihm einer von den Streitenden die Decke weg und machte sich damit davon. Vor Kälte zitternd kam der Hodscha wieder ins Haus und seine Frau sagte: »Worum ging denn der Streit?«

»Um die Bettdecke; als sie sie hatten, war der Zank zu Ende.«

[78.]

EInes Tages sagte die Frau des Hodschas zu ihm: »Trag das Kind ein bißchen herum; ich habe zu tun.«

Der Hodscha nahm das Kind auf den Arm, aber es dauerte nicht lange, so bepißte es ihn. Augenblicklich tat ihm der Hodscha dasselbe, so daß es durch und durch naß wurde. Als dann die Frau zurückkam, fragte sie ihn: »Warum hast du das getan?«

Und der Hodscha antwortete: »Hätte mich ein Fremder bepißt, so hätte ich ihm noch etwas ganz andres getan.«

[79.]

EInes Abends hatte die Frau des Hodschas seinen Kaftan gewaschen und ihn im Garten aufgehängt. In der Nacht glaubte nun der Hodscha, einen Mann zu sehn, der die Arme ausgebreitet habe; da sagte er zu seiner Frau: »Bring mir meinen Bogen und meine Pfeile.«

Die Frau brachte ihm das verlangte. Er nahm einen Pfeil und schoß ihn durch den Kaftan; dann schloß er die Tür und ging schlafen.

Am Morgen sah er, daß er seinen eigenen Kaftan durchbohrt hatte; »Gott sei Dank,« rief er aus, »daß ich nicht drinnen gesteckt habe; da wäre ich nun schon lange tot.«

[80.]

DEr Hodscha begab sich einmal, von seinen Molla begleitet, in seine Schule; da kam ihm der Einfall, sich auf seinen Esel verkehrt zu setzen und ihnen also voranzureiten. Und sie sagten: »Warum reitest du verkehrt, Hodscha?«

Er antwortete: »Wäre ich wie gewöhnlich aufgesessen, hätte ich euch den Rücken gezeigt; hätte ich euch vorangehn lassen, hätte ich euere Rücken gesehn: das beste ist wohl so, wie ich es gemacht habe.«

[81.]

DEr Hodscha lag einmal in der Nacht im Bette, als er auf dem Dache einen Dieb gehn hörte. Da wandte er sich zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Als ich an einem der letzten Tage ins Haus wollte, habe ich ein Gebet gesprochen, die Mondstrahlen gefaßt und mich daran sanft heruntergelassen.«

Der Dieb auf dem Dache hörte diese Rede. Alsbald sprach er, wie der Hodscha gesagt hatte, ein Gebet und faßte die Mondstrahlen; und er fiel in die Hütte hinunter. Der Hodscha stand auf, packte ihn am Kragen und rief seiner Frau zu, sie solle ein Licht anzünden.

Nun sagte der Dieb: »Gemach, Effendi; dank deinem Gebete und meinem Witze werde ich dir wohl nicht so bald entlaufen können.«

[82.]

DEr Hodscha hatte einen alten Ochsen, dessen Hörner so weit voneinander abstanden, daß man hätte zwischen ihnen sitzen können; und so oft er ihn in der Herde sah, dachte er sich: »Wenn ich nur einmal zwischen seinen Hörnern sitzen könnte!«

Eines Tages legte sich nun der Ochs vor dem Hause nieder. Da sagte der Hodscha: »Die Gelegenheit ist da«, stieg ihm zwischen die Hörner und setzte sich nieder; aber der Ochs sprang auf und warf den Hodscha ab, und der blieb bewußtlos liegen. Sein Weib kam und er war noch immer bewußtlos; endlich kam er zu sich und er sah, wie sie weinte. Da sagte er: »Weine nicht, Weib; ich habe ja viel gelitten, aber ich habe mein Begehren gestillt.«

[83.]

EInmal schlich sich ein Dieb in das Haus; augenblicklich machte die Frau den Hodscha darauf aufmerksam. Aber der sagte: »Sei still; vielleicht läßt ihn Gott etwas finden, und das kann ich ihm dann nehmen.«

[84.]

SEine Frau sagte eines Tages zum Hodscha: »Du könntest ein wenig weggehn.«

Darauf ging er in die Stadt und kam nicht mehr heim. Es waren schon einige Tage vergangen, als er einem seiner Freunde begegnete, und zu dem sagte er: »Sei so gut und geh meine Frau fragen, ob das schon genug ist, oder ob ich noch weiter weg gehn soll.«

[85.]

ER lag eines Nachts neben seiner Frau, als er plötzlich rief: »Steh auf, Weib, und mach Licht; ich will einen Vers niederschreiben, der mir eingefallen ist.«

Die Frau stand auf, zündete Licht an und brachte ihm Tintenfaß und Kalam. Nachdem er den Vers niedergeschrieben hatte, bat sie ihn, ihn ihr vorzulesen.

»Paß auf,« sagte der Hodscha und las: »Zwischen einem grünen Blatte und einem schwarzen Huhn ist meine rote Nase.«

[86.]

DEr Hodscha war krank und einige Frauen kamen ihn besuchen; eine von ihnen sagte zu ihm: »Wenn du sterben solltest, wie möchtest du beweint werden?«

»So weit sind wir noch nicht,« antwortete er.

»Aber schließlich,« sagte eine andere, »wenn das Unglück doch einträfe, wie wäre es dir denn am liebsten, daß du beklagt würdest?«

Nun antwortete er: »Man soll mich also beklagen als einen Mann, der von den Weibern nie um etwas andres, als um albernes Zeug, gefragt worden ist.«

[87.]

SOoft der Hodscha eine Leber nach Hause brachte, zeigte sich seine Frau damit sehr zufrieden; wann es aber dann zum Nachtessen ging, setzte sie ihm eine Schüssel gekneteten Teigs vor. Da sagte er einmal zu ihr: »Sag, Weib, ich bringe dir alltäglich eine Leber; wohin kommt die?«

Sie antwortete: »Die Katze stiehlt alles.«

Kurz darauf wollte der Hodscha weggehn, und da verschloß er seine Axt in einer Truhe. Seine Frau sagte: »Was soll das?«

Er antwortete: »Ich tue es wegen der Katze.«

»Was hat die Katze mit der Axt zu schaffen?«

»Ja, wenn schon um zwei Asper Leber vor ihr nicht sicher ist, wie dann erst eine Axt um vierzig Asper?«

[88.]

DIe Frau des Hodscha wollte eines Tages ins Bad gehn. Nun besaß er nicht mehr als einen einzigen Asper, den er vor seiner Frau versteckt hatte. Und da sagte er zu ihr: »Warte doch noch eine Weile; ich fühle mich gar nicht wohl und werde bald sterben.« Und mit einem Blicke in den Winkel, wo der Asper lag: »Dort liegt dann mein ganzes Geld.«

[89.]

DEr Hodscha und seine Frau wollten einmal in einem Teiche ihre Wäsche waschen; sie waren gerade dabei, sie zu befeuchten und einzuseifen, als ein Rabe dahergeflogen kam, die Seife packte und wegflog. Die Frau rief: »Mann, komm, ein Rabe hat uns die Seife genommen.«

Aber der Hodscha sagte: »Schweig, Weib, das macht nichts, laß ihn sich doch waschen; er hat die Seife wahrlich nötiger als wir.«

[90.]

DEr Hodscha und seine Frau machten einmal miteinander aus, daß sie ihre eheliche Pflicht alle Freitage erfüllen wollten; als sie nun darüber einig waren, sagte der Hodscha: »Aber wie werde ich mich denn bei meinen Geschäften daran erinnern?«

Die Frau antwortete: »Ich werde dir allwöchentlich deinen Turban auf den großen Schrank legen; dann weißt du, daß es Freitag ist.«

Eines Tages, es war aber kein Freitag, gelüstete es die Frau; augenblicklich legte sie den Turban auf den Schrank. »Aber,« schrie der Hodscha, »heute ist doch nicht Freitag!«

»Freilich ist heute Freitag,« antwortete die Frau.

Da sagte der Hodscha: »Das geht nicht so weiter; entweder wartet der Freitag auf mich, oder ich auf den Freitag.«

[91.]

EInes Tages ging die Frau des Hodschas mit der eines Nachbars zum Bache, um Unterkleider zu waschen, und dorthin kam auch der Ajan[75], der eben spazieren ging. Er trat näher zu den Frauen heran und sah sie an. Da sagte die Frau des Hodschas: »Was schaust du?«

Der Ajan antwortete: »Nach der Frau dessen, den man den Hodscha nennt.«

Am nächsten Tage ging er zu Nasreddin und fragte ihn: »Ist dieunddie Frau bei dir?«

»Ja.«

»Bringe sie mir her.«

»Wozu?«

»Ich habe eine Bitte, die ich besser ihr sage als dir.«

»Bitte nur einmal mich,« versetzte der Hodscha; »dann werde ich sie bitten.«

[92.]

MAn zeigte einmal dem Sohne des Hodschas einen Eierapfel und fragte ihn: »Was ist das?«

Der Knabe antwortete: »Das ist ein Kalb, das die Augen noch nicht offen hat.«

»Seht nur,« schrie der Hodscha, »das hat er von sich selber; ich habe es ihn nicht gelehrt.«

[93.]

EInes Tages kam ein Wagen, der nach Siwri-Hissar fuhr, beim Hause des Hodschas vorüber; sofort entschlossen, mitzufahren, lief er nackt heraus und dem Wagen nach, stieg auf und fuhr mit. Als sie in die Nähe Siwri-Hissars kamen, ließen die Mitfahrenden der ganzen Stadt die Ankunft des Hodschas verkünden. Die Einwohner kamen ihm entgegen; und als sie ihn nackt sahen, fragten sie ihn um den Grund.

Er sagte: »Ich liebe euch so, daß ich vor lauter Sehnsucht, euch zu sehn, vergessen habe, mich anzukleiden.«

[94.]

DEm Hodscha stieß es zu, daß er grindig wurde. Er ließ sich scheren und gab dem Barbier einen Asper.

In der nächsten Woche ließ er sich wieder scheren; als ihm dann der Barbier einen Spiegel reichte, sagte er: »Mein Kopf ist doch zur Hälfte grindig; könntest du dich nicht mit einem Asper für zweimal scheren begnügen?«

[95.]

EInes Tages ging der Hodscha mit einigen Leuten fischen; sie warfen das Netz aus, und augenblicklich sprang der Hodscha hinein. Da sagten sie: »Hodscha-Effendi, was hast du getan?«

Der Hodscha sagte: »Ich dachte, ich müsse den Fisch machen.«

[96.]

DIe Knaben in der Nachbarschaft sagten eines Tages untereinander: »Kommt, wir wollen machen, daß der Hodscha auf einen Baum steigt, und dann stehlen wir ihm die Schuhe.« Sie stellten sich also unter einen Baum und schrien: »Auf diesen Baum kann niemand steigen.«

Der Hodscha kam dazu und sagte: »Ich steige hinauf.«

Sie antworteten: »Du kannst es nicht.«

Der Hodscha steckte die Zipfel seines Gewandes in den Gürtel und seine Schuhe in den Sack und begann hinaufzuklettern.

Da sagten die Kinder: »Wozu nimmst du denn die Schuhe mit?«

Und er antwortete: »Vielleicht zweigt weiter oben ein Weg ab, der näher zu mir nach Hause ist; da will ich sie dann bei der Hand haben.«

[97.]

EInes Tages kam ein Bauer zum Hodscha und brachte ihm einen Hasen; der Hodscha behielt ihn über Nacht bei sich. Etwa vierzehn Tage später kamen mehrere Leute und baten den Hodscha um Gastfreundschaft; sie sagten: »Wir sind die Nachbarn des Mannes, der dir vorige Woche einen Hasen gebracht hat.«

Der Hodscha beherbergte sie gleichfalls, aber nicht ohne Widerstreben. Kaum waren einige Tage vergangen, als wieder Leute kamen und sich als Gäste anmeldeten; sie sagten: »Wir sind die Nachbarn der Nachbarn des Mannes, der dir einen Hasen gebracht hat.«

Der Hodscha nahm sie auf. Am Abende goß er ein wenig Wasser in eine Schüssel und setzte es ihnen vor; und mit den Worten: »Laßt es euch belieben« lud er sie ein, mit dem Mahle zu beginnen.

Sie aber sagten: »Was ist das, Hodscha? Das ist ja nichts zu essen; das ist doch klares Wasser.«

Der Hodscha antwortete: »Das ist die Tunke der Tunke des Hasen.«

[98.]

DEr Hodscha sah einmal eine Schildkröte. Er sagte sich: »Das Tier gäbe einen guten Träger«; damit packte er sie und hing sich an ihren Rücken. Die Schildkröte bemühte sich, ihn von ihrem Rücken herunterzubekommen.

Er aber sagte: »Rühre dich, rühre dich nur; so wirst du dich daran gewöhnen, deine Last zu tragen.«

Das ist ein Sprichwort geworden und ist weit und breit bekannt.

[99.]

DEr Hodscha machte einmal Hochzeit und ließ dazu Einladungen ergehn. Seine Nachbarn kamen und setzten sich zu Tisch, vergaßen aber, auch den Hodscha zu rufen. Geärgert darüber, schrie er sie an: »Nun, seid ihr noch nicht bald fertig?«

Als sie weggingen, suchten sie ihn lange vergeblich; sie folgten seiner Fußspur und fanden ihn endlich. Da sagten sie zu ihm: »Wo bleibst du? Komm doch endlich!«

Aber der Hodscha sagte: »Wer gegessen hat, mag auch mit der Braut zu Bette gehn.«

[100.]

DEr Hodscha unternahm einmal mit einer Karawane eine Reise in die Stadt; als halt gemacht wurde, banden alle ihre Pferde an. Am nächsten Morgen war nun der Hodscha außerstande, sein Pferd unter den andern herauszufinden. Alsbald nahm er Bogen und Pfeil und schrie: »Leute, ich habe mein Pferd verloren.«

Alle lachten und jeder nahm sein Pferd, und das eine, das so übrig blieb, erkannte der Hodscha leicht als das seinige. Er nahm den Bügel, setzte den rechten Fuß hinein und schwang sich in den Sattel; da saß er nun verkehrt, mit dem Gesichte zum Hinterteil des Pferdes. Und die andern schrien: »Aber Hodscha, warum steigst du verkehrt auf?«

Er antwortete: »Ich bin nicht verkehrt aufgestiegen; aber das Pferd scheint linkshändig zu sein.«

[101.]

DEr Hodscha hatte unter seinen Schülern einen Neger. Eines Tages goß nun der Hodscha das Tintenfaß über seine Kleider und ging so zur Schule; dort fragte man ihn: »Was hast du denn gemacht?«

Der Hodscha antwortete: »Ich habe mich verspätet, und da haben wir uns sehr beeilt, der arme Teufel von Neger und ich; er hat geschwitzt, und was ihr hier seht, ist sein Schweiß.«

[102.]

EInes Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und sagte: »Höret, Muselmanen, ich will euch einen Rat geben; wenn ihr Kinder bekommt, so gebt ihnen ja nicht den Namen Ejub[76]

Man fragte ihn, warum, und er sagte: »Weil die Leute immer Ejb[77] sagen.«

[103.]

ALs der Hodscha einmal seine Waschung vornahm, reichte das Wasser nicht aus. Er fing zu beten an, stand aber dabei nur auf einem Beine, wie es die Gänse tun. Man fragte ihn: »Was tust du?« und er antwortete: »Dieses Bein hat keine Waschung bekommen.«

[104.]

EInes Tages kam einer zum Hodscha, um bei ihm zu übernachten. Als es dunkel wurde, legte sich der Hodscha nieder, und einen Augenblick später löschte er das Licht aus. Da sagte der Fremde: »Das erloschene Licht steht rechts von dir; gib es mir her, damit ich es anzünde.«

»Bist du verrückt?« antwortete der Hodscha; »wie soll ich denn in der Finsternis wissen, wo rechts ist?«

[105.]

DEr Hodscha wurde einmal gefragt: »Unter welchem Sternbild bist du denn geboren?«

»Unter den Böcken.«

»Aber Hodscha, das gibt es ja gar nicht.«

»Als ich noch klein war, hat mir meine Mutter gesagt, ich sei unter den Zicklein geboren.«

»Nun, Zicklein sind doch keine Böcke.«

»Dummköpfe, die ihr seid! Seither sind doch wohl vierzig oder fünfzig Jahre vergangen; sind da die Zicklein vielleicht nicht zu Böcken geworden?«

[106.]

IN der Zeit, wo der Hodscha Hatib[78] war, hatte er einen Streit mit dem Unterbaschi[79], und der starb, bevor sie sich versöhnt gehabt hätten. Als er nun begraben werden sollte, gingen die Leute zum Hodscha und sagten zu ihm: »Komm ihm, Effendi, die Anweisung erteilen[80]

Aber der Hodscha antwortete: »Das hat wenig Sinn; wer auf mich böse ist, achtet nicht auf meine Reden.«

[107.]

ES saßen zweie ihren Häusern gegenüber in einer Bude und plauderten miteinander; ihre Häuser stießen aneinander. Da kam ein Hund und machte seinen Kot mitten in die Straße vor ihren Häusern. Der eine sagte: »Das ist auf deiner Seite.« Der andere sagte: »Es ist näher bei dir; du mußt es wegputzen.«

Der Streit wurde hitzig und sie gingen aufs Gericht; kaum waren sie dort, so kam auch der Hodscha hin, der den Kadi besuchen wollte. Und der Kadi sagte spöttisch zu ihm: »Hodscha, beschäftige du dich mit dem Streitfalle dieser Leute.«

Der Hodscha fragte sie: »Ist euere Straße eine Heerstraße?«

Der eine antwortete: »Freilich ja.«

»Dann«, sagte der Hodscha, »lautet mein Spruch, daß es weder an dir, noch an dir ist, den Kot wegzuputzen; das ist Sache des Kadis.«

[108.]

EInes Tages lief das Kalb des Hodschas brüllend bald hierhin, bald dorthin. Alsbald packte der Hodscha seinen Stock und schlug auf die Kuh los. Da sagten die Leute zu ihm: »Was hat denn die Kuh angestellt, daß du sie schlägst?«

»An allem ist sie schuld,« antwortete der Hodscha; »wüßte denn das Kalb, das erst jüngst zur Welt gekommen ist, überhaupt etwas, wenn sie es nicht unterwiesen hätte?«

[109.]

DEr Hodscha traf einmal, als er nach Derbend[81] ging, einen Schäfer; der fragte ihn: »Bist du ein Gesetzeskundiger?«

»Jawohl.«

»Nun denn, paß auf: allen deinesgleichen habe ich eine Frage vorgelegt; aber warte einen Augenblick, damit wir einig werden: wenn du mir antworten kannst, so rede ich, wenn nicht, so sprechen wir gar nicht davon.«

Der Hodscha sagte: »Was ist deine Frage?«

»Also: anfangs ist der Mond klein; vierzehn Tage später wird er so groß wie ein Wagenrad, dann stirbt und verschwindet er. Hierauf kommt ein neuer und mit dem geht es ebenso. Was geschieht denn nun eigentlich mit den alten?«

Der Hodscha antwortete: »Das ist freilich eine schwierige Sache. Die alten Monde werden zerbrochen und man macht Blitze daraus: hast du noch nicht gesehn, wie sie, wann es donnert, zucken, ähnlich wie Schwerter?«

Der Schäfer anwortete: »Ausgezeichnet; du bist ein wahrer Weiser. Ich bin ganz und gar deiner Meinung.«

[110.]

ALs er einmal allein zu Hause war, grub der Hodscha ein Loch und verscharrte dort die kleine Summe Geldes, die sein Vermögen ausmachte. Dann ging er zur Tür, und dort sagte er sich: »Ich kenne den Platz; ich könnte mich daher selber bestehlen.« Er nahm also sein Geld wieder heraus und vergrub es an einer andern Stelle. Aber auch damit beruhigte er sich nicht; er kam und ging und sagte immerfort: »Das ist auch noch nicht das richtige.«

Nun war gegenüber von seinem Hause ein Hügel. Er ging in seinen Garten, schnitt sich dort eine Stange, tat sein Geld in ein Säckchen, band das oben an die Stange und pflanzte sie auf den Hügel. Dann stellte er sich unten hin, sah hinauf und sagte: »Die Menschen sind keine Vögel; dort oben kann es niemand erreichen: ich habe einen guten Ort gefunden.«

Aber ein schlechter Kerl hatte ihn beobachtet. Kaum hatte sich der Hodscha entfernt, so stieg der Kerl auf den Hügel, nahm das Säckchen von der Stange, beschmierte sie mit Kuhmist, pflanzte sie wieder auf und suchte das Weite.

Bald darauf brauchte der Hodscha Geld und lief zu seiner Stange; da sah er, daß das Geld weg war, während Spuren von Kuhmist über die Stange liefen. Und er schrie: »Ich habe gesagt, kein Mensch könne es dort oben erreichen, und jetzt ist eine Kuh hinaufgestiegen! Es ist wahrhaftig ein Wunder!« Und er sprach seinem Gelde das Totengebet: »Gottes Barmherzigkeit sei mit dir!«

[111.]

DEr Hodscha begegnete eines Tages auf seinem Heimwege einigen Taleb[82], und zu denen sagte er: »Meine Herren, kommt zu mir essen, was es gerade gibt.«

Die Taleb sagten: »Recht gern,« und gingen mit dem Hodscha. Bei seinem Hause angelangt, lud er sie höflich ein, einzutreten; er ging in seinen Harem und sagte zu seiner Frau: »Weib, ich habe Gäste mitgebracht; gib uns Suppe.«

Sie antwortete: »Hast du etwas eingekauft und mitgebracht, daß du Suppe verlangst?«

Nun sagte er: »Gib mir also wenigstens die Suppenschüssel.«

Er nahm sie, ging damit zu seinen Gästen und sagte zu ihnen: »Entschuldigt mich, meine Herren, aber wenn wir Butter und Reis gehabt hätten, so hätte ich euch eine solche Schüssel voll Suppe vorgesetzt.«

[112.]

DEr Hodscha hatte einmal mit seiner Frau einen Streit; er ließ sie stehn und ging sich im Keller verstecken. Ein paar Tage später kam eine Sklavin des Hauses in den Keller und fand dort ihren Herrn.

Sie fragte ihn: »Was machst du da, Effendi?«

Und der Hodscha antwortete traurig: »Ich bin in die Verbannung gegangen und habe mich, um nicht mehr gequält zu werden, entschlossen, nie mehr in die Heimat zurückzukehren.«

[113.]

EInes Tages saß der Hodscha ruhig zu Hause; da hörte er einen an die Tür pochen. Er rief: »Was willst du?«

Der an der Tür, ein Bettler, sagte: »Komm herunter.«

Alsbald stieg der Hodscha herab und fragte ihn, was er wolle.

Der Bettler antwortete: »Ich bitte dich um ein Almosen.«

Der Hodscha sagte: »Komm mit mir herauf.« Und als der Bettler mit ihm hinaufgestiegen war, sagte er zu ihm: »Ich habe kein Geld.«

Da sagte der Bettler: »Aber Effendi, warum hast du mir den Bescheid nicht unten gegeben?«

»Und du,« versetzte der Hodscha, »warum hast du durchaus haben wollen, daß ich herunterkomme?«

[114.]

DIe Frau des Hodschas war in den Wehen; schon saß sie seit einem oder zwei Tagen auf dem Gebärstuhl, ohne entbinden zu können. Da riefen die Weiber zum Hodscha hinaus: »Effendi, weißt du kein Gebet, damit das Kind herauskommt?«

Eiligst lief der Hodscha zum Krämer und kaufte Nüsse; damit ging er heim und sagte: »Laßt mich hinein.« Und er schüttete die Nüsse vor dem Stuhle aus und sagte: »So; das Kind wird sie sehn und herauskommen, um damit zu spielen.«

[115.]

DEm Hodscha wollte einmal seine Frau einen Possen spielen und brachte die Suppe zu heiß auf den Tisch. Zufällig vergaß sie es aber und nahm selber einen Löffel davon und verbrannte sich den Schlund, so daß ihr die Tränen in die Augen kamen.

Der Hodscha sagte: »Was hast du Weib? ist die Suppe vielleicht zu heiß?«

»Ach nein, Effendi,« erwiderte sie, »aber mein verstorbener Vater hat so gern Suppe gegessen, und das ist mir eben eingefallen; und da habe ich weinen müssen.«

Der Hodscha, der ihr glaubte, nahm einen Löffel Suppe; er verbrannte sich den Schlund und begann zu weinen. Und seine Frau sagte: »Was hast du denn?«

Er antwortete: »Ich bin bekümmert, daß deine verfluchte Mutter dich nicht mitgenommen hat, als sie gestorben ist.«

[116.]

DIe Frau des Hodschas ging einmal eine Predigt hören. Als sie nach Hause kam, fragte er sie, was der Prediger gesagt habe, und sie antwortete: »Wenn einer seine eheliche Pflicht mit der Gattin erfüllt, so baut ihm der Allerhöchste einen Kiosk im Paradiese; und das tut er allen.«

Augenblicklich sagte der Hodscha: »Komm, wir wollen uns einen Kiosk im Paradiese bauen.«

Sie taten sich zusammen; aber einen Augenblick später sagte die Frau zu ihm: »Für dich hast du jetzt einen Kiosk gebaut; jetzt bau auch mir einen.«

Der Hodscha sagte: »Dir ist das freilich leicht; aber sei nur ruhig. Du möchtest dann nacheinander Kioske für jedes einzelne aus deiner Familie, und schließlich müßte das den Baumeister verdrießen; laß es gehn: für uns beide tut es auch einer.«

[117.]

DEr Hodscha begegnete eines Tages etlichen Softa und sagte zu ihnen: »Wenn es euch beliebt, so kommt zu mir.« Bei seinem Hause angekommen, bat er sie, einen Augenblick zu warten, während er hineingehe. Drinnen sagte er zu seinem Weibe: »Ich bitte dich, schaffe mir diese Leute vom Halse.«

Sie ging hinaus und sagte: »Der Hodscha ist noch nicht heimgekommen.«

Die Softa antworteten: »Er ist heimgekommen.«

Daraus entspann sich ein Streit. Endlich steckte der Hodscha, der von oben zuhörte, den Kopf zum Fenster hinaus und sagte: »Wie könnt ihr denn streiten? Vielleicht hat das Haus zwei Türen, so daß er wieder weggegangen ist.«

[118.]

DEm Hodscha wurde ein Sohn geboren und man sagte ihm: »Zerschneide du selber die Nabelschnur; deine Hand bringt Glück.«

Der Hodscha sagte: »Gern«; er zog an der Nabelschnur und riß alles aus, so daß ein Loch blieb.

Die Leute schrien: »Aber Effendi, was tust du?«

Er antwortete: »Wenn er anderswo kein Loch hat, so hat er jetzt wenigstens das da!«

[119.]

SEin Sohn sagte einmal zum Hodscha: »Ich weiß noch, Vater, wie du auf die Welt gekommen bist.«

Geärgert sagte die Mutter: »Was redest du da zusammen?«

Aber der Hodscha sagte: »Du bist nicht recht bei Trost, Frau; warum soll denn das der Knabe, der doch so gescheit ist, nicht wissen?«

[120.]

EInmal hatte sich der Kadi von Siwri-Hissar in der Trunkenheit in einem Weingarten schlafen gelegt. An demselben Tage ging der Hodscha mit seinem Amad spazieren und sie kamen auch zu diesem Weingarten. Als der Hodscha den betrunkenen Kadi sah, nahm er ihm den Mantel und zog ihn selber an; dann ging er.

Bei seinem Erwachen sah der Kadi, daß sein Mantel verschwunden war. Er ging zurück und übergab die Sache den Schergen des Gerichtes. Die bemerkten den Mantel auf dem Rücken des Hodschas; sofort griffen sie den Hodscha und führten ihn vor den Kadi.

»He, Hodscha,« sagte der Kadi, »woher hast du denn den Mantel da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich bin mit meinem Amad spazieren gegangen; auf einmal hat er einen betrunkenen Würdenträger der Länge nach daliegen sehn mit unbedecktem Hintern. Mein Amad büßte zweimal seine Lust an ihm; dann nahm ich ihm den Mantel da und zog ihn an. Ist es der deine, so nimm ihn.«

»Geh nur,« schrie der Kadi, »es ist nicht der meinige.«

[121.]

EInes Tages streckte sich der Hodscha an dem Ufer eines Flusses hin, um zu schlafen; er tat aber dabei, als ob er tot wäre. Da kam einer vorbei und der fragte ihn: »Weißt du vielleicht, wo hier eine Furt ist?«

»Als ich noch lebendig gewesen bin,« antwortete der Hodscha, »bin ich immer dort durchgegangen; jetzt brauche ich mich nicht mehr um die Gelegenheit zu kümmern.«

[122.]

DEr Hodscha ließ sich eines Tages von einem ungeschickten Barbier rasieren, der ihn bei jeder Bewegung des Messers in den Kopf schnitt und ihm dann immer Baumwolle auflegte.

»Freund,« sagte der Hodscha zu ihm, »wenn du mir auf dem halben Kopfe Baumwolle anbaust, so will ich auf der andern Hälfte Flachs säen.«

[123.]

EInes Tages wurde der Hodscha als Zeuge geführt. Als sie ihn zum Kadi brachten, richtete der das Wort an den Hodscha und sagte: »Der Streit geht um Korn.«

Der Hodscha antwortete: »Die Sache, die ich bezeugen soll, dreht sich um Gerste.«

Seine Gesellen aber sagten: »Es ist aber Korn.«

»Dummköpfe, die ihr seid,« schrie nun der Hodscha; »wenn schon gelogen sein muß, was verschlägt es, ob es über Gerste oder über Korn geschieht?«

[124.]

DEr Hodscha ging eines Tages zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen; da sah er drinnen das Spiegelbild des Mondes, als ob der hineingefallen wäre, und sagte: »Man muß ihn augenblicklich herausziehen.« Er nahm einen Strick, woran ein Haken befestigt war, und ließ ihn in den Brunnen hinunter.

Der Haken fing sich an einem Steine und der Strick riß, so daß der Hodscha auf den Rücken fiel; da sah er nun den Mond am Himmel. »Gott sei gelobt und gepriesen,« rief er aus; »ich habe mir ja wehgetan, aber wenigstens ist der Mond wieder an Ort und Stelle.«

[125.]

EInes Tages stieg der Hodscha in einem fremden Garten auf einen Aprikosenbaum, und der Eigentümer kam dazu; der sagte: »Was machst du da?«

»Siehst du denn nicht,« antwortete der Hodscha, »daß ich eine Nachtigall bin? Ich singe.«

»Gut,« sagte der andere, »singe also; ich will dir zuhören.«

Der Hodscha begann zu singen, und der Gartenbesitzer sagte unter schallendem Gelächter: »Ein nettes Gezwitscher.«

Der Hodscha antwortete: »Eine ungelernte Nachtigall singt nicht anders.«