2. Aus Manuskripten verschiedenen Alters

[126.]

DEm Hodscha entlief einmal ein Sklave; trotz emsigen Nachforschungen konnte der Hodscha keine Spur von ihm entdecken und kam heim, ohne daß ihm noch eine Hoffnung, ihn zu finden, geblieben wäre. Und seine Frau fragte ihn: »Hodscha, wohin ist denn der Sklave gegangen?«

Der Hodscha antwortete: »Es ist einerlei, wo er ist und wohin er fliehen wird: mein Sklave bleibt er doch; wäre er aber nicht weggelaufen, so hätte ich ihn freigelassen. Schaden hat er sich nur selber getan.«

[127.]

DEr Hodscha stand eines Tages an dem Fuße des Minarets einer heiligen Moschee, und man fragte ihn: »Was ist das?«

Nun betrachtete der Hodscha das Minaret aufmerksam und sagte: »Früher war es ein Brunnen; jetzt hat man ihn geräumt, um ihn auszutrocknen, und hat ihn dann aufgestellt.«

So berichten es die Nachbarn.

[128.]

DEm Hodscha wurde einmal ein gesalzener Käse gestohlen; augenblicklich lief er zum Quellbrunnen. Man fragte ihn: »Was suchst du denn hier in solcher Hast?«

Der Hodscha antwortete: »Hierher kommt man allemal, sobald man gesalzenen Käse gegessen hat; ich tue es selber. So wird auch mein Dieb, wann er ihn gegessen hat, nicht verfehlen, ungesäumt herzukommen.«

[129.]

EIn andermal legte man dem Hodscha Nasreddin-Effendi eine Frage über den Aprikosenbaum vor; »Was ist das für ein Baum?« fragte man ihn.

»Ursprünglich«, antwortete der Hodscha, »trug er Eier; dann hat ihn der Hagel hart getroffen und das weiße heruntergeschlagen, so daß das gelbe bloß geblieben ist, wie ihr es jetzt seht.«

[130.]

DEr Hodscha Nasreddin spielte gut Schach und gab gelegentlich gern den Spielern Ratschläge; einmal aber ärgerte er sich und schwur, seine Frau zu verstoßen, wenn er sich wieder mit seinen Ratschlägen einmengen werde. Ein paar Tage darauf kam er auf seinem Spaziergange an einen Ort, wo gerade ein Spiel im Gange war; er trat näher und sah zu, und nun bemerkte er, daß der eine Spieler hätte anders ziehen sollen, als er getan hatte. Da riß ihm auch schon die Geduld und er sagte: »Aber Mensch, stell doch deine Königin auf das nächste Feld, und du gibst ein Matt.«

Da sagten die Leute dort: »Wieso getraust du dich zu reden, Hodscha? hast du nicht geschworen, deine Frau zu verstoßen, wenn dir das geschehn sollte?«

Der Hodscha antwortete: »Es war nur im Scherze, daß ich dreingeredet habe; geheiratet habe ich übrigens auch nicht anders.«

[131.]

EInes Tages saß der Hodscha unter einer großen Pappel, und man fragte ihn: »Was für ein Baum ist das?«

Der Hodscha sah in die Höhe und sagte: »Wie schön der Baum ist!«

In demselben Augenblicke ließ ein Rabe, der oben saß, seinen Kot auf den Hodscha fallen; der sah nach und fand, daß es etwas weißes war. Nun nahm er das Gespräch wieder auf und sagte: »Ihr wißt also nicht, was für ein Baum das ist?«

Die andern sagten: »Nein.«

Und er sagte: »Also seht mich an: es ist ein Quarkbaum.«

[132.]

DEm Hodscha wurde einmal die Frage vorgelegt: »Ist es wahr, daß die Weihe ein Jahr ein Männchen und das nächste Jahr ein Weibchen ist?«

»Meine lieben Freunde,« antwortete er, »da müßt ihr einen fragen, der zwei Jahre lang eine Weihe gewesen ist.«

[133.]

DEr Hodscha wurde gefragt: »Welche Musik ist dir am liebsten?«

Er antwortete: »Die der Teller und Schüsseln.«

[134.]

DIe Überlieferung berichtet, daß der Hodscha tief gelehrt war in allen Wissenschaften, und daß sich daher viele Leute von ihm unterrichten ließen. Allwege aber war seine Gewohnheit, die, die im Koran lesen zu lernen verlangten, das zu lehren; aber er weigerte sich, jemand in einem andern Buche lesen zu lehren.

Die Schüler richteten sich nach seiner Weise und verlangten nur im Koran zu lesen. Wann sie dann einmal wußten, wie man liest, konnten sie, wenn sie wollten, gleichgültig in welchem Buche lesen. Diese Art der Unterweisung war wahrhaftig die gute.

[135.]

MAn erzählt, daß der Hodscha einmal einen Schuldner hatte. Als er ihm eines Tages begegnete, hielt er ihn an und packte ihn am Kragen, indem er zu ihm sagte: »Gib mir mein Geld.«

In diesem Augenblicke kam einer dazu, und der wollte ihn, um den Schuldner zu befreien, übertölpeln und sagte: »Das ist ja gar nicht der, der dir schuldig ist; das bin ja ich.«

Aber der Hodscha drehte dieses Bekenntnis sofort zu seinem Vorteile und sagte zu dem Ankömmling: »Du bist nicht der einzige, von dem ich etwas zu fordern habe; der da ist mir auch schuldig.«

[136.]

MAn erzählt, daß eines Tages ein Mann zum Hodscha gekommen ist und zu ihm gesagt hat: »Hodscha, mein Auge schmerzt mich fürchterlich; was soll ich denn tun?«

»Reiß es dir aus,« antwortete der Hodscha, »und du wirst Ruhe haben.«

»Aber Hodscha, ein Auge nimmt man sich doch nicht heraus.«

»Ich schwöre dir,« antwortete der Hodscha, »neulich hat mir ein Zahn wehgetan, und ich habe nicht früher Ruhe gehabt, als bis er ausgerissen war.«

[137.]

DEr Hodscha hatte einmal eine solche Menge Flöhe im Hause, daß er es endlich nicht mehr aushielt und das Feld räumte. Bald darauf sah er sein Haus von einem Brande verzehrt und von den Flammen vernichtet; darüber freute er sich, klatschte in die Hände und schrie: »Das Haus ist verbrannt! Endlich bin ich die Flöhe und die Mäuse los.«

Und bei diesen Worten lachte er aus vollem Halse.

[138.]

ALs der Hodscha einmal von Land zu Land reiste, bemerkte er eine große Schar von Frauen, die in Reihen hintereinander daherkamen. Er ging näher hin und fragte, was es gebe.

Man antwortete ihm: »Sie gehn eine Braut einholen. Das Mädchen und der Mann da, die von den Frauen umgeben sind, sollen heute Nacht ihre Sehnsucht stillen.«

»Allah, Allah,« rief nun der Hodscha, »ich habe viele Länder durchwandert, aber noch nie habe ich eins gefunden, wo es so viel Kuppler gäbe wie hier.«

[139.]

MAn erzählt, daß der Hodscha am Tage auf seinem Felde Lauch gepflanzt, ihn aber bei Anbruch der Nacht wieder herausgezogen hat. Die Leute merkten das, und man fragte den Hodscha, warum er so tue.

Er antwortete: »Heißt es denn nicht, daß man seine Schätze unter seinem Kissen verwahren soll?«

[140.]

EInes Tages wurde der Hodscha gefragt: »Warum halten sich von den Bewohnern dieser Erde die einen an dem einen Orte auf und die andern an einem andern, anstatt daß sie alle an demselben Orte verweilten?«

»Was, das versteht ihr nicht?« rief der Hodscha; »wenn sich alle Bewohner der Erde an einem Punkte vereinigten, würde die Seite, wohin sie gingen, das Übergewicht bekommen und sie würden herunterpurzeln.«

[141.]

ALs der Hodscha einmal auf der Wanderschaft war, bemerkte er in der Ferne eine Anzahl Leute auf seinem Wege; waren es vielleicht Räuber? In seiner Nähe war ein Grab. Hastig entkleidete er sich, steckte seine Kleider in die Höhlung des Grabmals und legte sich unten auf den Grabstein nieder. Die Reisenden kamen heran und sahen einen nackten Mann, ausgestreckt auf dem Steine. Und sie sagten zu ihm:

»Wer bist du, Freund?«

Der Hodscha antwortete: »Ich bin ein Toter.«

»Und was machst du da?«

»Aus Angst vor den Frageengeln bin ich geflüchtet.«

[142.]

DEr Hodscha hatte ein schwarzes Huhn, und das trug er einmal auf den Markt, um es zu verkaufen. Es kam einer und sagte: »Wenn das Huhn da weiß wäre, hätte ich es gekauft.«

Der Hodscha antwortete: »Komme morgen wieder, und ich werde dir ein weißes geben.« Der Käufer war damit einverstanden und ging weg.

Auf dem Rückwege kaufte der Hodscha zwei Stück Seife; daheim erhitzte er dann Wasser in einem Kessel und begann das Huhn zu waschen. Damit plagte er sich, bis die Seife verbraucht war; aber er stellte fest, daß die Farbe des Huhns auch nicht ein bißchen heller geworden war. Geärgert schrie er: »Nach dem, was ich sehe, hat der Färber wahrlich die Farbe nicht gespart! Ein wackerer Mann, der es gefärbt hat!«

[143.]

NAsreddin hatte von einem zehn Gänse übernommen, um sie aufs Feld zu treiben; als er sie nun weiden ließ, verlor sich eine davon. Als das Ende des Monats gekommen war, ging der Hodscha seinen Lohn fordern. Aber der Eigentümer sagte: »Da fehlt ja eine Gans; was ists mit ihr?«

Der Hodscha zählte sie und sagte: »Sieh doch, es sind ja zehn.«

Nun zählte sie der andere und fand, daß es nur neun waren. Es entstand ein großer Streit zwischen ihnen und schließlich sagte der Hodscha: »Um zu einem Ende zu kommen, wollen wir zehn Leute holen und sie zu den Gänsen bringen; jeder nimmt eine, und wenn es sich zeigt, daß jeder eine hat, so ist alles in Ordnung.«

Der Eigentümer der Gänse nahm den Vorschlag an: es geschah alles, wie es gesagt worden war, und einer blieb ohne Gans. Der wandte sich zum Hodscha: »Schau, für mich ist keine geblieben; was sollen wir da tun?«

»Ja, Freund,« antwortete der Hodscha, »du hättest eben eine nehmen sollen, solange ihrer da waren.«

[144.]

EInes Tages kam man dem Hodscha sagen, daß ein Schüler ertrinke, und fragte ihn: »Wie sollen wir es anstellen, um ihn aus dem Wasser zu ziehen?«

Der Hodscha antwortete: »Einer von euch wird doch einen Geldbeutel haben; den zeigt dem Ertrinkenden: er wird glauben, ihr wollt ihm Geld geben, und wird herauskommen.«

[145.]

ALs der Hodscha einmal über den Markt schlenderte, fand er einen Asper. Er hob ihn auf, stellte sich auf einen höhern Ort und sagte: »Warum hören die Leute nicht auf, zu kommen und zu gehn? es ist wirklich sonderbar; der verlorene Asper ist ja schon wieder gefunden.«

[146.]

ALs der Hodscha eines Tages auf den Markt gehn sollte, umringten ihn seine Knaben und begannen ihn jeder um eine Flöte zu bitten; »Lieber Hodscha,« schrie der eine, »bring mir eine Flöte mit«, und »Bring mir eine Flöte mit«, sagte der andere.

»Jawohl, ihr Schlingel,« antwortete er ihnen; »ich werde sie euch mitbringen, Kinder.«

Unterdessen hatte ihm einer zugleich mit den Worten: »Bring mir eine Flöte mit« einen Asper gegeben; nun schrie der Hodscha: »Du bist es, der die Flöte blasen wird.«

[147.]

EIner kam zum Hodscha und sagte zu ihm: »Hodscha, derundder hat in der Fastenzeit gegessen.«

»So?« sagte der Hodscha; »und unterm Essen hat ihn wohl jemand eingeladen?«

[148.]

DEr Hodscha wollte auf seinen Esel steigen; er erhob sich und versuchte sich in den Sattel zu schwingen, aber er fiel auf der andern Seite herunter. Die Kinder, die um ihn herum waren, begannen zu lachen.

Da sagte der Hodscha: »Warum lacht ihr, Schlingel? früher war ich auf dem Boden, jetzt bin ich es wieder: das ist das ganze.«

[149.]

EInes Tages kamen Leute zum Hodscha und erzählten ihm, daß ein Mann auf einen Baum geklettert sei und nicht herabsteigen könne; darauf sagte er: »Habt ihr einen Strick? bringt ihn her.«

»Freilich haben wir einen,« antworteten sie und brachten ihn. Der Hodscha band ein Ende an die Hüften des Mannes; das andere gab er einem Kerl in die Hand, der dran ziehen sollte, und schrie: »Jetzt zieh!« Der Mann, der oben saß, fiel herunter und starb. Nun schrie das Volk: »Hodscha, was hast du getan?« Er antwortete: »Holt einen Richter.« Sie gingen weg und brachten einen Richter.

Der Richter sagte: »Hodscha, mit dem hat es ein böses Ende genommen; es ist alles aus. Mit einem Wort, er ist tot.«

»Aber Herr,« sagte der Hodscha, »er hat einen dicken Bauch; sieh doch nach, ob er nicht etwa schwanger ist.«

[150.]

EInes Tages sprach der Hodscha bei sich: »Wieso kommt es denn, daß alle diese Bäume Früchte bringen und ich nicht? Sicherlich würde auch ich, wenn man mich einpflanzte, Früchte tragen.« Er sagte zu einigen Bauern: »Steckt mich in die Erde.« Und er zwang sie, ihm zu gehorchen.

Sie führten also den Hodscha an eine feuchte Stelle und steckten ihn mit den Füßen in die Erde. Als dann die Bauern gegangen waren, hielt sich der Hodscha dort eine Weile; bald aber begann ihn zu frieren und er sagte: »Das gefällt mir nicht.« Er strengte sich also an, sich loszumachen, und mit schwerer Mühe gelang es ihm. Er kam ins Dorf, und die Bauern sagten: »Wie schnell du Frucht getragen hast, Hodscha! Aber wo ist die Frucht?«

»Gewachsen ist sie ja schnell,« antwortete der Hodscha, »aber sie hat so viel Frost gelitten, daß sie abgefallen ist.«

[151.]

EInes Tages stieg der Hodscha im Gebirge auf einen Baum. Während er die Äste abhackte, sah er nach allen Seiten herum, und da bemerkte er mehrere Züge Kamele, die auf ihn zukamen. Alsbald rief er die Kameltreiber von oben an: »Haltet, ich bitte euch; ich muß mit euch sprechen.«

Die Kameltreiber hielten und er stieg vom Baume und wandte sich zu ihnen: »Ich ersuche euch inständigst, ganz langsam vorbeizuziehn.«

»Wozu sagst du das? Was ist dein Grund?«

»Nun, meine Herren, es ist zu befürchten, daß euere Kamele, die noch nie ein Gebirge gesehn haben, erschrecken und an den Baum anlaufen, auf dem ich bin, und mich also herunterwerfen.«

[152.]

MAn erzählt, daß Tamerlan einmal in die Nähe der Stadt kam, wo der Hodscha lebte. Die Einwohner versammelten sich, gingen zum Hodscha und baten ihn, Tamerlan davon abzuhalten, daß er durch ihre Stadt ziehe. Auf der Stelle machte sich der Hodscha einen Turban von der Größe eines Wagenrades, stieg auf seinen Esel und ritt Tamerlan entgegen. Er traf ihn, und der wunderte sich sehr über diesen Anblick und sagte: »Was ist das für ein Turban, Hodscha?«

Der Hodscha antwortete: »Das ist meine Nachtmütze. Entschuldige mich, daß ich damit gekommen bin; aber der Turban, den ich sonst bei Tage trage, kommt hinten auf einem Wagen nach.«

Erschrocken über die seltsame und ungeheuere Kopfbedeckung der Bewohner zog Tamerlan nicht durch die Stadt.

[153.]

EInes Tages forderte der Bei Tamerlan den Hodscha dringend auf, etwas auf der Baßlaute zu spielen; und er sagte: »Wir wollen dir zuhören.«

Man brachte die Laute. Der Hodscha widerstand nicht mehr dem Drängen des Beis und nahm die Laute; aber er kniff nur eine Saite einmal und hielt inne. Da sagten sie zu ihm: »Warum spielst du nicht mehr, Hodscha?«

»Es summt eine Mücke,« antwortete er, »und der Lärm würde den Klang der Laute ersticken.«

[154.]

AUf einer Reise kam der Hodscha in eine Stadt; er war gerade außerordentlich hungrig. Kaum hatte er sie betreten, so fragte man ihn um seinen Beruf und er sagte: »Ich bin ein Arzt.«

»Da du ein Arzt bist, so komm mit uns; wir führen dich zu dem Sohne des Beis, der krank ist.« Der Hodscha erwiderte: »Sehr gut.«

Sie gingen mit ihm zum Bei; der behandelte ihn mit Ehrerbietung und fragte ihn: »Was verordnest du meinem Sohne?«

»Gibts hier ein wenig Brot, Butter und Honig?«

»Jawohl.«

»Man bringe es,« sagte der Hodscha; »ich will mit einer ärztlichen Beschwörung beginnen und in der Folge ein vortreffliches Heilmittel herstellen.«

Alles, was er gesagt hatte, wurde gebracht. Sofort mischte er die Butter und den Honig zusammen; um dann die Wirkung dieser kräftigen Arznei zu versuchen, begann er davon zu essen. Einen Augenblick darauf hörte er innen im Harem sagen: »Arzt, was machst du nur? das Kind ist gestorben.«

»Wir wären schon alle zwei tot,« antwortete er, »wenn ich nicht jetzt gegessen hätte.«

[155.]

DEr Hodscha reiste einmal in der Welt herum und kam so in eine gewisse Stadt. Er fiel dort den Leuten auf, und sie fragten ihn um seinen Beruf. »Mit der Erlaubnis Gottes«, sagte er, »erwecke ich die Toten.« Sie glaubten ihm; sie gaben ihm eine Frau und ließen es ihm nicht an Speise und Trank fehlen und so lebte er vergnügt etwa ein Jahr.

Nun geschah es mit Gottes Willen, daß in der Stadt einer starb; es war ein Weber. Die Leute liefen zum Hodscha und sagten zu ihm: »Komm ihn erwecken.« Er ging hin, stellte sich dem Toten zu Häupten und sagte: »Was war dieser Mann?« Die um ihn antworteten: »Ein Weber.«

»O weh,« sagte der Hodscha, »mit dem steht es schlimm.«

»Wieso denn?«

»Ach, die Weber kann man nicht vom Tode erwecken.«

»Warum?«

Und der Hodscha antwortete: »Solange der da am Leben war, hatte er schon die Beine in einer Grube; natürlich war es sein Los, einmal den Beinen folgen zu müssen.«

[156.]

IN einer Gesellschaft kam einmal ein Hafis an einem geringern Platze als der Hodscha zu sitzen und das mißfiel ihm sehr; und er sagte zum Hodscha: »Wenn das Buch der Bücher und ein andres Buch an derselben Stelle liegen sollen, welches legt man oben, den Koran oder das andere?«

Der Hodscha merkte die Absicht des Hafis und antwortete: »Man legt natürlich das heilige Buch über das andere, aber nicht über seine eigene Hülle.«

Diese Worte ließen den Hafis verstummen[83].

[157.]

DRei Leute reisten einmal in die ehrwürdige Stadt Mekka; einer war aus Siwri-Hissar, der andere aus Mers-Hum und der dritte aus Tasch-Gwetscher. Auf dem Heimwege von der ehrwürdigen Stadt Mekka sagte nun der aus Siwri-Hissar, um das Verdienst seiner Pilgerfahrt zu vergrößern: »Mein Knecht Koch-Kadem, der in meinem Hause und mein Eigentum ist, soll frei sein!« Der aus Mers-Hum sagte: »Meine Sklavin Benefscheh, die in meinem Hause und mein Eigentum ist, soll frei sein!« Nun rief der aus Tasch-Gwetscher, ein tölpischer Bauer, der dümmer als die zwei andern war: »Was reden diese Schufte? In meinem Hause gibts keinen Knecht Koch-Kadem und keine Sklavin Benefscheh; aber dafür soll die Mutter meines Sohnes Jakub von mir geschieden sein: zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male, sie sei frei!«

Da hat man also eine hübsche Probe, wie sich ein türkischer Bauerntölpel bewährt hat, um nicht hinter seinen Freunden zurückzubleiben.

[158.]

EInes Tages kochte seine Mutter große und kleine Fische und der Hodscha beobachtete alles durch ein Loch in der Tür. Und seine Mutter sagte zu seinem Vater: »Jetzt wird bald der Hodscha da sein. Verstecken wir die großen Fische unterm Bett, und setzen wir die kleinen zum Essen auf den Tisch; wenn er dann fort ist, holen wir die großen hervor und essen sie.«

In diesem Augenblicke trat der Hodscha ein und man sagte zu ihm: »Komm, Sohn, wir wollen Fische essen.«

Die kleinen Fische wurden aufgetragen; sofort nahm der Hodscha einen und hielt ihn an sein Ohr. Da sagte sein Vater: »Aber Sohn, was machst du denn da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich frage den Fisch.«

»Worum?«

»Ich habe von ihm erfahren wollen, was für ein Fisch das war, von dem Jonas verschluckt worden ist; aber er hat mir geantwortet: ›Ich weiß das nicht; unter dem Bett dort sind größere, die mußt du fragen.‹«

[159.]

MAn erzählt, daß einmal der Hodscha mit seinen Freunden Verstecken gespielt hat, und alle haben sie sich an verschiedenen Orten versteckt. Der Hodscha aber verließ Akschehir, lief bis Konia und versteckte sich dort in einem Minaret, und seine Freunde bekamen ihn mehrere Tage nicht zu sehn. Seine Gattin und seine Familie schrien allenthalben: »Hodscha, wo bist du?« Es verging Tag um Tag und man hatte ihn schon in der ganzen Umgebung gesucht, als von ungefähr eine Karawane aus Konia in Akschehir eintraf. Man fragte die Leute der Karawane, ob sie etwas vom Hodscha wüßten, und die antworteten: »Er ist in Konia; wir haben ihn dort gesehn.«

Daraufhin wurden etliche Männer nach Konia geschickt; sie kamen dort an und suchten den Hodscha überall. Der aber rief sie vom Minaret herab an und schrie: »Her mit dem Geld! ich habe gewonnen!«

Die Männer trauten ihren Ohren nicht, bis er endlich herunterkam.

[160.]

EInes Tages ging der Hodscha aufs Feld, um zu mähen. Als die Nacht einfiel, hörte er auf und ging heim. Seine Frau sagte zu ihm: »Hast du heute viel gemäht?«

Der Hodscha anwortete: »Ich habe noch bis morgen Mittag zu tun.«

Sie sagte: »Setz doch dazu ›Inscha Allah‹[84]

Der Hodscha antwortete: »Wenn ich seinen Namen nicht anrufe, werde ich auch nicht weniger fertig bringen.«

Am Morgen nahm er seine Sichel und ging aufs Feld. Auf dem Wege traf er etliche Reiter, und die zwangen ihn, ihnen vorauszugehn und ihnen den Führer zu machen; erst am Abende schickten sie ihn zurück. Der Hodscha lief, was er nur konnte, und es war Mitternacht, als er zu Hause ankam und an die Tür pochte. Seine Frau ging hin und fragte: »Wer pocht um diese Stunde?«

»Ich bins,« antwortete der Hodscha, »ich bins, inscha Allah; mach auf.«

[161.]

SEine Frau sagte einmal zum Hodscha: »Schenk mir ein Kopftuch aus roter Seide.« Der Hodscha streckte beide Arme aus und sagte: »Ist es so lang genug? reicht diese Länge?«

Er ging also auf den Markt und hielt auf dem Wege immerfort die Arme ausgebreitet; und als ihm einer entgegenkam, schrie er ihn an: »Gib acht, wo du gehst! Du wirst schuld daran sein, wenn ich mein Maß verliere.«

[162.]

DEr Hodscha war einmal in Gesellschaft eines andern auf der Reise. Von ungefähr kam ihnen ein Reiter entgegen; der wandte sich an den Begleiter des Hodschas und sagte zu ihm: »Du mußt mit mir gehn und mir den Weg zeigen.«

Der antwortete: »Ich bin der Knecht und Sklave desunddes Herrn.« Und so half er sich durch.

Der Reiter sprach nun den Hodscha an und sagte zu ihm: »Dann mußt du mit mir gehn und mein Führer sein.«

Aber der Hodscha erwiderte: »Ich bin ein Diener und Sklave des Allerhöchsten.« Kaum hatte er jedoch diese Worte herausgebracht, als der Fremde mit seiner Peitsche zum Schlage ausholte. Der arme Hodscha versuchte nicht weiter, Widerstand zu leisten, sondern begann neben dem Pferde herzuschreiten und den Reiter zu führen.

Wie er so dahinschritt, sprach er bei sich selber: »Wie ist denn das möglich, daß es der Schöpfer zuläßt, daß sich mein Gesell aus der Verlegenheit zieht, indem er angibt, er sei der Knecht eines winzigen Sterblichen, während es mir nichts nützt, daß ich sage, ich sei der Sklave des Allerhöchsten?«

Solcher Art waren seine Gedanken, als er plötzlich einen Lärm hinter sich hörte, dem ein mächtiger Schrei folgte. Erschrocken fragte er sich, was das sein könne; da sah er, daß der Reiter, den er führte, von dem Pferde gefallen war und tot hingestreckt daneben lag.

So lautet der echte Bericht der Freunde des Hodschas; welche Lehre man daraus ziehen kann, ist leicht zu sehn.

[163.]

ALs der Hodscha eines Tages ins Gebirge ging, um Holz zu schneiden, nahm er eine Melone mit. Wie er nun so dahinging, entwischte ihm die Melone aus dem Arme und rollte in ein Tal hinab. Dort schlief ein Hase; der erschrak über die Melone und lief davon.

»Da habe ich eine schöne Dummheit gemacht,« sagte der Hodscha, als er den Hasen sah; »die Melone war trächtig, und es wäre sicher ein Maulesel geworden.«

Damit entfernte er sich und machte sich unverzüglich ans Holzschneiden. Als er dann heimkehrte, erzählte er seiner Frau sein Abenteuer.

Sie schrie: »O weh, Mann, du hättest ihn fangen und herbringen sollen, um auf ihm in den Garten zu reiten!«

Aber der Hodscha hatte schon einen Stock in der Hand und sagte: »Steig herunter; er ist noch zu jung. Du wirst ihm die Rippen brechen.«

[164.]

MAn erzählt, daß der Hodscha einmal auf dem Rücken ein Geschwür bekommen hat. Er sagte es seiner Tochter und bat sie, es anzusehn. »Vater,« sagte sie, »es wird schwarz.«

Am nächsten Tage zeigte er es seiner Frau und die sagte: »Es wird weiß, Mann.«

Der Hodscha sagte: »Ich verwundere mich, daß es schon vergehn will. Ich weiß nicht, wie es in Wahrheit damit steht.«

Man sagt, daß davon seither das Sprichwort geblieben ist, das die ganze Welt kennt.

[165.]

EInes Tages sagte sein Sohn zum Hodscha: »Bei uns zu Hause ist etwas wie ein Mann in dem großen Topf mit Pikmes[85]

Der Hodscha schüttete den Topf aus und verschmierte mit dem Pikmes alle Löcher, die sich im Fußboden des Hauses fanden. Als er dann seinen Mann suchte, sah er in jedem Loche sein Bild, als ob überall Leute wären. Da nahm er seinen Säbel, stellte sich an der Tür auf und rief: »Wenn ihr keine Memmen seid, werdet ihr nur einer nach dem andern auf mich losgehn.«

[166.]

EInmal kam ein Mann zum Hodscha und sagte zu ihm: »Hodscha, dein Sohn ist vom Esel gefallen; er hat den Geist aufgegeben.« Auf diese Worte hin versank Nasreddin für einen Augenblick in tiefes Grübeln, so daß er gefragt wurde: »Was macht dich denn so nachdenklich, Hodscha?«

»Ich habe darüber nachgedacht,« antwortete er, »daß ja mein Sohn Adschib niemals einen Geist gehabt hat; wie hat er ihn dann aufgeben können?«

[167.]

EBenso erzählt man, daß einmal ein Arzt zu einem Kranken gerufen worden ist; er hat ihm den Puls gefühlt und gesagt: »Ich vermute, daß du etwas Huhn gegessen hast. Das ist schlecht; nimm dich in acht und iß es nicht mehr.«

Der Kranke sagte: »Es ist wahr; ich habe etwas Huhn gegessen.«

Hochverwundert bezeugten die Anwesenden ihre Befriedigung. Als dann der Arzt das Haus verlassen hatte, sagte sein Sohn zu ihm: »Vater, macht das nur die Wissenschaft, daß du das gewußt hast?«

Der Arzt antwortete: »Ursprünglich habe ich es durch die Wissenschaft erkannt, erhärtet durch mehr als eine Beobachtung. Obwohl ich es aber ursprünglich nur durch die Wissenschaft erkannt habe, sowohl aus dem Klopfen des Pulses, als auch durch andere Anzeichen, die ich beobachtete, habe ich überdies, als wir in die Nähe des Hauses kamen, Hühnerfedern und Obstschalen bemerkt und habe daraus geschlossen und die Diagnose abgeleitet, daß der Mann davon erkrankt ist, daß er das alles auf einem Sitz gegessen hat.«

Diese Worte des Vaters gruben sich dem Sohne ins Gedächtnis. Nun geschah es, daß man sich einer Krankheit halber, da der Vater nicht zu Hause war, an den Sohn wandte; der sah, als er zu dem Kranken ging, in der ganzen Umgebung des Hauses herum, bemerkte aber nichts andres als einen Eselssattel. Er trat zu dem Kranken, fühlte ihm den Puls und sagte, mit dem Kopfe wackelnd: »Oweh oweh, du hast heute Eselsfleisch gegessen. Das ist schlecht; iß es nicht mehr, es macht für die Krankheit empfänglich.«

»Aber Arzt,« schrie der Kranke, »du redest einen Unsinn. Kein Mensch ißt Eselsfleisch; mich ekelts ja davor.«

Nach diesen Worten geleiteten die Anwesenden den Sohn des Arztes höflich zur Tür.

[168.]

ALs die Frau des Hodschas eines Tages Bulgur[86] gekocht, Tarkhaneh[87] bereitet und die Kuh gemolken hatte, kam es zwischen ihr und dem Hodscha zu Zärtlichkeiten, so daß sie ins Bad gehn mußte; drum sagte sie zum Hodscha: »Hodscha, während ich im Bad bin, gib du acht auf das Kind in der Wiege und sieh zu, daß nicht die Vögel den Bulgur fressen; schlage Butter und quetsche in der Mühle noch etwas Bulgur, weil wir dann Pilaf[88] essen wollen.«

Fürs erste nahm der Hodscha eine Mütze, die mit Schellen behängt war, und band sie sich auf den Kopf; dann befestigte er den Butterschlägel und die Wiege an seinem Rücken, und vor sich stellte er die Mühle, die er drehen sollte. Indem er nun den Kopf vorwärts und rückwärts warf, schaukelte er die Wiege und schlug Butter, hielt aber zugleich damit durch das Schellengeklingel die Vögel ab, den Bulgur zu fressen. Während nun der Hodscha also den Bulgur bewachte, die Mühle drehte, Butter schlug und an zwei oder drei Dingen auf einmal arbeitete, erwachte das Kind und begann in seiner Wiege zu weinen. Der Hodscha sah, daß es sich beim Wiegen nicht beruhigte, und sah sich daher gezwungen, es aus der Wiege zu nehmen. Er spreizte die Beine auseinander, setzte es dazwischen hinein, nahm ein gewisses Glied heraus und gab es ihm als Spielzeug in die Hand. Das Kind spielte auch wirklich damit, während der Hodscha fortfuhr, sich völlig seiner Arbeit zu widmen.

Unterdessen kamen etliche Frauen auf ihrem Wege durch diese Straße; als sie bei dem Hause waren, wo der Hodscha mit seinen Schellen, seiner Mühle und seiner Milch arbeitete, sagten sie: »Gehn wir schauen, wie sichs der Hodscha eingerichtet hat.« Sie überschritten die Schwelle und gingen weiter ins Innere; und sie fragten den Hodscha: »Warum hast du Schellen an der Mütze?«

»Damit die Vögel nicht zum Bulgur kommen.«

»Und warum hast du das am Rücken?«

»Seht ihr denn nicht, meine Schönen, daß das der Schlägel ist, womit ich Butter schlage?«

»Und was hast du vor dir?«

»Das ist die Mühle, mit der ich den Bulgur quetsche.«

»Und warum liegt das Kind nicht in seiner Wiege?«

»Es weinte, und da habe ich es herausgenommen.«

Nun merkten sie erst, was für ein Spielzeug das Kind in den Händen hielt, und da sagten sie: »Aber Hodscha, schämst du dich denn nicht? warum gibst du ihm denn den in die Hand?«

Und der Hodscha antwortete: »Ihr naseweisen Dinger, die ihr seid! kommt nur mit mir in einen Winkel; da werden wir schon sehn, welche Hand die erste sein wird, die ihn herausnimmt.«

[169.]

EInmal traf der Sultan Alaeddin Vorkehrungen zu einem Feste, das er den ausgezeichnetsten Männern geben wollte; selbstverständlich lud er auch den Hodscha ein, und dieser erschien in der Begleitung seines Amads. Der Sultan empfing ihn mit Höflichkeit und Ehren und bot ihm einen Apfel, den er in der Hand hielt. Der Hodscha nahm ihn an und machte sich ohne weiters daran, hineinzubeißen. Da nahm der Amad den Hodscha beiseite und sagte zu ihm: »Pfui Hodscha, wie kannst du einen solchen Verstoß begehn? Wenn einem ein Sultan einen Apfel gibt, so ißt man ihn nicht augenblicklich in seiner Gegenwart.«

Der Hodscha fragte noch: »Ist es also nicht anständig, vor ihm zu essen?« und der Amad antwortete ihm: »Nein; man muß es in seinen Busen stecken.«

Nun wurde der Tisch bestellt und der Sultan ließ den Hodscha an seiner Seite sitzen. Als man dann den Gästen einen Hasen vorsetzte, der mit Joghurt übergossen war, nahm der Sultan, um dem Hodscha eine Höflichkeit zu erzeigen, etwas Joghurt und legte einen Hasenlauf darüber und legte das ganze dem Hodscha vor.

Ohne zu zaudern, packte der Hodscha das ihm dargebotene und schüttete es in seinen Busen.

Als das der Sultan sah, sagte er: »Aber Hodscha, warum tust du das? das ist eine grobe Unschicklichkeit.«

»Sultan,« antwortete der Hodscha, »ich habe mich nach dem gehalten, was mir mein Amad gesagt hat, daß man nämlich hier nicht essen soll.«

[170.]

EInes Tages brauchte der Hodscha einen gerichtlichen Bescheid. Er füllte einen Krug mit Erde und gab darüber eine dünne Schicht Honig; damit ging er zum Gerichte den Kadi aufsuchen und erhielt leicht den gewünschten Bescheid. Als der Kadi am Abende heimgekehrt war, schöpfte er ein paar Löffel Honig aus dem Kruge; da kam denn die Erde zum Vorscheine. Darum schickte er, kaum daß es Morgen geworden war, einen Gerichtsdiener zum Hodscha: »Geh schnell zu ihm: wir haben ihm gestern einen Bescheid gegeben, bei dem ein Irrtum unterlaufen ist; bring ihn zurück und wir werden ihm einen andern schreiben.« Der Diener lief zum Hodscha und pochte an die Tür; der Hodscha kam heraus und der Diener des Kadis bestellte seine Botschaft.

Und der Hodscha antwortete: »Bei aller schuldigen Ehrfurcht vor dem gestrengen Herrn Kadi habe ich doch den Bescheid vollständig in Ordnung gefunden; wenn aber schon ein Irrtum unterlaufen ist, so kann das nirgends sonst geschehn sein als beim Honig.«

[171.]

EInes Tages hatte der Hodscha einen Streit mit einem andern, und sie gingen zum Richter. Dem machte der Hodscha ein Zeichen, indem er die Hand in seinen Busen steckte, und so geschahs, daß der Hodscha Recht bekam. Als dann sein Gegner weg war, wandte sich der Richter zu Nasreddin und sagte zu ihm: »So, jetzt gib her, was du mir versprochen hast.«

Aber der Hodscha antwortete: »Ich habe dir kein Zeichen gemacht, daß ich dir etwas schenken würde; ich habe dir nur sagen wollen, daß ich dir, wenn du mir Unrecht gäbest, den Schädel einschlagen würde mit den Steinen, die ich im Busen habe.«

[172.]

ALs der Hodscha einmal ins Bad kam, traf er dort einen Bekannten, und der hatte nichts eiliger zu tun, als ihm einen Schlag ins Genick zu geben. Der Hodscha kehrte sich um und sah niemand sonst als diesen Bekannten. Augenblicklich verließ er das Bad und schleppte den Menschen vor den Kadi; und zu dem sagte er: »Effendi, ich klage wider den da; er hat mir einen groben Schimpf angetan.«

Der Angeklagte war aber ein Freund des Kadis; und er sagte zu ihm: »Untersuche, ob der Mann Recht hat; wir wollen hören, was er darlegen wird.«

Und der Hodscha fuhr fort: »Dieser schlechte Kerl hat mir einen Schlag gegeben.«

Der Kadi sagte: »Für einen Schlag ist die Buße ein Pul[89]. Ich fälle gegen diesen Mann das Urteil, daß er dir einen Pul geben soll.«

Der Gegner des Hodschas suchte nach, hatte aber keinen Pul bei sich; er ging einen holen, blieb jedoch eine geraume Zeit aus. Der Hodscha wartete und wartete, bis er endlich ungeduldig wurde. Da bemerkte er, daß der Kadi, der eben mit schreiben beschäftigt war, den Kopf gesenkt hielt; unverzüglich versetzte er ihm einen Schlag ins Genick.

»Aber Hodscha,« schrie der Kadi, »was soll das heißen?«

Und der Hodscha antwortete: »Mir ist nichts andres übrig geblieben; der Mensch kommt nicht, und ich habe dringend zu tun. Wann er wiederkommt, so laß dir den Pul von ihm geben und behalte ihn für dich.«

Mit diesen Worten ging der Hodscha in aller Unbefangenheit hinweg.

[173.]

ZU der Zeit, wo der Hodscha Kadi war, kamen eines Tages ein Mann und eine Frau vor Gericht, und die Frau sagte: »Effendi, dieser Mann ist ein Teufel; er hat mich genommen und geküßt. Ich will mein Recht haben, mein unverbrüchliches Recht.«

Der Hodscha sagte: »Na, was werden wir denn da tun? Ein Kuß von dir wird den andern ausgleichen.«

[174.]

EInes Tages schnitt der Hodscha im Gebirge Holz, und während er damit beschäftigt war, fraßen ihm die Wölfe seinen Esel. Als er nun ganz bekümmert ins Dorf zurückging, sah er einige Bauernkinder, die spielten; und er fragte sie: »Sagt, Kinder, spricht man im Dorfe davon, daß der Esel des Hodschas im Gebirge von Wölfen gefressen worden ist?«

»Nein,« sagten die Kinder, »das sagt man nicht.«

Und der Hodscha sagte: »O gäbe doch der Allmächtige, daß euere Worte wahr seien, daß euere Rede richtig sei!«

[175.]

EInes Tages ging der Hodscha ins Gebirge um Holz. An einer abschüssigen Stelle fiel ihm ein Baum auf und er sagte sich: »Wenn ich den da fällen kann, so brauche ich sonst keinen umzuschlagen.« Er begann auch sofort damit, nachdem er den Strick seines Esels um den Baum geschlungen hatte; als dann der Baum so ziemlich abgeschnitten war, ließ er den Esel geradeaus abwärts laufen, aber der Esel fiel und brach sich die Knochen. Als das der Hodscha sah, machte er sich voll Ärger und Kummer auf den Heimweg. Seine Frau fragte ihn, da sie den Esel nicht sah: »Was ist es denn mit dem Esel?«

Der Hodscha antwortete: »Ach, Weib, als ich ihn zuletzt gesehn habe, ist er seinen Weg gegangen; seither weiß ich nichts mehr von ihm.«

[176.]

EInes Tages sah der Hodscha Nasreddin eine Windmühle. So etwas hatte er noch nie gesehn, und so wandte er sich an einen Bauer mit der Frage: »Wie nennt man denn das?«

»Eine Windmühle.«

Und der Hodscha fragte weiter: »Und wo ist denn dann das Wasser?«

»Es ist eine Windmühle.«

Und der Hodscha sagte: »Ich versteh dich schon, ich versteh dich schon; du hast recht. Aber wo ist denn das Wasser?«

Auch diese Rede, die Tausenden von Leuten bekannt ist, ist zum Sprichworte geworden.

[177.]

DEr Hodscha hatte einmal einer Frau ihren Zwirnknäuel genommen, der ganz klein war; die sagte jedoch: »Ich hatte sehr viel Zwirn; es war beinahe ein Batman[90]. Aber man hat ihn mir gestohlen.«

Der Hodscha, der dabei war, als sie das sagte, konnte nicht an sich halten; er zog den Zwirn hervor und sagte, ihn in der Hand haltend, zu der Frau: »Nun pack dich aber; geh deine Schande verbergen.«

[178.]

EInes Tages begegnete der Hodscha, als er seine Straße zog, einem Turkmanen, und der sagte zu ihm: »Was bist du? bist du ein Faki[91]

Der Hodscha antwortete: »Ja.«

»Wir haben jetzt keinen Faki in unsern Zelten; komm mit, und du sollst sofort, wann du bei uns bist, unser Faki werden.«

Der Hodscha machte keine Einwendung, und so gingen sie miteinander. Auf dem Wege trafen sie einen zweiten Turkmanen und der fragte den ersten: »Wer ist das?«

»Das ist ein Faki und ich führe ihn in unsere Zelte.«

Da sagte der andere: »Geh, schenk mir den Faki; wir haben keinen in unsern Zelten.«

Nun erhob sich ein Streit zwischen den zweien: der eine packte den Hodscha bei der einen Hand, der andere bei der andern, und so zogen sie ihn hin und her, bis endlich der später gekommene seine Keule aus dem Gürtel riß und schrie: »Jetzt schlage ich den Faki nieder; wann er dann tot ist, wirst ihn du ebenso wenig haben wie ich.«

Der Hodscha fiel vor Schrecken um, und wie er so dalag, sagte der erste: »Wenn du ihn nicht erschlägst, so bekommst du meinen großen schwarzen Hund; erschlägst du ihn, so bekommst du nichts.«

Heutzutage weiß man nicht, was Wissenschaft, Tüchtigkeit und Geschicklichkeit in Wahrheit wert sind; man geht mit Leuten um, die noch weniger verstehn als man selbst, und weiß nicht mehr, was das Wissen wirklich bedeutet. Die Rede des ersten Turkmanen ist übrigens zum Sprichworte geworden.

[179.]

MAn erzählt, daß der Hodscha eines Tages vom Dache gefallen ist; und seine Freunde sind gekommen, um sich um sein Befinden zu erkundigen.

Da fragte sie der Hodscha: »Ist unter euch einer, der auch vom Dache gefallen ist?«

»Niemand,« antworteten sie.

Nun sagte der Hodscha: »Ihr betrachtet mich also nicht als euern Kameraden.«

[180.]

UM ihn auf seine Frau argwöhnisch zu machen, sagte man eines Tages zum Hodscha: »Deine Frau geht viel aus.«

Er antwortete: »Sie kommt stets wieder heim von ihren Ausgängen.«

»Das ist es nicht, Hodscha; sie ist ein wenig zu frei.«

Der Hodscha antwortete: »Wenn sie zu frei ist, so hat die Schuld daran ihr Schleier, der zu klein ist.«

»Das ist es auch nicht, Hodscha,« sagten die andern; »sie geht bald hierhin, bald dorthin.«

»Fürwahr,« rief der Hodscha, »das ist mir sehr lieb, daß sie hierhin und dorthin geht.«

Sie sagten: »Das ists noch immer nicht; sie geht mit Fremden bald hierhin, bald dorthin.«

»Na, und ich,« antwortete der Hodscha, »bin denn ich vielleicht ihr Bruder oder ihr Vater?«

[181.]

ALs der Hodscha einmal krank war, besuchte ihn ein reicher Mann, um sich über sein Befinden zu erkundigen, und der sagte zu ihm: »Hodscha, was ist denn dein heimlicher Wunsch?« Der Hodscha antwortete: »Ich möchte eine Schüssel Pilaf.«

Augenblicklich ließ der Reiche Pilaf bereiten und brachte dem Hodscha eine Schüssel voll; der Hodscha verschlang den Pilaf mit Heißhunger, so daß ihn der Geber fragte: »Wird es dir denn nicht schaden, wenn du so viel Pilaf ißt?«

Der Hodscha antwortete: »Je weniger einem etwas schaden kann, desto weniger Freude hat man daran.«

[182.]

EInes Tages fiel sein Sohn in einen Brunnen, und die Leute kamen es dem Hodscha melden. Unverzüglich lief er zu dem Brunnen und rief hinunter: »Sohn, bist du unten?«

»Liebster Vater,« antwortete unten der Sohn, »bring mir Sukkurs, damit du mir hilfst, herauszukommen.«

»Es ist ganz überflüssig,« erwiderte der Hodscha, »daß ich erst Sukkurs hole; ich werde einfach nach Hause gehn um eine Leiter, und so werde ich dich schon herausbringen[92]

[183.]

EInmal kam der Hodscha nach Malatije. Als er dort durch die Straßen ging, sah er einen kleinen Knaben mit einem Dukaten spielen, den er gefunden hatte; da sagte er zu dem Knaben: »Komm, mein Sohn, ich gebe dir einen Asper; du gibst mir dafür das Stück Kupfer.«

Der Knabe antwortete: »Ich weiß, was ein Asper ist; brälle einmal wie ein Esel, und ich gebe dir das Kupferstück.«

Von seiner Habgier gestachelt, begann der Hodscha zu brällen. Als er aber innehielt, sagte der Knabe: »Aber Freund, wenn ein Esel wie du weiß, was ein Dukaten wert ist, warum sollte es denn ein Knabe wie ich nicht wissen?«

[184.]

EInmal verließ der Hodscha sein Haus und begann auf der Straße etwas zu suchen. Seine Frau sah das und fragte ihn: »Was suchst du, Hodscha?«

Er antwortete: »Ich habe meinen Ring verloren; jetzt suche ich ihn.«

Sie fragte weiter: »Wo hast du ihn denn verloren?«

Der Hodscha antwortete: »Drinnen im Hause habe ich ihn fallen lassen.«

»Ja, warum suchst du dann heraußen?«

»Drinnen ists finster und heraußen licht. Wollte nur Gott, daß ich ihn schon wieder gefunden hätte!«

[185.]

DEr Hodscha sah eines Tages eine Anzahl Bauern herankommen; da streckte er sich lang auf der Erde aus und blieb unbeweglich. So lag er noch, als einer von den Bauern hinkam; der, der ihn für tot hielt, ging zu seinen Gesellen zurück und sagte zu ihnen: »Der arme Hodscha ist gestorben; wir müssen unter uns für sein Begräbnis sammeln.«

Sie besteuerten einander und brachten fünfhundert Asper zusammen. Als sie dann alle um den Hodscha standen, sagten sie: »Um ein Leichentuch zu kaufen, sind hundert Asper genug; wer will es denn übernehmen, die vierhundert, die noch übrig bleiben, zu ihm nach Hause zu tragen?«

Alsbald hob der Hodscha den Kopf und rief: »Gebt nur die vierhundert Asper her: ich will sie mit Vergnügen nach Hause tragen; so viel habe ich ja in meinem ganzen Leben nicht in der Hand, geschweige denn im Besitze gehabt.«

[186.]

NAch dem, was man erzählt, war einmal ein Kadi in trunkenem Zustande, als der Sultan Mehemed-Chan von ungefähr bei ihm eintrat. Und der Sultan sagte zum Kadi: »Fürchtest du nicht Gott und hast du keine Scheu vor dem Propheten? Ist es denn möglich, daß ein gelehrter Mann und Kadi seinen weißen Bart also mit Wein besudelt?«

»Padischah,« antwortete der Kadi, »wenn meine dürren Hände nicht zitterten, hätte mein Bart nicht einen Tropfen von meinem Weine bekommen.«

Der Padischah fand an dieser Antwort des Kadis ein solches Vergnügen, daß er ihm eine große Gnade erwies.

[187.]

ZU der Zeit, wo Harun al Raschid Chalif war, gab sich einer für einen Propheten aus. Harun ließ seine Ärzte rufen und sagte zu ihnen: »Fühlt ihm den Puls; wir werden sehn, woher das kommt.«

Die Ärzte fühlten ihm den Puls und untersuchten ihn; dann sagten sie: »Er hat Dinge gegessen, die ihm zu Kopf gestiegen sind und ihm den Verstand verwirrt haben.«

Harun sagte: »Man bringe ihm vierzig Tage lang leichte Gerichte aus meiner Küche; wenn es dem Allmächtigen gefällt, wird das eine Änderung und einen Wechsel in seinem Wesen herbeiführen.«

So wurde also der angebliche Prophet vierzig Tage lang genährt; und als sie abgelaufen waren, wurde er dem Chalifen von neuem vorgeführt. Der Chalif fragte ihn: »Bist du noch immer ein Prophet?«

Er antwortete: »O Harun, nach den Herrlichkeiten, womit du mich überhäuft hast, erhebe ich keinen Anspruch mehr, ein Prophet zu sein, sondern ein Gott.«

[188.]

EIn Sultan verließ eines Morgens zu guter Stunde seinen Palast; er zog in den Krieg. Auf dem Wege sah er, wie ihm ein Musikant entgegenkam, der ein Instrument in der Hand hielt; und der hatte einen scheelen und halbstarren Blick. Der Sultan versah sich von dieser Begegnung nichts guten; drum ließ er dem Musikanten vierzig Stockstreiche geben und ihn in den Kerker werfen. Ein Jahr verstrich, und der Sultan kehrte, nachdem er sich zahlreiche Länder unterworfen hatte, als Sieger und ruhmbedeckt in seine Hauptstadt heim. Nun kam ihm der Musikant wieder ins Gedächtnis; er ließ ihn aus dem Kerker holen und sich ihn vorführen.

Der Musikant sagte: »Sieh, Herr, nun bist du als Sieger zurückgekommen. Als ich dir begegnet bin, sah ich im Geiste deine Eroberungen voraus. ›Gott sei gelobt,‹ sagte ich mir, ›daß ich dich sehe,‹ und nahm es als ein gutes Vorzeichen. Unterdessen, siehe, ist es jetzt ein Jahr, daß ich im Kerker bin; wie viel Ungemach und Kümmernis habe ich gelitten! Wer von uns war denn nun eigentlich dem andern ein böser Angang?«

Der Sultan nahm die Rede des Musikanten in gutem auf, überhäufte ihn mit Wohltaten und entließ ihn als zufriedenen Mann.

Es ist, wie man sieht, notwendig, daß sich die Sultane und ihre Minister derer erinnern, die im Kerker schmachten, und sie sofort, wann sie ihnen ins Gedächtnis kommen, vor sich rufen.

[189.]

MAn erzählt, daß einmal in Konstantinopel ein Schneider lebte, der eine besondere Geschicklichkeit zeigte, beim Zuschneiden Tuch zu stehlen. Eines Tages waren etliche Meister seines Handwerks bei ihm, als man ihm einen Brokatstoff brachte; um nun zu sehn, wie er es anstelle, etwas verschwinden zu lassen, sagten sie zu ihm: »Schneide nur gleich zu.«

Der durchtriebene Geselle merkte ihre Absicht, ihm eine Falle zu legen, bemerkte aber auch, daß der Stoff sehr prächtig war; und er sprach bei sich selber: »Sollte ich es denn nicht verstehn, mir einen Teil dieses herrlichen Brokats anzueignen?« Indem er dieser Betrachtung nachhing, überzeugte er sich, daß die andern Meister kein Auge von dem Stoffe verwandten. Da ließ er, ohne sich vom Flecke zu rühren, einen Wind. Die andern, die auf dem Diwan saßen, begannen so herzlich zu lachen, daß sie auf den Rücken fielen; und der Schelm ließ, ohne einen Augenblick zu verlieren, ein Stück Stoff verschwinden.

Sie schrien: »Haha, Meister, du bist also nicht nur ein Schneider, sondern auch ein Schalk; jetzt aber soll unsere Aufmerksamkeit nur dem Schneider gehören.«

Er ließ einen zweiten Wind. Wieder begannen sie zu lachen, und ein zweites Stück Stoff ging den Weg des ersten.

Nun sagten sie: »Meister, das Spiel mag noch einmal angehn, dann muß aber Schluß sein; sonst platzen wir noch.«

Und der verschmitzte Bursche antwortete: »Ich würde euch ja wirklich gern euern Willen tun; sollte ich es aber noch ein drittes Mal machen, so würde der Stoff nicht mehr für einen Kaftan reichen.«

[190.]

EInem Schneider träumte, daß der Tag des jüngsten Gerichtes gekommen sei; er wurde auf dem Platze herumgeführt, und am Halse hingen ihm alle die Tuchstücke, die er gestohlen hatte. Als er erwachte, zitterte er vor Furcht. Es wurde Morgen und er ging in seine Werkstatt; dort erzählte er seinen Traum den Gesellen und sagte ihnen: »Wenn ich mich wieder einmal nicht beherrschen kann, und wenn ihr seht, daß ich ein Stück Stoff für mich nehme, so sagt zu mir: ›Meister, denk an den Kragen.‹ Mir wird dann die Erinnerung wiederkehren, und ich werde nichts unterschlagen.«

Einige Zeit darauf brachten ihm etliche Leute einen herrlichen Stoff; er konnte der Versuchung nicht widerstehn und ließ geschickt ein Stück unter den Augen der Eigentümer verschwinden. Da schrie auch schon ein Geselle: »Meister, denk an den Kragen.«

Aber er erwiderte: »Was habe ich mich daran zu erinnern? ein Stück wie das war gar nicht dabei.«

[191.]

EIn Schneider verkaufte die Stücke Tuch, die er stahl, einem alten Schuft von einem Juden. Nun kam einmal einer, der sich bei ihm hatte einen Kaftan machen lassen, und machte ihm einen Auftritt, weil er ihm Stoff gestohlen habe.

Aber der Schneider antwortete: »Ich habe den Stoff nicht; der alte jüdische Schuft, der hat ihn.«

[192.]

EIne Kaufmannsfrau benutzte einmal die Zeit, wo ihr Gatte im Tidscharet[93] war, um ihre Gebete zu verrichten. Dabei entwischte ihr ein Wind, aber sie wußte nicht ganz genau, ob es wirklich ein Wind gewesen sei oder ob nicht vielleicht das Geräusch von einem Seufzer hergerührt habe, den sie im Gebete ausgestoßen hatte. Darum ging sie um Rat zu einem weisen Greise; sie erzählte ihm den Vorfall und bat um Auskunft. Der Greis ließ nun auch einen Wind und fragte sie: »War es so ein Geräusch?«

»Nein,« antwortete sie, »es war stärker.«

Er ließ einen zweiten; »War es so?«

»Es war noch stärker.«

Da schrie der Greis: »Jetzt geh aber zum Teufel! ich habe mich beschissen.«

[193.]

MAn erzählt, daß einmal ein Mann in Konstantinopel zum Kadi von Jerusalem bestimmt worden ist. Er traf ein Übereinkommen mit einem Schiffsherrn und bestieg mit seinem ganzen Gefolge das Schiff. Eben wollte man die Anker lichten und in die See stechen, als ein Jude daherkam und an Bord ging; er brachte zwei Körbe mit, die dem Anscheine nach nichts sonst als Kleider enthielten, und bat den Kadi, sie mitzunehmen. Der Kadi hieß den Juden, sie einem aus seinem Gefolge, der dabeistand, zu übergeben. Als sich der Jude entfernt hatte, sah der andere, daß in den Körben eine Menge Pasterma[94] war, und schnitt sich sofort ein Stück ab; da er es nach seinem Geschmacke fand, versäumte er nicht, auf der ganzen Reise davon zu essen, so daß schließlich, als sie im Hafen von Jaffa ankamen, nicht ein Stückchen davon mehr da war. Alle Reisenden stiegen aus und gelangten glücklich nach Jerusalem.

Der Diener des Kadis machte sich zwar Vorwürfe, daß er das Pasterma des Juden gegessen hatte, tröstete sich aber damit, daß er sich vornahm, ihn auf die eine oder die andere Weise schadlos zu halten. Unterdessen kam schon der Jude herbei, und er sagte zu ihm: »Du, ich muß mit dir reden; mir ist etwas ärgerliches zugestoßen, das dich gewissermaßen angeht: mit einem Wort, ich habe das Pasterma gegessen, das in deinen Körben war. Sag mir, welchen Preis du dafür haben willst oder wie wir uns sonst auseinandersetzen sollen.«

Bei dieser Rede begann der Jude zu wimmern und sich den Bart zu raufen; alsbald versammelte sich eine Menge Leute um sie und man fragte den Juden: »Was gibt es denn, Jude?«

Für einen Augenblick hörte der Jude auf zu weinen, sich den Bart zu raufen und zu heulen, freilich ohne daß er etwas gesagt hätte; sofort aber begann er sich wieder auf den Kopf zu schlagen und den Bart zu raufen. Dann stieß er einen Schrei aus, packte den andern beim Kragen und schleppte ihn vor den Richter.

Der fragte seinen Diener: »Was hast du dem Menschen da genommen?«

Der Diener antwortete: »Gnädiger Herr, der Jude ist mit uns zu Schiffe gestiegen; er hatte eine gewisse Menge Pasterma bei sich. Davon habe ich jeden Tag etwas gegessen, so daß bei unserer Ankunft in Jaffa nichts mehr da war. Ich habe ihm die Sache erklärt und habe ihm zur Entschädigung Geld geboten; aber anstatt meinen Vorschlag anzunehmen, rauft er sich Haare und Bart aus und hängt mir einen Rechtshandel an.«

Nun sagte der Richter: »Sprich, Jude, was beanspruchst du?«

»Gnädiger Herr,« sagte der Jude, »der Mann hat mir in dem, was auf dem Schiffe war, einen unersetzlichen Schaden zugefügt.«

»Weiter,« sagte der Kadi, »damit wir sehn, worum es sich handelt.«

»Herr,« sagte der Jude, »mein Vater, der ein reicher Kaufmann war, war erkrankt; als es nun ans Sterben ging, hat er mir nachdrücklichst ans Herz gelegt, ihn in Jerusalem zu begraben. Dazu habe ich kein leichteres Mittel gefunden, als sein Fleisch von den Knochen zu lösen, Pasterma daraus zu machen und es in Körben zu verpacken. Als ich aber das väterliche Pasterma zurückgefordert habe, hat sich herausgestellt, daß alles aufgegessen ist, alles sage ich, bis auf den letzten Bissen.«

Der Kadi sah, daß in diesem Falle nichts zu machen war; er schickte den Juden weg und sprach seinen Diener ledig.

Das also erzählt man von dem Rechtshandel, in dem ein Mann aufgetreten ist, der einen Juden ganz und gar aufgegessen hat.

[194.]

ES war einmal in Konstantinopel beim Iki-Kapu im Viertel Kara-Agadsch ein Gassenjunge, Akinedschi-Sadeh mit Namen, der es gar trefflich verstand, auf eine bissige Rede schlagfertig zu antworten.

Eines Tages verschloß einer seinen Laden und brachte innen das Schlagtürchen an. Akinedschi ging hin und klopfte an das Türchen. Der andere sagte: »Was willst du?«

»Komm näher; ich muß dir etwas sagen.«

Daraufhin öffnete der andere das Türchen und sagte: »Was mußt du mir sagen?«

Akinedschi antwortete: »Ich habe ein Verhältnis mit deiner Mutter; sag es aber niemand.«

»Und du, bist du nicht der Sohn einer Hure, die man ruft, wenn man sie braucht?«

»Das ist eine Lüge,« antwortete Akinedschi; »meine Mutter ist ja nicht die deinige.«

[195.]

EInmal hörte einer predigen: »Wenn man bei Einbruch der Nacht seine eheliche Pflicht erfüllt, so wird das belohnt werden wie die Opferung eines Schafes. Geschieht es bei Tage, so wird es so viel gelten wie die Freilassung eines Sklaven. Und um Mitternacht wird es belohnt werden wie die Opferung eines Kamels.«

Der Zuhörer erzählte diese Rede, als er heimgekommen war, seiner Frau. Die Nacht kam und sie legten sich mitsammen nieder, und schon fühlte sich die Frau vom Verlangen gepackt. »Komm,« sagte sie zu ihrem Manne, »wir wollen den Lohn gewinnen, der für den Beginn der Nacht festgesetzt ist.« »Meinetwegen,« sagte der Mann; und er befriedigte sie.

Um Mitternacht fühlte sie sich wieder aufgelegt und sagte zum Manne: »Wach auf, Mann, damit wir den Vorteil der Opferung eines Kamels erwerben.« Der Mann ermunterte sich und stillte ihr Begehren von neuem.

Als der Morgen anbrach, sagte sie, noch immer stark erregt: »Auf, Mann; wir wollen den Preis gewinnen, der für die Freilassung eines Sklaven gilt.«

Aber nun sagte der Mann: »Gewinne ihn dadurch, daß du zuerst mich freiläßt, der ich ja dein Sklave bin.«

[196.]

EInes Tages pflückte Mewlana Dschami[95] in seinem Garten Pfirsiche, als der Sultan Husejn Bähadur zu ihm kam, begleitet von einem Kämmerling und seinem jungen Liebling Tschokdar. In diesem Augenblicke hatte Mewlana Dschami vier Pfirsiche in der Hand; davon bot er sofort einen dem Padischah an, einen dem Kämmerling und zwei Tschokdar.

Nun sagte der Sultan: »Warum hast du uns zweien jedem nur einen Pfirsich gegeben, dem Knaben aber zwei?«

»Ich habe ihm nur einen gegeben,« antwortete Mewlana Dschami; »der andere ist nur geborgt[96]

[197.]

EIn Narr gab sich für einen Propheten aus; er wurde festgenommen und vor den Sultan geführt. Der Sultan verhörte ihn in Gegenwart des Kadis und sagte dann zu diesem: »Der Mensch da ist von einer abgeschmackten Anmaßung; was soll mit ihm nach dem Worte Gottes geschehn?«

Der Kadi antwortete: »Wenn er hartnäckig bei seiner Behauptung bleibt und sich sie zu widerrufen weigert, soll er zum Tode verurteilt werden.«

Nun sagte der Sultan zu dem Angeklagten: »Da du sagst, du seist ein Prophet, so laß uns ein Wunder sehn.«

Der angebliche Prophet antwortete: »Man bringe mir einen scharfen Säbel.«

»Was willst du damit?«

»Dem Kadi den Kopf abschlagen; dann werde ich ihn vom Tode erwecken.«

Den Kadi erfaßte ein ungeheuerer Schrecken und er begriff die Absicht des Propheten; er verlor den Kopf und schrie: »Ach, Freund, ich bekehre mich als der erste zu deiner Lehre; nimm mich auf in die Zahl der Stifter.«

[198.]

WIeder einmal gab sich einer für einen Propheten aus; er wurde vor den Padischah geführt und der fragte ihn: »Ist es wahr, daß du Anspruch auf die Würde eines Propheten erhebst?«

»Ja,« antwortete der Narr.

»Gut,« fuhr der Sultan fort; »laß uns ein Wunder sehn.«

»Sag mir, was du wünschest.«

In diesem Augenblicke brachte ein Diener dem Herrscher ein Schloß, daß man mit elf Schlüsseln nicht hatte aufsperren können; sofort sagte der Sultan zu dem Angeklagten: »Gut; sperre uns dies Schloß ohne Schlüssel auf.«

»Habe ich mich«, sagte der Wahnwitzige, »einen Propheten genannt oder einen Schlosser?«

[199.]

MAn erzählt, daß ein Muselman, der sein ganzes Leben lang die Vorschriften Mohammeds beobachtet gehabt hat, auf einmal im Ramasan mit den Juden gegessen hat. Er sagte, er habe sich zu ihrem Glauben bekehrt; aber im Bairam sagte er zu ihnen, er sei nicht mehr ihr Glaubensgenosse. Da schrien die Juden: »Was soll das heißen? bist du nicht einer der unsern?«

»Was?« schrie der Bekehrte; »ich war dreißig Jahre im moslimischen Glauben, ohne ein richtiger Mohammedaner werden zu können, und ein Jude sollte ich werden können in dreißig Tagen? Das ist unmöglich.«

[200.]

ZU Nasreddin, dem Hodscha, kam einmal einer und bat ihn, ihn zu beherbergen. Nun herrschte beim Hodscha eine solche Dürftigkeit, daß sogar die Mäuse vor Hunger ausgerissen waren. Als die Nacht kam, richtete der Reisende an den Hodscha die Frage, wo sie sich nach dem Abendessen schlafen legen würden. Der Hodscha antwortete: »Gegessen haben wir schon, bevor du gekommen bist; willst du dich jetzt niederlegen?«

Der Fremde lag noch nicht lange, als er den Hodscha anrief und sagte: »Gib mir eine Decke; mich friert sehr.«

Nasreddin antwortete: »Habe ich denn eine, die ich dir geben könnte? es ist übrigens nicht so kalt, daß du zittern könntest.«

»Schon gut,« antwortete der Fremde, nachdem er einen Augenblick gezögert hatte.

Aber der Hodscha begann zu überlegen; schließlich sagte er: »Ich habe eine Leiter; willst du sie?«

»Bring sie meinetwegen; es liegt ja nichts daran.«

Der Hodscha brachte die Leiter und legte sie auf ihn. Aber bald sagte der Gast, dem noch immer nicht recht warm werden wollte: »Denk ein wenig nach; vielleicht hast du doch noch etwas, was du mir geben könntest.«

Nach einem Augenblicke schrie der Hodscha: »Du hast recht; ich habe noch einen Trog: was sagst du dazu?«

»Bring ihn immerhin.«

Nasreddin holte den Trog, der noch ganz voll Wasser war, und setzte ihn auf die Leiter. Als sich aber der Gast, den das Gewicht der zwei Dinge drückte, umdrehn wollte, kippte der Trog um und goß seinen Inhalt aus. Der also überschwemmte rief den Hodscha von neuem an und schrie: »Nimm die Decken weg; ich bin schon ganz naß.«

[201.]

AUf einer Reise, die er, um etwas zu lernen, unternommen hatte, kam der Hodscha einmal in ein Land, dessen Bewohner den Brauch hatten, auf ihren Häusern für jeden Krug voll Gold, den sie besaßen, je eine Fahne aufzuziehen; man sah also Häuser mit einer, zwei, drei, vier und fünf Fahnen. Nachdem der Hodscha dort ein Jahr lang gelebt hatte, füllte er mehrere Töpfe mit Kieseln und pflanzte für jeden eine Fahne auf. Nun war es weiter in diesem Lande Sitte, daß im Bairam einer den andern einlud, und so kam die Reihe auch an den Hodscha. Nach dem Mahle ging man ins Bad; seine Gäste bemerkten die Töpfe, fanden sie aber alle voll Kiesel. Und sie sagten zu ihm: »Aber Hodscha, da sind ja nur Steine drinnen?«

»Ob es Gold ist,« antwortete der Hodscha, »oder Steine, das läuft auf dasselbe hinaus, wenn es nur dazu da ist, um in den Töpfen zu bleiben.«

[202.]

IN der Fastenzeit des Bairams wurde ein Kalender gefragt: »An welchen Tagen in diesem Monat ißt man und an welchen nicht?«

Scheinheilig antwortete er: »Ich weiß es nicht, an welchem Tage man fastet; denn ich esse nur einmal im Monat.«

[203.]

EIn Arzt fühlte einem Kalender den Puls; der Kalender war aber gewohnt, dieses einschläfernde Mittel, das Bhang heißt, zu gebrauchen. Der Arzt erkannte leicht, daß seine ganze Krankheit nur der Hunger war; drum ließ er alsbald eine Schüssel Pilaf bereiten und setzte sie dem armen Teufel vor.

Nachdem der alles aufgegessen hatte, schrie er: »O du gütiger Arzt, ich kenne noch zwanzig andere Kalender, die an derselben Krankheit leiden wie ich; ich will sie dir bringen und du kannst an ihnen die Wirksamkeit deiner Arznei versuchen.«

[204.]

EInes Tages kam ein Arzt auf seinem Wege an einer Begräbnisstätte vorbei; alsbald schloß er die Augen. Sein Sohn fragte ihn: »Warum tust du so?«

Der Arzt antwortete: »Ich will es vermeiden, die zu sehn, die hier sind; denn hier sind die begraben, die an meinen Tränkchen gestorben sind.«

[205.]

DEr Hodscha war zum Lehrer und Hofmeister des Sohnes des Königs bestellt worden. Nun empfahl er sich bei dem Prinzen regelmäßig, wann zum Mittagsgebete gerufen wurde. Einmal aber fuhr der Hodscha trotz diesem Rufe mit der Brille auf der Nase fort zu lesen; da sagte der Prinz: »Es ist das Zeichen zum Gebete gegeben worden; wir sind jetzt frei.«

Der Hodscha antwortete: »Ich habe es nicht gehört.«

»Wenn das so ist,« sagte der Prinz, »dann hättest du die Brille über die Ohren nehmen sollen statt über die Augen.«

[206.]

EInes Tages wurde ein junger Geck, Desdar Oglu mit Namen, von einem reichen Manne zu Tische geladen. Es wurde aber weder Pilaf, noch Fleisch aufgetragen, sondern nur eine Suppe, bei der man mit dem Reis sehr sparsam umgegangen war; und der Geck fragte recht unschicklich: »Was für eine Suppe ist das?«

Darauf antwortete ihm einer: »Der Herr pflegt wohl häufig auf die Jagd zu gehn? Hunde hat er ja genug.«

»Freilich,« antwortete Desdar Oglu, »ich habe mehr als ich brauchte: der eine jagt das Rebhuhn, der andere die Wachtel, ein dritter das Haselhuhn.«

Und der Schalk sagte weiter: »Da fehlt dir noch immer einer.« »Welcher?« »Einer, der in dieser Suppe Reis aufspüren würde.«

[207.]

DEr Hodscha kam heim und sagte zu seiner Frau: »Koch uns heute einen Pilaf, damit wir uns wohl gesättigt schlafen legen können; heute fühle ich mich einmal frei von aller Traurigkeit.«

Die Frau kochte den Pilaf; sie aßen ihn und gingen zu Bette. Kaum lagen sie aber, als an die Tür gepocht wurde. Der Hodscha sagte zu seiner Frau: »Geh, sieh nach, wer es ist.«

Die Frau ging zur Tür und sagte: »Wer ist da?«

»Meine Eselin hat geworfen,« sagte ein Nachbar; »aber das Junge hat weder Schwanz noch Ohren.«

Nun fragte der Hodscha: »Was gibts denn?« und die Frau antwortete: »Uns geht es eigentlich nichts an; der Nachbar ist da: seine Eselin hat ein Junges ohne Schwanz und Ohren geworfen.«

Darauf sagte der Hodscha: »Ich kann nicht mehr liegen bleiben; meine Ruhe ist weg.«

»Was beschäftigt dich denn so sehr?«

»Wenn dieser Esel«, sagte der Hodscha, »zwei oder drei Jahre alt wird, und man führt ihn ins Holz, und wenn dann der Weg kotig ist, wo soll denn der Dreck an ihm haften bleiben, ohne Schwanz und Ohren, wie er ist? Das bringt mich um meine Ruhe; stehn wir auf, Weib.«

[208.]

DEr Hodscha ging einmal an den Rand eines Baches und befriedigte ein gewisses Bedürfnis; dann sah er, wie das, dessen er sich entledigt hatte, wegschwamm. Da schrie er: »Das Ende der Welt kommt heran und darüber kann es keinen Zweifel geben; denn das unreine Ding da lehrt uns schwimmen und über das Wasser zu setzen.«

[209.]

DEr Hodscha wurde gefragt: »Wann wird denn der Tag des Tumultes, der geweissagt ist, kommen?«

»Von welchem Tumult sprecht ihr?« antwortete der Hodscha; »von dem großen oder von dem kleinen?«

»Was heißt das, der große und der kleine?«

»Der kleine ist der, den meine Frau macht; der große kommt, wenn ich zornig werde.«

[210.]

EInes Tages gingen der Sultan Murad und Husejn Pascha, der Narr, als Derwische verkleidet, den Bosporus entlang. Als sie an einen Ort kamen, wo die Leute zu lustwandeln pflegten, bekamen sie Lust auf Kaffe. Husejn Pascha sagte: »Da wir kein Feuer haben, will ich Holz sammeln gehn.« Als er es gebracht hatte, schichtete es der Sultan auf und begann das Feuer anzufachen; da er aber zerstreut war, ließ er es zu viel brennen. Husejn Pascha bemerkte das und schrie, wie er es mit seinem Knechte getan hätte, um ihn zur Achtsamkeit zu mahnen: »Du Sklavenbengel, du Hurensohn!«, ohne zu denken, daß er damit auf die Abstammung der Sultane anspielte, die alle Kinder von Sklavinnen waren.

»Dein Glück,« sagte der Padischah, »daß du das im Scherze gesagt hast; sonst hätte ich dich getötet.«

[211.]

EIn junger Mann ohne Erfahrung hatte auf einer Reise eine kleine Auswahl chinesischen Porzellans gekauft. Im Hafen angelangt und eben im Begriffe sich auszuschiffen, faßte er den Plan, sein Porzellan wegtragen zu lassen, ohne den Träger für seine Mühe zu bezahlen. Er sagte zu einem Träger: »Was für ein Landsmann bist du?«

Der antwortete: »Ich bin ein Anatolier und aus Tasch-Köprü.«

»Aha,« dachte der junge Mann, »ein Dummkopf von einem Türken.« Und er sagte zu ihm: »Wenn du mir diesen Pack in mein Karawanserai trägst, so werde ich dir drei gute Ratschläge geben.«

»Einverstanden,« antwortete der Türke dem schlauen Gesellen. Er nahm die Last auf und trug sie in das Karawanserai; als er dort ein paar Stufen emporgestiegen war, sagte er: »Nun höre ich.«

Der andere sagte: »Wenn man dir sagt, daß der Hunger der Sättigung vorzuziehen sei, so glaube es nicht.«

»Ich verstehe,« sagte der Träger und ging wieder ein paar Stufen weiter; dann sagte er: »Was hast du mir noch zu sagen?«

»Wenn man dir sagt, die Armut sei besser als der Reichtum, so glaube es nicht.«

Der Träger ging weiter und bat ihn nach einigen Stufen wieder, zu sprechen.

»Zum dritten: wenn man dir sagt, daß es besser ist, zu Fuße zu gehn als zu reiten, so glaube es nicht; das sind die Ratschläge, die ich dir zu geben habe.«

Der Träger stieg die Treppe vollends hinauf; und als er oben war, warf er seine Last hinunter.

Der junge Mann schrie: »Was machst du da?«

Und der Träger sagte: »Wenn man dir sagt, daß in dem Pack da ein einziges Stück ganz ist, so glaube es nicht.«

[212.]

MAn erzählt, daß Nasreddin-Effendi einen Bruder hatte; sie waren beide unbeweibt, verlangten aber zu heiraten. Schließlich fanden sie zwei Mädchen nach ihren Wünschen; sie heirateten beide, und jeder gründete einen Hausstand. Nun kam einmal der Bruder des Hodschas zu diesem auf Besuch; da sah er, daß des Hodschas Frau fröhlich war, lachte und scherzte, während die seinige außerordentlich ernst war. Und er sagte zu Nasreddin: »Du bist mein Bruder; sei also so gut und sage mir, wie du es angestellt hast, daß deine Frau so vergnügter Laune ist: ich will es dann mit der meinigen ebenso machen.«

»Umsonst verrate ich es dir nicht,« sagte der Hodscha; »wenn du mir aber einen vollständigen Anzug gibst, so will ich es zuwege bringen, daß sie lacht.«

Der Bruder sagte: »Das verspreche ich dir.«

Und der Hodscha fuhr fort: »Lade mich also an einem Abende ein. Nachdem du ein bißchen verweilt hast, so laß dich wegholen; befiehl aber deiner Frau, daß sie sich nicht eher schlafen lege als ich, was immer ich sagen würde und wie dringlich auch meine Aufforderungen seien. Wann du ihr das gesagt hast, geh weg.«

Der Bruder lud den Hodscha vereinbartermaßen ein; nach dem Rufe zum Abendgebete waren sie alle drei beisammen, als der Hausherr, wie abgemacht, geholt wurde. Er erteilte seiner Frau die besprochenen Anordnungen und ging weg. Von nun an sprach der Hodscha kein Wort mehr mit seiner Schwägerin, mit der er ganz allein war; sie wurde es bald müde, auf unbestimmte Zeit aufbleiben zu sollen, und verspürte die ersten Anzeichen der Schläfrigkeit. Drum sagte sie zum Hodscha: »Gestatte, Effendi, daß dir ein Bett bereitet wird; du wirst dich ein wenig ausruhen.«

Aber der Hodscha antwortete: »Ich will nicht schlafen.«

»Warum denn nicht?«

»Ich fürchte, daß, wann ich schlafe, die Mäuse kommen und mir den Kopf fressen.«

»Und wie weichst du dem aus, wenn du zu Hause bist?«

»Wann ich zu Hause schlafen gehe, lege ich meinen Kopf in die Hände meiner Frau und sie läßt das Licht brennen; geht sie dann später selber schlafen, so nimmt eine Sklavin ihre Stelle ein.«

Seine Schwägerin sagte: »Wir werden dasselbe tun.« Augenblicklich bereiteten die Sklavinnen ein Bett und die Frau setzte sich nieder und nahm den Kopf des Hodschas in ihre Hände; da sie dessen bald müde wurde, rief sie eine ihrer Sklavinnen und übergab ihr dieses Geschäft. Bald darauf schliefen die Herrin und die andern Frauen ein. Nun stand der Hodscha leise auf, blies das Licht aus, nahm seinen Sik heraus, gab ihn der Sklavin in die Hand, legte sich nieder und begann zu piepen wie eine Maus. Auf das Geräusch erwachte seine Schwägerin; da sah sie, daß das Licht erloschen und die Sklavin eingeschlafen war. »Nichtsnutziges Ding,« schrie sie, »wie kannst du schlafen? Jetzt werden die Mäuse den Kopf des Effendis fressen.«

Die Sklavin antwortete: »Ich weiß nicht, ob das nicht schon geschehn ist; er ist schon ganz klein.«

Die Herrin begann das junge Mädchen zu beschimpfen; als sie aber das Licht anzündete, sah sie, was die Sklavin in der Hand hatte. In demselben Augenblicke sprang der Hodscha auf, lief zur Tür und ließ seinen Bruder eintreten, und der sah nun, wie seine Frau aus vollem Halse lachte und keines Wortes fähig war. Da er aus ihr nichts herausbringen konnte, ging er wieder zum Hodscha, der draußen geblieben war, und fragte ihn: »Was hast du denn also getan?«

»Ach,« sagte der Hodscha, »wenn du das ganze gesehn hättest, du hättest wohl lachen müssen bis zu deinem letzten Stündlein.«

[213.]

EInes Tages versammelten sich die Mäuse, um Rat zu halten, und sie sagten: »Was werden wir noch alles von der Katze leiden müssen, wenn wir kein Mittel entdecken, um uns vor ihr zu schützen?« Nachdem jede gesprochen hatte, überwog der Rat, ein Glöckchen zu verfertigen und es der Katze um den Hals zu hängen; »wenn wir das Geklingel hören,« dachten sie, »wollen wir Reißaus nehmen.«

»Ich liefere das Stückgut,« sagte die eine. »Ich die Kohle,« sagte die andere. »Ich das Kupfer,« sagte die dritte. Nur eine alte Maus verhielt sich ganz still, bis die andern sagten: »Rede doch auch du; du hast ja in diesem Lande schon so viele Jahre verrinnen sehn.«

Da sagte die alte Maus: »Ihr habt bei euerer Überlegung etwas wesentliches vergessen: ich bin bereit, das Glöckchen ganz zu liefern; aber wer von euch wird es der Katze an den Hals hängen?«

[214.]

EInst wurde ein bejahrter Christ Muselman. Sechs Monate nach seiner Bekehrung führte ihn der Gebetsaufseher vor den Kadi und klagte ihn an, er erfülle nicht die verordneten Gebete; der Kadi, der derselbe war, in dessen Hände der Greis abgeschworen hatte, fragte ihn: »Warum unterziehst du dich nicht den vorgeschriebenen Gebeten?«

»Effendi,« antwortete der Angeklagte, »in deiner Gegenwart war es, daß ich meinem alten Glauben entsagt habe, und du hast damals zu mir gesagt: ›Nun bist du rein aller Sünden; du bist jetzt so, als ob du ein zweites Mal aus dem Mutterleibe gekommen wärest.‹«

Der Kadi antwortete: »Das sind meine Worte.«

Und der Greis fuhr fort: »Freilich, und seither sind nicht mehr als sechs Monate verstrichen; betet denn ein Kind in diesem Alter?«

[215.]

ZWei Leute führten eines Rinds halber einen Rechtshandel. Jeder ging, ohne daß es der andere gewußt hätte, zum Kadi und drückte ihm zweihundert Asper in die Hand, um ihn sich geneigt zu machen. Als dann der Spruch gefällt werden sollte, erschienen die Streitenden und brachten das Rind mit; und der Kadi fragte den, der es hielt: »Wieviel ist das Rind wert?«

»Vierhundert Asper,« war die Antwort.

Da sagte der Kadi: »Wenn dem so ist, was brauchen wir uns weiter damit zu beschäftigen? Jeder von euch hat mir zweihundert Asper gegeben; damit ist also die Sache erledigt.«

Die beiden Gegner befragten einander, als sie weggingen, und vernahmen also, daß sie jeder dem Kadi ein Geschenk von zweihundert Asper gemacht hatten; und sie sagten: »Es hat keinen Sinn, den Streit weiterzuführen; das Rind hat ja schon der Kadi aufgegessen.«

[216.]

ES war einmal einer, der fühlte, daß er krank war; da sich sein Zustand verschlimmerte, ließ er einen Arzt rufen. Der Arzt untersuchte ihn und sagte ihm, daß ihm in diesem Falle ein einjähriger Essig gut tun würde. Der Kranke ging also, um einen Freund darum zu bitten, und der sagte: »Es trifft sich gut, daß ich gerade einen solchen habe.«

Einer, der vorbeiging, hatte ihr Gespräch gehört; deshalb sagte er: »Bruder, möchtest du nicht die Güte haben, mir auch etwas von diesem Essig zu geben?«

Und der Freund antwortete: »Hätte ich einem jeden gegeben, der Bedarf danach gehabt hätte, so wäre er kein Jahr alt geworden.«

[217.]

EIn Sultan und Chalif von Bagdad pflegte die Verse, die ihm gebracht wurden, abzuwägen und nach ihrem Gewichte die Dichter zu bezahlen. Nun verfaßte ein Dichter, der diese Gewohnheit des Chalifen nicht kannte, einen Lobgesang auf ihn in der Absicht, ihn ihm zu überreichen. Da sagte ihm einer: »Du machst dir umsonst viel Mühe; weißt du denn nicht, wie es unser Padischah zu halten pflegt? Er bezahlt die Dichter nach dem Gewichte ihrer Werke.«

»Danke schön,« sagte der Dichter; und er schrieb ein Gedicht auf einen großen Marmorblock. Den ließ er von Leuten, die ihn an einem Barren aufhängten, zum Palaste bringen und ging selbst mit, um ihn dem Padischah darzubringen. Der Padischah, der sofort sah, worum es sich handelte, sagte zu seinem Wesir: »Jetzt gilt es, sich auf eine anständige Art aus dem Handel zu ziehen.«

»Wie das?« fragte der Wesir.

»Wir werden uns«, antwortete der Chalif, »mit tausend Golddukaten ausgleichen.«

[218.]

EInmal sagte ein Kaufmann zu seinem indischen Sklaven: »Vorwärts, wir gehn auf den Abtritt.«

Der Sklave füllte die Kanne mit Wasser[97], sah aber sofort, daß sie ein Loch hatte, weil alles Wasser auslief; da sagte er zu seinem Herrn: »Herr, die Kanne hält kein Wasser; wasch dich also zuerst, und dann geh erst dein Bedürfnis verrichten.«

[219.]

EIner begegnete einmal einem Dämon, der auf seinen Schultern einen alten jüdischen Rabbi trug; und der Rabbi schlug und mißhandelte den Dämon und zwang ihn auszuschreiten. Und der Mann fragte ihn: »Warum trägst du einen, der dich schlägt und mißhandelt?«

Darauf antwortete der Teufel — er sei verflucht —: »Er gebraucht irgendeine verruchte Tücke, die meinen Verstand übersteigt; durch angestrengte Aufmerksamkeit wird es mir vielleicht gelingen, dahinterzukommen.«

Der Fluch Gottes sei über ihnen beiden!

[220.]

EInmal hatte ein Schüler des berühmten Mewlana Dschami Gedichte verfaßt und sie in einem Diwan vereinigt. Mewlana Dschami sah das Buch durch und überzeugte sich, daß es von unzusammenhängenden Worten, von Nachlässigkeiten und von Albernheiten strotzte; da er ein solches Machwerk nicht loben konnte, sagte er ironisch: »Gott segne dich! du hast da einen gewaltigen Diwan verfaßt.«

Der Dummkopf blähte sich über diese Schmeichelei und antwortete: »Es ist ein Diwan, den der heutige Dichtertroß gar nicht erfaßt.«

»Das stimmt,« sagte Mewlana Dschami; »ich habe nicht ein Wort verstanden.«

[221.]

ALs Bani-Tschokar einmal im Bade war, trat ein Badediener, einer von denen, die nicht rasieren, zu ihm und wollte ihn mit dem Wollhandschuh abreiben; doch Bani sagte: »Ich will nicht geknetet werden; rasiere mir aber den Kopf.«

Bald merkte er, daß das Rasiermesser nichts schnitt; da sagte er zu dem Bader: »Gib acht! du wirst mich wirklich rasieren, wenn du nicht acht gibst.«

[222.]

EIn Kadi kam auf einer Bereisung in ein Dorf in der Umgebung von Konia. Er befragte die Bauern über das Gebet und befahl einem von ihnen, der etwas weniger unwissend schien als die andern, ihm zu sagen, wie oft man am Morgen beten solle; der antwortete: »Zwanzigmal.«

»Schweig,« sagte der Kadi; »du bist ein Esel.«

Da sagte ein anderer: »Man betet viermal.«

Aber der erste sagte: »Ich habe ja schon zwanzig gesagt! das muß doch besser sein.«

[223.]

EInes Tages ging ein Bauer einer gewissen Sache halber zum Kadi; er dachte aber, er werde bei diesem besonders gut ankommen, wenn er recht verschwenderisch mit den Titeln sei, und so sagte er beim Eintritte: »Heil über dich, gnädigster Herr Prophet!«

Aber der Kadi sagte: »Schweig; du bist ein Einfaltspinsel.«

»Habe ich denn in meiner Rede die Gesetze der Sprache verletzt?«

Der Kadi befahl: »Züchtigt mir diesen Dummkopf!« Und die Schergen prügelten ihn durch.

Nun sagte der Kadi: »Warum sprichst du mich in dieser Weise an? Das ist die Rede eines nichtsnutzigen Menschen.«

Und der Bauer antwortete: »Ich war verwirrt, du Schwein; ich war verwirrt.«

[224.]

EInes Tages ging ein Herr ins Bad; dort stahl man ihm sein Tekjeh[98]. Als er wegging, sagte er zum Bademeister: »Du hast mir mein Tekjeh gestohlen.«

Der Bademeister antwortete ihm: »Du bist bloßköpfig ins Bad gekommen.«

Da schrie der Bestohlene, indem er sich an die andern Anwesenden wandte: »Hört, Leute, seht euch meinen Kopf an, und dann sagt, ob ich bloßköpfig gekommen sein kann.«

Sein Kopf war ganz voll Grind.

[225.]

IN Adrianopel, der wohlbehüteten, war einmal ein Dichter, Silani mit Namen, und der trug eines Tages dem Volke ein ganz jämmerlich schlechtes Gedicht vor. Die Zuhörer begannen zu lachen.

»Da sieht man,« rief Silani, sich selber lobend, »daß meine Werke nicht zur weinerlichen Gattung gehören.«

[226.]

EIn Dichter, der einst der Günstling der Wesire gewesen war, erblindete am Ende seiner Tage; nun gab er Unterricht und ließ sich von seinem Knaben von Tür zu Tür führen. Da träumte einmal einem der Wesire, daß er ihn also herabgekommen sehe. Der Wesir rief sich alle Einzelheiten der Vergangenheit dieses armen Menschen ins Gedächtnis, und am Morgen ging er ihn aufsuchen und sagte zu ihm: »Kennst du mich?«

»Warum sollte ich dich nicht kennen? wenn ich auch das Gesicht verloren habe, so ist mir doch das Gehör geblieben. Früher habe ich deine gütigen Wohltaten genossen; bist du nicht derundder Pascha?«

Der Wesir fuhr fort: »Und dieser Knabe, ist er dein Sohn?«

»Er ist mein Knabe und dein Diener.«

»Kann er lesen?«

»Freilich.«

»Und was liest er denn?«

»Er sieht die jämmerliche Lage, worin sich sein Vater befindet; drum liest er Verwünschungen gegen die, die ihn ohne Unterstützung seinem unglücklichen Schicksal überlassen.«

[227.]

EIn Kalender verabsäumte es, im Ramasan die vorgeschriebenen Fasten einzuhalten; andererseits aber unterließ er es nicht, allnächtlich kurz vor Sonnenaufgang zu essen. Man fragte ihn: »Da du bei Tage keineswegs fastest, warum ißt du dann vor Tagesanbruch?«

Und der Kalender antwortete: »Wenn einer nicht nur das Gesetz, sondern auch die Überlieferung außer acht ließe, müßte denn der nicht zu den Ungläubigen gezählt werden?«

[228.]

ALs der Hodscha einmal ackerte, riß ein Riemen. Sofort wickelte er seinen Turban ab, band ihn an die Stelle des Riemens an den Ochsen und den Pflug, packte den Stachel und trieb den Ochsen an; der nahm einen Ruck, so daß der Turban auf Stücke ging, und kehrte sich um. Da schrie der Hodscha: »So ein dummes Vieh! zieht es an einem Turban ebenso stark wie an einem Riemen!«

[229.]

DEr Hodscha erging sich eines Tages mit seinem Sohne, als sie einem Leichenzuge begegneten; und hinter dem Zuge kam die junge Gattin des Verstorbenen, die ihren Schmerz in bittern Klagen ausströmte: »Noch heute hat er gegessen, getrunken und unter der Decke geschlafen; und jetzt bringt man ihn an einen Ort, wo es nichts zu essen gibt und nichts zu trinken, keine Decke, kein Bett, ja nicht einmal eine Matte.«

»Vater,« sagte der Sohn des Hodschas, »bringt man den Toten zu uns?«

[230.]

IN einer fremden Stadt sah der Hodscha einmal einen Nußbaum. Da er einen solchen Baum nicht kannte, blieb er voll Verwunderung stehn; endlich schlug er einige Nüsse in ihrer grünen Schale herunter und biß ohne weiters in eine hinein. Sie schmeckte gar bitter und er gewahrte, daß sein Mund anschwoll; da sagte er voller Unruhe: »Farbe und Form sind so wie bei den Zwetschen; sollte ich vergiftet sein? Da steckt irgendeine Schurkerei dahinter. Ach, ihr Aussehn ist recht trügerisch!«

[231.]

ES war einmal ein Geiziger, der jahraus, jahrein nichts andres aß als Hammelkopf; darum wurde er eines Tages gefragt: »Warum ißt du eigentlich weder im Sommer, noch im Winter etwas andres?«

Er antwortete: »Siehst du denn nicht, wie billig so ein Hammelkopf ist? Wann ihn einmal der Diener vom Fleischer gebracht hat, braucht man nichts mehr an ihm herumzuschneiden; Kosten fürs Kochen hat man auch nicht, weil er schon gekocht verkauft wird. Und was hat man dann alles: die Haut, das Fleisch, die Augen, die Ohren, die Zunge, das Hirn; ebenso viel Gerichte! Begreifst du jetzt, was für ein vorteilhaftes Essen so ein Hammelkopf ist?«

[232.]

EIn Geizhals kam heim und bat seine Frau, ihm zu essen zu geben; sie briet ein Huhn und brachte es ihm. In diesem Augenblicke pochte ein Bettler an die Tür und sagte: »Um Gotteswillen, schenkt mir etwas.«

Der Geizige mißachtete diese Bitte und schickte den Armen mit leeren Händen weg.

Im Verlaufe der Zeit fiel der Geizhals in Unglück und fand sich bald von allen Mitteln entblößt; als er derart herabgekommen war, stritt er eines Tages mit seiner Frau und schied sich von ihr. Sie heiratete dann einen andern. Nun wollte es Gott, daß sie eines Tages ihrem zweiten Gatten ein Huhn kochte und es ihm just in dem Augenblicke vorsetzte, wo ein Bettler an die Tür klopfte und sagte: »Um Gotteswillen, schenkt mir etwas.«

Auf der Stelle nahm ihr Gatte das ganze Huhn, reichte es ihr und sagte: »Gib es dem armen Menschen.«

Die Frau gehorchte und erkannte in dem Bettler, den sie an der Tür fand, ihren ersten Mann. Sofort ging sie zu ihrem zweiten hinein und erzählte ihm von dieser sonderbaren Begegnung. Und dieser sagte: »Liebes Weib, wisse, daß ich einmal betteln gegangen bin; ich war damals in der äußersten Not. Aber dein Mann hat mir nichts gegeben und ich bin mit leeren Händen weggegangen. Nun hat ihm der Allmächtige all sein Gut genommen, sogar so eine Frau, wie du bist, um alles mir zu geben; sein Glück ist zu mir gekommen und meine Armut zu ihm. Ich habe seiner bedurft; jetzt bedarf er meiner.«

So erzählt man diese Geschichte. Zieht daraus, Freunde, den Nutzen, den ihr sollt. Danken wir dem Höchsten, daß er uns die irdischen Güter zugesteht, und laßt uns, ob arm oder reich, seinen Namen nie ohne Ehrfurcht nennen!

[233.]

EIn Geizhals wiederholte, sooft er sich zu Tische setzte, zweimal den Spruch: »Gott, beschütze mich!«

Eines Tages fragte man ihn: »Warum sprichst du diese Bitte Tag für Tag doppelt?«

Der Geizige antwortete: »Das erste Mal ist der Teufel — der Fluch sei auf ihm — gemeint; das zweite Mal gilt sie den Gästen, damit meine Küche von ihrem Besuche verschont bleibe.«

[234.]

ALs Tamerlan in Akschehir war, lud er einmal den Hodscha ein, mit ihm ins Bad zu gehn, und der Hodscha nahm die Einladung an. Tamerlan versah sich mit einem Badetuch, das hundert Goldstücke wert war, und sie gingen hinein; dort setzten sie sich neben der Kufe hin und unterhielten sich. Und Tamerlan sagte zum Hodscha: »Wenn ich ein Sklave wäre und verkäuflich, wie viel gäbest du für mich?«

»Kaum hundert Goldstücke.«

»Aber du Dummkopf, das Badetuch ist ja allein so viel wert.«

»Das habe ich wohl überlegt,« sagte der Hodscha; »sonst gäbe auch niemand für dich ein Goldstück[99]

[235.]

DEr Hodscha sagte einmal zu seiner Frau: »Bereite eine hübsche Schüssel Joghurt, damit ich sie morgen Tamerlan bringe. Ich will sie aber schon zeitlich früh haben.«

Die Frau bereitete den Joghurt und der Hodscha ging mit der Schüssel, nachdem er sie in gestickte Handtücher gewickelt hatte, noch vor der Dämmerung weg; er kam bei Tamerlan an und überreichte ihm den also eingewickelten Joghurt. Timur fragte: »Was ist das?«

Der Hodscha antwortete: »Diesen frischen Joghurt bringe ich dir, damit du ihn essest, und diese Tücher, damit du dich nach der Waschung abtrocknest.«

Timur band die Tücher auf und nahm sie, nachdem er den Joghurt herausgetan hatte, in die Hand, um die Stickerei zu betrachten; diese fand er aber jämmerlich schlecht, und so sagte er: »Ich möchte mich lieber an der Hand abtrocknen, die diese Tücher gestickt hat.«

Aber der Hodscha antwortete: »Die Hand, die sie gestickt hat, ist weit; aber die Tücher sind da und just zu dem Zwecke, den du sagst.«

[236.]

EInes Tages fand sich der Hodscha so von allem entblößt, daß ihm auch nicht ein Körnchen Weizen oder Gerste geblieben war. Da legte er seinem Esel einen großen Sack auf, hängte seinem Sohne eine Trommel um und ging von Tür zu Tür, um die Barmherzigkeit der Leute anzurufen. Kaum hatte er die Trommel geschlagen und sich in dieser Verfassung gezeigt, als ihm auch schon Männer und Frauen Gerste oder Korn brachten, der eine ein Nösel, der andere zwei; und der Hodscha schüttete alles in den Sack. Schließlich kam er zu einem großen Tor, dessen einer Flügel offen stand. Der Knabe schlug die Trommel, aber niemand trat heraus; er stieß den Esel in den Torweg, und da überzeugte er sich, daß auch innen völliges Schweigen herrschte. Nachdem sie den Esel im Stalle angebunden hatten, lehnten Vater und Sohn eine Leiter an das Haus und stiegen hinauf; sie kamen in einen Vorsaal und dann in ein Zimmer, ohne daß sie einen Laut gehört hätten.

Plötzlich traf ein Geräusch das Ohr des Hodschas; eine Frauenstimme sagte: »Jetzt wird der Effendi bald dasein.« Das wollte heißen, daß die Herrin des Hauses an diesem Tage mit dem Kadi der Stadt ein verliebtes Stelldichein hatte. In diesem Augenblicke war sie im Bade, und sie sagte zu ihren Sklavinnen, daß sie rasch heraussteigen müsse.

Das hörte der Hodscha alles und er sagte sich: »Da gilt es, einen hübschen Spaß anzustellen.« Als er darum unverzüglich ein passendes Versteck suchte, sah er ihm gegenüber ein köstliches Zimmer, reich mit Gold verziert. Ohne zu zaudern, trat er ein; dort fand er den großen Bettschrank schier leer, und er versteckte sich mit seinem Sohne hinter den Vorhängen.

Einen Augenblick darauf stieg die junge Dame aus dem Bade; gestützt auf die Arme ihrer Sklavinnen kam sie in das Zimmer und setzte sich auf den Ehrenplatz, um also die Ankunft des Kadis abzuwarten. Der war auch bald zur Stelle; die Sklavinnen führten ihn zu ihrer Herrin, die sich erhob, ihm einige Schritte entgegenging, ihn unter dem Arme faßte und ihm den Ehrensitz überließ. Es war im Sommer und an einem der heißesten Tage, so daß der Kadi etwas schwitzte; drum zogen ihm die Sklavinnen seine Kleider aus und er behielt nur die Unterhosen und ein Jäckchen und auf dem Kopfe eine Mütze. Die Kleider legten die Sklavinnen in eine Truhe.

Nun mußte sich der Effendi zu seiner Bequemlichkeit auf das Bett setzen und die Dame setzte sich, ebenso nur leicht gekleidet, neben seine Herrlichkeit. Nachdem sie dann ein leichtes Mahl eingenommen hatten, tranken sie einige Becher Wein; die Hitze tat das übrige, und so war der Kadi bald berauscht. Als das die Dame sah, gab sie ein Zeichen; der Kadi wurde niedergelegt und die Sklavinnen entfernten sich, so daß ihre Herrin und der Kadi allein blieben. Der Hodscha verhielt sich immerfort still.

Die Dame war gut aufgelegt; sie und der Kadi umarmten sich und begannen zu tändeln und Küsse zu tauschen. Der Kadi benutzte den Augenblick und entledigte die Dame all ihrer Hüllen. Als das geschehn war, fand sie ihre Sprache wieder und sagte: »Weißt du, Effendi, wie die Liebe sein soll, die mein Herz begehrt?«

»Nein, Königin meiner Seele; ich kenne auch keine andere als die bewegliche.«

»Die, die ich liebe,« sagte die Dame, »ist die Kriegsliebe.«

»Nach meiner Erfahrung«, antwortete der Kadi, »ist es die bewegliche, die den Preis verdient.«

Nun sagte die verschmitzte Schöne: »Nennen wir mein Schloß die Weiße Burg und deinen Schlüssel den Roten Prinzen. Wann ich mich niederlege, so daß die Weiße Burg zu sehn ist, laß du den Roten Prinzen hervorkommen; er soll die Weiße Burg angreifen, ohne viel Umschweife das Tor stürmen und als Sieger einziehen.«

Bei diesen Worten sagte sich der Hodscha: »Sie beabsichtigen also einen Krieg; aber es fehlt ihnen der Spielmann, der zum Sturme das Spiel schlüge: wann sie so weit sind, werde ich trommeln.«

Da legte sich auch schon die Dame auf den Rücken und die Weiße Burg bot sich den Blicken des Kadis; der holte unverdrossen den Roten Prinzen hervor und ließ ihn stürmen. Kaum war dann der Eingang erzwungen, machte Nasreddin seinem Sohne ein Zeichen und sagte: »Rühre die Trommel; es gibt keinen ordentlichen Sturm, ohne daß das Spiel geschlagen würde.«

Der Sohn nahm die Schlägel und begann den anbefohlenen Wirbel. Als der Lärm in dem Schranke losging, bekamen der Kadi und die Dame Angst: mit den Worten »Das ist kein gutes Zeichen« liefen sie aus dem Zimmer, und sie eilten durch den Vorsaal und blieben nicht eher stehn, als bis sie unten waren. Dann sahen sie einander ganz betäubt an, und ohne ein Wort herausbringen zu können, weil sie vor Bestürzung die Sprache verloren hatten.

Der Hodscha aber sah in diesem Abenteuer eine Gelegenheit, Beute zu machen. Er verließ den Bettschrank, öffnete die Truhe und bemächtigte sich der Kleider des Kadis und dessen Turbans; dann stieg er ohne Verzug die Leiter hinunter, ging in den Stall, wo das Maultier des Kadis neben seinem Esel stand, legte die Kleider in den Sack, übergab den Esel seinem Sohne, band für sich selber das Maultier los, verschwand aus dem Hause und eilte heim. Dort stellte er das Maultier ein, verschloß den Turban und die Kleider und setzte sich nieder.

Seine Frau fragte ihn: »Woher hast du diese Sachen und das Maultier?«

»Sie gehören mir; sie sind mir als Beute zugefallen.«

Während sich der Hodscha in seinem Herzen freute und der süßen Ruhe genoß, sagte die Dame und der Kadi, die, wie wir erzählt haben, voller Schrecken hinuntergelaufen waren: »Es muß ein Geist dasein.« Da sie sich nicht hinaufzugehn getrauten, rief die Dame eine Sklavin und befahl ihr: »Geh hinauf und suche die Kleider des Herrn Kadi.«

Die Sklavin, die sich ebenso fürchtete, ging langsam und mit tausendfacher Vorsicht die Treppe hinauf, die zu dem Saale führte: sie schaute durch die Tür ins Zimmer hinein und sah niemand drinnen; sie öffnete den Bettschrank und die Truhe, ohne etwas zu entdecken, und kam wieder herunter. »Es ist niemand oben,« sagte sie zu der Dame und dem Effendi, »weder ein Teufel, noch ein Geist.«

Noch immer von tausenderlei Vermutungen beunruhigt, stiegen sie hinauf und setzten sich nieder; und der Kadi sagte: »Das war kein gutes Zeichen; verschieben wir unser Vergnügen auf ein andermal. Man bringe mir ungesäumt meine Kleider, daß ich mich anziehe und weggehe.«

Die Dame befahl den Sklavinnen, die Kleider des Kadis zu bringen; aber die, die die Truhe öffnete, fand drinnen weder Kleider, noch Turban. Sie meldete es ihrer Herrin, und die sagte es dem Kadi. Der Kadi versank in Nachdenken; er war völlig verwirrt und konnte sich nicht enträtseln, wie das zugegangen sein mochte: nackt war er ja vom Gerichtshause sicherlich nicht weggegangen. Endlich sagte er: »Was geschehn sollte, Liebste, ist geschehn; was sich erfüllen sollte, ist zur Wirklichkeit geworden.« Dann schrieb er einen Brief an seinen Haushofmeister: »Gib dem Überbringer einen vollständigen Anzug, vom Kopf bis zum Fuß.« Und indem er das Schreiben faltete, schloß und siegelte, bat er die Dame, damit jemand wegzuschicken.

Die Dame ließ den Brief durch ihre Amme befördern. Die ging geradewegs ins Gerichtshaus und übergab ihn dem Stellvertreter des Kadis, dem Najb-Effendi. Er nahm Kenntnis von dem Inhalte und sah, daß der Kadi eine Mütze, einen Turban, Unterhosen und alles übrige haben wollte; er rief den Haushofmeister und teilte ihm alles mit. Dieser ließ sich, dem Briefe gemäß, im Harem einen vollständigen Anzug ausfolgen und übergab den Pack der Amme, und die brachte ihn rasch dem Kadi. Der Kadi kleidete sich an, gürtete sich und band sich den Turban um; als er dann gehn wollte, erinnerte er sich des Maultiers und befahl es ihm vorzuführen. Eine Sklavin lief in den Stall; da sie es aber nicht vorfand, schrien sie: »Effendi, das Maultier ist nicht da.«

Der Kadi war zwar verdutzt über dieses neue Ereignis, nahm aber, ohne noch weiter zu verziehen, von der Dame Abschied; er war so verstört, daß er auf dem ganzen Wege zum Gerichtshause nicht vor und nicht hinter sich sah. Als er dann auf seinem Sitze ausruhte, rief er sich alles, was er tagsüber erlebt hatte, ins Gedächtnis zurück. Bald darauf ging er heim und legte sich, da es Nacht geworden war, schlafen.

Am nächsten Tage verließ er seinen Harem schon in der Morgendämmerung und ging sein Amt als Richter versehn. Nachdem sich einige Freunde, die ihn zu unterhalten gekommen waren, entfernt hatten, wandten sich seine Gedanken, wie er so allein war, wieder den Vorfällen des Abends zu; aber je mehr er nachdachte, desto mehr verwundert war er.

Unterdessen zog der Hodscha Nasreddin die Kleider des Kadis an, wickelte sich dessen Turban um und hüllte sich in dessen Mantel; und in dieser Tracht bestieg er das Maultier des Effendis und begab sich aufs Gericht. Den Dienern des Kadis entging es, als sie ihn ansahen, keineswegs, daß er all die Kleider ihres Herrn trug und auch dessen Maultier ritt; sie liefen auch alsbald zum Kadi, um ihm das zu melden. »Herr,« sagten sie, »Nasreddin-Effendi, der jetzt kommt, hat dich bestohlen; sieh dir nur die Kleider an, die er am Leibe hat, und das Maultier, das er reitet.«

Aber der Kadi sagte: »Gebt acht, was ihr sagt; man darf niemand leichtfertig anklagen.«

Inzwischen stieg der Hodscha ab, band das Maultier unten an der Stiege an, ging hinauf und begrüßte den Kadi. Der gab ihm den Gruß zurück, erhob sich und ließ den Hodscha, um ihm eine Höflichkeit zu erzeigen, den Ehrensitz einnehmen; er bot ihm einen vortrefflichen Kaffee an und überhäufte ihn mit ehrenvollen Aufmerksamkeiten. Schließlich ließ er alle lästigen Zuhörer entfernen und richtete geradeaus an den Hodscha die Frage: »Woher hast du diese Kleider, Hodscha-Effendi, und woher hast du das Maultier?«

»Sowahr mir Gott helfe,« antwortete Nasreddin, »gestern hat hier ein Kampf stattgefunden: der Rote Prinz hat die Weiße Burg gestürmt. Als der Kampf am hitzigsten war, bemächtigte sich der Streitenden ein jäher Schrecken, und ich raffte die Beute auf, die auf dem Schlachtfelde verblieben war.«

Aus diesen Worten begriff der Kadi leicht, worum es sich handelte; er änderte seine Haltung und sagte zum Hodscha: »Da es deine Beute ist, ist es billig, daß du sie behältst; vielleicht muß sie sogar noch vergrößert werden, damit du, wenn man dich fragt: ›Hast du das Kamel gesehn?‹, antwortest: ›Es muß samt seinem Füllen verzehrt worden sein; ich habe weder das Kamel, noch das Füllen gesehn.‹«

Der Hodscha erwiderte: »Wenn das so sein soll, so gib mir den Preis des Kamels, damit sich unser Mund so schließe, daß ihm auch nicht ein Wörtchen entfällt.«

Sowohl um den Wunsch des Hodschas zu erfüllen, als auch der eigenen Ruhe halber reichte ihm der Kadi zwanzig Goldstücke, indem er ihm noch einmal ans Herz legte, ja nichts verlauten zu lassen. Und der Hodscha antwortete: »Wie sollte denn etwas bekannt werden? Alles bleibt unter uns, besonders wenn du mir statt des Kamelfüllens das Maultier geben willst; das ist dann alles, was ich von dir haben will.«

»Einverstanden,« sagte der Kadi, und er erteilte seinen Dienern die entsprechenden Aufträge. Die Diener führten dem Hodscha das Maultier vor und boten es ihm an; alsbald verabschiedete er sich von dem Kadi, stieg in den Sattel und ritt heim.

Von nun an trug er stets die Kleider, den Mantel und den Turban des Kadis und ritt stets das Maultier; außerdem hat er, nach dem, was erzählt wird, das Geheimnis keinem Menschen mitgeteilt.

[237.]

MAn erzählt, daß der Hodscha einmal ein Kalb hatte; einen Tag tränkte und fütterte es seine Frau, am andern Tage er, an wen eben die Reihe kam. Nun wurde an einem Tage, wo es an der Frau war, diese Verrichtungen zu besorgen, ihnen gegenüber eine Hochzeit gefeiert, wozu man die Frau eingeladen hatte; da sagte sie zu ihrem Manne: »Wie werden wir es diesmal halten?«

Er antwortete: »Wir wollen ein Übereinkommen treffen: wer von uns zuerst ein Wort spricht, muß dem Kalbe zu trinken und zu fressen geben.«

»Einverstanden,« antwortete sie.

Nach diesem Gespräche ging der Hodscha ins Haus und seine Frau ging zur Hochzeit.

Nun hatte sich just an diesem Tage ein Zigeunertrupp vor der Stadt gelagert, und die Frauen hatten sich in den Straßen zerstreut und sahen rechts und links, ob es etwas zu stehlen gebe. Von ungefähr trat eine in das Haus des Hodschas; dort herrschte völliges Schweigen. Im Harem angelangt, sah sie den Hodscha, der durchaus stumm blieb. Augenblicklich machte sie sich daran, das Haus zu durchstöbern, las alles zusammen, was sie fand, und steckte es in ihren Sack; den Hodscha hatte sie leicht anschauen: er verharrte in seinem Schweigen. Ohne weitere Bedenken nahm sie ihm die Mütze und den Turban vom Kopfe, und er verlor darüber kein Wort; »wenn ich spreche,« sagte er sich, »muß ich das Kalb tränken.« So schenkte er denn dem Treiben der Zigeunerin nicht die geringste Aufmerksamkeit; sie benutzte das und machte sich davon.

Inzwischen wurde im Hause des jungen Paares das Mahl aufgetragen, und die Frau des Hodschas belud eine Schüssel mit Speisen, um sie dem Hodscha zu bringen. Als sie heimkam, sah sie, daß man das Haus so gründlich ausgeplündert hatte, daß nicht einmal der Turban oder die Mütze auf des Hodschas Kopf verblieben war. Da brach sie das Schweigen und sagte: »Hodscha, wohin sind denn alle unsere Sachen gekommen?«

»Du hast gesprochen,« schrie nun Nasreddin; »du mußt also heute unser Kalb tränken und füttern!«

[238.]

MAn erzählt, daß einmal in der Landschaft Diarbekr ein kleiner Kaufmann war, der sein Geschäft betrieb, indem er von Dorf zu Dorf wanderte. Eines Tages trug er eine Last Trauben. Die Nacht fiel ein, als er noch im Freien war, aber niemand wollte ihm Gastfreundschaft gewähren. Schließlich sah er eine Frau, die vom Flusse kam. Er näherte sich ihr, als sie eben in ihr Haus treten wollte, und sagte ihr, daß ihm, weil er Trauben trage, niemand habe ein Nachtlager geben wollen trotz der geheimen und entwickelten Vorteile, womit ihn die Natur ausgestattet habe. Die Frau unterließ es keineswegs, diese seine letzten Worte zum Gegenstande ihrer Überlegungen zu machen; unverzüglich trat sie ins Haus, ging zu ihrem Manne und sagte zu ihm: »Wie ich höre, ist gegenwärtig der Sohn meines Oheims im Dorfe; er ist, sagt man mir, ein herumziehender Händler. Warum hast du ihn nicht eingeladen?«

Der Mann antwortete: »Aber wieso hätte ich denn von seiner Ankunft erfahren sollen?«

Sie erwiderte: »Nicht einmal ein Hund wird sich getrauen, sich irgendwo einzufinden, wenn man ihn nicht gerufen hat.«

Nach diesem Gespräche ging der Gatte den Mann mit den Trauben suchen und lud ihn ein, zu ihm zu kommen. Die Frau beeilte sich mit dem Empfange und sagte zu ihm: »Willkommen, Vetter! Glück zur Ankunft!« und überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten. Und als es Nacht wurde, bereitete sie ihm ganz nahe dem Schlafzimmer auf einem Sofa ein Bett. Er legte sich nieder und die Eheleute taten desgleichen. Einen Augenblick später schlief der Gatte, der sehr müde war; alsbald erhob sich die Frau geräuschlos und ging zu dem Kaufmanne. Sie unterhielten sich wohl miteinander; aber die Frau fand seine Waffen doch nicht so besonders, wie er früher gesagt hatte. Und sie sagte zu ihm: »Freund, du hast mir deine Vorteile arg übertrieben; es ist nichts da, was etwas wert wäre.«

»Ach, Frau,« antwortete er, »ich habe mehr, als du siehst; aber ich war, es ist eine Zeit her, gezwungen, es zu verpfänden.«

Sie sagte voll Lebhaftigkeit: »Wie viel hast du darauf entlehnt?«

Er antwortete: »Zwanzig oder dreißig Toman.«

Die gab sie ihm auf der Stelle und trug ihm auf, sein Pfand holen zu gehn und es ohne Fehl in der nächsten Nacht zu bringen.

Am Morgen stand der Kaufmann auf und ging von neuem seine Trauben im Dorfe ausbieten. Als es Abend wurde, fragte er sich, wie er es anfangen solle, um seine Wirtin zufrieden zu stellen. In diesen Gedanken versunken, bemerkte er auf einmal, daß ein Bienenschwarm seine Regungslosigkeit benutzt hatte, um sich auf dem Korbe mit den Trauben zu versammeln; da schrie er: »Ich habs!« Er nahm eine Biene und drückte sie auf das Werkzeug, das als zu geringfügig befunden worden war: die Biene versenkte ihren Stachel hinein; es zeigte sich eine Entzündung, und das Ding schwoll dermaßen an, daß man schier nicht hätte erraten können, was es war. Das getan, ging er die Frau aufsuchen; sie war gerade allein zu Hause. Und sie fragte ihn: »Hast du es ausgelöst aus den Händen der Wucherer?«

»Jawohl.«

Als es Abend war, ging man zu Tische; dann kam die Zeit, schlafen zu gehn. Alle drei legten sich so nieder wie in der Nacht vorher, und man hatte keine Acht darauf gehabt, das Bett des Fremden nicht neben dem Schlafzimmer zu bereiten.

Kaum war ihr Gatte eingeschlafen, so kam schon die Frau zu dem Kaufmanne, den die Schmerzen kein Auge zutun ließen und der sich in seinem Bette wand wie auf einem Roste. Bei dem Anblicke, der sich ihr bot, glaubte die Frau vor Wonne zu vergehn; dabei kam ihr ein Wind aus. »Wie?« schrie der Fremde; und mit einem in Diarbekr üblichen Ausdrucke: »Deinem Mann in den Bart?«

»O nein,« sagte die Frau, »den armen trifft kein Vorwurf, aber dich desto mehr; hast du dich doch, obwohl du weißt, wie unschätzbar das ist, was du hast, nicht gescheut, es zu verpfänden!«

[239.]

EInes Tages sagte der Hodscha zu seinen Freunden: »Ein Sommernachmittag ist so viel wert wie drei ganze Tage im Winter.«

Sie fragten ihn: »Wie das?«, und er antwortete: »Ich weiß es aus Erfahrung: als ich meinen Kaftan im Winter gewaschen habe, brauchte er drei Tage, um zu trocknen; dann habe ich ihn an einem Nachmittag im Sommer gewaschen und da war er noch vor Nacht trocken.«

[240.]

EInmal sagte der Hodscha: »Zwischen der Jugend und dem Alter ist kein Unterschied.«

Man fragte ihn: »Wieso denn?«, und er antwortete: »Vor unserer Tür liegt ein Stein; nur wenige Leute sind imstande, ihn zu heben. In meiner Jugend habe ich versucht, ihn zu heben, und es ist mir nicht gelungen; später und dann jetzt, wo ich ein Greis bin, ist mir das eingefallen, und ich habe es von neuem versucht, aber ich habe ihn wieder nicht heben können. Diese Erfahrung ist es, warum ich sage, daß zwischen der Jugend und dem Alter kein Unterschied ist.«

[241.]

DEr Hodscha Nasreddin — Gottes Barmherzigkeit über ihn — war vor kurzem aus diesem vergänglichen Leben in eine bessere Welt abgeschieden; sein erlauchtes Grab war neben einer ehrwürdigen Moschee. Als nun an einem Freitage das Volk zum Gebete versammelt war, hörte man plötzlich eine jauchzende Stimme: »Muselmanen, der Hodscha Nasreddin hat sein Grab verlassen; er reitet auf seinem Grabsteine, er schreit und ist lustig.«

Auf diese Worte hin liefen die Gläubigen aus der Moschee, und augenblicklich stürzte hinter ihnen die Kuppel ein; niemand erlitt auch nur die geringste Verletzung.

Ihr erseht, meine Freunde, eine wie hohe Stelle der erlauchte und glorreiche Hodscha Nasreddin unter den Heiligen einnimmt, die Gott den Allmächtigen umgeben, da ihm erlaubt worden ist, sogar nach seinem Tode Wunder zu tun.

Über ihn sind viele glaubwürdige Geschichten aufgezeichnet worden; aber noch zahlreichere sind mit Unwahrheiten behaftet. Gott weiß, wie es damit steht! Aber erinnern wird man sich seiner bis zu dem Tage des jüngsten Gerichtes!

Die Barmherzigkeit Gottes sei mit ihm, die Barmherzigkeit und die Verzeihung!

[242.]

EInes Tages predigte der Hodscha Nasreddin in Siwri-Hissar; und er sagte, mit dem Kopfe wackelnd: »Muselmanen, das Klima in dieser Stadt ist dasselbe wie in Kara-Hissar.«

Man fragte ihn: »Wieso denn?«, und er antwortete: »In Kara-Hissar habe ich mich entblößt und mein Glied betrachtet: es hing schlaff über dem Beutel; hier habe ich mich entblößt und es betrachtet: es war ebenso.«

[243.]

EInes Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und predigte: »Danken wir, Muselmanen, dem wahrhaftigen und allmächtigen Gotte, daß er nicht wollte, daß wir den Hintern in der Hand hätten; sonst würden wir uns mehr als hundertmal täglich die Nase schmutzig machen.«

[244.]

WIeder stieg der Hodscha auf die Kanzel und begann zu sprechen: »Ewigen Dank müssen wir Gott sagen, Muselmanen, daß er das, was er uns für vorne gegeben hat, nicht hat hinten anbringen wollen; sonst hätte jeder schier unfreiwillig den Gesellen Lots gleich werden müssen, indem er das getan hätte, wovor sich nur Lot allein hat bewahren können.«

[245.]

ALs sich der Hodscha eines Tages erging, sah er einige Frauen, die Kleidungsstücke wuschen. Er trat näher an sie heran, und da entblößten sie sich. Und sie fragten ihn: »Wie heißt das?«

Der Hodscha antwortete: »Auf Türkisch heißt es Am«, ohne irgendeine Umschreibung zu gebrauchen.

Sie antworteten: »Jedenfalls ist es das Paradies des Armen.«

Der Hodscha ging weg; er wickelte seinen Sik in ein Stück Leinwand wie in ein Leichentuch und legte einen Hobelspan herum, der die Stelle des Sarges vertreten sollte, und kam also zurück. Sie sagten zu ihm: »Was ist das, Hodscha?«

»Das ist ein Armer, der gestorben ist; jetzt will er ins Paradies.«

Um diesen Wunsch zu erfüllen, nahm ihn eine in die Hand; der Beutel aber blieb außerhalb und sie sagte: »Was ist das?«

Der Hodscha antwortete: »Das sind die Kinder des Armen, die sein Grab besuchen gekommen sind.«

[246.]

ZWei Männer erschienen vor dem Hodscha und der eine sagte: »Ich habe dem da Geld gegeben, und er gibt es mir nicht zurück.«

Der Hodscha sagte: »Warum bezahlst du ihn nicht?«

Der gefragte antwortete: »Der Grund ist, daß ich kein Geld habe.«

Der Gläubiger sagte: »Soll ich mich mit solchen Gründen bezahlen lassen, Effendi? Mach ihm doch ein bißchen Angst, ich bitte dich.«

Sofort hielt der Hodscha je einen Finger an seine Augen und einen an den Mund und schrie: »Wau!«, wie man tut, wenn man die kleinen Kinder schrecken will; »und jetzt gib ihm sein Geld.«

[247.]

DEm Hodscha wurde ein Mann vorgeführt, um verhört zu werden. Der Hodscha ließ ihn auf die Folter spannen und ihn schließlich an den Armen aufhängen; dabei sagte er immerfort zu ihm: »Gesteh doch.«

Endlich wurde er der Sache überdrüssig und ließ ihn abnehmen; da schrie der gefolterte: »Noch einen Augenblick, und ich hätte alles gesagt.«

Trotzdem ließ ihn der Hodscha ruhig weggehn.

[248.]

MAn führte dem Hodscha, der damals Kadi war, einen Mann vor und sagte, um ihn zu verklagen: »Er hat eine Katze besprungen.« Da Zeugen dafür da waren, war ein Leugnen unmöglich. Der Hodscha aber fragte ihn: »Wie hast du sie denn genommen?«

»Ich habe, du weißt schon, was ans Pförtchen gebracht und habe mir, indem ich sie bei den Pfoten hielt, den Eintritt erzwungen; es ist so gut gegangen, daß ich es zweimal habe wiederholen können.«

»Wahrhaftig,« schrie der Hodscha, indem er ihn voll Bewunderung anblickte, »du bist wahrhaftig mein Meister in diesem Spiele; hab ichs doch schon mehr als dreißigmal so wie du versucht, ohne daß es mir auch nur einmal gelungen wäre.«

[249.]

MAn brachte zwei Krüge zum Hodscha, der eine voll Sesamöl, der andere voll Urin; zugleich führte ihm die Scharwache zwei Männer vor, deren jeder behauptete, das Öl gehöre ihm, und es handelte sich darum, es einem von den beiden zuzusprechen.

Der Hodscha befahl: »Sie sollen beide ihr Wasser ablassen und zwar in verschiedene Gefäße; den Krug mit Öl soll dann der haben, der Öl pißt.«

[250.]

DEr Hodscha schnitt sich die Nägel und man sagte zu ihm: »Die Abschnitzel mußt du in einer Fußtapfe vergraben.«

Der Hodscha stand auf, ging sie vergraben, wie man ihm gesagt hatte, und verrichtete darüber seine Notdurft. Als man ihn fragte: »Was machst du da, Hodscha?«, antwortete er: »Ich will den Ort bezeichnen, damit ihr ihn leichter kennt.«

[251.]

SEine Frau sagte zum Hodscha: »Ich gehe ins Bad; gib, solange ich abwesend bin, auf das Kind acht.« Kaum war sie gegangen, begann das Kind zu schreien. Nun hatte der Hodscha neben sich eine Schüssel Joghurt stehn; damit beschmierte er seinen Sik und fand auf diese Weise ein Mittel, den Hunger des Säuglings zu stillen.

»Sehr gut, Hodscha,« sagte seine Frau, als sie zurückkam und das Kind schlafend fand; »sehr gut.«

»Ach, Liebste,« antwortete der Hodscha, »bis du gekommen bist, habe ich ihn neunmal von diesem Sik Joghurt saugen lassen; wenn du das getan hättest, schliefest du auch.«

[252.]

»Hodscha,« sagte eines Tages seine Frau zu ihm, »du gehst von mir geradeso weg wie vom Abtritt.«

Als er nun einmal vom Abtritte wegging, ließ er wirklich einen Wind. Einer, der vorbeiging, sagte zu ihm: »Das ist eine Schande.«

Er antwortete: »Das ist diese Dirne, von der ich gelernt habe, aufzumachen, was man nicht soll.«

[253.]

EInes Tages sagte der Hodscha zu seiner Frau: »Koch mir Halwa.« Seine Frau bereitete die Kuchen und gab sie ihm; er legte sie in eine Schachtel. Als er nun damit auf dem Wege war, lockten ihn die Kuchen; er begann ein bißchen zu essen, dann noch ein bißchen, bis schließlich alles verzehrt war. So kam er zum Bei, und der schrie, kaum daß er ihn erblickt hatte: »Willkommen, Hodscha!«

»Gnädiger Herr,« sagte Nasreddin, »ich habe dir eine Schachtel Halwa mitgebracht; wenn du mir nicht glaubst, so schau dir die Schachtel an, die ich dahabe.« Und er zeigte ihm die Schachtel.

[254.]

MAn brachte dem Sohne des Hodschas weißen Halwa und fragte ihn: »Was ist das?«

Er besah die Kuchen von allen Seiten und sagte: »Das ist ein Topf mit weißen Zwiebeln.«

Da schrie der Hodscha: »Gott soll mich strafen, wenn er das von mir gelernt hat!«

[255.]

EInes Tages sah der Hodscha einen hübschen Esel; augenblicklich trat er an ihn heran und nahm ihn her. Kaum war er fertig, als zwei Männer daherkamen, und die fragten ihn: »Was machst du da, Hodscha?«

»Seht ihrs denn nicht?« antwortete er; »ich mache, daß ich von diesem Vieh wegkomme.«

[256.]

EInes Tages besprang der Hodscha ganz nahe bei einer Moschee einen Esel; ein Mann, der vorbeiging, spuckte aus. Da schrie der Hodscha voll Unwillen: »Wenn ich nicht eben beschäftigt wäre, würde ich dich lehren, hier ausspucken!«

[257.]

EInes Tages besprang der Hodscha seinen Esel; da er einen Mann herankommen sah, bedeckte er sich mit seinem Mantel. Der Mann trat näher; er hob einen Zipfel des Mantels und schrie: »Wer ist das?«

Der Hodscha antwortete: »Sieh nach, bitte, was imstande gewesen ist, mich in diese Lage zu bringen; ich wenigstens weiß von gar nichts.«

[258.]

DEr Hodscha hatte eines Tages seinen Esel mit Schilf beladen. Da er bemerkte, daß die Last auf der einen Seite schwerer war als auf der andern, sagte er: »Ich will den schwerern Bund anzünden; so wird sich das Gleichgewicht herstellen, und überdies werde ich mich, da mir sowieso kalt ist, wärmen können.« Kaum spürte aber der Esel die Wärme, als er davonzulaufen begann. Der Hodscha setzte ihm nach und schrie: »Hat man dich denn beim Füttern nicht getränkt, daß du es so eilig hast, zum Wasser zu kommen?«

[259.]

ALs einmal der Hodscha seinen Esel verloren hatte, sagte einer zu ihm: »Ich habe ihn dort und dort als Muezzin gesehn.« Der Hodscha ging in die ihm genannte Ortschaft, und als er ankam, stieg eben ein Muezzin aufs Minaret, um zum Gebete zu rufen; und der Hodscha schrie, als er das sah: »Woher kommt denn der Unselige!« Dann nahm er seinen Sack vom Rücken, nahm eine Handvoll Gerste und zeigte sie, wie man es macht, wenn man einen Esel ruft, dem Muezzin und rief: »Tschosch, Tschosch!«

Der Muezzin sah vom Minaret aus, daß ihm der Hodscha etwas anbot; er dachte, der Hodscha wolle ihn herunterlocken, um ihm einen Streich zu spielen, und so sagte er: »Du willst mich foppen; aber die Kosten wirst du bezahlen.«

Über diese Antwort war der Hodscha ganz verdutzt.

[260.]

EInes Tages besprang der Hodscha seinen Esel und legte sich dann mitten auf dem Wege in der Sonne neben ihm nieder, den Sik entblößt. Ein Mann kam dazu, und der schrie: »Was machst du da? das ist schändlich!«

»Ah,« sagte der Hodscha, »warum sollte ich ihn nicht trocknen lassen? wenn ich ihn bei meiner Frau gebraucht habe, tue ichs ja auch.«

[261.]

DEr Hodscha hatte acht Esel; auf einen stieg er. Als er dann seinen Ritt gemacht hatte, zählte er sie, brachte aber nur sieben heraus; er vergaß nämlich den, auf dem er saß. Nachdem er abgestiegen war, brachte er acht heraus; über diese Erscheinung war er ganz verdutzt, so daß ihn einer, der vorüberkam, fragte, worüber er sich wundere. Er schrie: »Früher waren es nur sieben; jetzt sind es auf einmal acht.«

»Der, auf den du gesessen hast, hat eben die Zahl vollgemacht.«

Und der Hodscha antwortete: »Ja, wie hätte ich denn sehn sollen, was ich am Hintern hatte?«

[262.]

EInes Tages ging der Hodscha mit seinem Amad auf die Jagd. Er hatte einen Falken auf der Hand; sie ließen ihn steigen und er setzte sich auf einen Ochsen. Alsbald schlang der Hodscha einen Strick um den Kopf des Ochsen, zog ihn zu sich nach Hause und band ihn an. Der Eigentümer ging seinen Ochsen suchen und fand ihn schließlich beim Hodscha; da sagte er zum Hodscha: »Der Ochs ist mein; wieso hast du ihn hier angebunden?«

»Potzteufel, Dummkopf,« antwortete der Hodscha, »mein Falke hat ihn gebeizt; er ist meine Jagdbeute.«

Sie gingen mitsammen zum Kadi und erklärten ihm den Fall. Der Kadi schrie: »Aber Hodscha, seit wann fängt denn ein Falke einen Ochsen?«

»Nun,« antwortete Nasreddin, »auf das Kamel zu beizen, ist gewiß nicht verboten; sollte denn zwischen einem Vieh und dem andern mehr Unterschied sein als zwischen ihnen und dir?«

[263.]

DEr Amad sagte eines Tages zum Hodscha: »Hodscha, du bist nicht imstande, dich, wenn man Speisen vor dich hinstellt, so zurückzuhalten, wie die gebildeten Fremden tun, die nach ein paar Bissen zu essen aufhören.«

»Amad,« antwortete der Hodscha, »ich werde mir einen Faden an die Zehe binden; wenn du bemerkst, daß ich zu viel esse, so ziehe daran.«

Dergestalt miteinander einig, wurden einmal der Hodscha und sein Amad zu einem Mahle eingeladen. Eben war das Auftragen beendigt, als eine Katze ihre Pfote auf den Faden legte, der an dem Fuße des Hodschas befestigt war; sofort hörte der Hodscha zu essen auf.

Man fragte ihn: »Warum ißt du nichts, Hodscha?«

»Warum ich nicht esse?« schrie er; »mein Amad zieht ja am Faden!«

[264.]

EInes Tages wollte der Hodscha der Liebe pflegen; aber von ungefähr setzte sich eine Biene auf sein männliches Glied. Da schrie er: »Du weißt also ganz gut, was gut ist; es ist auch wahrhaftig eine Blume, die gewählt zu werden verdient, wenn es gilt, Honig zu bereiten!«

[265.]

EInes Tages legte man dem Hodscha die Frage vor: »Was soll die Versammlung tun, wenn der Imam einen Wind läßt?«

»Was sie tun soll,« antwortete der Hodscha; »aber es ist klar, sie muß scheißen.«

[266.]

ALs der Hodscha eines Tages auf dem Markte war, besahen sich die Leute sein Geld besonders aufmerksam; da sagte er zu einem: »Was siehst du denn daran außergewöhnliches? ist es vielleicht das, das der Bankhalter deiner Mutter versprochen hat, um bei ihr zu schlafen?«

[267.]

DEr Hodscha, der schon einen weißen Bart hatte, sah eines Tages eine Schar Frauen, die eine Braut dem jungen Gatten zuführten. Da verließ ihn seine Kaltblütigkeit und er tat ihnen einen Schimpf an. Sie sagten zu ihm: »Schämst du dich denn nicht? wie kannst du dich denn bei deinem weißen Barte so wenig zurückhalten?«

»Frißt vielleicht«, antwortete er, »ein weißer Hund weniger Dreck als ein anderer?«

[268.]

EInes Tages wollte der Hodscha in der Nachbarschaft einen Becher entleihen; da sagte seine Frau zu ihm, indem sie sich entblößte: »Nimm den da!«

»Meinetwegen,« antwortete er, indem er sich auch entblößte; »der Klotz da wird ihn schon in die richtige Form bringen.«

[269.]

ALs der Hodscha eines Tages in den Busch ging, begegnete er einem reitenden Boten. Bald darauf sah er, nachdem er auf seinen Esel gestiegen war, nach allen Seiten herum, konnte aber den Reiter nicht erblicken; dann sah er ihn wieder und da schrie er: »He, Mann! he, Mann!«

Der antwortete: »Du sollst nicht Mann sagen; du mußt Bote sagen.«

Nach einer kleinen Weile sagte der Hodscha, sich über seinen Esel beklagend: »Da schau einer dieses Füllen an!«

Der andere sagte: »Das ist kein Füllen; das ist ein ausgewachsener Eselshengst.«

Und der Hodscha antwortete: »Ich habe meine Gründe, ihn nicht Esel zu nennen; mein Vater hat uns nämlich miteinander aufgezogen.«

[270.]

DEr Hodscha nahm eines Tages den Esel seines Nachbars und ging mit ihm ins Gebirge. Auf dem Wege kam er an einen Fluß, der über die Ufer getreten war; er versuchte ihn auf dem Esel reitend zu übersetzen, aber die Strömung packte den Esel und er konnte ihn nicht retten.

Als er betrübt heimkam, fand sich der Eigentümer des Esels bei ihm ein und forderte ihn zurück. Und der Hodscha sagte: »Als ich über denundden Fluß setzte, hat ihn die Strömung mit sich fortgerissen.«

Der Herr des Esels ging weg, aber bald darauf wurde der Hodscha zum Kadi gerufen; und dem antwortete er: »Effendi, um diesen Esel wiederzubekommen, heißt es sich an unsere Freunde wenden; der eine hat den Kopf, der andere den Schwanz und so weiter.«

[271.]

EInes Tages sah der Hodscha auf dem Markte eine Frau; er trat auf sie zu und fragte sie: »Was hast du zu verkaufen?«

»Was ich auf dem Rücken trage.«

»Willst du nicht vielleicht einen tüchtigen Schwanz kaufen?«

Sie schrie: »Du bist wahrhaftig verrückt!«

Aber der Hodscha antwortete, ohne irgendwie ungehalten zu sein: »Glaub es mir: wenn du keinen Schwanz kaufen und kein Loch verkaufen willst, so hast du auf dem Markte nichts zu tun.«

[272.]

EInes Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und sagte: »Danken wir Gott, Muselmanen, daß er sich in seiner Allmacht einen Palast hat erbauen können ohne Säulen; denn sonst hätte er Steinbäume gebraucht, und deren Früchte hätten uns, je nachdem sie reif geworden wären, beim Herunterfallen erschlagen.«

[273.]

ALs der Hodscha einmal seine Straße ging, fand er ein totes Huhn auf dem Wege liegen. Augenblicklich hob er es auf; er trug es heim, rupfte und kochte es und setzte es auf den Tisch. Da schrien die Leute, die dabei waren: »Aber Hodscha, das Huhn ist unrein; es hat ja sein Leben nicht durch die Hand eines Menschen verloren.«

»Ihr Narren,« schrie der Hodscha, »soll es denn unrein sein, weil es Gott getötet hat und nicht ihr?«

[274.]

EIner von den Nachbarn des Hodschas Nasreddin war gestorben, und die andern luden den Hodscha ein, die vorgeschriebenen Bräuche zu vollziehen. Er sagte bereitwillig zu; er begleitete sie, der Tote wurde gewaschen, ins Leichentuch gehüllt und auf den Friedhof getragen und nach dem Gebete legte man ihn ins Grab. Als sich dann die Leute anschickten, wegzugehn, sagte der Hodscha: »Bezahlt mir, was mir für das Begräbnis zukommt.«

»Das ist billig,« sagten sie.

Sie befriedigten ihn und zerstreuten sich. Als aber jeder zu seinem Geschäfte zurückgekehrt war, band er den Sarg zusammen und trug ihn zu einem Flusse und ließ ihn dort; bald erfaßte ihn die Strömung und riß ihn fort. Unterdessen ging der Hodscha im ganzen Viertel herum und sagte: »Der Mann war reich an geheimen Verdiensten; er hat, tot, wie er war, samt seinem Sarge das Grab verlassen und ist zum Himmel gefahren.«

Jedermann glaubte es und traute seinen Worten, bis eines Tages einer von den Dorfleuten von ungefähr einen Sarg sah, der an das Ufer getrieben war; andere Leute kamen dazu, und sie nahmen den Sarg aus dem Wasser, und bald wußten sie, woran sie waren. Da sagten sie: »Morgen verlangen wir vom Hodscha das Geld für das Begräbnis zurück; mindestens muß er etwas nachlassen.«

Sie gingen zu ihm und setzten ihm ihre Forderung umständlich auseinander; aber der Hodscha antwortete ihnen, ohne sich erst zu bedenken: »Gott hat ihn zuerst für einen guten Menschen gehalten, aber er hat sich getäuscht; als er dann seinen Irrtum inne geworden ist, hat er ihn wieder heruntergeworfen.«

[275.]

EInes Tages kamen etliche Frauen an das Ufer eines Flusses, und sie wußten nicht, wie sie auf die andere Seite hinübergelangen sollten. Da kam der Hodscha heran, und der fragte sie: »Worauf wartet ihr?«

Sie antworteten: »Wenn du uns hinüberbringst, geben wir dir jede einen Asper.«

Augenblicklich legte der Hodscha Kleider und Hosen ab und stieg ins Wasser; und er trug eine nach der andern hinüber. Schließlich blieb nur noch eine alte Frau; die aber fühlte, wie er sie von dem einen Ufer ans andere trug, daß sie ein Gelüst ankam, und so sagte sie zu ihm: »Mir sind verliebte Gedanken gekommen, ich muß es schon gestehn; weißt du, wer ich bin, Hodscha?«

»Nun wer denn?«

»Ich bin die Mutter der Lust.«

»Und wenn du die Mutter des Imams wärest,« antwortete der Hodscha, »so würde mich das nicht abhalten, dich herzunehmen wie einen Mann.«

Er entblößte sie, brachte sie in die richtige Stellung und besprang sie verwegen; und mitten darin ließ er einen Wind. Sie sagte: »Was machst du da, Hodscha?«

Er antwortete: »Vor eitel Lust an dem, was du mir geöffnet hast, habe ich es an mir auch geöffnet.«

[276.]

ALs der Hodscha eines Tages mit seiner Frau einen Fluß entlang ging, fiel sie ins Wasser, und die Strömung riß sie fort. Augenblicklich begann der Hodscha flußaufwärts zu laufen; das fiel den Leuten auf und sie fragten ihn: »Was suchst du, Hodscha?«

»Meine Frau; sie ist ins Wasser gefallen.«

»Aber Effendi,« erwiderten sie, »flußaufwärts darfst du sie doch nicht suchen; der Fluß fließt ja hinunter und nimmt sie mit.«

»O nein,« schrie der Hodscha; »meine Frau hatte ein so widerspenstiges Wesen, daß sie entschieden aufwärts treibt.«

[277.]

EInmal hatte der Hodscha Nasreddin aus Ochsenfleisch Würste gemacht; aber es vergingen zwei oder drei Tage, ohne daß er auch nur etliche verkauft hätte, und so warf er sie alle den Hunden hin und sagte zu diesen: »In einem Monat werdet ihr mich bezahlen.« Als dann der Monat um war, fing er die Hunde und sperrte sie in einen Garten, um sie zur Zahlung zu zwingen.

Und man fragte den Hodscha: »Was willst du von ihnen? es ist doch unerhört, Hunde einzusperren, damit sie zahlen.«

»Sie haben meine Würste gegessen; warum soll ich nicht mit ihnen verfahren, wie es mein Recht ist?«

Nach einigen auf diese Weise verbrachten Tagen begannen die Hunde unter dem Stachel des Hungers unruhig zu werden; und der Hodscha schrie: »Nur Geduld! wir werden schon sehn, wie sie sich aus der Sache ziehen werden.«

Nun war in dem Garten ein großer Stein, unter dem irgendjemand einen Topf voll Goldstücke verborgen hatte. Diesen Stein schob ein Hund bei seinen Bemühungen, etwas für seine Zähne zu finden, weg und warf dabei den Topf um, so daß der zerbrach; das Gold ergoß sich auf den Boden.

Der Hodscha las die Münzen auf; dann entließ er die Hunde und schrie: »Ach, die armen Kerle: ich hab ihre Ehrlichkeit ungerecht in Verdacht gehabt; aber warum haben sie mich nicht zur Frist bezahlt?«

[278.]

EInes Tages sagte sich der Hodscha, als er auf den Markt ging: »Es heißt achtgeben, daß ich nicht bestohlen werde«; und er tat seine Kürbisse in einen Sack und warf ihn über seine Schultern. Auf dem Markte angelangt sah er nun vor ihm einen Mann gehn, der früher hinter ihm gegangen war, und der trug auf dem Rücken einen Sack mit Kürbissen, der ebenso aussah wie der seinige. Da fragte er sich: »Wenn der, der da vorne geht, nicht ich bin, wer kann es dann sein? Wahrhaftig, ich verstehe es nicht.«

[279.]

ALs der Hodscha eines Tages öffentlich das Morgengebet sprach und zu der Lobpreisung Gottes kam, stellte er sich aufrecht hin und verkündete zwei- oder dreimal mit geläufiger Zunge die Anrufung: »Allah ist groß!« Da er aber auch dann nicht aufhörte, diese Worte immer wieder zu wiederholen, schrie endlich einer: »Aber Hodscha, beim Morgengebete sollen doch nach der Anrufung, die du sprichst, zwei Verse aus der Überlieferung und zwei Gebote hergesagt werden; warum wiederholst du immerfort die Anrufung?«

»Tue ich es öfter, als es nötig wäre,« antwortete der Hodscha, »so bleibt eben Gott für das übrige mein Schuldner.«

[280.]

DEr Hodscha brachte eines Tages eine Schüssel Joghurt auf den Markt, um sie zu verkaufen. Nun kamen ganze Wolken von Fliegen und setzten sich auf den Joghurt; da es ihm nicht gelang, sie zu verjagen, ging er zum Kadi, um gegen sie Klage zu führen, und der Kadi sagte zu ihm: »Nimm einen Schlägel und schlag die Fliegen tot, wo immer sie sitzen.«

Der Hodscha holte sich einen Schlägel, ging damit wieder zum Kadi und sagte zu ihm: »Effendi, ist das ein richtiger Fliegenschlägel?«

»Freilich,« antwortete der Kadi; »der ist wahrhaftig geeignet, sie überall zu vertilgen, wohin sie sich setzen.«

Just in diesem Augenblicke liefen etliche Fliegen über den Kopf des Kadis; kaum sah sie der Hodscha, als er sie auch schon mit seinem Schlägel auf dem Kopfe des Kadis erschlug, wobei freilich auch der Kadi tot auf dem Platze blieb. Alsbald wurde der Hodscha verhaftet, und die Leute, die dort waren, fragten ihn: »Warum hast du unsern Kadi getötet?«

Und der Hodscha antwortete: »Wenn ich das Gesetz auch nur in einem Punkte verletzt habe, so lasse man mich die Strafe der Vergeltung erleiden.«

Sie führten ihn dem Mufti vor und dem sagte er: »Er hat mir gesagt, ich solle mit diesem Schlägel die Fliegen erschlagen, wo immer es sei; ich habe ihrer einige auf seinem eigenen Kopfe gesehn und habe sie erschlagen: er darf also, wenn er gestorben ist, niemand verantwortlich machen, als sich selber. Übrigens geschieht nichts, ohne daß es Gott zuließe. Das ist es, was ich vorzubringen habe.«

»Wo hast du denn schon«, fragte ihn der Mufti, »eine solche Rechtsprechung gesehn? Weißt du nicht, daß geschrieben steht: ›Wo keine böse Absicht ist, kann es keine Züchtigung geben?‹«

»Das ist es ja gerade, was mich rechtfertigt,« antwortete der Hodscha; »man hätte wahrhaftig keine Schriftstelle finden können, die mir günstiger gewesen wäre!«

[281.]

DEr Hodscha ging eines Tages ins Gebirge und belud seinen Esel mit Holz; dann sagte er zu ihm: »Nimm du diesen Weg, ich nehme den da.« Damit überließ er den Esel sich selber samt der Last, die er trug.

Als er nach einem eilig zurückgelegten Marsche nach Hause kam, fragte er seine Frau, ob der Esel schon daheim sei; aber sie sagte: »Ich weiß nichts von ihm.«

»Was?« sagte der Hodscha; »ich bin also zuerst gekommen?«

Er ging auf dem nämlichen Wege zurück und fand seinen Esel dort weiden, wo er ihn verlassen hatte; weiter mußte er sehn, daß ein Mantel, den er ihm auf den Rücken gelegt hatte, fehlte: man hatte ihn gestohlen. Da schrie er den Esel an: »He, wo ist mein Mantel? du bists, mit dem ich rede!«

Aber der Esel antwortete nichts — noch nie hat ja ein Tier gesprochen. Nun nahm ihm der Hodscha den Sattel vom Rücken und sagte: »Wenn du mir meinen Mantel zurückgibst, gebe ich dir auch deinen Sattel wieder.«

[282.]

DEr Hodscha kaufte einen Neger; dann kaufte er neun Stück Seife, um ihn damit weißzuwaschen. Er führte ihn ins Bad und verwusch die neun Stück Seife; aber alles war umsonst, weil man eben einen Neger nicht weißwaschen kann. Ermüdet schrie der Hodscha endlich: »Da ist mir ja ein Meisterstück einer Färberarbeit in die Hände gekommen; es ist wirklich überflüssig, an einem fertigen Ding etwas ändern zu wollen.«

[283.]

EInes Tages sah der Hodscha im Bade zwei verzinkte Schalen und die gefielen ihm sehr gut; er steckte sie unter sein Badetuch und ging damit weg. Zwei Badejungen hatten ihn aber beobachtet und sagten nun zu ihm: »Das Bad tut dir wohl, Hodscha-Effendi.«

»Das Bad und die Schalen,« antwortete er.

[284.]

ES kam einer zum Hodscha, um ihn um Gastfreundschaft zu bitten, und klopfte an die Tür; der Hodscha kam und fragte ihn: »Wer bist du?«

»Ach, Effendi, kennst du mich nicht? ich bin der Amad Muzir-Effendis.«

»Sehr gut,« antwortete der Hodscha; »warte einen Augenblick, ich will dich zu unserm gemeinsamen Vater führen.«

Nasreddin schritt nun seinem Besucher voraus; und als sie zur Moschee gekommen waren, öffnete er die Tür, lud ihn mit einer Handbewegung ein, einzutreten, und sagte zu ihm: »So; so da sind wir bei dem gemeinsamen Vater der Gläubigen.«

[285.]

EInes Tages bat ein Kurde den Hodscha um Gastfreundschaft; und er sagte zu ihm: »Ich habe Hunger; bringe mir etwas zu essen.« Der Hodscha ging, bereitete in einem irdenen Napfe ein Gericht Joghurt und holte Brot, und das wollte er dem Fremden vorsetzen, als er bemerkte, daß sich der niedergelegt hatte und eingeschlafen war; da begann er Betrachtungen anzustellen und sprach bei sich: »Wie soll ich es anfangen, um ihn im Schlafe essen zu lassen?« Und schon nahm er mit einem Stückchen Brot etwas Joghurt und fuhr ihm damit über den Schnurbart. Einen Augenblick darauf erwachte der Kurde; und er schrie sofort: »Bring mir also etwas zu essen, mein Gastfreund!«

Und der Hodscha antwortete: »Aber du hast doch schon gegessen, während du schliefst! wenn du mir nicht aufs Wort glaubst, so schau dir deinen Schnurbart an; er ist noch ganz feucht.«

Der Kurde griff nach seinem Schnurbart und überzeugte sich, daß er noch voll Joghurt war; und er schrie spöttisch: »Sehr gut, mein Gastfreund! habe ich gegessen und getrunken, so sei Gott gelobt.«

[286.]

EInmal hatte der Hodscha einen Streit mit seiner Frau; plötzlich stellte er die Wiege mit dem Kinde zwischen sein Bett und das ihrige und schrie: »Trennen wir uns! hiermit verstoße ich dich.«

[287.]

DIe Frau des Hodschas war schwanger. Als ihre Zeit gekommen war, fand sich die Wehmutter ein; es war Nacht, und niemand war da, um ihr zu helfen. Da rief sie den Hodscha: »Bring eine Kerze; es handelt sich um dein Werk.« Er beeilte sich, ihr eine Kerze zu bringen und blieb dann im Zimmer; als aber die Geburt vorüber war, nahm er die Kerze wieder und wollte damit weggehn. Da sagte die Wehmutter: »Bleib doch, Hodscha; es kommt noch eins.«

»Was?« sagte der Hodscha, »sie will mir ein zweites schenken?«

Er kam mit der Kerze zurück; wieder wurde ein Kind zur Welt gebracht, und wieder wollte sich der Hodscha mit der Kerze entfernen. Aber die Wehmutter rief: »Bleib doch; du sollst noch einen dritten Erben haben.«

Bei diesen Worten verlöschte er die Kerze. Und die Wehmutter fragte ihn: »Warum läßt du mich im Finstern?«

»Wie sie das Licht sehn,« antwortete er, »kommen diese Kinder nacheinander wie die Mücken; jetzt ists wahrhaftig schon genug.«

[288.]

EInmal lud man den Hodscha im Ramasan zu einem Iftar[100], und es wurde eine außerordentlich heiße Suppe aufgetragen. Der Hodscha nahm einen Löffel voll und führte ihn zum Munde; da er sich ihn nicht zurückzugeben getraute, verschluckte er ihn. Dann aber nahm er seine Mütze vom Kopf, legte sie auf seinen Sitz und setzte sich darauf; und die andern fragten ihn: »Warum setzt du dich auf deine Mütze?«

Er antwortete: »Damit nicht die Kissen Feuer fangen: ich brenne ja inwendig; wenn meine Mütze verbrennt, so schadet das wenigstens niemand.«

[289.]

SOoft der Hodscha sein Leinenzeug waschen wollte, begann es mit Gottes Zulassung zu regnen. Als er nun wieder einmal auf den Markt ging, um Seife zu kaufen, fielen wieder Regentropfen; da sagte der Hodscha zu dem Seifenhändler: »Gib mir eine Oka von diesem Käse.«

»Das ist doch Seife,« antwortete der Kaufmann, »und kein Käse.«

»Ich weiß es wohl,« versetzte der Hodscha; »ich nenne es aber Käse aus Angst, daß der Regen anhalten könnte.«

[290.]

EInes Tages trieb der Hodscha seinen Esel vor sich her; als er dann müde wurde, saß er auf. Eine kleine Weile später bemerkte er, daß der Esel nicht mehr vor ihm herging. Nun suchte er ihn bergauf und bergab, bis ein Wanderer bei ihm vorüberkam; den fragte er, ob er nicht seinen Esel gesehn habe, und der Wanderer sagte: »Du sitzt ja darauf.«

Der Hodscha stellte die Tatsache fest und freute sich; aber schon nach einem Augenblicke war er von neuem zerstreut und begann wieder zu suchen. Da sagte der Wanderer: »So gehn wir doch nach Hause, da du doch den Esel gefunden hast.«

»Geh du nur,« antwortete der Hodscha; »ich« — dabei dachte er an seinen verlorenen Esel — »muß noch dableiben, weil ich noch etwas zu suchen habe.«

[291.]

ETliche Leute fanden im Gebirge einen Igel; sie konnten sich nicht enträtseln, was für ein Tier das sein sollte, und brachten ihn dem Hodscha. »Was ist das?« fragten sie ihn.

»Ohne Zweifel«, antwortete der Hodscha, »ist das eine alte Nachtigall, die von ihren Federn die Fahnen verloren hat.«

[292.]

DEr Hodscha hatte einen Dattelgarten, und drinnen war ein Baum, auf den er jeden Tag stieg. Weiter hatte er eine Tochter und diese einen Geliebten. Eines Tages saß nun Nasreddin auf seinem Baume, als der Bursche mit seiner Tochter kam und mit ihr zu tändeln begann; an Verwegenheit ließ ers dabei nicht fehlen und schließlich sagte er zu ihr: »Stell dich hin; ich will es machen wie ein Hengst.«

»Gut,« sagte sie.

Während er nun das Mädchen besprang, blickte er in die Höhe, und da sah er den Hodscha; augenblicklich ließ er sie und nahm Reißaus. Nun nahm sie etliche Datteln und lief dem Flüchtling nach; dabei rief sie: »Nimm doch!«

Aber der Hodscha schrie vom Baume herunter: »Was fällt dir ein, ihn mit so etwas locken zu wollen? Glaubst du, er wird für drei Datteln zu einem so schamlosen Ding kommen, die den weißen Fluß hat, wie du? Zeig doch wenigstens eine Handvoll!«

[293.]

ALs der Hodscha eines Tages aus seiner Tür trat, sah er einen Knaben vor dem Hause hocken und seine Notdurft verrichten; da schrie er mehrere Male hintereinander: »Was machst du da? Wessen Kind bist du?«

Endlich antwortete der Bengel: »Ich bin der Sohn der Schwester des Stadtverwesers.«

Augenblicklich nahm ihn der Hodscha bei der Hand und führte ihn vor das Haus des Stadtverwesers; und dort sagte er: »Da ist der Ort, wo du deine Notdurft verrichten sollst.«

[294.]

EInes Tages sagte der Hodscha zu seinem Bruder: »Tu mir etwas zuliebe.«

»Was denn?«

»Erlaube mir, dich herzunehmen wie einen Knaben.«

»Kannst du mich nicht um etwas andres bitten?«

»Was?« schrie der Hodscha, »du bist doch mein Bruder; von wem soll ich es denn verlangen, wenn nicht von dir?«

[295.]

EInes Tages erging sich der Hodscha mit seinem Amad; sie kamen aber am Abende nicht nach Hause, sondern verbrachten die Nacht unter freiem Himmel. Der Hodscha fragte den Amad: »Wem hast du deine Frau für die heutige Nacht zu hüten gegeben?«

Der Amad antwortete: »Dem Softa, Alter.«

Der Hodscha fuhr fort: »Und wem hast du die Tugend des Softas zu hüten gegeben?«

[296.]

DEr Hodscha wanderte einmal mit einem großen Sacke voll Joghurt auf dem Rücken, und der Joghurt wiegte sich in dem Sacke von der einen Seite auf die andere; endlich schrie der Hodscha: »Bleib du ruhig dahinten; sonst sollst du mit meinem Menschenpflanzer Bekanntschaft machen.«

Der Joghurt antwortete nichts, hörte aber auch nicht auf, sich zu wiegen. Unverzüglich warf sich der Hodscha auf den Sack, machte ein Loch hinein und versenkte darein den besagten Menschenpflanzer. Als er ihn dann wieder herauszog, sah er, daß er voller Joghurt war, und da schrie er: »Wahrhaftig, du warst schon in Löchern genug; aber mit einem weißen Kopfe bist du noch nie herausgekommen!«

[297.]

ZUfällig kam einmal der Hodscha vorbei, als ein Jude mit erhobenen Händen Gott um einen Regen anflehte; es regnete aber keineswegs. Da wandte sich der Jude zum Hodscha und sagte zu ihm: »Bete auch du; nach dem, wessen Gebet einen Erfolg haben wird, werden wir sehn, wer der wirkliche allmächtige Gott ist, der deinige oder der meinige.«

Der Hodscha hob die Hände zum Himmel und betete. Und alsbald grollte der Donner, zuckten Blitze hernieder und begann ein starker Regen zu fallen. Der Hodscha entfloh und trachtete sich eiligst unter einem Felsen zu verbergen; aber das Wetter schlug auch dort hinein und ging über den Hodscha nieder.

Da schrie er: »Herr Gott, du hast mein Gebet schlecht verstanden; warum nähmest du dir sonst die Mühe, das Gewitter bis unter diesen Stein zu schicken, wo doch der Jude draußen steht?«

[298.]

EInes Tages ging der Hodscha weg, und nachdem er eine Zeitlang gewandert war, fand er nicht mehr nach Hause; da begegnete er einem Manne und den fragte er: »Bruder, hast du mein Haus gesehn?«

Der Mann antwortete: »Ich habe einen grobknochigen Derwisch gesehn, der es wegtrug; wenn du mit mir gehn willst, so wollen wir ihn aufsuchen.«

Der Hodscha glaubte es und kam sogar auf den Verdacht, es handle sich um einen Greis, der Baba-Sultan genannt wurde. Er machte sich alsbald auf den Weg zu diesem Biedermanne; als er ankam, fand er ihn im Hofe seines Klosters. Er fragte ihn: »Hast du mein Haus gesehn?«

Der Alte antwortete: »Man hat es hiehergebracht; dann ist es aber wieder zurückgeschickt worden.«

Der Hodscha wollte unverzüglich aufbrechen, aber die Derwische ließen ihn nicht weg: »Bleib bei uns heute Nacht,« sagten sie; »morgen früh gehst du dann.«

Während er nun schlief, schnitten sie ihm Haare und Bart. Er stand noch in der Dämmerung auf und ging weg, ohne etwas bemerkt zu haben; als er aber auf seinem Wege zu einem Brunnen kam, betrachtete er sich im Wasser und da erkannte er sich nicht wieder.

»Diese Schufte,« schrie er, »sie haben mich gegen einen Kalender vertauscht, den sie an meiner Statt ins Bett gelegt haben!« Und als er heimkam, sagte er zu seiner Frau: »Weib, man hat mich mit einem Kalender verwechselt; hast du keine Nachrichten von mir? Übrigens haben sie mir wenigstens, nach dem, was ich sehe, mein Haus zurückgebracht!«

[299.]

EInmal war der Hodscha Nasreddin in Arabien. Die arabischen Weisen gaben ihm ein Fest, und als das mitten im Gange war, legten sie ihm eine Streitfrage vor. Aber der Hodscha, der ihnen keine Antwort schuldig bleiben wollte, sagte zu ihnen: »Wenn ihr mir die Fragen, die ich an euch richten will, beantworten werdet, werde auch ich euch Antwort geben; wenn nicht, so gehe ich, wie ich gekommen bin.«

Sie waren damit einverstanden, und nun sagte der Hodscha: »Wißt ihr, warum die Fische Reißaus nehmen beim Anblicke des Menschen, und warum die Sterne entfliehn, wenn die Sonne erscheint? Das sind meine Fragen.«

Die Araber fanden keine Lösung und erkannten seine Überlegenheit an.

[300.]

DEr Hodscha beobachtete eines Tages einen Mann, wie er eine Summe Geldes irgendwo versteckte. Als sich der Eigentümer entfernt hatte, bemächtigte sich der Hodscha des Geldes; der Eigentümer hatte ihn aber bemerkt und verfolgte ihn. Der Hodscha flüchtete sich in eine Moschee, aber der andere lief ihm auch dorthin nach. Der Hodscha stieg aufs Minaret und der andere stieg auch hinauf. Als schließlich der Hodscha sah, daß er ihm nicht entwischen konnte, stürzte er sich von oben herab und erwachte augenblicklich; denn er hatte das alles nur geträumt.

[301.]

EIn Baderjunge hatte sein Schermesser verloren; weinend und das Gesicht in den Händen verborgen lief er herum und schrie: »Ach, das Schermesser! Ach, das Schermesser!«

Der Hodscha, der dabei war und das hörte; sagte sich: »Zweifellos hat man diesem Diebe die Nase abgeschnitten!«

[302.]

DEr Hodscha war gestorben und man legte ihn in ein altes Grab. Nachdem die Leute auseinandergegangen waren, kamen Munkar und Nakir[101], um ihn zu befragen, und er sagte zu ihnen: »Wenn ihr wollt, daß ich sprechen soll, so gebt mir einen Asper.«

Auf diese Rede versetzten sie ihm einen derben Streich. Nun schrie er: »He, Freunde, wenn ihr kein Geld habt, kommt ein andermal wieder.«

Und damit erwachte er; denn alles war nur ein Traum.

[303.]

DEr Hodscha kam einmal in ein Dorf; die Einwohner, denen er auffiel, sagten zu ihm: »Da du ein Würdenträger bist, so komm über einen Toten die Gebete zu sprechen.« Er ging mit ihnen und verrichtete alles, was bei einer Leichenfeier geschehn soll; doch begnügte er sich damit, den Schlußausruf: ›Gott ist groß‹ nur einmal zu singen. Dessenungeachtet bezahlte man ihn und er entfernte sich.

Nun machte ein Städter, der auch anwesend war, die Bauern aufmerksam, daß diese Anrufung über einem Toten viermal wiederholt werden soll. Da liefen sie dem Hodscha nach und erhoben, als sie ihn eingeholt hatten, ihre Einwendungen.

Der Hodscha fragte sie: »Den wievielten haben wir heute?«

»Den fünften.«

Und er sagte, um sie sich vom Halse zu schaffen: »Wenn heute der fünfte ist, wird das Totengebet nicht anders gesprochen, als wie ich es getan habe.«

[304.]

EInes Tages hatte die Frau des Hodschas den Sik eines Mannes gesehn, und sie wurde von einem solchen Verlangen nach ihm erfaßt, daß sie krank wurde; und sie sagte: »Wohin ist denn der verschwunden, den ich gesehn habe? vielleicht fände er ein Mittel für mein Übel.«

Der Hodscha ging den Mann suchen und brachte ihn ihr.

Der Mann sagte: »Sie ist wahrhaftig krank.«

»Das weiß ich, daß sie krank ist,« antwortete der Hodscha; »aber was ist da zu tun?«

»Wenn du etliche Knoblauchzehen hast, so bring sie.«

Der Hodscha hatte just welche zu Hause; er holte sie und gab sie ihm. Der Fremde rieb sich nun damit das, was die Aufmerksamkeit der Frau angezogen hatte, und steckte es an den Ort, der für dieses Heilmittel empfänglich war; sodann zog er es wieder heraus.

Als die Behandlung beendigt war, schrie der Hodscha: »Warum hast du mir nicht gesagt, was zu tun war? Das hätte ich ganz allein zustandegebracht; es ist ein Verfahren, das mir nicht unbekannt ist.«

[305.]

ALs der Hodscha eines Tages trübselig seine Straße zog, begegnete er einer Frau und die fragte ihn: »Woher kommst du, Hodscha?«

»Aus der Hölle,« antwortete er.

Und sie fragte weiter: »Hast du vielleicht dort meinen Sohn gesehn?«

»Ja; er ist als Schuldner gestorben und darum ist ihm der Eintritt ins Paradies versagt worden.«

»Und auf wieviel beläuft sich seine Schuld?«

»Auf tausend Asper.« Und Nasreddin fügte hinzu: »Seine Frau ist im Paradiese; er aber kann nur hinein mit den tausend Asper.«

Die Frau fragte noch: »Und wann gehst du zurück?« und Nasreddin antwortete: »Augenblicklich.«

Da gab sie ihm die tausend Asper und bat ihn: »Eile nur, damit du die Sache unverzüglich zu einem Ende bringst.«

Als sie heimkam, sagte sie zu ihrem Manne, der zu Hause war: »Ich habe Nachrichten von unserm Sohne bekommen; da er nicht anders ins Paradies gelangen kann als mit tausend Asper, habe ich sie hergegeben.«

»Wem hast du sie denn gegeben?«

»Dem Hodscha.«

Unverzüglich machte sich der Mann auf die Verfolgung des Hodschas. Der flüchtete sich, als er ihn kommen sah, in eine Mühle; und er sagte zu dem Müller: »Siehst du den Mann, der heransprengt? es ist ein Scherge, der dich greifen will.«

»Was soll ich da tun?« fragte der Müller erschrocken.

»Nimm meine Kleider und ich will die deinigen nehmen; klettere auf den Baum und verstecke dich.«

Der Kleidertausch war kaum vollzogen, und der Müller hatte sich kaum auf dem Baume versteckt, als der Mann ankam. Er sah niemand als den Hodscha in der Tracht des Müllers, und der Hodscha blickte auffällig auf den Baum hinauf. Nun bemerkte der Mann den vermeintlichen Hodscha. Da er zu Pferde war, stieg er ab und übergab das Pferd dem falschen Müller; dann zog er seine Kleider aus, um sie nicht beim Klettern zu beschmutzen.

Ungesäumt bemächtigte sich der Hodscha der Kleider und stieg auf das Pferd; und indem er davonritt, schrie er dem Gefoppten zu: »Kennst du mich jetzt, Gesell?«

Nun ließ der arme Mann von dem Müller ab, stieg vom Baume herunter und machte sich nackt und ohne Pferd auf den Heimweg. Und seine Frau fragte ihn, als er so ankam: »Was hast du gemacht?«

»Ich habe den Hodscha eingeholt,« sagte er und fuhr, um Scheltworten auszuweichen, fort: »Das, was er dir gesagt hat, war wahr; darum habe ich ihm auch zur Belohnung für seine guten Dienste mein Pferd und meine Kleider geschenkt.«

[306.]

EInes Tages fragte man den Hodscha, um ihn zu hänseln: »Wohin ist denn dein Grind gekommen?«

Und der Hodscha antwortete: »Von euch habe ich ihn bekommen, und euch habe ich ihn zurückgegeben.«

[307.]

ALs der Hodscha eines Tages von der Mühle heimkam, bemerkte er, daß kein Brennreisig da war; drum nahm er die Axt und ging in den Busch, um welches zu holen. Es war schon finstere Nacht, als ihm auf einmal die Axt entfiel; er suchte sie umsonst. Endlich schrie er: »Herr, wenn du mich die Axt wiederfinden läßt, so verspreche ich dir ein Achtel Gerste.«

Kaum hatte er ausgesprochen, als er auch schon die Axt fand; nun schrie er: »Dank, Herr! Da es dir aber so leicht fällt, Bitten zu erhören, so laß mich auch ein Achtel Gerste finden; dann werde ich mich meiner Verpflichtung gegen dich entledigen!«

[308.]

ALs der Hodscha einmal in eine Moschee trat, sah er hinter der Tür einen Hund sitzen; er gab ihm einen Stockhieb und das erschrockene Tier flüchtete sich auf die Kanzel. Da sagte der Hodscha zu ihm: »Bitte tausendmal um Verzeihung; ich kenne noch nicht alle Prediger, die zu dieser Moschee gehören.«

[309.]

DEr Hodscha Nasreddin hatte eine Kuh, die keinen Tropf Milch gab; da wollte er sie durch den öffentlichen Ausrufer verkaufen lassen, und der führte sie herum und pries sie schreiend an: »Wer will eine gute Milchkuh, eine Kuh, deren Milch ist wie Sahne?«

»Wahrhaftig,« schrie der Hodscha, als er sie also loben hörte, »da hätte ich mich schön über ihren Wert getäuscht!«

Und damit nahm er sie dem Ausrufer aus der Hand und führte sie wieder heim.

[310.]

DEr Hodscha hatte einmal die Pilgerreise nach Mekka gemacht, und an der Tür der Kaaba drängte sich das Volk. Auch ein Neger war darunter und die Leute schrien: »Herr, duldest du denn hier die schwarze Fratze dieses Ungläubigen?«

Da sagte der Hodscha: »Warum beschimpft ihr ihn wegen seiner Farbe? Er ist wenigstens imstande, seine Sünden auf sein Äußeres zu schieben; wenn wir das täten, so wären wir, ihr und ich, schwärzer als er.«

[311.]

EInes Tages schrie der Sohn des Hodschas: »Komm, Vater! in dem Topfe da ist ein Mann und ich fürchte mich.«

Nachdem der Hodscha hingetreten war und im Topfe sein eigenes Bild gesehn hatte, sagte er zu dem Knaben: »Sei nur ruhig; das ist nur ein alter Mann, der die kleinen Kinder schrecken will.«

[312.]

DEr Sohn des Hodschas sprach eines Tages bei sich: »Wenn die Dichter Verse machen, warum sollte ich nicht auch welche machen?«

Ganz voll von dem Gedanken ging er weg, und er kam zu einer Quelle in der Nachbarschaft; nachdem er dort lange gesonnen hatte, gelang ihm endlich der Vers:

Ein Baum, ein Baum steht am Rande einer Quelle.

Ganz zufrieden mit diesem hübschen Gedichte trug er es seiner Mutter vor, und die wiederholte es dem Vater. Der sagte: »Wir müssen alle unsere Nachbarn versammeln und sie zu einem Festmahle einladen, damit wir Freude haben an unserm verständigen Sohne.«

Man lud alle Bewohner des Viertels ein und las ihnen nach dem Mahle den ausgezeichneten Vers vor; da wollten alle vor Lachen bersten. Und voll Begeisterung über dieses Ergebnis schrie die Mutter: »Des Todes will ich sein, wenn mein Sohn nicht die Sprache der Nachtigall hat!«

Der Hodscha aber sagte: »Hüte dich, Frau, vor derlei Beteuerungen; du wirst den Knaben noch verschreien.«

[313.]

EInes Tages gingen der Hodscha und seine Frau zum Flusse, um Leinensachen zu waschen. Als nun die Frau unversehens ihren Fuß ins Wasser steckte, packte ihn ein Krebs. »Zu Hilfe, Hodscha,« schrie sie, »zu Hilfe!«

Er sagte: »Setz dich, damit ich sehe, was es ist.«

Er bückte sich, und da sah er, was für ein Tier es war; aber er beugte sich dabei, um besser zu sehn, so weit nieder, daß der Krebs mit der andern Schere seine Nase faßte. In diesem Augenblicke ließ die Frau, deren Schrecken noch mehr gewachsen war, einen Wind; der Hodscha jedoch schrie: »Das brauchst du nicht aufzumachen, wohl aber die Pfoten dieses Viehs.«

[314.]

EInes Nachts träumte dem Hodscha, daß er auf einer Reise einen Schatz gefunden habe, und um den Ort zu bezeichnen, habe er dort ein natürliches Bedürfnis befriedigt. Als er dann erwachte, fand er, daß nur das Ende des Traumes keine Einbildung gewesen war.

Da schrie er: »Ach, Herr, warum hast du mir das da gelassen und das Gold genommen? dir hätte doch das eine auch nicht mehr genützt als das andere!«

[315.]

DEr Hodscha ging sich einmal ein Paar Hosen kaufen; für den Heimweg zog er sie schon an. Einige Freunde, die ihn damit sahen, setzten es sich in den Kopf, ihm einen Streich zu spielen; zu diesem Zwecke verteilten sie sich auf dem Wege, und der, der ihm als erster begegnete, sagte zu ihm nach Gruß und Gegengruß: »Was machst du mit den Hosen? du brauchst sie doch nicht; gib sie mir.«

»Geh heim,« antwortete der Hodscha, »und laß mich in Ruh.«

Fünfmal hatte sich dieses Gespräch zwischen dem Hodscha und je einem von den Gesellen wiederholt, bis sich der Hodscha endlich stellte, als hätte er sich überreden lassen; er sagte zu dem, mit dem er sprach, indem er ihm das Bein hinhielt: »So nimm sie denn meinetwegen.«

Als sich der Mann bückte, um ihm die Hosen abzuziehen, gab ihm der Hodscha einen Tritt, daß er sich auf dem Boden wälzte, und schrie: »Merk dirs doch einmal: Um Streiche zu spielen, bin ich da!«

[316.]

AUf einem Spaziergange kam der Hodscha zu einem großen Baume; er betrachtete ihn und fragte sich, was für ein Baum das sei. Schließlich warf er, um sich darüber zu vergewissern, einen Stein in die Äste, und der fiel alsbald wieder herunter.

»Jetzt weiß ichs,« schrie er, »was du bist! ich kenne dich leicht an der Frucht.«

[317.]

DIe Frau des Hodschas Nasreddin wusch das Haus; in dieser gebückten Stellung betrachtete er sie, und da sah er deutlich, daß sie zwei Löcher hatte. »Weib,« schrie er, »du hast also zwei! das habe ich gar nicht gewußt; aber heute Nacht will ich sie alle beide hernehmen, und um es ja nicht zu vergessen, will ich den ganzen Tag kein Wort sagen, ohne hinzuzusetzen: ›Ich werde mich an beiden ergötzen.‹«

Kaum hatte er ausgeredet, als zwei Schüler kamen, und die fragten ihn: »Hodscha, willst du uns Gastfreundschaft gewähren?«

Er antwortete: »Meinetwegen; tretet ein, bitte.« Und er setzte hinzu: »Ich werde mich an beiden ergötzen.«

»Wahrhaftig,« sagten die zwei jungen Leute, »der Hodscha macht einen Spaß.«

»Weib,« sagte er, »bereite das Mahl und dreh der Gans da den Kragen ab.« Und wieder setzte er hinzu: »Ich werde mich an beiden ergötzen.« Die Gans legten sie aber beiseite, um sie am nächsten Tage zu essen.

»Weib,« sagte wieder der Hodscha, »mache die Betten.« Und wieder setzte er hinzu: »Ich will mich an beiden ergötzen.« Dann legte er sich nieder.

Nun sagten die beiden Schüler zueinander: »Der Hodscha macht keineswegs einen Spaß; er will uns jedenfalls so behandeln, wie er sagt. Wir müssen abwechselnd wachen, damit, was immer auch geschieht, der, der wach ist, den andern wecken kann.« Sie lösten sich also pünktlich ab und schliefen und wachten, wie jeden die Reihe traf.

Auf einmal begann nun der Hodscha, der an nichts sonst dachte, als daß er sein Vorhaben ins Werk setzen werde, zu schreien: »Wahrhaftig, zuerst will ich mich an dem einen ergötzen, und dann will ichs mit dem andern versuchen.«

»Da wir zwei sind,« sagte sich erschrocken der Wachende, »weiß ich nicht, bei welchem er anfangen wird.« Durch diesen Gedanken erregt, weckte er seinen Gesellen, und der stand alsbald auf. Nun sagten sie: »Sputen wir uns; wir dürfen nicht mehr dasein, wann er uns überfallen will.«

Sie schnürten augenblicklich ihre Bündel, hakten die Gans los, die am Fenster hing, und liefen, was sie ihre Beine trugen; und vielleicht laufen sie noch immer.

[318.]

EInes Tages saß der Hodscha daheim bei seiner Frau; traurig betrachtete er ihre geheimen Reize, und endlich sagte er: »Frau, was ist das? ich sage ihms zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male: ich verstoße dich.«

»Was sagst du da?«

»Geht es denn nicht an, daß ich mich auf diese Weise dessen, was mir an dir am meisten mißfällt, entledige?«

[319.]

DIe Frau des Hodschas Nasreddin war krank; nach drei oder vier Tagen der Pflege fühlte er, daß ihn seine Kräfte verließen, und er sagte zu ihr: »Steh auf, meine Liebe, oder laß mich etwas essen gehn.«

Sie begann zu weinen und der Hodscha ging weg. Sie benutzte seine Abwesenheit und stand hastig auf; als er vom Bade zurückkam, fand er das Haus gekehrt, das Mahl bereitet und die Betten aufgeschüttelt. Seine Frau, die alles in Ordnung gebracht hatte, ruhte aus. Als er sie sah, lehnte er sich an die Tür, die Hände schlaff und den Kopf schwankend, und schrie: »Ach, jetzt ist sie tot! O meine lieben Knäblein, o meine lieben kleinen Mädchen, jetzt könnt ihr nicht mehr geboren werden!«

[320.]

ALs die Frau des Hodschas einmal allein war, entblößte sie sich, betrachtete sich und sagte: »Ach, du mein teuerer Schatz, warum habe ich nicht drei solche wie du! was für eine herrliche Sache wäre das!«

Von ungefähr kam in diesem Augenblicke der Hodscha heim; er hörte alles und sah, an wen sie ihre Rede richtete. Er blieb draußen, entblößte sich gleicherweise und sagte weinend: »Was für Unheil hast du mir schon auf den Hals geladen! wieviel Mißgeschick habe ich schon deinethalben erleiden müssen!«

Als die Frau draußen seufzen hörte, sah sie nach und fand, daß es der Hodscha war; und sie sagte: »Worüber jammerst du denn?«

»Ich habe«, antwortete er, »darüber geklagt, daß wir Männer dort, wo ihr Frauen einen Schatz habt, eine Quelle unzähliger Übel und Qualen haben.«

[321.]

EInes Tages schlich sich der Meister in einen Weingarten und begann Trauben zu essen; der Eigentümer kam dazu und fragte ihn: »Was machst du da?«

»Ich bin hergekommen, um mir hier meinen Bauch zu erleichtern.«

»So; und wo ist dann das, was du gemacht hast?«

Nasreddin blickte umsonst nach allen Seiten umher; er sah nichts, was ihn hätte rechtfertigen können. »Da ist es,« schrie er endlich, als er einen Eselsdreck sah.

Aber der Eigentümer sagte: »Das ist ja von einem Esel.«

Und der Hodscha antwortete: »Wenn es nicht von mir ist und nicht von dir, dann weiß ich wahrhaftig nicht, von wem es stammen kann.«

[322.]

ETliche Christen sagten zum Sohne des Hodschas: »Bete den Messias an oder geh aus der Stadt.«

Er antwortete: »Wann der Messias kommt, werde ich gehn.«

[323.]

DEr Hodscha zog einmal den Imam, während der im Gebete auf dem Boden lag, beim Ohrläppchen; gleich darauf sagte der Imam das feierlichste Gebet, nämlich den Absatz vom Throne.

Da sagte der Hodscha: »Wenn du den Absatz vom Throne schon sprichst, wann man dich beim Ohrläppchen zieht, was wirst du denn sprechen, wann man dir die Hoden drückt?«

[324.]

EInes Tages berieten der Hodscha und seine Nachbarn miteinander, wohin sie lustwandeln gehn sollten; endlich sagte der Hodscha: »Gehn wir zum Flusse und schauen wir den Frauen baden zu.«

Sie waren einverstanden und gingen mit ihm: Als sie zu den Frauen gekommen waren, entblößte sich eine von ihnen, die sah, daß sie beobachtet wurden; daraufhin sagte einer zum Hodscha, um ihn zu hänseln: »Wirst du diese Gelegenheit nicht benutzen?«

Ohne zu zaudern, schob der Hodscha seine Kleider weg, reckte den bewußten in die Luft und schrie: »Seht, meine Freunde, mich findet man niemals unvorbereitet; wie ein Baum habe ich immer, meinen Nachbarn zu gefallen, einen strammen Ast bereit, auf dem man klettern kann!«

So sahen die, die sich auf seine Kosten lustig zu machen gedacht hatten, ihren Scherz zu ihrer Beschämung ausschlagen.

[325.]

AN einem Tage, wo der Hodscha Nasreddin predigen sollte, sagten die Gläubigen untereinander: »Wann er kommt und uns begrüßt, geben wir ihm den Gruß nicht zurück; wir wollen sehn, was er tun wird.«

Der Hodscha kam und grüßte die Gemeinde; aber niemand antwortete ihm. Da sagte er, nachdem er nach allen Seiten umhergeblickt hatte: »Wahrhaftig, ich bin ganz allein; kein Mensch ist gekommen.« Mit diesen Worten ging er weg und überließ die Versammelten ihrem Unmut über den Ausgang ihres Streiches.

[326.]

ALs der Hodscha Nasreddin das erste Mal vor Tamerlan erschien, sprach dieser Eroberer bei sich: »Ich muß ihn verderben; ich will ihm Fragen stellen, und wenn er auch nur eine nicht beantwortet, lasse ich ihn töten.« Und er fragte den Hodscha: »Wer bist du?«

Der Hodscha antwortete: »Ich bin der Gott der Erde.«

Nun war Tamerlan, der ein Tatare war, von den schönsten jungen Leuten seines Volkes umgeben, die, wie es bei ihnen zutrifft, sehr kleine Augen hatten.

Tamerlan fuhr fort: »Gut also, Gott der Erde, hast du dir diese hübschen Knaben betrachtet? was sagst du zu ihnen?«

»Ich habe sie betrachtet; aber ihre kleinen Augen sind nicht hübsch.«

»Da du Gott bist,« erwiderte Timur, »so tu mir den Gefallen und mach sie größer.«

»Padischah, ich bin nur Gott der Erde, und darum kann ich nur die Augen größer machen, die sie unter dem Gürtel haben; die, die sie oben haben, die gehn den Gott des Himmels an.«

Timur freute sich herzlich über diese Antwort und erkannte, mit was für einem Schalke er es zu tun hatte: »Da du so ein lustiger Gesell bist, so schwöre ich, daß ich mich nicht mehr von dir trennen werde.«

»So sei es,« antwortete der Hodscha; »du bist der Herr.«

[327.]

TAmerlan war sehr häßlich; er hatte nur ein Auge und einen eisernen Fuß. Als er nun einmal mit dem Hodscha saß und sich mit ihm unterhielt, fuhr er mit der Hand an den Kopf und ließ den Barbier rufen. Der kam augenblicklich; nachdem er ihm den Kopf geschoren hatte, reichte er ihm einen Spiegel. Timur betrachtete sich, und da er sah, wie häßlich er war, begann er zu weinen. Seinem Beispiele folgend, zerflossen auch der Hodscha und der ganze Hof in Tränen und Seufzern, und das dauerte eine oder zwei Stunden. Endlich gelang es den Hofleuten, indem sie einige hübsche Geschichten erzählten, Timur zu zerstreuen und ihn seinen Kummer vergessen zu machen, und er hörte zu weinen auf; aber der Hodscha weinte nur umso stärker. Und Timur sagte zu ihm: »Ich habe mich im Spiegel betrachtet, und da habe ich mich so abscheulich gefunden, daß ich einen schweren Kummer litt, weil ich, der Padischah, der Herr so vieler Sklaven, so häßlich sein muß; ich habe also mit vollem Rechte geweint. Aber warum weinst denn du noch zu dieser Stunde, und warum hörst du nicht auf, zu klagen?«

Der Hodscha antwortete sofort: »Du hast dich nur einmal im Spiegel gesehn, und dieser kurze Augenblick hat genügt, dich zwei Stunden lang weinen zu machen; was ist denn wunderbares dabei, wenn ich, der ich dich den ganzen Tag sehe, länger weine als du?«

Über diese Rede fiel Timur in ein unauslöschliches Gelächter.