3. Angeblich historisches
DA Nasreddin durch diese Geschichte[102] mit Tamerlan besser bekannt geworden war, nahm er sich bald darauf die Freiheit, ihm ein andres Geschenk zu machen, nämlich zehn zarte, frischgepflückte Gurken; dafür erhielt er von ihm zehn Goldstücke. Als dann die Gurken nicht mehr so selten waren, lud er ihrer einen Wagen voll, um sie Tamerlan zu bringen. Der Türhüter aber, der sich der großen Belohnung für die ersten zehn erinnerte, weigerte sich ihn einzulassen, wenn er nicht verspreche, die neue Gegengabe mit ihm zu teilen. Der Handel wurde so abgeschlossen, und Nasreddin wurde vorgelassen. Auf die Frage Tamerlans, was ihn herführe, antwortete er, er bringe ihm viel mehr Gurken als das andere Mal; als aber Tamerlan diese außerordentlich große Menge sah, befahl er ihm ebenso viel Stockstreiche zu geben, wie es Gurken seien. Und es waren fünfhundert Stück. Nasreddin mußte sich fügen und erlitt geduldig zweihundertfünfzig Hiebe; dann aber begann er zu schreien, er habe nun seinen Teil, und er hoffe, der König werde auch dem Türhüter sein Recht widerfahren lassen. Der König fragte ihn, was das heißen solle, und Nasreddin antwortete ihm: »Ich habe mich mit dem Türhüter verglichen, daß er die Hälfte von dem haben solle, was ich als Geschenk bekäme, und dafür hat er mich vorgelassen.« Der Türhüter wurde gerufen; da er sich gezwungen sah, den Handel anzuerkennen, mußte er auch seinen Teil auf sich nehmen und empfing die andern zweihundertfünfzig Stockstreiche.
TAmerlan begann nun so viel Gefallen an Nasreddin zu finden, daß er ihn mit dem Versprechen, ihm nichts zu verweigern, ermutigte, zu verlangen, was er wolle. Nasreddin verlangte nichts weiter als den mäßigen Betrag von zehn Goldstücken, um davon ein Denkmal für die Nachwelt zu erbauen. Als ihm das Geld ausgezahlt worden war, errichtete er mitten auf freiem Felde ein großes Tor mit Schloß und Riegel. Darüber gabs denn ein allgemeines Staunen und man fragte ihn um den Grund; da antwortete er: »Die allerspäteste Zukunft wird die Erinnerung an diese Tür ebenso getreu bewahren wie die an die Siege Tamerlans; während aber die Welt bei diesem Denkmal, das die Streiche Nasreddins ins Gedächtnis zurückruft, lachen wird, wird das Andenken der Taten Tamerlans Tränen hervorrufen von einem Ende der Erde zum andern.«
BAjazet war einmal gegen seine vornehmsten Offiziere sehr aufgebracht und hatte schon den Rat versammelt, der ihnen das Urteil sprechen sollte; da nun die Herren vom Rate in ihrem Schrecken und ihrer Bestürzung nicht wußten, wie sie den Unglücklichen das Leben retten könnten, bot sich ihnen Nasreddin an, um ihnen zu helfen. Und er sagte zu Bajazet: »Sultan, laß die Leute nur henken; sie sind alle Verräter.« Bajazet war damit einverstanden und Nasreddin fuhr fort: »Wozu sind sie uns auch nütze? wenn jetzt Timur mit seiner Armee kommt, so nimm du die Standarte und ich werde die Trommel schlagen; wir wollen ihm ein Treffen liefern, und wahrhaftig, wir zwei werden den Tataren genug zu schaffen machen.« Bajazet antwortete nichts; wenige Augenblicke darauf gewährte er aber den Schuldigen seine Gnade.
NAsreddin hatte den Zorn Bajazets erregt und Bajazet befahl, ihn hinzurichten; er mußte auf einen sehr hohen Baum auf freiem Felde steigen, und den sollten die Soldaten umhauen, damit Bajazet sehe, was für Luftsprünge Nasreddin machen werde. Trotz dem inständigen Flehen Nasreddins getraute sich niemand, Bajazet für ihn um Gnade zu bitten, so daß er sich selber zu helfen versuchte; er ließ oben auf dem Baume die Hosen herunter und verunreinigte die Soldaten. Darüber mußte Bajazet herzlich lachen, und er erlaubte ihm, herabzusteigen.