4. Moderne Volkserzählungen aus Nasreddins Heimat

[332.]

EIne Frau kam einmal zum Hodscha, gab ihm einen Brief und bat ihn, ihn ihr vorzulesen. Nun konnte der Hodscha gar nicht lesen; da er sich aber schämte, dies einzugestehn, nahm er den Brief und las: »Hochwohlgeborener, ehrenwerter Herr« usw., wie ein Freund einem andern zu schreiben pflegt.

Die Frau sagte darauf, daß das kein Brief eines Bekannten, sondern der Steuerzettel ihres Hauses sei. Und der Hodscha antwortete: »Warum hast du mir das nicht früher gesagt? dann hätte ich ihn anders gelesen.«

[333.]

EInes Nachts schlich der Hodscha zu der Sklavin seines Vaters. Die Sklavin wachte auf und fragte: »Wer ist da?«

»Pst,« antwortete der Hodscha, »ich bin mein Vater.«

[334.]

DEr Sohn des Hodschas hatte ein Haus gebaut und lud seinen Vater ein, es zu besichtigen. Der Hodscha sah sich alles gut an, sowohl unten, als auch oben; und als ihn der Sohn fragte, ob das Haus schön sei, antwortete er: »Alle Räumlichkeiten sind schön; nur in dem kleinen Zimmer zu ebener Erde ist die Tür so eng, daß kein Eßtisch hineingeht.«

Er hatte den Abtritt für ein Zimmer angesehn.

[335.]

DEr Hodscha kaufte einmal eine Oka Datteln und aß dann die Datteln mit den Kernen. Als man ihn fragte, warum er sie mit den Kernen verschlucke, antwortete er: »Ich habe sie mit den Kernen gekauft, und so hat man mir sie zugewogen.«

[336.]

DEr Hodscha hatte ein Haus gemeinsam mit einem andern, und mit diesem hatte er immerfort Streit. Darum ging er einmal auf den Markt und wollte seine Hälfte verkaufen. Man fragte ihn um den Grund und er antwortete, daß er mit seinem Hausgesellschafter zu viel Streit habe, und daß er mit dem Gelde, das er für seine Hälfte bekommen werde, die andere dazukaufen wolle.

[337.]

MAn fragte einmal den Hodscha, wer älter sei, er oder sein Bruder. Der Hodscha antwortete, daß zwar er um ein Jahr älter sei, daß aber im nächsten Jahre sein Bruder das Jahr abgelebt haben werde und daß sie dann gleich alt sein würden.

[338.]

DEr Hodscha kam einmal zu Timur. Der Khan, der ihn sehr gern hatte, fragte ihn, wie groß seine Familie sei. Der Hodscha antwortete: »Zehn Köpfe.« Timur befahl, ihm für jeden einzelnen hundert Akscha auszuzahlen. Der Hodscha nahm die tausend Akscha in Empfang, ging zu Timur zurück und sagte ihm, daß er einen zu wenig angesagt habe. Timur fragte um den Namen des Ausgelassenen.

Der Hodscha antwortete: »Nasreddin-Effendi.«


[Anmerkungen]
literatur- und stoffgeschichtlichen Inhalts