3. Volkserzählungen aus Tripolis und Tunis
EInmal kam ein Mann zu Dschuha und sprach zu ihm: »Ich habe eine Kuh und möchte sie verkaufen, aber niemand will sie mir abkaufen.« Dschuha antwortete: »Ich werde den Verkauf besorgen. Bring sie morgen auf den Markt; da will ich sie an den Mann bringen.« Dschuha ging zu seiner Mutter und erzählte es ihr, und sie sagte zu ihm: »Weißt du auch, mein Sohn, wie du die Kuh teuer verkaufen kannst?« »Sag mirs.« »Sag: ›Das ist eine sehr schöne Kuh; sie ist noch jung, ist aber schon im sechsten Monate trächtig.‹« »Schön,« antwortete Dschuha.
Am nächsten Morgen brachte ihm der Mann die Kuh; Dschuha trieb sie auf den Markt und begann sie auszurufen. Man fragte ihn: »Dschuha, ist das eine gute Kuh?« Er antwortete: »Eine sehr gute; ich weiß, daß sie sehr gut ist.« »Wieso weißt du das?« »Sie ist noch jung und ist schon trächtig im sechsten Monate.« »Ja dann ist sie gut.« Dschuha verkaufte sie in der Tat sehr teuer. Dann ging er nach Hause.
Nun hatte er eine junge Tochter, und um die warben eben Leute, als er nach Hause kam. Und ihre Mutter sagte zu den Leuten: »Da kommt ihr Vater. Bittet ihn um sie; er wird sie euch schon geben.« »Was wollt ihr?« fragte Dschuha. »Wir wollen deine Tochter haben.« Er sagte: »Ja die ist gut: ihr Verstand ist gut entwickelt, ihre Augen sind hübsch, ihre Augenbrauen sind zierlich, ihr Haar ist schön genug, und überdies ist sie im sechsten Monate schwanger.« Die Leute begannen zu lachen, wandten sich zur Tür und gingen weg.
Nun sagte die Frau zu Dschuha: »Schämst du dich nicht?« »Warum denn?« »Wie kannst du zu Leuten, die um deine Tochter werben kommen, sagen, sie sei im sechsten Monate schwanger?« »Nun, bei der Kuh war es doch heute gut, die gar nichts wert war. Niemand hat sie mir abnehmen wollen, bis ich den Leuten gesagt habe, sie sei im sechsten Monate trächtig; da haben sie sie sofort genommen. Na, und wenn einer etwas kaufen will, ists da besser, er erhält ein Ding oder gleich zwei?«
Dschuha ging nun weg von seiner Frau. Auf der Straße kam er wieder mit den Leuten zusammen, die bei ihm um seine Tochter geworben hatten, und die sagten zu ihm: »Wie hast du uns nur sagen können, deine Tochter sei eine Jungfrau, und dann behaupten, sie sei im sechsten Monate schwanger?« Dschuha antwortete: »Das will ich euch erklären. Wenn du zum Beispiel reisest und irgendwohin willst, ist es da besser, wenn du in neun Stunden hinkommst oder in drei?« »Natürlich ist es in drei Stunden besser.« »Nun, das trifft auch bei meiner Tochter zu; ist es besser, wenn sie ihrem Gatten in drei Monaten ein Kind schenken kann, oder wenn das erst in neun Monaten möglich ist?« Da lachten die Leute und gingen weg.
DSchuha kam einst zu König Jachja; der mochte ihn gut leiden und sagte zu ihm: »Verlange, was du willst.« Dschuha antwortete: »Wer Jachja heißt, soll mir einen Piaster geben, wer am frühen Morgen ausgeht, desgleichen, wer auf seine Frau hört, desgleichen, ebenso wer einen langen Bart hat, und schließlich wer grindig ist.« Der König befahl: »Fertigt ihm die Gewährung seiner Bitte schriftlich aus.« Dschuha nahm den Bescheid und ging.
Eines Tages ging er früh ums Morgengrauen zu einem Stadttore und setzte sich dort nieder. Da kam ein Beduine vorbei, der Brennreisig in die Stadt bringen wollte. Dschuha hielt ihn an und sagte zu ihm: »Gib mir einen Piaster.« Der Beduine fragte: »Warum?« Dschuha antwortete: »Weil du am frühen Morgen ausgehst.« Der Beduine blickte auf und sagte: »Hätte ich nicht auf meine Frau gehört, wäre ich nicht früh aufgestanden.« Da sagte Dschuha: »Jetzt mußt du mir zwei Piaster geben.« Der Beduine wurde zornig und sagte: »Weg! laß mich in Ruh; sonst kannst du den Stock da von der Hand Hadsch Jachjas zu kosten bekommen!« Da sagte Dschuha: »Jetzt machts drei Piaster.« Sie begannen zu streiten: der eine sagte: »Gib her,« und der andere: »Ich gebe dir nichts,« bis sie sich zu prügeln anfingen. Da wurde der Bart des Beduinen sichtbar, und Dschuha sah, daß er lang war; da sagte er: »Vier Piaster.« Sie prügelten sich weiter, und da wurde auch der Kopf des Beduinen bloß; Dschuha sah, daß er grindig war, und so sagte er sofort: »Fünf Piaster.« Der Streit wurde immer heftiger und schließlich wurden sie vor den Sultan geführt.
Der Sultan antwortete: »Was soll das heißen, Dschuha?« Dschuha antwortete: »Hier ist der treffliche Bescheid, den du mir gegeben hast. Bei diesem Manne habe ich die fünf Eigenschaften getroffen, die in dem Bescheide verzeichnet sind: er heißt Jachja, geht am frühen Morgen aus, hört auf den Rat seiner Frau, hat einen langen Bart und ist grindig.« Der Sultan sagte zu dem Beduinen: »Geh nur ruhig nach Hause; du bist ein armer Mann und bist hergekommen, um dir etwas zu verdienen, und Dschuha hat dich abgehalten.« Und er gab ihm ein Geschenk und sagte: »Geh jetzt.« Dschuha sah König Jachja an und sagte: »Es mangelt doch einem jeden, der Jachja heißt, am Verstande.« Darüber erboste sich König Jachja und ereiferte sich immer mehr; endlich rief er: »Bei Gott, wenn du mir niemand ausfindig machst, der Jachja heißt und dem es am Verstande mangelt, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.« Dschuha antwortete: »Gib mir hundert Piaster und gewähre mir neun Tage Frist.« Der König ließ ihm das Geld geben und gewährte ihm die gewünschte Frist, erklärte aber nochmals: »Wenn du mir nicht binnen neun Tagen einen Menschen, wie beschrieben, bringst, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.«
Dschuha verließ den Palast und ging auf den Schafmarkt; dort kaufte er einen hübschen Hammel. Den trieb er in den Basar der Gewürzkrämer. Er fragte einen Mann: »Ist vielleicht in dem Basar da ein Mann, der Jachja heißt?« Der Mann sagte: »Der in dem Laden dort heißt Jachja.« Dschuha ging zu dem ihm bezeichneten und sagte zu ihm: »Friede sei über dir!« Der Gewürzkrämer antwortete: »Über dir sei der Friede,« und bewillkommnete Dschuha. Der sagte: »Du heißt Jachja?« Der Krämer antwortete: »Jawohl.« Dschuha sagte: »Ich habe dir ein Geschenk gebracht.« Der Krämer fragte: »Von wem denn?« Dschuha antwortete: »Diesen Hammel hat dir der Erzengel Gabriel geschickt.« Der Alte freute sich und rief: »Lob sei Gott, der sich meiner erinnert und mir durch den Engel Gabriel einen Hammel geschickt hat.[5]« Dschuha sagte ihm noch: »Ich warne dich aber vor einem: dieser Hammel erzählt alles weiter, was er zu hören und zu sehn bekommt; er ist ein Plauderer.« Der alte Jachja nahm den Hammel mit nach Hause und band ihn in der Küche an.
Nun hatte der Alte einen Sohn, der eben geheiratet hatte. Die junge Frau mußte auf einmal auf den Abtritt gehn, und dort ließ sie einen fahren; ach, da sah sie, daß der Hammel herguckte. Sie schämte sich heftig und sprach bei sich: »Der sagt es jetzt meinem Manne und stellt mich vor ihm bloß.« Drum sagte sie zu dem Hammel: »Bitte, sag nichts.« »Bäh, bäh.« »Versprich mir, daß du nichts sagen wirst.« »Määh.« Da zog sie ihr Leibchen aus und bat den Hammel: »Nimm es, aber sage meinem Manne nichts.« Und so zog sie sich ein Kleidungsstück nach dem andern aus, um es dem Hammel hinzugeben, bis sie splitternackt auf dem Abtritte dasaß. Ihre Mutter vermißte sie und fand sie endlich auf dem Abtritte; da sie sah, daß sie nackt und bloß war, fragte sie sie: »Dir fehlt doch nichts?« »Ach, Mütterchen, ich habe einen streichen lassen, und der Hammel hat es gehört, und ich ängstige mich, daß ers weitererzählt; und er will mir nichts versprechen.« Da zog sich die Alte auch aus und saß schließlich auch nackt auf dem Abtritte. Die Mutter des jungen Gatten vermißte die beiden und ging ihnen nach; und sie sagte zu ihnen: »Warum sitzt ihr denn nackt und bloß da?« Die Mutter der jungen Frau begann: »Mein Töchterchen hat einen streichen lassen, und wir haben Angst, der Hammel erzählts ihrem Manne.« Da zog sich die Mutter des jungen Gatten auch aus und gab auch alle ihre Kleider dem Hammel und sagte zu ihm: »Mein Söhnchen, bitte, sags nicht weiter.«
So standen die Dinge, als der alte Jachja sein Haus betrat. Er rief hinein: »Chaddidscha! Fatima!«, aber niemand antwortete ihm. Da suchte er das ganze Haus ab, bis er auf den Abtritt kam und die drei Frauen sah; er fragte sie: »Was ists mit euch?« Sie schwiegen; denn sie schämten sich. Er sagte: »Sagt es mir nur.« Nun sagten sie: »Die junge Frau hat früher einen streichen lassen, und wir haben uns geängstigt, daß es der Hammel ihrem Manne erzählen werde.« Da begann sich der alte Jachja auch zu entkleiden: er gab dem Hammel Turban, Rock und Kaftan und saß schließlich nackt wie die drei Frauen auf dem Abtritte.
Endlich kam der junge Ehemann, der Sohn des alten Jachja, heim; er fand das Haus öde und leer. Er rief: »Mutter! Frau!«, aber niemand antwortete ihm. Als er dann vom Abtritte her ein Geräusch hörte, ging er hin, und dort fand er die ganze Gesellschaft nackt: Vater, Mutter, Frau und Schwiegermutter. »Gottes Wunder!« sagte er; »was ist denn los mit euch?« Sie schwiegen und schlugen ihre Augen zu Boden; dann trat sein Vater vor und sagte zu ihm: »Deine junge Frau, mein Sohn, hat einen fahren lassen, und wir hatten Angst, der Hammel könnte es dir erzählen.«
Lassen wir jetzt diese Leute und ihre Sachen und wenden wir uns wieder zu Dschuha. Was tat also Dschuha? Dschuha hielt sich eine Woche lang fern vom alten Jachja; dann aber ging er wieder in seinen Laden. Der Alte bewillkommnete ihn freudig und sagte: »Sei gegrüßt!« Dschuha sagte: »Komm her! ich will dir etwas anvertrauen, was ein Geheimnis zwischen uns bleiben soll.« Jachja sagte: »Sag es.« Dschuha sagte: »Ich bin der Engel Asrael und heute Nacht wird mich Gott zu dir senden, um deinen Geist zu holen.« Jachja sagte: »Freund, was habe ich denn verbrochen?« Dschuha antwortete: »Du magst etwas verbrochen haben oder nicht: wer vor seinem Ende steht, muß den Fuß langstrecken. Geh hin und nimm von allen deinen Angehörigen, Verwandten und Bekannten Abschied.« Der alte Jachja erwiderte: »Ich will aber nicht sterben.« Dschuha sagte: »Was soll das heißen? Das Geschenk ist dir recht, aber vom Sterben willst du nichts hören? Nimm nur dein Leichentuch und geh nach Hause. Ich werde gegen Abend zu dir kommen und zwar mit zwei andern Engeln, nämlich Michael und Gabriel.« Damit verließ er den alten Jachja. Der dachte nun: »Heute Nacht muß ich also sterben.« Dann nahm er sein Leichentuch und ging nach Hause. Er wusch sich und betete zwei Abschnitte; und zu den seinigen sagte er: »Niemand soll das Haus verlassen.« Hierauf ging er zu seinen Freunden und Verwandten und sagte zu ihnen: »Verzeiht mir alles schlechte.« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?« und er antwortete: »Heute Nacht muß ich sterben.« Der eine sagte: »Jachja ist verrückt geworden«, der andere: »Vielleicht hat er seinen Tod vorausgesehn.« Dann ging Jachja wieder nach Hause. Seine Frau und seine Schwiegertochter kamen ihm entgegen und sagten zu ihm: »Sei gegrüßt!«; er aber entgegnete: »Weder gegrüßt, noch sonst etwas. Verzeihet mir alles; denn heute Nacht muß ich sterben.«
Dschuha ging wieder zum Könige und sagte zu ihm: »Nun habe ich einen ausfindig gemacht, der Jachja heißt wie du und dem es am Verstande fehlt.« Er brachte zwei Kapuzenmäntel und der König und der Wesir zogen sie an; er tat das gleiche. Und um die Zeit des Abendgebetes ging er mit ihnen zu dem alten Jachja; sie fanden die Haustür offen. Als sie eintraten, flohen die weiblichen Familienmitglieder, indem sie riefen: »Das ist der König Tod; er will vielleicht auch uns töten.« Die drei traten ein und sagten zum alten Jachja: »Friede sei über dir.« Er antwortete ihnen mit matter Stimme: »Über euch sei der Friede.« Nun befahl ihm Dschuha: »Lege dich hin und strecke dich lang.« Jachja legte sich hin und streckte sich lang. Dschuha befahl ihm weiter: »Sag dein Glaubensbekenntnis.« Dann begann er den Alten von unten an zu quetschen und zu zwicken: mit dem Beine fing er an und zwar mit der großen Zehe; dann kam er ihm an den Bauch, an die Brust und schließlich an den Hals. Als er ihm tüchtig an den Hals griff, wurde Jachja ohnmächtig. Drauf deckte ihm Dschuha das Gesicht zu und sagte zum Sultan und zum Vesir: »Laßt uns wieder gehn.« Und als er das Haus verließ, sagte er zu den Angehörigen des alten Jachja: »Wer sich muckst oder gar schreit, dessen Geist hole ich.« Zum Sultan aber und zum Wesir sagte er: »Morgen sollt ihr mit mir dem Begräbnisse beiwohnen.«
Am nächsten Morgen ging der Sohn des alten Jachja aus und holte die Sänger und die Bahre. Man wusch den Alten und hüllte ihn in das Leichentuch, legte ihn, ohnmächtig, wie er noch immer war, auf die Bahre und zog zum Friedhofe. Unter den Leuten, die dem Begräbnisse beiwohnten, waren der Sultan und der Wesir und auch Dschuha. Dem begegnete ein altes Weib und er sagte zu ihr: »Komm her; da ist ein Goldstück. Geh an die Bahre, tritt zu den Trägern und sage zu ihnen, was ich dir sagen werde.« Und er sagte ihr, was sie zu sagen haben werde. Sie trat auf die Träger zu und sagte zu ihnen nach dem Wortlaute Dschuhas: »Wer ist der Tote?« Man antwortete ihr: »Der alte Jachja vom Basar der Gewürzkrämer.« Sie sagte: »Gott sei ihm nicht gnädig! Ich habe bei ihm, als ich meine Tochter verheiraten wollte, ein Pfündchen Ambra gekauft; da hat er mich um vier Unzen betrogen.« Als das der alte Jachja hörte, richtete er sich auf der Bahre auf und rief: »Ich bin ein Betrüger, du schlechtes Weib? Mich kennt man als einen Dieb?« Da warfen die Träger die Bahre zu Boden und entflohen; alle Leute aber begannen zu lachen und der Sultan und der Wesir stimmten mit ein. Nun wandte sich Dschuha an den Sultan und sagte zu ihm: »Habe ich dir nicht gesagt, daß es jedem, der Jachja heißt, am Verstande fehlt?« Der Sultan antwortete: »Ich verzeihe dir; verlange von mir, was du willst.«
DSchuha pflegte mit seiner Mutter unter einem Tuche zu schlafen, und allmorgendlich, wann der Muezzin auf das Minaret stieg, um zum Gebete zu rufen, stand seine Mutter auf und nahm das Tuch um, so daß Dschuha in der Kälte bloß liegen mußte. Eines Tages sprach er bei sich: »Dieser Muezzin ist doch ein nichtswürdiger Mensch; jede Nacht stört er mich.« Er ging zu ihm hinauf aufs Minaret; und während der Muezzin zum Gebete rief, erschlug er ihn. Und er schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn in den Brunnen seines Hauses. Dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Jetzt habe ich dir glücklich Ruhe vor dem Muezzin verschafft; ich habe ihn getötet und ihm den Kopf abgeschnitten.« Die Mutter fragte ihn: »Wo ist denn der Kopf?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn in unsern Brunnen geworfen.« Nun sagte die Mutter: »Geh jetzt hinein und leg dich schlafen; sonst wird man kommen und dich festnehmen.« Dschuha ging ins Zimmer und legte sich schlafen und die Mutter deckte ihn zu.
Sie schlachtete ein Hämmelchen, das sie hatte, und warf den Kopf in den Brunnen; das Netz und den Magen nahm sie her und machte Würste daraus. Die kochte sie, ging damit zu Dschuha und warf sie auf den Boden; dann sagte sie zu ihm: »Steh auf, Dschuha, es hat Würste geregnet.« Dschuha erhob sich, las die Würste auf und aß sie. Hierauf ging er aus; er fand die Moschee voller Menschen und die fragten einander: »Was ist das? der Muezzin hat keinen Kopf; wer hat ihn getötet?« Dschuha sagte zu ihnen: »Ich habe ihn getötet.« Sie fragten ihn: »Wo ist sein Kopf?« Er sagte: »Den habe ich in unsern Brunnen geworfen.« Nun hieß es: »Wir müssen zu Dschuha gehn, damit wir sehn, ob das wahr oder gelogen ist.« Man ließ Dschuha in den Brunnen hinab, damit er den Kopf des Muezzins heraufhole. Als er nun im Wasser herumtastete, kamen ihm die Hörner des Hammels in die Hand; da sah er hinauf und rief denen oben zu: »Hat euer Muezzin Hörner gehabt oder nicht?« Sie sagten: »Was soll das heißen? Wann hast du ihn übrigens getötet?« Dschuha antwortete: »In der Nacht, wo es Würste geregnet hat.« Da sahen sich die Leute an und sagten: »Ach, das ist ja der verrückte Dschuha!«
DSchuha hatte einen Oheim von Vaters Seite, und in dessen Frau war er verliebt und sie gewährte ihm auch ihre Gunst; da verstieß sie der Oheim und nahm eine andere Frau und die warnte er mit den Worten: »Dschuha ist ein Taugenichts; hüte dich ja, daß er dir zu nahe kommt und du ihm irgendeine Gunst gewährst.« Dschuha war der Schafhirt seines Oheims; und wenn er abends heimkam und die Frau anzureden versuchte, so wies sie ihn allemal schnöde ab. Als er aber einmal die Schafe weidete, kam er zu einem unterirdischen Gewölbe; dahinein trieb er die Schafherde, und den Eingang verrammelte er. Er ging zu seinem Onkel und sagte zu ihm: »Die Schafe sind weg.« Sein Oheim, der Ärmste, machte sich auf und suchte mit seiner Frau die Schafe; die waren in dem Gewölbe. Als die Suchenden dort in die Nähe kamen, begann auf einmal Dschuha für sich zu sprechen. Sein Oheim sagte: »Was redest und sprichst du da?« Dschuha antwortete: »Die Vögel sprechen mit mir.« Der Oheim fragte weiter: »Was sagen sie dir denn?« Dschuha antwortete: »Was mir die Vögel sagen, kann ich dir nicht wiedersagen; es schickt sich nicht.« Der Oheim dachte eine Weile nach; dann sagte er: »Sag es mir; es tut weiter nichts.« Dschuha antwortete: »Die Vögel haben zu mir gesagt: ›Wenn du die Frau deines Oheims wirst küssen, wirst du die Schafe finden müssen.‹« Da sagte der Oheim: »Also, Dschuha, ich soll die Schafe finden, wenn ich dir meine Frau überlasse?« Dschuha antwortete: »Ja, bei Gott. Wahrhaftig.« Nun sagte der Oheim: »Wohlan denn, nimm sie dort ins Gebüsch und küsse dich satt an ihr.« Dschuha nahm sie ins Gebüsch und küßte sich satt an ihr. Dann kam er aus dem Gebüsche hervor und begann wieder ein Selbstgespräch. Der Oheim fragte ihn: »Was hat dir der Vogel jetzt gesagt?« »Er hat mir gesagt, wo die Schafherde ist, nämlich dort in dem unterirdischen Gewölbe.« Der Oheim fragte ihn wieder: »Wirklich? oder lügst du mir etwas vor?« Bald waren sie bei dem Gewölbe und Dschuha öffnete es und ließ die Schafe heraus; und er sagte: »Nun, Oheim, da haben wir also die Schafe wiedergefunden.« Als sie dann zu Hause waren, sagte Dschuhas Oheim zu seiner Frau: »Dieser Dschuha ist ein Taugenichts; er verspottet uns und macht sich über uns lustig.« Und damit jagte er Dschuha weg.
DSchuha hatte einen kleinen Esel. Den entdeckten etliche lose Buben und nahmen ihn weg; und als sie ihn gestohlen und verkauft hatten, kamen sie wieder zu Dschuha und sagten zu ihm: »Dschuha, dein Esel ist Kadi geworden.« Dschuha antwortete: »Wahrhaftig?« Sie beteuerten es: »Wir haben ein Buch vor uns hingelegt und zu lesen begonnen, und da hat er uns zugehört.« Dschuha nahm einen Futtersack und ging damit zum Kadi. Der Kadi sprach gerade Recht; da hielt ihm Dschuha den Futtersack hin und sagte zu ihm: »Komm, friß Gerste; du bist doch ein Esel.« Der Kadi blickte auf und sagte: »Was soll das heißen? du machst mich zu einem Esel, verfluchter Junge? Greift ihn und verabreicht ihm zweihundert Hiebe.« Dschuha erhielt also von den Dienern die Hiebe; aber er schrie: »Ach, ich werde dir keine Gerste und kein Stroh mehr geben; wann ich aber wieder frei bin, werde ich dirs schon zeigen.« Der Kadi blickte auf und sagte: »Der Mensch ist verrückt; was war dein Esel wert, mein Junge?« Dschuha antwortete: »Hundert Piaster.« Der Kadi befahl: »Gebt ihm hundert Piaster und jagt ihn weg.« Aber Dschuha begann wieder: »Wenn du nun nicht mein Esel bist, wo ist denn dann mein Esel?« Der Kadi fragte ihn: »Was war es mit deinem Esel?« Dschuha sagte: »Ich suchte ihn, konnte ihn aber nicht finden. Da sind mir etliche Leute begegnet und die haben zu mir gesagt: ›Dein Esel ist Kadi geworden.‹ Da bin ich zu dir gekommen und du hast mir zu dem nötigen verholfen. Drum bist du wirklich ein Kadi und kein Esel.« Der Kadi ließ die Leute holen, die diese Geschichte angestiftet hatten; man brachte sie und der Kadi befahl: »Gebt jedem zweihundert Hiebe.« Und dann sagte er zu ihnen: »Ihr müßt Dschuha seinen Esel wieder verschaffen.«
DSchuhas Familie hatte als Nachbarn in der Gasse sehr angesehne Leute, und in dem Nachbarhause war eine Frau, die einen Einäugigen zum Liebhaber hatte; den sah Dschuha täglich das Haus betreten. Was tat nun Dschuha? Er kaufte sich eine ganz magere Ziege und die schlachtete er; dann versammelte er die Hunde des Stadtviertels um sich und schnitt ihnen das Fleisch der Ziege zurecht und gab es ihnen zu fressen. So kam auch ein einäugiger Hund dazu. Die andern Hunde hatte er schon alle satt gemacht und sie waren wieder weggelaufen; nun nahm er den einäugigen Hund her, der darauf wartete, daß er ihm zu fressen gebe: er jagte ihn in die enge Gasse hinein und schlug auf ihn los, bis schließlich der Hund in das Haus floh, wo die Frau mit ihrem einäugigen Liebhaber war. Der Hund lief also in die Tür und verkroch sich im Hausflur. Dschuha trat nun auch ins Haus, ging in den Hausflur und rief: »Hinaus mit dir, Einäugiger! Du frißt die Sachen der Leute und nimmst Reißaus und versteckst dich bei Fremden im Hausflur.« Die Frau hörte das, die Ärmste, kam von innen heraus und fragte: »Was gibts mit dem Einäugigen?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn mit eigenem Auge hineingehn sehn; er ist ein Hund und Hundesohn.« Da sagte die Frau bittend: »Da sind hundert Piaster; geh aber weg: du verursachst mir einen Lärm vor der Haustür.« Dschuha handelte mit ihr um den Betrag, bis sie ihm schließlich fünfhundert gab. Als er dann das Geld in der Hand hatte, sagte er zu ihr: »Dort im Hausflur steckt der Hund; jag mir ihn heraus.« Da blickte sie hin und sah den Hund, und sie sah, daß er einäugig war wie ihr Geliebter; und sie rief: »Ach, dieser nichtsnutzige Dschuha hat mich angeführt!« Damit jagte sie den Hund hinaus und Dschuha ging mit ihm weg.
DSchuha pflegte die Kühe seiner Verwandten von Mutterseite auf die Weide zu treiben; ihm selber gehörte von der Herde nur ein Kalb. Die Kühe waren alle mager, Dschuhas Kalb hingegen fett; als er nun einmal auf das Kalb nicht achtgab, ersahen seine Verwandten die Gelegenheit und schlachteten es. Sie waren gerade dabei, es zu verzehren, als Dschuha heimkam; da sagten sie einfach zu ihm: »Dein Kalb hat uns so gefallen, daß wir es geschlachtet haben; jetzt essen wir es.« Dschuha bat sie und sagte: »Gebt mir wenigstens die Haut.« Sie gaben sie ihm. Er ging damit weg und bot sie im Basar zum Verkaufe aus. Den ganzen Tag bot er sie aus; schließlich verkaufte er sie um einen Heller. Er überlegte und sagte sich: »Was tu ich mit dem Heller?« Dann machte er ein Loch in den Heller, zog einen Faden durch und wickelte sich den Faden um den Finger und machte sich auf den Weg nach Hause. Da sah er vor sich zwei Männer auf der Straße; die hatten einen Kasten voll Goldstücke gefunden und waren eben dabei, sie mit einem Maße zu messen und sie zu teilen. Dschuha schlich sich von hinten an sie heran und warf seinen Heller mitten unter die Goldstücke; und er sagte zu ihnen: »Seid gegrüßt!« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?« Er antwortete: »Und was ists mit euch? Teilt ihr das Geld anderer Leute?« Sie antworteten: »Diesen Schatz hat uns Gott geschenkt; wir haben ihn regelrecht durch Zauberei gehoben.« Dschuha aber sagte: »Der Schatz gehört mir.« Sie fragten: »Wieso denn?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn gekennzeichnet, und zwar mit einem Heller, durch den ein roter Faden gezogen ist.« Sie suchten nach und fanden den Heller wirklich; nun sagten sie zu Dschuha: »Du hast recht; da müssen wir ihn unter uns drei teilen.« Dschuha aber erwiderte: »Nein; nehmt ihr eine Hälfte, und ich will die andere nehmen.« Und er nahm die Hälfte von den Goldstücken, und die andern nahmen die Hälfte. Er steckte sein Geld in den Bausch seines Burnus und ging heim.
DSchuha ging zu seinen Verwandten und öffnete seinen Burnus; da erstaunten sie und fragten ihn: »Woher hast du das viele Geld?« Er antwortete: »Wißt ihr das nicht? das ist ja das Geld für die Kalbshaut.« Sie sagten: »Da wollen wir doch auch unsere Kühe schlachten und die Häute verkaufen.« Dschuha sagte: »Schlachtet sie nur; ihr werdet reich daran werden.« Sie schlachteten also ihre Kühe und zogen ihnen die Häute ab. Dschuha hatte ihnen aber noch geraten: »Laßt die Häute stinkend werden; salzt sie nicht ein.« Als nun diese Bauern ihre Kühe geschlachtet, das Fleisch verzehrt und auch die Hunde damit gefüttert hatten, ließen sie die Häute liegen, bis sie zu stinken begannen. Nach drei oder vier Tagen sah Dschuha nach, und da fand er, daß aus den stinkenden Häuten Würmer herauskrochen; er ging wieder zu seinen Verwandten und sagte zu ihnen: »Nehmt jetzt die Häute und verkauft sie.« Sie gingen in den Basar und boten die Häute aus. Es kamen die Schuster und sahen sich die Häute an, und sie sahen, daß Würmer herauskrochen und daß sie entsetzlich stanken. Da sagten sie untereinander: »Sie wollen uns zum besten haben!« Damit nahmen sie die unglückseligen Verkäufer her und versetzten ihnen Faustschläge; und sie schrien: »Nehmt euer Aas wieder und werft es weg!« Die Verwandten Dschuhas zogen ab und entwichen; und sie sagten: »Wenn wir Dschuha nicht heute Nacht töten, so macht er uns noch ganz arm.«
SIe gingen zu Dschuha, nahmen ihn fest und banden ihn und sagten zu ihm: »Du hast uns also arm gemacht.« Dschuha sah sie an und sagte zu ihnen: »Ihr habt es also geglaubt, daß man stinkende Kuhhäute kauft? Ich habe euch ja nur zum besten gehabt.« Sie nahmen ihn also fest, fesselten ihn und steckten ihn in einen Sack; den banden sie zu und wollten also Dschuha ins Meer werfen. Als sie ans Ufer kamen, sahen sie einen Schafhirten auf der Weide; nun sagten sie untereinander: »Wir wollen den Sack einstweilen niederlegen und bei dem Hirten Milch trinken.« Sie gingen zu dem Hirten und fragten ihn: »Hast du einen Trunk Milch?« Er gab ihnen Milch in einem Schlauche und sie tranken sie. Dann setzten sie sich zu dem Hirten, den Kopf auf die Ellbogen gestützt; sie begannen schläfrig zu werden und schließlich übermannte sie der Schlaf. Der Hirt ließ sie ruhig schlafen und ging seine Schafe zurücktreiben; dabei sah er den zugebundenen Sack und er stieß mit seinem Stabe daran. Dschuha sagte im Sacke: »Laß mich in Frieden.« Der Hirt erschrak und sagte: »Ist das ein Mensch oder ein Geist? Was ists mit dir in dem Sacke da?« Dschuha antwortete: »Man will mich zu meinem Meister bringen, der mich unterrichten soll; und wen mein Meister unterrichtet, der sieht das Schicksalsbuch, das Gott verwahrt.« Da sagte der Hirt: »Ach, ich möchte gern an deiner statt hingehn.« Dschuha sagte: »Nein, damit bin ich nicht einverstanden.« Er stellte sich abgeneigt, obwohl er es gar zu gern gehabt hätte, wenn der andere seine Stelle eingenommen hätte. Aber der Hirt ließ nicht ab, Dschuha um diese Gunst zu bitten, bis Dschuha endlich nachgab und sagte: »Gut denn; binde den Sack auf, damit ich heraus kann.« Der Hirt machte den Sack auf und Dschuha kroch heraus; dann befahl er dem Hirten: »Zieh deine Kleider aus.« Er zog die Kleider des Hirten an und gab ihm die seinigen und die zog der Hirt alsbald an; dann steckte er ihn in den Sack und band den zu. Dann trieb er die Schafe vor sich her, und kehrte so ins Dorf zurück; vorher hatte er aber noch dem Hirten eingeschärft: »Wenn man dich fortträgt, so verhalte dich still; denn wenn du sprichst, wird man dich in die Tiefe des Meeres werfen.« Dschuhas Verwandte standen nach einiger Zeit, als Dschuha schon mit seiner Herde weit weg war, vom Schlafe auf, nahmen den Sack und warfen ihn ins Meer; dann sagten sie untereinander: »Jetzt sind wir ihn los.« Nun gingen sie heim, aber auf einem kürzern Wege als Dschuha, der erst in der Nacht ins Dorf kam. Alle Frauen im Dorfe waren frohen Muts und riefen: »Dschuha ist tot! wir sind ihn los!« Aber nach Sonnenuntergang, da kommt auf einmal Dschuha mit einer Schafherde ins Dorf! und die Frauen riefen: »Da ist ja Dschuha wieder! er lebt ja noch und ist gar noch nicht tot! und ihr habt gesagt: ›Wir haben Dschuha ins Meer geworfen, wir sind ihn los!‹«
NUn wurde Dschuha gefragt: »Woher hast du denn die Schafherde?« Und Dschuha antwortete: »Die habe ich aus dem Meere heraufgebracht: das Meer hängt am Himmel, und unterm Meere weiden die Schafe.« Sie sagten: »Rate uns, Dschuha, wie wir es anstellen sollen.« Dschuha sagte: »Bindet euere Kinder, fesselt sie, wie ihr mich gefesselt habt, steckt sie in Säcke und werft sie ins Meer; dann werden auch sie gegen Sonnenuntergang Schafe bringen wie ich.« Da nahm ein jeder sein Kind und steckte es in einen Sack; und sie trugen die Kinder zum Meere und warfen sie hinein. Nun war in dem Dorfe auch eine Witwe; die wandte sich an Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe keine Kinder.« Dschuha sagte: »Nimm deinen Hund und wirf ihn den Kindern nach; er wird dir schon gegen Sonnenuntergang Schafe bringen.« Die Witwe warf den Hund ins Meer; aber er schwamm natürlich wieder heraus. Dschuha saß versteckt auf der Spitze eines Hügels, besah sich die Sache und lachte für sich und rief dem Hunde zu: »Bring nur deiner Herrin schöne Hammel und Lämmer!« Der Hund schwamm aber immer wieder zurück ans Ufer zu seiner Herrin, ohne Schafe oder sonst etwas mitzubringen. Da rief die Frau Dschuha herbei und sagte: »Mein Hund da hat mir keine Schafe gebracht.« Dschuha antwortete: »Weil er nicht untergetaucht ist; hätte er getaucht, so hätte er dir welche gebracht. Die andern werden, weil sie untergetaucht sind, gegen Abend Schafe bringen; binde ihm doch einen Stein an den Hals, damit er ordentlich untertaucht.« Als die Sonne unterging und die Kinder noch nicht kamen, sahen sich die Leute an und sagten zu ihm: »Dschuha, die Kinder sind nicht gekommen.« Dschuha antwortete: »Bis die Dunkelheit einbricht.« Es wurde dunkel, aber die Kinder kamen nicht wieder. Die Leute wurden unruhig und sagten zu Dschuha: »Die Kinder sind noch immer nicht gekommen.« Dschuha sagte: »Ja, habt ihr denn wirklich geglaubt, daß es in der See Schafe gibt? an euern Kindern haben sich heute die Fische gütlich getan.« Da begannen sie über ihre Kinder zu wehklagen und zu weinen; dann aber nahmen sie Dschuha fest, fesselten ihn und sagten: »Für den gibt es nur das eine, daß wir ihn in die gefährliche Einöde bringen und an eine Olive binden, damit ein Löwe kommt und ihn frißt.«
SIe nahmen Dschuha und brachten ihn in die Einöde; sie banden ihn nahe der Straße an eine Olive und verließen ihn. So an den Baum gefesselt, sah er einen Reiter kommen, einen Kaid, der beim Bei in Tunis gewesen war. Der Reiter kam heran und sagte: »Friede sei über dir.« Dschuha antwortete, als wäre er gar nicht geneigt gewesen, zu sprechen: »Über dir sei der Friede.« Der Reiter fragte ihn: »Warum bist du gefesselt?« Dschuha antwortete: »Geh, laß mich in Ruh! was fragst du mich?« Der Greis sagte: »Ist denn Fragen ein Verbrechen oder etwas unrechtes?« Dschuha antwortete: »Du wirst mich sicher wieder zu dem machen, was ich früher war.« Der Greis fragte ihn: »Was warst du denn früher?« Dschuha antwortete: »Ich war früher hundert Jahre alt: da man mich aber gefesselt und an den Baum Sidi Abd Elkaders gebunden hat, bin ich zu einem Dreißigjährigen geworden; denn jeder alte Mann, den man an diesen Baum fesselt und der sich still und stumm verhält, wird wieder jung.« Da sagte der Greis: »Freund, bei Gott, ist das so?« Dschuha antwortete: »Bei Gott.« Nun bat ihn der Greis: »Laß mich an deinen Platz«, und schließlich sagte Dschuha: »So binde mich denn los.« Der Greis band Dschuha los und der befahl ihm: »Leg deine Kleider ab; denn ich kann dir nur das Hemd auf dem Leibe lassen.« Der Greis zog seine Sachen aus und legte die Burnusse ab, die Seidenschale und das Turbantuch; und Dschuha zog, nachdem er ihn an seiner statt an die Olive gebunden hatte, seine Kleider an und bestieg seine Stute und ritt hinein ins Dorf. Nichts ahnend saßen die Leute da, als auf einmal Dschuha herangesprengt kam auf einer schönen Stute und in kostbaren Kleidern; sie fragten ihn: »Dschuha, woher hast du die Stute?« Er antwortete: »In der Schlucht dort laufen überall Pferde umher.« Sie sagten zu ihm: »Bei Gott, du lügst, du Taugenichts! wen hast du wieder zum besten gehabt?«
III.
Berberische Überlieferungen
DSchuha hatte einen Esel; den fütterte er, bis er hübsch dick wurde. Seine Stadtviertelsgenossen sagten zu ihm: »Verkauf uns den Esel.« »Der ist zu teuer für euch,« antwortete Dschuha. Sie sagten: »Sage uns du, wie hoch sein Preis sein soll; wir werden ihn dir schon bezahlen.« Dschuha antwortete: »Ich werde es nicht sagen; aber wir wollen ihn auf den Eselsmarkt bringen, und für das, was er dort gilt, verkaufe ich ihn euch.« »Gut,« sagten sie. Am nächsten Morgen ging er mit dem Esel früh auf den Markt, stopfte ihm den Hintern mit Goldstücken voll und übergab ihn dem Ausrufer.
Die, die den Esel kaufen wollten, kamen herbei und musterten ihn, ob er ihnen wohl gefalle und sie auf ihn bieten sollten. Der Ausrufer bestieg ihn und ließ ihn lustig galoppieren, und der Esel lief hurtig dahin und blies seinen Wind, während ihm die Goldstücke aus dem Hintern fielen. Die Leute, die zusahen, hoben die Goldstücke auf und begannen einander zuzuraunen: »Der Esel Dschuhas mistet Gold.« So kam es, daß auch die, die ihn eigentlich nicht hatten kaufen wollen, darauf loszubieten begannen. Man überbot sich gegenseitig, bis der Esel auf zehntausend Franken kam. Da verkaufte ihn Dschuha und nahm das Geld in Empfang. Er trat zu dem, der den Esel gekauft hatte, und sagte zu ihm: »Ich habe dir etwas verkauft, das der verkörperte Reichtum ist.« Der Käufer antwortete: »Sage mir, worin sein Futter besteht.« Dschuha antwortete: »Du mußt ihm genügend Gerste und Gras geben und ihn auch täglich zweimal tränken; und wenn du ihn in den Stall schließt, so laß ihn dort nicht so ohne weiteres: wenn du vielmehr willst, daß er gehörig viele Goldstücke zur Welt befördert, so bring ihn auf deinem eigenen Lager unter, decke ein Moskitonetz über ihn und feßle ihm die Füße, damit ihm bis Tagesanbruch nichts vom Lager heruntergleitet. Mit Tagesanbruch aber geh zu seinem Lager; da wirst du zwei Körbe voll Goldstücke finden.«
Der Käufer des Esels wachte die ganze Nacht in froher Hoffnung, daß es Tag werde. Früh ging er zum Zimmer und öffnete es; und freudig sprach er bei sich: »Heute werde ich durch Dschuhas Esel ein reicher Mann.« Er hob das Netz auf, und nun fand er, daß der Esel zwei ganze Körbe Mist ins Bett gemacht hatte, während sein Urin auf dem Boden unter dem Bette eine lustige Pfütze bildet. Er warf den Esel vom Bette herunter und begann den Mist zu durchwühlen, fand aber auch nicht ein Goldstück. Nun ging er mit dem Esel zu Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe mit dem Esel alles so gemacht, wie du mir gesagt hast, habe aber nicht entdeckt, daß er mir etwas andres verschafft hätte als zwei Körbe Mist; und das Bett hat er mir in einen netten Zustand versetzt. Und nicht ein einziges Goldstück habe ich gefunden.« Dschuha antwortete: »Wie? Habe ich dir denn gesagt, du solltest ihn in dein Bett legen?« Der Käufer antwortete: »In mein Bett habe ich ihn genommen, weil ich Angst hatte, die Nachbarn könnten mir die Goldstücke stehlen, die er misten werde; deshalb habe ich ihn in das Bett gelegt.« Dschuha antwortete: »Darum hat er dir auch keine Goldstücke gemistet. Deine Gesinnung gegen die Nachbarn war nicht edel; darum hat dir Gott nichts schenken wollen.« Nun sagte der Mann: »Gib mir mein Geld zurück und nimm deinen Esel.« Dschuha antwortete: »Nein, ich gebe dir nichts zurück; du hast den Esel auf dem Basar gekauft, wo Recht und Gesetz gilt.«
Darauf sagte der Käufer: »Wohlan, wir wollen zum Richter gehn.« Dschuha antwortete: »Ich gehe nicht mit dir; verklage nur erst den Esel, und ich werde dann schon kommen.« Der Mann ging hin und verklagte Dschuha; dann nahm er einen Schergen mit zu Dschuha. Sie kamen zu ihm und der Scherge sagte: »Steh auf, der Richter läßt dich rufen.« »Gut,« antwortete Dschuha und ging mit ihm. Als er und sein Gegner vor den Richter traten, gebot ihnen der, zu sprechen. Der Käufer begann: »Ich habe von Dschuha einen Esel gekauft, der Goldstücke misten sollte. Als ich ihn kaufte, fragte ich Dschuha: ›Was gibst du ihm zu fressen?‹ Er antwortete mir: ›Gib ihm genügend Gerste und Gras und tränke ihn zweimal des Tages. Laß ihn auch in dein Bett steigen und feßle ihm die Füße, damit du am Morgen neben ihm findest, was er setzen soll.‹ Ich tat so, wie er mich geheißen hatte. Am Morgen ging ich zum Esel, fand aber dort nichts als einen Haufen Mistbatzen.« Da sagte der Richter zu ihm: »Du bist verrückt; gibt es denn auf der Welt einen Esel, der Goldstücke mistet? Dschuha ist ganz in seinem Rechte; dir jedoch fehlt es am Verstande.«
Nun wurde der Mann sehr zornig. Er ging mit seinem Esel heim und prügelte ihn zu Tode.
EInst sagten Männer zu Schaha, daß er heiraten solle; er antwortete ihnen, er werde nicht heiraten, bis der Fluß eine Frau bringe. Sie sagten: »Wie wäre es möglich, daß der Fluß eine Frau brächte?« Schaha antwortet kurz: »So sage ich euch.«
Als dann eine Zeit verstrichen war, sah Schaha eines Tages am Stadttore eine Frau aus der Fremde; er fragte sie: »Wer bist du?« Sie antwortete ihm: »Ich bin aus dem und dem Lande.« »Wohin gehst du?« »In diese Stadt.« »Was willst du da tun?« »Ich will dableiben.« Er fragte weiter: »Hast du Kinder?« Sie antwortete: »Ich habe eines geboren, aber es ist gestorben, als es noch ganz klein war.« Er sagte: »Ich fürchte, daß mir seine Krankheit Schaden bringen wird.« Sie antwortete: »Aber wie sollte dir denn die Krankheit, woran der Knabe gestorben ist, als er noch klein war, Schaden bringen können?« Er sagte zu ihr: »Liebst du mich? willst du, daß ich dich heirate?« Sie antwortete: »Ich liebe dich.«
Darauf gingen sie in die Stadt, um sich von einem Priester trauen zu lassen, und nachdem sie geheiratet hatten, blieb er daheim bis zur Regenzeit. Als dann alle Leute hinausgingen, um das Feld zu bestellen, ging auch er zur Arbeit; dabei fand er einen Schatz, einen Topf voll Gold. Diesen Topf grub er aus; für einen Teil des Goldes kaufte er Weizen, Datteln und Butter, und den Rest versteckte er in einem alten Wasserschlauche.
Darauf lebte er mit seiner Frau bis zu der Zeit, wo die Pilger kamen. Von diesen kam ein armer zu seiner Frau und bat sie um einen alten Schlauch, um darin Wasser aufzubewahren. Sie sagte, sie habe keinen, aber eine Nachbarin machte sie darauf aufmerksam, daß im obern Teile des Hauses ein alter Schlauch sei. Nun stieg sie hinauf, holte ihn und gab ihn dem Armen. Der sagte: »Gott möge dich noch in deinen Kindern segnen.« Sie antwortete: »Ich habe keine; ich habe nur eines geboren, und das ist gestorben, als es noch klein war.« Er sagte: »Möge Gott mit ihm Erbarmen haben.«
Eines Tages stieg Schaha, der in der Stadt geblieben war, in den obern Teil des Hauses, um den alten Schlauch mit dem Golde zu suchen; der war aber nicht da. Er fragte seine Frau, wo der Schlauch sei, der oben gewesen sei, und sie sagte: »Ein armer Mann ist zu mir gekommen und hat ihn verlangt. Er hat Gott um Barmherzigkeit für mein Kind angefleht, und ich bin hinaufgestiegen, habe ihn geholt und habe ihn ihm gegeben.« Schaha sagte: »Habe ich es dir nicht gesagt gehabt, daß mir die Krankheit deines Kindes, obwohl es tot ist, Schaden bringen werde? Und du hast mir erwidert: ›Wie soll dir die Krankheit des verstorbenen Kindes Schaden bringen können?‹«
Schaha ging weg und kaufte einen großen schönen Schlauch; damit ging er in den Straßen umher und fragte: »Wer tauscht einen neuen Schlauch gegen einen alten um?« Da sagte ein Armer zu ihm: »Nimm meinen alten Schlauch und gib mir den neuen.« Und er gab ihm den, der das Gold enthielt. Schaha nahm den Schlauch, wo das Gold war, von dem der Arme nichts wußte.
Dann ging Schaha nach Hause und schied sich von seiner Frau.
EInes Tages ging Si Dscheha auf den Markt, um einen Esel zu kaufen. Ihm begegnete einer und der sagte zu ihm: »Wohin, Si Dscheha?« »Auf den Markt, einen Esel kaufen.« Der Mann erwiderte: »Sag: ›So Gott will‹, Si Dscheha.« Dscheha antwortete: »Warum sollte ich sagen: ›So Gott will‹? ich habe Geld bei mir und auf dem Markte sind Esel.« Damit ging er weiter.
Als er auf dem Markte angelangt war, kam ein Mann daher; der benützte einen Augenblick der Unaufmerksamkeit Dschehas und stahl ihm sein Geld. Si Dscheha machte sich auf den Heimweg, ohne einen Esel gekauft zu haben. Der besagte Freund begegnete ihm wieder und sagte zu ihm: »Was hast du gekauft, Si Dscheha?« Dscheha antwortete: »Mein Geld ist mir gestohlen worden, so Gott will; dein Vater sei verflucht, so Gott will.«
EInes Tages ging Si Dscheha zu einem andern essen, und der setzte ihm ein gebratenes Zicklein vor. Dscheha packte das Zicklein und begann es zu verschlingen wie ein Wolf. Da sagte sein Wirt: »Weshalb hast du denn eine solche Wut auf das Zicklein? seine Mutter hat dich wohl einmal mit den Hörnern gestoßen?«
»Und du,« versetzte Dscheha, »du bist so mitleidig mit ihm, als ob seine Mutter deine Amme gewesen wäre.«
SEine Freunde hatten gehört, daß er krank sei, und kamen ihn besuchen. Er lag im Bette. Sie schwatzten alles mögliche und ließen ihn nicht schlafen. Da stand er auf, nahm sein Kissen und sagte zu ihnen: »Ihr könnt jetzt gehn; ich bin gesund: Gott selber ists, der mich gesund gemacht hat.«
EInes Tages kam er bei etlichen Leuten vorbei, die gerade beim Essen waren. Er sagte zu ihnen: »Das Heil sei mit euch, ihr Geizigen!«
Sie antworteten: »Bei Gott, wir sind nicht geizig.«
»Ach Herrgott,« schrie Dscheha, »gib, daß sie nicht lügen; gib, daß ich es bin, der gelogen hat.«
SI Dscheha kochte Fleisch und es kamen zwei Freunde zu ihm. Der eine nahm ein Stück Fleisch und sagte: »Dieses Fleisch braucht Salz.«
Der andere nahm auch ein Stück und sagte: »Dieses Fleisch braucht Essig.«
Si Dscheha packte alles, was noch übrig war, und sagte: »Der Topf da braucht Fleisch.«
EInmal trieben Dscheha und zwei Freunde von ihm zwei Schafe und einen Hammel heim, die sie auf dem Markte gekauft hatten. Als sie zu Hause angelangt waren, sagten seine Freunde zu ihm: »Si Dscheha, wie teilen wir sie?«
»Ihr zwei«, antwortete Dscheha, »nehmt das eine Schaf; ich und der Hammel nehmen das andere.«
EInes Tages verkaufte Dscheha sein Haus, und er sagte zu dem Käufer: »Freund, das Haus habe ich dir verkauft; den Nagel aber, der in der Wand steckt, habe ich dir nicht verkauft. Daß du mir nicht morgen sagst: ›Du hast mir auch den Nagel verkauft.‹ Ich habe ihn dir nicht verkauft; ich habe dir nichts verkauft als das Haus.«
»Es ist gut,« antwortete der Käufer. »Ich habe dir das Haus abgekauft; den Nagel, der in der Mauer steckt, habe ich dir nicht abgekauft.«
Der Käufer dachte: Der Nagel ist mir gleichgültig. Ich habe das Haus gekauft; an dem Nagel liegt wenig.
Si Dscheha suchte seine Mutter auf und sagte zu ihr: »Mutter, wie lange leiden wir schon Hunger! Heute habe ich das Haus verkauft.«
»Was?« sagte sie, »du hast das Haus verkauft? wo wollen wir wohnen? Außer Hunger zu leiden, werden wir jetzt auch noch unter freiem Himmel schlafen müssen.«
»Hab keine Angst, Mutter,« antwortete Dscheha. »Ich habe ihm das Haus verkauft, habe mir aber einen Nagel vorbehalten, den ich in die Wand geschlagen habe; den habe ich ihm nicht verkauft. Und mit diesem Nagel will ich ihm das Haus wieder abnehmen. Wir sterben vor Hunger; darum habe ich mir diese List ausgedacht, damit uns der Käufer Geld gibt und wir essen können. Was das Haus betrifft, so wird er bald draußen sein.«
»Was?« sagte sie; »du hast ihm das Haus verkauft und sagst, daß er wieder herausgehn wird? Wie sollte er denn wieder herausgehn, wo er dir doch sicherlich das Geld vor Zeugen gegeben hat?«
»Sei nur ruhig,« antwortete Dscheha. »Ich werde schon einen Plan aushecken, damit er herausgehn muß.«
Und sie sagte: »Tu, was du willst.«
Si Dscheha ging Tierhäute kaufen; die trug er hin und hing sie an den Nagel. Auch Därme hängte er hin. Und da die Häute und Därme dort blieben, begannen sie nach einem oder zwei Tagen zu stinken. Dscheha kam hin, ließ sie aber, wie sie waren.
Der, der das Haus gekauft hatte, kam zu ihm und sagte: »Was ist das für ein Handel, Si Dscheha? Du hast Häute und Därme gebracht und sie im Hause aufgehängt! Sie stinken. Wie kann ich denn da wohnen?«
»Freund,« antwortete Dscheha, »ich habe dir nur das Haus verkauft, nicht wahr? Den Nagel habe ich mir behalten, und ich habe dir gesagt, daß ich ihn dir nicht verkaufe. Du hast jetzt nichts mehr zu sagen.«
Nun sagte der Käufer zu ihm: »Geh in dein Haus. Ich verlasse es. Ich lasse dir das Geld und das Haus. Ich kann nicht länger drinnen wohnen. Es ist ein fürchterlicher Gestank, und das Haus selber ist vergiftet.«
»Gut,« sagte Dscheha; »wenn du ausziehen willst, so zieh. Das Geld, das habe ich ausgegeben, und du bekommst keinen Heller zurück.«
»Ich schenke dir das Haus und das Geld,« sagte der Käufer.
Si Dscheha verließ ihn und zog wieder in sein Haus; und der andere machte sich auf die Suche nach einer neuen Wohnung.
SI Dscheha ging im Felde und hatte Hunger. Da sah er einen Araber, der aß. In der Meinung, daß ihn der einladen werde, mitzuessen, ging er hin; aber er wurde keineswegs eingeladen, sondern der Araber fragte ihn nur: »Woher bist du, Bruder?«
»Aus deinem Dorfe,« antwortete Dscheha.
»Dann bringst du uns gute Nachrichten.«
»Ich bringe dir alle guten Nachrichten, die du willst.«
»Hast du Nachrichten von unserm Dorfe?«
»Ja.«
»Hast du Nachrichten von Omm Othman?« — Das war die Frau des Arabers. —
»Oh,« sagte Dscheha, »sie wiegt sich wie ein Pfau.«
»Und wie geht’s meinem Sohne Othman?«
»Gewöhnlich spielt er Ball mit seinen Kameraden.«
»Wie geht es dem Kamel?«
»Das wird bald zerplatzen, so feist ist es.«
»Und was ists mit unserm Hunde Titu?«
»Er ist sehr scharf, und das will etwas heißen. Die Diebe fürchten ihn, so daß der Pferch vor ihnen sicher ist.«
»Und unser Haus, wie steht es damit?«
»Es ist wie eine Festung.«
Nun schwieg der Araber. Er aß, ohne Si Dscheha einzuladen, und der stand auf, um wegzugehn. Der Araber fragte ihn: »Wohin, Bruder?«
»Ins Dorf,« antwortete Dscheha. »Seid Titus Tod wimmelts dort von Dieben.«
»Titu ist tot?«
»Ja.«
»Woran ist er gestorben?«
»Er hat von dem Fleische des Kamels zu viel gefressen, und daran ist er gestorben.«
»Das Kamel ist also auch tot?«
»Ja.«
»Woran ist es gestorben?«
»Es ist über das Grab Omm Othmans gestolpert.«
»Omm Othman ist gestorben?«
»Ja.«
»Woran?«
»An dem Kummer über den Tod Othmans.«
»Othman ist gestorben?«
»Ja.«
»Wieso?«
»Das Haus hat ihn erschlagen, als es einstürzte.«
Bei diesen Worten sprang der Araber wie ein Narr auf und lief in der Richtung seines Dorfes davon, sein Essen im Stiche lassend. Si Dscheha aß alles, was noch da war.
DEr Kaid von Dschehas Stamm liebte die Frauen leidenschaftlich, und Dscheha, der ihn oft besuchte, machte ihm Vorstellungen. »Wie kannst du denn,« sagte er zu ihm, »du, ein Kaid, gar so in die Frauen vernarrt sein? Nimm doch ein wenig Vernunft an. Fürchte den Herrn. Es ist eine Schande für dich.« Diese Worte drangen dem Kaid bis auf den Grund seines Herzens.
Nun hatte der Kaid eine Magd, die eine Frau von großer Schönheit war, und die sagte zu ihm, als sie seine Niedergeschlagenheit bemerkte: »Was drückt dich, Herr?«
Der Kaid antwortete: »Dscheha hat mir dasunddas gesagt.«
»Sonst nichts?« sagte sie. »Nun, gib mir die Erlaubnis zu ihm zu gehn. Du bleibst noch eine Weile hier, und kommst dann unversehens zu Dscheha nach. Du wirst schauen, was ich tun werde, und wirst dich wundern, in was für einer Verfassung du ihn finden wirst.«
»Geh,« sagte der Kaid zu ihr, und sie ging. Sie kam zu Dscheha und setzte sich mit ihm in seinem Hause nieder. Als Dscheha sie sah, wurde er sterblich verliebt in sie. Er rückte näher zu ihr, aber sie schlug ihn zurück; er verfolgte sie, und wohin immer sie sich setzte, er kam zu ihr. »Bleib auf deinem Platze, Si Dscheha,« sagte sie zu ihm, »und komm mir nicht zu nahe. Wenn du aber herankommen willst, so laß mich auf dir reiten; du wirst mit mir auf dem Rücken auf allen vieren gehn.«
»Komm,« sagte Dscheha, und sie legte ihm einen Sattel auf und einen Zaum an und setzte sich rittlings auf ihn; er begann auf allen vieren zu kriechen.
Unversehens kam der Kaid, und der sagte zu ihm: »Si Dscheha, mir hast du verboten, die Frauen zu lieben, und du, sieh nur, in was für einer Verfassung du bist!«
»Herr,« antwortete Si Dscheha, »ich hatte Angst, dich zu einem solchen Esel werden zu sehn, wie ich einer bin.«
Der Kaid begann zu lachen und machte ihm ein Geschenk.
ES war ein Jude, der täglich also zum Herrgott betete: »O mein Gott, zeige dich mir«; und er betete unter einem Baume. Eines Tages hörte ihn Dscheha, als er lustwandelte. Am nächsten Tage ging er hin und war noch vor dem Juden dort; er stieg auf den Baum und verbarg sich im Laube. Der Jude kam und betete wie gewöhnlich. Si Dscheha rief ihn an und sagte: »O mein Anbeter, nimm hundert Dinar und gib sie der Frau Dschehas. Dann komm sofort hieher zurück, und du wirst mich sehn.«
Als der Jude diese Worte hörte, war er auf dem Gipfel der Freude. Er ging nach Hause, holte hundert Goldstücke und gab sie der Frau Dschehas. Dann kam er zum Baume zurück und sagte: »O mein Gott, ich habe getan, was du mir gesagt hast.« Si Dscheha warf ihm einen Strick zu, indem er sagte: »Fasse diesen Strick und du wirst zu mir emporsteigen.« Der Jude ergriff den Strick und Si Dscheha zog ihn herauf; als er ihn aber einigermaßen in der Höhe hatte, ließ er den Strick los. Der Jude fiel herunter und schlug sich ein Loch in den Kopf. »O mein Gott,« sagte er, »du bist unersättlich! Du nimmst mein Geld und schlägst mir überdies ein Loch in den Kopf!«
MAn wußte sich keinen Rat mehr, um Dscheha sein Schmarotzerhandwerk zu legen. Als nun eines Tages die vornehmen Leute zu einem Manne essen gingen, der einen Festschmaus vorbereitet hatte, schloß sich ihnen Dscheha an; da sagten sie untereinander: »Was machen wir nur mit Si Dscheha?« Und einige sagten: »Wann die Schüsseln aufgetragen werden, wollen wir zu ihm sagen: ›Si Dscheha, in deinem Dorfe brennt es‹, damit er nichts ißt. Unsere Worte werden ihn so beschäftigen, daß er nichts ißt.«
Als die Speise kam, sagten sie zu ihm: »Si Dscheha, in deinem Dorfe brennt es.«
»Unser Haus ist davor bewahrt geblieben?« fragte Dscheha.
Während sie sich darauf beschränkten, zu sprechen, aß Dscheha. Sie sagten: »Das Feuer ist schon bei deinem Hause.«
»Nun, mich hat es noch nicht erreicht.«
»Jetzt hat es deine Kleider erfaßt.«
»Mein Kopf brennt noch nicht, nicht wahr?« antwortete Dscheha. »Meine Füße mag es verschlingen, wenn es mir nur den Kopf in Ruhe läßt.«
Und er aß immerzu. Als dann die andern desgleichen tun wollten, stellte es sich heraus, daß Dscheha alles aufgegessen hatte; und sie sagten untereinander: »Si Dscheha hat uns zum besten gehabt.«
SI Dscheha kaufte auf dem Markte eine Ziege um zehn Duro. Er trieb sie heim, schlachtete sie und häutete sie. »Diese Ziege kostet uns viel Geld,« sagte er zu seiner Mutter, und sie erwiderte: »Was willst du tun, mein Sohn?«
»Für den Augenblick das Fleisch kochen; späterhin werden wir sehn, was zu tun ist. Am nächsten Markttage werde ich die Haut auf den Markt bringen; du wirst hingehn und sie in der Hand halten. Ich werde immer um dich herum sein, und du wirst tun, als ob du mich nicht kenntest; ebenso werde ich tun, als ob ich dich nicht kennte. Ich werde um die Haut handeln, und welchen Preis immer ich dir biete, weigerst du dich, sie mir zu verkaufen. Ich werde sie spannenweise messen. Du sagst zu mir: ›Ich verkaufe sie nicht.‹ Ich werde dir zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Duro bis zu hundert Duro bieten. Unter den Fremden, die dazukommen werden, wird einer sein, der dir mehr bieten wird, und dem verkaufst du sie. Gib acht jetzt! Merk dir wohl, wie ich dich empfehlen will!«
Sie machten sich auf den Weg und kamen auf den Markt. Si Dscheha ging abseits, und seine Mutter hielt die Ziegenhaut. Si Dscheha kam und sagte zu ihr: »Wie viel hat man dir für die Haut da geboten?« Und auf ihre Antwort: »Zehn Duro« begann er sie spannenweise zu messen. Alle Welt sammelte sich um sie. »Die Haut, die du da mißt,« sagte einer zu ihm, »wozu kann sie dir dienen?«
»Sie wird gut zu verwenden sein,« antwortete Dscheha; »sie gibt eine große Trommel oder eine kleine.«
Er zog sich zurück, kam aber einen Augenblick später wieder, ging wieder zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Nun, altes Frauchen, was ists mit der Haut?«
»Mein Sohn,« antwortete die Alte, »man hat mir zwanzig Duro gegeben.«
»Verkaufst du sie um fünfzig?«
»Nein.«
Si Dscheha maß die Haut noch einmal und ging weg. Die Leute liefen zusammen und sagten einander: »Si Dscheha ist verrückt. Wie geht es zu, daß er, der sonst so durchtrieben ist, sich so täuschen läßt?«
Dscheha kam zurück und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, wie viel hat man dir für die Haut geboten?«
»Sie ist noch auf fünfzig Duro, mein Sohn.«
»Ich will sie messen, ob sie zu meinem Zwecke taugt oder nicht.« Er maß sie, und als er damit fertig war, sagte er zu seiner Mutter: »Wenn du sie verkaufen willst, so gebe ich dir hundert Duro.«
»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete sie, und Dscheha entfernte sich und beobachtete sie von weitem.
Ein Mann, der auf den Markt gekommen war, kam und sagte zu der Mutter Dschehas: »Altes Frauchen, verkaufe sie mir. Ich gebe dir um zehn Duro mehr als der Mann.«
»Gib das Geld her, bevor er kommt; er könnte mir sonst Vorwürfe machen, daß ich einem andern den Vorzug gegeben habe.«
Er gab der Alten das Geld, und die machte sich auf den Heimweg und Si Dscheha gesellte sich zu ihr; sie gingen, bis sie dorthin kamen, wo sie wohnten, und dort blieben sie.
Die Alte hatte aber dem Käufer der Haut gesagt: »Diese Haut ist gar kostbar; lege sie in die Sonne: sie wird trocknen, und du wirst sehn, was für einen Nutzen du finden wirst.«
Er breitete also die Haut an der Sonne aus. Zwei oder drei Tage darauf ging er nachsehn und fand sie vollständig ausgetrocknet. Er nahm sie zwischen die Hände und rieb sie; da zerfiel sie. Nun ging er die Frau suchen, die sie ihm verkauft hatte. Er traf die Mutter Dschehas und sagte zu ihr: »Altes Frauchen, bist du nicht die, die mir die Haut verkauft hat?«
»Sag so etwas nicht noch einmal,« sagte die Alte. »Ich, Häute verkaufen! ich bin die Mutter Si Dschehas.«
»Schon recht,« sagte der Mann; »sieh nur selber, wer mich betrogen haben kann, wenn du es nicht bist.«
»Mein Sohn,« erwiderte die Alte, »das habe ich nie getan.«
Der Mann ging heim, ohne sie erkannt zu haben. Die Ziegenhaut verblieb ihm und er warf sie den Hunden hin.
EInes Tages sagte die Mutter zu Si Dscheha: »Ich gehe Holz machen.« Er bildete sich ein, das sei wahr; sie ging aber irgendwohin, setzte sich nieder und legte einen Fuß über den andern. Dscheha kam und sah, daß sie die Füße übereinander geschlagen hatte.
Am nächsten Tage sagte sie zu ihm: »Sohn, das Barfußgehn bringt mich um; kaufe mir doch Schuhe.«
Dscheha holte Baumwolle und machte ihr daraus Schuhe; »da, Mutter,« sagte er, »da sind deine Schuhe.«
»Aber,« sagte sie, »wie lange werden die denn halten?«
»Mutter,« antwortete Dscheha, »wenn du immer so viel gehst wie gestern, werden sie halten, bis du stirbst.«
ALs Si Dscheha noch klein war, war er ein wenig dumm und unwissend; erst als er ein wenig größer war, erwachte sein Geist.
Eines Tages, es war der Tag, wo sein Vater starb, war er allein auf der Welt; er hatte niemand mehr als seine Mutter. Nun nahm er einmal einen Ochsen, um ihn zu verkaufen. Auf dem Wege traf er eine Eule, und er sagte zu ihr: »Kaufst du meinen Ochsen?«
Die Eule schrie: »Imiaruf.«
»Gibst du mir fünfzehn Realen?« fuhr Dscheha fort.
»Imiaruf,« wiederholte die Eule.
»Du gibst mir zwanzig?«
»Imiaruf.«
»Du gibst mir fünfundzwanzig?«
»Imiaruf.«
»Da hast du deinen Ochsen.« Und er fügte bei: »Und das Geld?«
»Imiaruf.«
»Beim nächsten Markte?«
»Imiaruf,« sang die Eule.
»Gut; da ist der Ochse. Das Geld werde ich am nächsten Markttage holen.«
»Imiaruf.«
Dscheha ließ den Ochsen dort und ging. Als er daheim angelangt war, sagte seine Mutter zu ihm: »Und der Ochse, mein Sohn?«
»Den habe ich verkauft,« antwortete er; »um fünfundzwanzig Realen. Was das Geld betrifft, so warte ich darauf bis zum nächsten Markte.«
Als der nächste Markttag gekommen war, ging er an den Ort, wo er den Ochsen gelassen hatte; dort traf er die Eule und die sang wie am ersten Tage. »Und das Geld?« sagte er.
»Imiaruf.«
»Heute will ich mein Geld haben.«
»Imiaruf.«
Dscheha ging auf sie zu, indem er sagte: »Ich muß heute mein Geld haben.« Die Eule flog gegen ein altes Gemäuer hin; Dscheha folgte ihr und sagte: »Du mußt mir mein Geld geben.«
»Imiaruf,« schrie die Eule.
Dscheha verfolgte sie immer weiter, bis er sie in dem Gemäuer vor sich hatte. Sie entwischte ihm wieder; aber Dscheha fand in dem Gemäuer einen Schatz.
»Du glaubst,« sagte er nun zu der Eule, »daß ich ein Dieb bin wie du? ich, ich stehle nicht; ich werde nur nehmen, was mir gebührt.« Und er zählte seine fünfundzwanzig Realen ab und steckte sie zu sich; dann ging er heim.
Als er zu Hause angelangt war, sagte er zu seiner Mutter: »Mutter, das ist das Geld von dem, dem ich den Ochsen verkauft habe.« Und er fügte bei: »Ich selber habe mit meinen eigenen Händen die fünfundzwanzig Realen aus dem Schatze genommen.«
»Mein Sohn,« sagte die Mutter, »gehn wir zu ihm.«
»Mutter, wenn du willst, so gehn wir hin; ich fürchte aber, daß du ihn bestehlen wirst.«
»Pfui, mein Sohn! Deinem Freunde, zu dem wir als Gäste kommen, dem werde ich etwas stehlen!«
»Also gut; komm, gehn wir.«
In aller Eile kochte sie nun Bohnen und Eier und buk Kuchen. Als sie dann das Dörfchen verließen, warf sie die Bohnen über Dscheha; er las sie auf und sagte: »Mutter, es regnet Bohnen.«
»Lies sie auf, mein Sohn.« Dscheha las sie auf und aß sie. Seine Mutter ging immer weiter; und als sie an dem bewußten Orte angekommen waren, sagte sie zu ihm: »Nun, mein Sohn, wo ist das Haus deines Freundes?«
»Da,« antwortete Dscheha.
»Zeig es mir doch.«
»Nun hier.«
»Das da?«
»Komm, ich werde es dir zeigen.«
Als er sie hingeführt hatte und sie den Schatz sah, warf sie Kuchen in die Höhe, so daß sie auf Dscheha niederfielen; und er sagte: »Ach, Mutter, es regnet Kuchen.« Er begann sie aufzulesen und sie zu essen. Seine Mutter bemächtigte sich des Schatzes und er sagte zu ihr: »Hüte dich, Mutter, etwas zu nehmen.«
»Ich nehme nichts, mein Sohn.« Aber sie hob den Schatz und wickelte ihn in ein großes Baumwolltuch, um ihn wegzutragen; und zu Dscheha sagte sie: »Komm, mein Kind, gehn wir.«
Sie gingen. Als sie ins Dörfchen kamen, warf sie die Eier über ihn. »Mutter,« sagte er, »es regnet Eier.« Er las sie auf und aß sie, und sie kamen nach Hause.
An diesem Abende ging Dscheha dorthin, wo die Leute zusammenkamen, und sagte zu ihnen: »Heute haben meine Mutter und ich einen Schatz heimgetragen.«
Sie fragten ihn: »Wann?«
»Wir sind weggegangen,« antwortete Dscheha, »als es Bohnen regnete. Als dann der Kuchenregen gekommen ist, sind wir bei dem Schatze eingetroffen, den meine Mutter weggetragen hat. Ins Dorf sind wir zurückgekommen in dem Augenblicke, wo es Eier regnete.«
»Bah,« sagten sie untereinander, »der Junge ist ein Tölpel; nehmt seine Worte doch nicht ernst.«
Warum hatte nun die Mutter Dschehas die Bohnen und die Eier gesotten und die Kuchen gebacken? Weil sie nicht zweifelte, daß der Dummkopf von ihrem Sohne alles ausplaudern werde; darum hat sie ihm die Bohnen und die Eier gesotten und die Kuchen gebacken. Sie hatte es sich an den Fingern abgezählt, daß Dscheha, wenn er den andern sagen werde: »Wir haben einen Schatz heimgebracht«, beifügen werde: »als es Bohnen und dann Kuchen und dann Eier regnete«; und sie wußte, daß also niemand seine Worte ernst nehmen werde.
SI Dscheha konnte kein Pferd besteigen, aber ein guter Fußgänger war er. Eines Tages ließ ihn nun der Kaid des Dorfes rufen und sagte zu ihm: »Si Dscheha, du mußt mir diesen Brief zum Bei von Algier bringen; steig auf mein Pferd und spute dich.«
Das Pferd des Kaids war aber ein hitziges Tier, das niemand besteigen konnte außer seinem Herrn. Si Dscheha, der das wußte, zog sich mit einem einzigen Worte aus dem Handel; er fragte: »Ist es eilig, Herr Kaid?«
»Sehr eilig,« antwortete der Kaid.
»Dann«, sagte Dscheha, »geh ich zu Fuß; ich werde so viel schneller dort sein, als wenn ich zu Pferde stiege.«
Alle schüttelten sich vor Lachen, als sie ihn so reden hörten. Der Kaid, der Si Dscheha nur einen Streich hatte spielen wollen, sagte: »Bleib da; du wirst mit mir essen.«
SI Dscheha hatte einen Feind, der ein Eierhändler war. Den traf er eines Tages, als er auf den Markt ging; er trat auf ihn zu und sagte: »Du hast da wirklich schöne Eier.«
»Laß den Spott,« sagte der Händler. »Willst du welche kaufen, so kauf; wenn nicht, so geh deines Weges.«
Dscheha kaufte zwei Eier und steckte geschickt in jedes ein Goldstück. Dann sagte er zu seinem Feinde: »Höre; ich will jetzt Frieden machen mit dir, und darum will ich dir einen guten Rat geben.«
»Wir werden sehn,« sagte der Händler; »sprich.«
Nun sagte ihm Dscheha ins Ohr: »Verkaufe diese Eier nicht; alle enthalten sie Goldstücke!«
»Pack dich,« schrie der Händler; »du lügst.«
»Ich lüge?« sagte Dscheha; »also gut: sieh her.« Und er schlug vor ihm die zwei Eier auf, die er gekauft hatte. Der Händler stand ganz verdutzt da, als er die zwei Goldstücke sah, die zum Vorscheine kamen. Dscheha las sie auf, schob sie in seine Tasche und ging heim.
Alsbald nahm der Händler seine Eier und schlug sie alle ohne Ausnahme auf. Goldstücke aber fand er nicht ein einziges, und er schrie: »Gott verderbe die Augen Si Dschehas, so wie ich alle meine Eier verdorben habe!«
SI Dscheha hatte in einem Hause, das auch der Eigentümer bewohnte, eine Kammer gemietet. Er bezahlte nie die Miete und lärmte die ganze Nacht in seiner Kammer. Der Eigentümer, der dieses Lärms halber nicht schlafen konnte, sagte eines Tages zu ihm: »Warum verübst du allnächtlich einen solchen Lärm in deiner Kammer?«
»Mein Sohn,« antwortete Dscheha, »ich richte Schlangen ab, um sie den Aissawa[6] zu verkaufen.«
»Du züchtest Schlangen in meinem Hause?« schrie der Eigentümer. »Gut also; du kannst jetzt ziehen. Die Miete schenke ich dir, aber räume das Haus noch heute.«
»Das ists ja, was ich wollte,« dachte Dscheha. »Auf diese Weise brauche ich keine Miete zu zahlen.«
EInes Tages war Si Dscheha bei seiner Mutter zu Hause geblieben. Da sie nichts zu essen hatten, sagte er zu ihr: »Warte, ich hole etwas zu essen.«
Er ging zu den Schülern, die er alle beisammen fand, und sagte zu ihnen: »Kommt, ihr sollt heute bei mir essen.« Er war nämlich ihr Mitschüler, war aber an diesem Morgen nicht zur Schule gegangen. Als er ihnen nun sagte: »Kommt heute zu mir essen«, antworteten sie: »Si Dscheha, du bist arm.«
Er antwortete: »Das ist Brauch bei uns: wenn ein Schüler den ganzen Koran auswendig kann, muß er seinen Mitschülern zu essen geben.«
»Gut ists,« sagten sie. »Geh und richte das Mahl her; wir werden kommen.«
»Steht auf und kommt mit,« sagte Dscheha; »das Mahl ist schon kalt.«
Sie standen auf und gingen mit ihm. Als sie in seinem Hause angelangt waren, ließ er sie in eine Kammer treten. Dann nahm er ihre Schuhe, die sie an der Tür gelassen hatten, und steckte sie in einen Sack; hierauf ging er zu den Schülern zurück und sagte zu ihnen: »Wartet ein bißchen; ich komme sofort wieder.« Er ging aber weg und nahm den Sack mit ihren Schuhen mit; er kam zu einem Garkoch.
»Gib mir etwas um zwei Franken,« sagte er zu ihm, »und nimm dafür dies Paar Schuhe.«
Dann ging er zu einem Fleischer und hielt ihm dieselbe Rede, dann zu dem Kuskussuverkäufer; und als er so alle Schuhe der Schüler verteilt hatte, ging er, mit köstlichen Mundvorräten beladen, nach Hause. Sofort nach seiner Heimkehr setzte er alles den Schülern vor, und sie ließen es sich trefflich schmecken. Dann erhoben sie sich, um in ihre Schule zu gehn. Als sie ihre Schuhe suchten, sagte Dscheha zu ihnen: »Kommt mit mir; ich habe sie versteckt.«
Sie gingen mit ihm. Einen führte er zum Garkoch und sagte zu ihm: »Gib ihm zwei Franken; er wird dir deine Schuhe geben.« So zeigte er schließlich allen, wo er ihre Schuhe verpfändet hatte, und die armen Schüler gaben Geld her, um sie wiederzubekommen. Er blieb bei seiner Mutter; und von den Speisen hatten sie noch zwei Tage zu essen.
ALs sein Vater starb, trug ihn Dscheha auf den Markt und beerdigte ihn dort; aber einen Fuß des Toten ließ er außerhalb der Erde. Die Leute sagten zu ihm: »Was, Si Dscheha? du läßt den Fuß deines Vaters außerhalb der Erde? was ist das für ein Begräbnis?«
»Nun,« antwortete er, »jedermann weiß, wie er seinen Vater zu begraben hat. Dieser Platz ist das Grab meines Vaters, nicht wahr? Wenn ich also auf den Markt komme, werde ich meinen Esel an den Fuß meines Vaters binden, und niemand wird mir etwas sagen dürfen.«
Eines Tages ging Dscheha auf den Markt; er band seinen Esel an den Fuß seines Vaters und ging dann einen Fleischhandel anfangen. Er kaufte einen magern Ochsen, tötete ihn, deckte ihn ab, zerstückelte ihn und legte die Fleischstücke auf einen großen Stein. Alle andern Fleischer töteten fette Tiere. Sie verkauften und gingen weg; Dscheha blieb zurück. Alle, die bei ihm vorbeikamen, spien aus und setzten ihren Weg fort.
Als es Abend wurde, war er allein noch da. Die Hunde umgaben ihn und er sagte zu ihnen: »Wollt ihr es kaufen?«
Sie begannen alle zu knurren. Dscheha wandte sich zu dem größten im Rudel: »Wenn du für sie bürgst, so verkaufe ich ihnen meinen Ochsen.« Der Hund knurrte. »Ich weiß,« sagte Dscheha, »daß du mir für mein Geld gut bist«, und überließ den Hunden das Feld. Sie fraßen das Fleisch des Ochsen und Dscheha ging.
Am nächsten Markttage kam er wieder und ging sofort zum Grabe seines Vaters. Er sah, daß dort einer sein Maultier angebunden hatte; er fragte: »Wer ist das, der sein Maultier hier angebunden hat?«
Der Herr des Maultiers erhob sich und antwortete: »Ich bins.«
»Was?« sagte Dscheha. »Das ist das Grab meines Vaters. Ich habe seinen Fuß heraußen gelassen, damit alle Welt weiß, daß der Platz mein ist; denn man sieht sehr wohl, daß das das Grab meines Vaters ist, und alle, die herkommen, sollten sich sagen: ›Der Platz gehört Si Dscheha.‹ Hier hat niemand etwas zu suchen.«
Der Eigentümer des Maultiers sagte zu ihm: »Ich habe nicht gewußt, Freund, daß das der Fuß deines Vaters ist; ich habe ihn für ein Stück Holz gehalten.«
Dscheha antwortete: »Von heute an gib acht, nicht wieder hieher zu kommen.«
Von diesem Tage an wurde der Platz Eigentum Dschehas.
ALs der Eigentümer des Maultiers und Dscheha auseinander gegangen waren, begann Dscheha den Hund zu suchen, der die Bürgschaft für die andern Hunde übernommen hatte. Als er ihn gefunden hatte, sagte er zu ihm: »Jetzt will ich mein Geld von dir haben.« Der Hund riß aus, aber Dscheha verfolgte ihn, indem er sagte: »Die Flucht wird dir nichts nützen.«
Er hatte die Absicht, mit diesen Hunden eine gewisse List ins Werk zu setzen; er hatte nämlich sagen hören, die Tochter des Sultans habe seit dem Tage ihrer Geburt weder gelacht, noch gesprochen, und hatte sagen hören, der Sultan habe gesagt: »Ich werde meine Tochter dem geben, der sie zum sprechen bringt.«
Dscheha ging einen Strick kaufen, und den knüpfte er an einen Baum. Dann lief er, um die Hunde zusammenzufangen. Alle, deren er habhaft werden konnte, band er an diesen Strick; und als er sie alle angebunden hatte, ging er mit einem Stocke auf sie los, wobei er in einem fort sagte: »Gebt mir mein Geld.«
Das Haus des Sultans war gegenüber von dem Baume, woran er die Hunde gebunden hatte, und die Tochter des Sultans betrachtete das Schauspiel von ihrem Fenster aus. Dscheha verfolgte die Hunde ununterbrochen; wenn er von der einen Seite her auf sie eindrang, retteten sie sich auf die andere, und wenn er sie verfolgte, liefen sie in einer andern Richtung.
Darob begann die Tochter des Sultans zu lachen. Das hörte die Negerin und ging zum Sultan und sagte: »Herr, meine Gebieterin lacht.« Hastig lief der Sultan hin, und als er bei seiner Tochter war, fragte er sie: »Tochter, warum lachst du? Zeit deines Lebens hast du noch nicht gelacht. Heute hat Gott dein Herz erschlossen.«
»Vater,« antwortete sie, »du siehst, was der Mann dort mit den Hunden treibt; das ist der einzige Grund, daß ich lache.«
Der Sultan sagte zu seinem Sklaven: »Geh zu dem Manne dort, der die Hunde gefangen hat, und sag ihm: ›Wohlan, schenke den Hunden die Freiheit; der Sultan sagt dir: komm.‹« Der Neger ging. Als er bei Dscheha war, wiederholte er ihm die Worte des Sultans.
»Ich werde sie nicht freilassen,« erklärte Dscheha; »ich habe ihnen auf dem letzten Markt einen Ochsen verkauft, und heute haben sie sich geweigert, mich zu bezahlen.«
»Komm doch zum Sultan, Narr, der du bist,« sagte wieder der Neger. »Er wird dich, so Gott will, reich machen. Er selber hat mir gesagt: ›Sag ihm, er soll kommen und die Hunde laufen lassen; ich will ihn bezahlen.‹«
Dscheha ließ die Hunde laufen, sagte aber zu dem Neger: »Vielleicht hast du mich zum besten, und dann habe ichs.«
Dscheha ging also mit ihm, und als er vor dem Sultan stand, sagte dieser zu ihm: »Was hast du mit den Hunden gehabt?«
»Am letzten Markte«, antwortete Dscheha, »habe ich ihnen einen ganzen Ochsen verkauft, und sie haben ihn gefressen. Heute habe ich zu ihnen gesagt: ›Gebt mir mein Geld.‹ Sie haben sich geweigert. Dann habe ich sie gefangen.«
»Wie viel forderst du?«
»Zwanzig Duro.«
»Komm,« sagte der Sultan und ließ Dscheha in ein Zimmer treten. Dscheha sah, daß es voll Gold war.
»Also,« sagte der Herrscher, »nimm dir, was du willst.«
»Das ist es nicht, was ich will,« sagte Dscheha. »Laß mich nur gehn und meine Schuldner wieder fangen.«
Die Tochter des Sultans war dabei; da sie zu lachen begann, sagte Dscheha zu ihr: »Du hast recht, dich über mich lustig zu machen; denn nachdem ich alle beisammen gehabt habe, die mir Geld schuldig sind, bin ich von euch zum Narren gehalten worden. Dein Vater hat den Schwur vergessen, den er deinetwegen geschworen hat. Laß mich jetzt wenigstens gehn, um meine Widersacher zu verfolgen.«
Da der Sultan gesehn hatte, daß Dscheha ein sehr schmutziger Mensch war, hatte er nicht vom Anfang an zu ihm sagen wollen: »Ich gebe dir meine Tochter«; indem aber Dscheha das Wort Schwur aussprach, rief er dem Sultan die Sache ins Gedächtnis, und nun sagte dieser: »Wohlan, so heirate meine Tochter.«
»Ich werde sie nicht heiraten,« antwortete Dscheha, und das zu dem Zwecke, für einen gewichtigen Mann angesehn zu werden.
»Warum willst du sie nicht heiraten?«
»Weil ich, wenn ihr mich auch jetzt sehr schmutzig seht, immerhin der Sohn eines Sultans bin; gebt acht, daß ihr euch nicht in mir täuscht.«
»Das ist gerade das,« sagte der Sultan, »was auch mein Wunsch war; es war mir darum zu tun, daß meine Tochter einen Sultanssohn und nicht irgendeinen schmutzigen Bauer heirate.«
Er gab ihm seine Tochter und Dscheha heiratete sie. Und der Sultan sagte zu ihm: »Nun, mein Schwiegersohn, wirst du bei mir wohnen oder in deinem Hause?«
»Bei dir will ich nicht wohnen,« antwortete Dscheha; »ich habe ein Haus.«
»Also, da ist deine Frau, nimm sie; nimm auch alles Geld, alle Kamele, alle Pferde und alle Maultiere, die du willst.«
Dscheha führte seine Frau weg und nahm überdies diese unendlichen Reichtümer mit.
DScheha führte also seine Frau heim; aber als sie ankam, gefiel ihr das Haus gar nicht, weil sie es voller Schmutz fand. »Was?« sagte sie sich; »dieser Mensch hat mich zum besten gehabt. Er hat mir gesagt: ›Ich bin ein Sultanssohn, ich bin aus einem großen Hause‹; jetzt sieht man, wie schlecht es mit seinem Hause bestellt ist.« Aber sie verschloß diese Gedanken in ihrem Herzen und wollte sie niemand kundtun.
Es kam das Fest heran, und sie sah Dscheha zur Arbeit gehn, obwohl alle Welt dem Feste zu Ehren feierte. »Si Dscheha,« sagte sie zu ihm, »was tust du? alle Welt feiert des Festes halber, und du gehst arbeiten! Hast du mir nicht seinerzeit gesagt: ›Mein Vater ist Sultan‹, und wieder: ›Ich habe ein schönes Haus, ich bin aus einem großen Hause‹?«
»Meine Liebe,« antwortete Dscheha, »es ist wahr, ich habe das gesagt, und ich habe nicht gelogen; ich will jetzt nur eine kleine Arbeit verrichten.«
»Kein Mensch verrichtet in der Festzeit eine Arbeit, weder eine kleine, noch eine große; man arbeitet an den andern Tagen genug.«
»Das ist wahr, meine Liebe. Aber wenn mich die Dorfleute feiern sehn, feiern sie; sehn sie mich zur Arbeit gehn, gehn auch sie. Ich, ich bin wohl in der Lage, nichts zu tun; mir wird es an nichts mangeln. Daß ich öffentlich so tue, geschieht nur, damit nicht die Kinder des Volkes unaufhörlich im Hunger leben.«
Ein andermal sagte sie zu ihm: »Si Dscheha, wie ist nur das Kleid, das du trägst, zugeschnitten? warum kleidest du dich nicht wie die Sultanssöhne?«
»Meine Liebe,« antwortete er, »auf schöne Kleider gebe ich nichts der Leute halber; sie machen alles, was ich mache: gehe ich ihnen im Müßiggang voran, so arbeiten sie auch nichts mehr; gebe ich ihnen ein Beispiel mit schönen Kleidern, so werden auch sie sich, wenn sie ein paar Groschen haben, solche kaufen, und die ganze Familie wird Hunger leiden.«
»Wieso ist es möglich gewesen, Si Dscheha, daß du mir gesagt hast: ›Ich bin Sultan‹? Ich sehe dich doch niemals das Herrscheramt ausüben. Niemand im Volke nennt dich Sultan oder Sultanssohn. Du hast mich belogen; du bist sicherlich nichts sonst als ein Bettler und legst dir die Eigenschaft eines Sultans fälschlich bei.«
»Ich frage dich,« antwortete Dscheha, »was deine Absicht ist. Hast du die Absicht, hier zu bleiben, so mach nicht die Närrin und bleib in deinem Hause. Wenn du merkst, daß du den Verstand verloren hast und meiner vielleicht überdrüssig bist, so geh wieder heim zu deinem Vater. Ich liebe keine Leute, die sich, obwohl von geringem Stande, doch besser dünken als die andern. Ich für meine Person bin der Sultan meiner Brüder, und es ist mir unmöglich, jemand unrecht zu tun, wer immer es sei.«
»Ich glaube es nicht eher, daß du Sultan bist, als bis du den Muezzin getötet hast, der mich jeden Morgen so zeitlich früh weckt.«
»Morgen werde ich ihn töten,« sagte Dscheha. »Ich werde dir seinen Kopf bringen, und du wirst so erkennen, ob ich ein Sultan bin oder ein Betrüger.«
AM nächsten Morgen ließ Dscheha den Muezzin bis auf die Spitze des Minarets steigen; dann ging er ihm nach und schlug ihm den Kopf ab. Den gab er seiner Frau mit den Worten: »Da hast du den Kopf des Menschen, der dich alle Morgen früh geweckt hat.«
Und sie sagte: »Nun sehe ich, daß du Sultan bist.«
Dscheha ging einen Hammel kaufen, und den kehlte er ab. Den Kopf des Muezzins warf er in den Brunnen; den Kopf des Hammels, den er getötet hatte, versteckte er und legte ihn unter eine große Holzschüssel.
Gegen Mittag begannen die Leute den Muezzin zu suchen, konnten ihn aber nicht finden. Endlich stiegen sie aufs Minaret, und dort fanden sie ihn tot mit abgeschlagenem Kopfe. Und sie sagten: »Wer hat unsern Muezzin getötet?« Einer nahm das Wort und sagte: »Si Dscheha habe ich heute zeitlich früh hier heraufsteigen sehn; der hat ihn vielleicht getötet.«
Sie gingen zu Si Dscheha und sagten zu ihm: »Si Dscheha, hast du den Muezzin getötet?«
»Nein,« antwortete er. »Was hat er mir getan, daß ich ihn hätte töten sollen? Seht nach, wer mit ihm auf schlechtem Fuße gestanden ist; der hat ihn auch getötet. Ich war es nicht.«
»Der Mann, der dich hat aufs Minaret steigen sehn, hat gesagt, du hast ihn getötet. Du belügst uns. Wir wollen dein Haus durchsuchen, ob wir nicht seinen Kopf finden.«
»Kommt und sucht,« sagte Dscheha.
Sie traten ein und begannen zu suchen; sie stöberten das ganze Haus durch, fanden aber nichts. Da fiel einem die große Holzschüssel auf, die verkehrt dalag, und er ging hin, und hob sie auf; und er fand darunter den Hammelkopf. Nun sagte er zu seinen Gesellen: »An dieser Stelle, die uns verdächtig war, finde ich einen Hammelkopf. Es ist also wahrscheinlich, daß es nicht Dscheha war, der den Muezzin getötet hat.«
Darauf gingen sie alle nach Hause, und Dscheha war gerettet.
DScheha traf im Walde einen Schakal und zu dem sagte er: »Du Schakal, wie bist du denn eigentlich geartet? Du tust Tag und Nacht nichts andres, als im Walde herumzulaufen. Komm, geh mit mir nach Hause, und wir werden miteinander wohnen; was ich esse, wirst du essen, und wenn ich nichts tue, wirst du nicht mehr tun.«
»Gott hat mich erschaffen,« antwortete der Schakal, »damit ich im Busche herumlaufe, und es ist mir unmöglich, in einem Hause zu verweilen.«
»Meine Absicht ist,« erwiderte Dscheha, »dir gutes zu tun.«
»Du bist listig,« sagte der Schakal; »aber wenn du eine List hast, so habe ich ihrer zehn. Darum wird es dir nie gelingen, mich zu foppen.«
»Mein lieber Freund, ich habe auch nicht eine einzige List; du bist eben mißtrauisch. Ich will nur, daß du mit mir nach Hause essen und trinken kommst. Das ist besser, als so durch den Wald zu schweifen, ausgesetzt den Dörnern, der Kälte und dem Hunger.«
»Ich wiederhole dir,« sagte der Schakal, »daß du ein großer Schurke bist; ich bin es auch. Wir werden also niemals zusammenkommen.«
»Und warum nicht?« sagte Dscheha; »sind wir nicht Brüder? Ich bin von Mitleid für dich bewegt gewesen; sonst hätte ich nicht so mit dir gesprochen.«
»Ich habe es dir gesagt und ich wiederhole es dir, daß ich nicht mitgehn werde; sobald du aber darauf bestehst, gut, so gehe ich mit.«
Der Schakal begleitete also Dscheha. Und als sie dann zu Hause angelangt waren, sagte er: »Ins Haus gehe ich nicht; ich werde vor der Tür schlafen.«
»Warum willst du nicht im Hause schlafen?« fragte ihn Dscheha; »da heraußen ist es ja kalt.«
»Ich will hier bleiben; ich bin an die Kälte gewöhnt. Ins Haus gehe ich nicht.«
»Meinetwegen,« sagte Dscheha; »bleib also da.«
Der Schakal hielt sich nun gewöhnlich draußen auf und Dscheha im Hause. Zu Mittag brachte ihm Dscheha das Mittagessen, am Abende das Nachtmahl. Schließlich mußte aber Dscheha einmal weggehn, und da gab er seiner Frau folgende Aufträge und sagte zu ihr: »Gib acht; laß deinen Sohn nicht heraus.« Er wußte, daß man vor dem Schakal auf der Hut sein mußte. Dann entfernte er sich, und seine Frau ging ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach. Der kleine Knabe trat vor die Tür. Als ihn der Schakal sah, stürzte er sich auf ihn und fraß ihn. Dann leckte er alles Blut auf und ließ nichts übrig, was ihn hätte verraten können.
Die Mutter des Knaben kam heraus, um ihn zu suchen. Als sie ihn nicht fand, ging sie zum Schakal und sagte zu ihm: »Hast du vielleicht mein Kind gefressen?«
»Das ist sehr gut,« sagte der Schakal; »so also steht es? Warum hat mich denn dein Mann hergebracht? Vielleicht deswegen, damit ich mich heute über dein Gezeter ärgern soll?«
Dscheha, der in diesem Augenblicke zurückkam, blieb auf der Straße stehn; als er seine Frau weinen hörte, lief er herbei und sagte: »Was hast du?«
»Der Schakal, den du hergebracht hast, hat deinen Sohn gefressen.«
Der Schakal tat, als ob er zornig wäre, und sagte zu Dscheha: »Ich habe es dir am ersten Tage gesagt: laß mich, ich gehe nicht her. Dann hast du mich aber gezwungen zu kommen. Jetzt segne dich Gott! So also handeln Freunde an ihren Freunden? Laß mich augenblicklich gehn.«
»Bleib nur,« sagte Dscheha, »und mache dir nichts aus den Reden einer Frau.«
Er ging zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Schweig, sage ich dir, damit er bleibt und nicht geht. Daß er meinen Sohn gefressen hat, bezweifle ich nicht; vorderhand aber wollen wir ihn dabehalten, damit ich ihn töte, ihn, der mein Kind gefressen hat.«
Der Schakal erriet alles. Si Dscheha dachte bei sich, daß er auf den Schakal, nachdem er ihn habe einschlafen lassen, losgehn und ihn abkehlen werde; aber der Schakal, der voraussah, was ihm geschehn sollte, ließ seine Wirte einschlafen, sprang über die Mauer und suchte das Weite.
Si Dscheha und seine Frau standen auf und er ging an den Ort des Schakals; aber er fand, daß der Schakal nicht mehr da war. Er kehrte zu seiner Frau zurück und sagte zu ihr: »Du bist schuld daran, daß er gegangen ist. Hättest du nicht mit ihm gesprochen, so hätte er sich nicht geflüchtet und wir hätten ihn getötet; nach dem Auftritte aber, den du ihm gemacht hast, hat er fortgehn müssen.«
ALs Dscheha alt wurde, ließ sein Gesicht nach, und er sah nicht mehr so gut wie in seinen jungen Jahren: einst hatte er ein Rebhuhn oder einen Hasen auf fünfhundert Schritt gesehn und mit jedem Pfeil, den er abschoß, sein Ziel getroffen; jetzt aber zitterten seine Hände und er sah nicht mehr so gut. Als seine Freunde diese Zeichen des Greisenalters bemerkten, machten sie sich lustig über ihn. Um ihnen nun den Mund zu stopfen, dachte er sich eine List aus, die wir erzählen wollen.
Er kaufte einen jungen Hund, den er Packan nannte, und richtete ihn auf jede Jagd ab; und er lehrte ihn alles bringen, was er ihm angab. Oft versteckte er am Morgen einen toten Hasen im Gebirge; er zeigte dem Hunde den Ort, wo er ihn hinlegte, und ging mit ihm zurück nach Hause. Gegen Mittag sagte er dann dem Hunde: »Such.« Packan lief ins Gebirge und kam im Nu mit dem Hasen im Maule zurück. Schließlich war der Hund ausgezeichnet abgerichtet. Dscheha wartete den Tag des großen Festes ab, um die Dorfleute zu verblüffen.
An diesem Tage legte er am Morgen einen toten Hasen neben einen Baum, der mehr als fünfhundert Schritt vom Dorfe entfernt war, und zeigte ihn seinem Hunde. Zu Mittag lud er seine Nachbarn ein, den Kaffee vor seiner Tür zu nehmen. Es kamen Leute von allen Seiten, und es war eine große Menge da, als sich Si Dscheha plötzlich erhob und schrie: »He, Freunde! seht ihr dort unten den Hasen neben dem Baume?« Alle machte große Augen und blickten angestrengt hin; da sie nichts sahen, sagten sie zu Dscheha: »Du bist ein Narr; wieso könntest du denn einen Hasen auf diese Entfernung sehn?«
»Ich begreife,« antwortete Dscheha, »daß ihr ihn mit euerm schwachen Gesichte nicht bemerken könnt; aber ich sehe ihn.« Dann wandte er sich an seine Frau: »Bring mir meinen Bogen und meine Pfeile. Ich will einmal diesen jungen Leuten zeigen, daß weder mein Auge, noch mein Arm schwach geworden ist.« Er nahm einen Pfeil und schoß ihn ins Blaue ab. »Ich habe ihn getroffen!« schrie er. Und zu seinem Hunde: »Lauf, Packan, und bring den Hasen; heute Abend wollen wir ihn essen.« Der Hund sprang auf und lief davon. Einen Augenblick später kam er zurück, im Maule einen bluttriefenden Hasen.
Alle Welt war verdutzt. Von nun an machte man sich nicht mehr über Si Dscheha lustig, der das Stückchen noch drei- oder viermal aufführte. Ausnahmslos waren alle überzeugt, daß Dschehas Schießfertigkeit und Sehschärfe verblüffend waren. Und von diesem Tage an ehrte ihn das Volk noch mehr als früher.
DScheha hatte einen Freund, und das war der einzige Mensch auf der Welt, zu dem er ein volles Vertrauen hatte; er aß und trank sehr häufig bei ihm. Allen andern Menschen mißtraute er.
Eines Tages kam nun sein Freund und sagte zu ihm: »Komm mit mir spazieren gehn.«
»Mein Freund,« antwortete Dscheha, »ich bin nicht frei. Da du jedoch selber gekommen bist, so lasse ich meine Geschäfte und begleite dich. Wäre ein anderer zu mir gekommen, und hätte er mir alle Güter der Erde gegeben, ich hätte ihn nicht begleitet. Da aber du es bist, so kann ich dich nicht also verabschieden.«
Er ging und begleitete seinen Freund, und der sagte, als sie bei seinem Hause waren: »Komm mit hinein, Si Dscheha.«
»Mein Freund,« sagte Dscheha, »das sind die Gemächer der Frauen; zu den Frauen uns zu setzen, schickt sich nicht. Gehn wir lieber in ein Zimmer, wo wir allein sind.«
Nun hatte dieser Freund für Si Dscheha in den Frauengemächern eine Grube gegraben; Dscheha wußte davon nichts. Als Dscheha geantwortet hatte: »Gehn wir zwei ganz allein ins Zimmer,« sagte der andere zu ihm: »Warum sollen wir uns nicht im Hause einrichten? es ist leer. Das Zimmer ist klein, und nicht einmal ein einzelner Mann hätte genug Platz, sich zu setzen.«
»Gut,« sagte Dscheha, »gehn wir, wohin du willst.«
Dieser Freund, auf den Dscheha so viel Vertrauen setzte, hatte ihn verraten und Geld von Leuten genommen, denen Dscheha geschadet hatte.
Er führte also Dscheha ins Haus. Dscheha versah sich keineswegs von diesem Manne, daß er ihn töten würde, da er sein vertrauter Freund war; darum eben kam ihm der Gedanke nicht, als er ins Haus trat. Der Freund hatte über die Grube eine Matte gespannt und darüber noch einen Teppich gebreitet.
Als Dscheha beim Eintritte den Teppich sah, dachte er, das sei eine Aufmerksamkeit, die ihm sein Freund erweise; er ging vorwärts, um auf dem Teppich Platz zu nehmen, und fiel in die Grube.
Augenblicklich lief der Verräter zu denen, die ihm Geld gegeben und zu ihm gesagt hatten: »Du wirst Si Dscheha töten; denn er hat uns viel geschädigt.« An diesem Tage kam er nun ihnen sagen: »Ich habe Si Dscheha getötet.«
»Wir gehn mit dir,« sagten sie, »um zu sehn, wie du ihn getötet hast.« Und sie gingen mit ihm.
Im Hause angelangt, beugten sie sich über die Grube und sahen auf ihrem Grunde Si Dscheha. »Si Dscheha,« sagten sie zu ihm, »hast du es nun satt, alles nur nach deinem Kopfe machen zu wollen? Jetzt, nicht wahr, wirst du uns keinen Schaden mehr zufügen.«
»Wahrhaftig,« sagte Dscheha, »ihr seid es nicht, die meinen Untergang herbeigeführt haben; mein Freund ist es, mit dem ich oft Brot und Salz gegessen habe; sooft er mit mir aß, sooft aß ich mit ihm. Bis jetzt habe ich ihm nie etwas böses getan; er hat es mir zuerst getan, Gott Lob!«
Die Männer kehrten sich zu dem, der ihn also in die Grube gestürzt hatte, und sagten zu ihm: »Er ist nicht tot. Es ist möglich, daß er wieder herauskommt. Ist er nicht der schlaueste von allen Menschen? Er wird die Wände untergraben, bis so viel Erde herunterfällt, daß er heraufkommen kann; dann wird er uns alle töten, dich so wie uns.«
»Da ist eine Flinte,« sagte der Mann; »einer von euch soll auf ihn schießen.« Er gab ihnen die Flinte.
Der eine trat vor, um zu schießen, aber Si Dscheha stieß einen mächtigen Schrei wider ihn aus. Von Schrecken gepackt, fiel der Mann zu Dscheha in die Grube und fiel sich zu Tode. Die Flinte ging von selber los und die Kugel durchbohrte Si Dscheha.
Der Freund dessen, der, als er auf Dscheha feuern wollte, in die Grube gefallen war, sagte nun zu dem Manne, der Dscheha hinuntergestürzt hatte: »Dscheha, ists nicht wahr, hat einen Streich geführt und den einen von uns getroffen.«[7]
Der Verräter blieb daheim und der andere ging nach Hause; Si Dscheha und sein Gesell lagen beide tot auf dem Grunde der Grube.
IV.
Maltesische Überlieferungen
ALs die Mutter Dschahans eines Tages krank war, befahl ihm der Arzt, etwas Urin von ihr aufzuheben; am nächsten Tage werde er kommen und den Urin untersuchen. Der Arzt kam auch, und Dschahan beeilte sich, ihm das Gefäß zu zeigen. Der Arzt wunderte sich, es bis zum Rande voll zu finden, aber Dschahan erklärte ihm die Sache, indem er sagte: »Meiner ist auch dabei; der meinige ist oben.«
DSchahan war einmal mit einer Henne in der Hand auf dem Wege zu seinem Herrn, um sie ihm zu schenken; aber etliche Räuber rissen sie ihm aus der Hand und entflohen. Dschahan nahm sich vor, sich zu rächen. Nachdem er den Ort, wo sie wohnten, ausfindig gemacht hatte, ging er, als Mädchen verkleidet, hin, und es gelang ihm, in ihrem Hause als Magd Aufnahme zu finden.
Als nun die Räuber eines Tages ausgegangen waren, stieg er auf das flache Dach, stellte dort eine Strohpuppe auf, die ihm ähnlich war, bestrich die Stufen der Stiege, die zum Dache führte, bis hinunter mit Seife, belud sich mit einer Menge kostbarer Dinge, die die Räuber besaßen, verließ das Haus, schloß die Tür ab und lief heim.
Nachdem die Räuber bei ihrer Rückkehr vergebens gerufen hatten, daß ihnen geöffnet werden solle, traten sie die Tür ein und stürzten blindlings die Stiege hinauf, entschlossen, sich an der frechen Dirne zu rächen, die noch immer auf dem Dache stand, als ob sie sich über sie lustig machen wollte; aber sie glitten allesamt aus und fielen einer auf den andern, und so war die Rache Dschahans erfüllt.[8]
ES war einmal ein Junge, der Dschahan hieß, und der sagte zu seiner Mutter: »Gib mir einen Centime.« Sie antwortete: »Wozu?« »Damit ich mir Bohnen kaufe.« »Bohnen haben Schalen.« »Dann werde ich mir Nüsse kaufen.« »Die haben auch Schalen.« »Dann werde ich mir Erbsen kaufen.« »Gut,« sagte die Mutter und gab ihrem Dschahan drei Centimes; und er ging hin und kaufte sich Erbsen.
Nun aß er darauf los, bis er nur noch eine Erbse hatte. Diese gab er, da er noch keine Messe gehört hatte, einer Frau und bat sie: »Heb sie mir auf; ich will zur Messe gehn.« Die Frau antwortete: »Leg sie nur auf den Sims.« Aber ein Huhn fraß die Erbse, und als Dschahan zurückkam und sagte: »Ich komme um die Erbse«, antwortete die Frau: »Deine Erbse hat die Henne gefressen.« Da begann Dschahan zu schreien: »Entweder die Erbse oder die Henne!« Und die Frau sagte: »Nimm die Henne«, und gab sie ihm.
Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten; er sah eine alte Großmutter, die spann, und zu der sagte er: »Großmutter, erlaube, daß ich die Henne dalasse; ich werde sie bald wieder abholen.« Als dann die Messe zu Ende war, wollte er sie abholen, aber die Frau sagte zu ihm: »Geh dorthin zu den Truthühnern; dort ist sie.« Dschahan schrie: »Aber sie ist ja tot! Die Truthenne hat sie getötet!« Und weiter schrie er: »Entweder die Henne oder die Truthenne!« Da gab ihm die alte Frau die Truthenne.
Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten; er sah unter einer Haustür eine Frau, und zu der sagte er: »Darf ich die Truthenne dalassen?« Die Frau antwortete: »Geh und laß sie bei den Schweinen.« Als er dann von der Messe zurückkam, wollte er die Truthenne wieder haben, aber die Frau sagte zu ihm: »Die Sau hat sie dir getötet.« Da begann er zu schreien: »Mir ist alles einerlei! entweder die Truthenne oder die Sau!« Und die Frau gab ihm die Sau.
Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten, und als er eine Frau unter ihrer Haustür sah, sagte er zu ihr: »Darf ich die Sau für einen Augenblick dalassen?« Die Frau sagte: »Steck sie zur Stute.« Als er dann von der Messe zurückkam und zu der Frau sagte: »Gib mir meine Sau«, antwortete sie ihm: »Die hat die Stute getötet.« Da sagte Dschahan: »Das ist mir einerlei! entweder die Sau oder die Stute!« Und die Frau sagte zu ihm: »Nimm dir die Stute.«
Dschahan ging zu einer andern Frau und bat sie: »Laß mich die Stute dalassen.« Die Frau sagte: »Ja; laß sie da.« Nun mistete die Stute auf den Boden; die Frau hatte aber eine junge Tochter und die sagte zu ihr: »Was hast du denn da hereingebracht?«, und begann mit ihr zu zanken, weil sie den Boden eben gewaschen hatte. Und da sie ihn so beschmutzt sah, nahm sie eine Stange und begann die Stute zu prügeln, bis sie tot war. Da kam Dschahan um seine Stute und fragte: »Wo ist sie?« Die Frau antwortete: »Das Mädchen hat sie getötet.« Und die Frau schenkte ihm die Tochter und Dschahan steckte sie in einen Sack und ging damit weg.
Wieder hörte er zur Messe läuten; er sah eine alte Großmutter und zu der sagte er: »Erlaube mir, daß ich den Sack für ein wenig dalasse.« Die Alte antwortete: »Leg ihn auf den Sims da«, und Dschahan legte ihn hin. Da aber die Alte sah, daß sich der Sack bewegte, öffnete sie ihn; und sie fand das Mädchen darinnen. Sie nahm es und versteckte es, und den Sack füllte sie mit Scherben. Und damit ist die Geschichte aus.
DSchahan wollte einmal Matrose werden; darum ging er auf ein Schiff. Der Kapitän sprach zu ihm: »Dschahan, was kannst du leisten?« »Herr Kapitän, ich kann von unten nach oben steigen und von oben nach unten.« Da sagte der Kapitän: »Gut; klettere den Mastbaum hinauf.« »Nein, Herr Kapitän; der ist mir zu hoch. Ich kann nicht hinaufsteigen; aber ich werde dir zeigen, wie man etwas im Hinuntersteigen leistet. Laß mir einen Kessel Suppe holen.« Man brachte den Kessel, und Dschahan, der ein Vielfraß war, aß alles auf. Als der Boden des Kessels sichtbar wurde, rief er: »Seht ihrs nun? Auch das Hinuntersteigen — mit dem Löffel — ist eine Leistung.«
DSchahan hatte schon öfters darüber nachgedacht, wo wohl die Schweine wüchsen, und auf welchen Bäumen. Und gar zu gern hätte er so einen mit kleinen Schweinchen behangenen Baum gesehn: vielleicht könnte er dann auch ein kleines Zweiglein erhaschen, das, in die Erde gesteckt, mit der Zeit zu einem großen Schweinchenbaum wachsen würde. Aber nie gelang es ihm, einen solchen Baum zu sehn, und darum ersann er ein andres Mittel. Er fragte einen alten Mann: »Großvater, was tut ihr mit dem geschlachteten Schweine?« »Junge, wir salzen es ein und tun das Fleisch in einen Kübel.« »Ach, dann macht ihr es also wie mit den Oleanderbäumen?« »Du Lamm, sei so gut und laß mich in Ruhe; ich muß arbeiten.« Dschahan entfernte sich und dachte: »Also, wie mit den Oleanderbäumen muß es gemacht werden, um die Schweine fortzupflanzen; ich werde mir einen solchen Schweinebaumsetzling verschaffen.«
Hierauf lief er heim, und da seine Mutter auf dem Felde arbeitete, so war er ganz ungestört: er ging in den Stall, nahm das alte fette Schwein heraus, schlachtete es, rieb es mit Salz ein, steckte es in einen alten Kübel, tat Erde darüber und stellte ihn in den Hof. Dschahans Mutter kam alsbald nach Hause; da sie das Tier vermißte, so fragte sie Dschahan nach seinem Verbleibe. Er erwiderte: »Mutter, hab keine Sorge; diesmal habe ich sicher nichts unrechtes getan. Für das eine Schwein wirst du eine Unmenge von kleinen Schweinchen erhalten. Die kannst du dann verkaufen; und einen Teil von ihnen ziehst du auf, und wir werden fürderhin keinen Mangel an Schweinefleisch haben.« Da gab sich die Mutter zufrieden und forschte nicht weiter nach.
Aber es vergingen Tage, Wochen, Monate, und das Schwein im Kübel wollte keine Schößlinge treiben. Es zeigten sich noch immer keine grünen Spitzen. Der arme Dschahan wurde immer betrübter, umsomehr als die Mutter täglich nach dem alten Schwein und den versprochenen Ferkelchen fragte. Als sie endlich die volle Wahrheit darüber wissen wollte, was mit dem alten Schweine geschehn sei, da rief Dschahan verzweifelt aus: »Das dumme Schwein will keine Schößlinge treiben.« »Was? Schößlinge treiben?« »Es will nicht keimen und keinen Schweinebaum sprossen lassen, von dem wir Ferkelchen pflücken könnten! Mein Gott, schon seit vier Monaten liegt das dumme Tier im Oleanderkübel; vielleicht war es nicht genug eingesalzen.« Da begriff die Mutter. Tobend und fluchend zerrte sie den armen Dschahan hin, wo der Kübel stand, und hieß ihn die Erde herausnehmen. Aber kaum entfernte Dschahan die oberen Erdschollen, als sich ein unausstehlicher Geruch bemerkbar machte: das Schwein war in Fäulnis übergegangen und stank wie Pestilenz. Daß der arme Dschahan diesmal mehr Prügel erhielt als gewöhnlich, brauchen wir nicht erst zu sagen.
DIe Mutter Dschahans hatte ein mageres Schweinchen; Dschahan aber hatte großen Appetit auf Schweinfleisch und fragte beständig: »Mutter, wann schlachten wir denn eigentlich das Tier, das Borsten hat und grunzt?« Da antwortete die Mutter immer: »Sobald ihm das Fett vom Hintern tropft.« Da aber Dschahan dies nie sah, ärgerte er sich über das faule Tier; er ging hin, kaufte Fett und bestrich das Schwein in einer Weise, daß das Fett hinten abtropfen mußte. Als er diese Arbeit verrichtet hatte, lief er hin zur Mutter und teilte ihr mit, daß das Fett anfange, hinten am Schweinchen abzutropfen. Die Mutter überzeugte sich davon und schlachtete das Tier. Dschahan fragte jetzt: »Mutter, wie wird das Fleisch nun zubereitet?« Die Mutter antwortete: »Im Acker stehen Kohlköpfe: auf jeden Kohlkopf eine Schnitte Fleisch.« Als nun Dschahan einmal allein im Hause war, nahm er den Steintopf, in dem das Fleisch eingesalzen lag, und trug ihn hinaus auf den Krautacker. Dort steckte er in jeden Kohlkopf eine Schnitte Fleisch und sah zu, wie die Hunde, Katzen und Feldmäuse davon fraßen. Den nächsten Tag wollte die Mutter von dem Schweinefleische kochen, konnte aber den Topf nicht finden. Als sie nun Dschahan befragte, antwortete dieser: »Ach, du hättest nur sehen sollen, wie sich die Hunde, die Katzen und die Mäuse satt gefressen haben! kein Schnittchen ist übrig geblieben; und jeder Krautkopf hat seine Fleischschnitte gehabt! Wie sie herumrasten, diese Fresser, wenn sie einander herumbissen!« Da rief die Mutter: »Also bist du wirklich ein Dschahan! Und darum müssen alle Leute sagen: ›Dumm ist Dschahan, ein Esel ist er, Verstand hat er keinen, ein Tropf ist er!‹«
DSchahan fuhr einst mit seinem Gemüsekarren zur Stadt. Auf dem Wege sah er vor sich einen Herrn, der keine Anstalten machte, ihm auszuweichen. Dschahan rief etliche Male laut: »Geh aus dem Wege!«; aber der Herr rührte sich nicht, und Dschahan konnte nicht mit seinem Gefährte ausweichen, da der Weg abschüssig und schmal war. Drum warf Dschahans Karren den Herrn um, und so kam es, daß Dschahan eines Tages zum Gerichte vorgeladen wurde. Dort antwortete er nun auf keine Frage der Richter, und diese sagten zu dem Kläger: »Der Angeklagte ist ja stumm; gegen einen Stummen gehn wir nicht vor.« Doch der Ankläger entgegnete: »Das ist doch wohl eine Finte dieses boshaften Menschen, da ich ganz genau weiß, daß er sprechen kann. Er rief mir ja damals, bevor er mich überfuhr, zu: ›Geh aus dem Wege!‹ und nicht nur einmal, sondern mehrere Male.« Aber da stand der Richter auf und schrie den Kläger an: »Was suchst du uns dann auf? wir haben andere Sachen zu tun, als Leuten wie dir zu helfen! Warum bist du nicht ausgewichen, als er dich angerufen hat? Jetzt mußt du die Gerichtskosten bezahlen.« Dschahan aber ging straflos heim.
V.
Sizilianische Überlieferungen
ES wird erzählt, daß einmal eine Mutter war, die einen Sohn hatte, Giufà mit Namen, und sie war sehr arm; dieser Giufà war ein Tölpel und ein fauler Lümmel und ein Schelm. Seine Mutter hatte etwas Leinwand und da sagte sie zu Giufà: »Wir nehmen etwas Leinwand, und du gehst sie in einem weit entfernten Dorfe verkaufen; sie darf aber nur an Leute verkauft werden, die wenig reden.« Giufà warf sich die Leinwand über die Schulter und ging sie verkaufen.
In einem Dorfe angelangt, begann er zu schreien: »Wer will die Leinwand?« Die Leute riefen ihn und fingen viel zu reden an; der eine meinte, sie sei zu grob, der andere, zu teuer. Giufà meinte, sie redeten zu viel, und wollte sie ihnen nicht geben. Wie er nun dahin und dorthin ging, kam er in einen Hof; dort war kein Mensch, aber eine gipserne Statue sah er, und zu der sagte er: »Wollt Ihr die Leinwand kaufen?« Die Statue sagte kein Wort, und so sah er, daß sie wenig redete. »Da muß ich die Leinwand also Euch verkaufen, weil Ihr wenig redet.« Er nahm die Leinwand und hängte ihr sie um: »Morgen komme ich dann um das Geld.« Und damit ging er.
Als es tagte, ging er um das Geld; die Leinwand war nicht mehr da, und er sagte: »Gib mir das Geld für die Leinwand.« Die Statue antwortete nichts. »Da du mir das Geld nicht geben willst, werde ich dir zeigen, wer ich bin.« Er holte sich ein Beil und schlug auf die Statue los, bis sie zusammenstürzte; und in ihrem Bauche fand er einen Krug voll Geld. Er steckte das Geld in den Sack und ging heim zu seiner Mutter; angekommen, sagte er zu ihr: »Ich habe die Leinwand einem verkauft, der nichts redete, und am Abende hat er mir kein Geld gegeben; da bin ich am Morgen mit einem Beile hingegangen und habe ihn erschlagen und zur Erde geworfen, und da hat er mir dieses Geld gegeben.« Die Mutter, die eine kluge Frau war, sagte zu ihm: »Sag niemand etwas; das Geld wollen wir langsam verzehren.«
EIn andermal sagte die Mutter zu ihm: »Giufà, ich habe da ein Stück Leinwand, das muß ich färben lassen; geh damit zum Färber und laß es ihm dort, er soll es dunkelgrün färben.« Giufà warf die Leinwand über die Schulter und ging. Unterwegs sah er eine schöne, große Eidechse; da er sah, daß sie grün war, sagte er: »Meine Mutter schickt mich und sie will diese Leinwand gefärbt haben.« Und dabei legte er sie nieder. »Morgen komme ich sie holen.«
Als er heimkam und seine Mutter die Geschichte hörte, begann sie sich die Haare auszuraufen und zu jammern: »Du elender Kerl! was für einen Schaden machst du mir! Lauf, und schau, ob sie noch dort ist!« Giufà ging zurück, aber die Leinwand war verschwunden.
MAn erzählt, daß Giufà eines Morgens Kräuter sammeln gegangen ist, und dabei hat ihn die Nacht im Freien überrascht; wie er so dahinschritt, war da der Mond, und der war umwölkt und kam zum Vorschein und verschwand wieder. Giufà setzte sich auf einen Felsen und schaute zu, wie der Mond kam und ging; und wann er kam, sagte er: »Komm! komm!« und wann er ging: »Geh! geh!« Und er hörte nicht auf, zu sagen: »Komm! komm! Geh! geh!«
Nun waren unten am Wege zwei Diebe, die ein Kalb häuteten, das sie gestohlen hatten. Da die sagen hörten: »Komm! Geh!«, befiel sie die Angst, daß die Häscher kämen; sie nahmen Reißaus und ließen das Fleisch liegen. Als Giufà die zwei Diebe laufen sah, ging er nachsehn, was es gebe, und da fand er das gehäutete Kalb; er nahm das Messer, schnitt tüchtig Fleisch herunter, füllte damit seinen Sack und ging. Zu Hause angekommen, sagte er: »Mutter, macht auf!« Seine Mutter sagte zu ihm: »Warum kommst du so spät in der Nacht?« »Ich bin in der Nacht gekommen, weil ich Fleisch gebracht habe, und das müßt Ihr morgen alles verkaufen; das Geld wird mir trefflich zustatten kommen.« Seine Mutter sagte zu ihm: »Morgen gehst du wieder hinaus, und ich verkaufe das Fleisch.« Als es Tag geworden war, ging Giufà hinaus, und seine Mutter verkaufte das ganze Fleisch.
Am Abende kam Giufà und sagte zu ihr: »Mutter, habt Ihr das Fleisch verkauft?« »Ja, ich habe es den Fliegen auf Kredit verkauft.« »Und wann sollen sie Euch das Geld geben?« »Wann sie es haben.« Es vergingen acht Tage und die Fliegen brachten kein Geld; da machte sich Giufà auf und ging zum Richter und sagte zu ihm: »Herr Richter, ich will Gerechtigkeit haben; ich habe das Fleisch den Fliegen auf Kredit verkauft, und sie sind mich nicht bezahlen gekommen.« Der Richter sagte zu ihm: »Ich gebe dir den Spruch, daß du jede, die du nur siehst, töten darfst.« Just in diesem Augenblicke setzte sich eine Fliege auf des Richters Kopf; Giufà schlug mit der Faust auf sie los und zertrümmerte dem Richter den Schädel.
VOn der Arbeit wollte Giufà nichts wissen, aber essen, trinken und nichtstun gefiel ihm. Er aß, und dann ging er weg und trieb sich hier und dort herum. Seine Mutter war darüber ärgerlich, und immer sagte sie zu ihm: »Giufà, was für ein Lebenswandel ist das? Du machst ja keine Anstalt, ein Handwerk zu ergreifen: du ißt, du lebst, und was aus dir wird, das ist die Frage.... Jetzt dulde ich das aber nicht mehr: entweder du gehst dir dein Brot verdienen, oder ich werfe dich auf die Straße.«
Nun ging Giufà einmal in die Cassarustraße[9], um sich Kleider zu verschaffen. Bei dem einen Händler nahm er das eine, das andere bei dem andern, bis er ganz neu gekleidet war, sogar auch mit einer schönen roten Mütze — damals gingen alle mit Mützen; jetzt geht der schäbigste Handwerker mit einem Seidenhut oder wenigstens mit einem Filzhut. Aber Giufà bezahlte die Sachen nicht, weil er kein Geld hatte; er sagte: »Borg mir; dieser Tage komme ich zahlen.« Und so sagte er allen Händlern.
Als er sich ordentlich herausstaffiert hatte, sagte er: »Nun also, jetzt wären wir so weit; jetzt kann meine Mutter nicht mehr sagen, ich sei ein Taugenichts! Aber wie soll ich es mit der Bezahlung der Händler machen?.... Ich werde mich tot stellen, und wir werden sehn, wie es ausgeht ...« Er warf sich aufs Bett: »Ich sterbe! ich sterbe! .... Ich bin gestorben!« Und er kreuzte die Hände und streckte die Beine. »Sohn, Sohn! was für ein Unglück!« Seine Mutter raufte sich vor Schmerz die Haare aus. »Wie ist denn das Unglück geschehn? O mein Sohn!« Als die Leute diesen Lärm hörten, liefen sie herbei, und alle bemitleideten die arme Mutter. Die Kunde verbreitete sich, und die Kaufleute kamen nachsehn, und die sagten, als sie ihn tot sahen: »Armer Giufà! Er war mir — sagen wir — sechs Tari schuldig, weil ich ihm ein Paar Schuhe verkauft habe .... Aber ich schenke sie ihm!« Und alle gingen und schenkten ihm ihre Guthaben, so daß Giufà aller seiner Schulden ledig war. Der von der roten Mütze jedoch hatte, ich weiß nicht, was für einen Ärger; er sagte: »Ich aber lasse ihm die Mütze nicht.« Er ging hin und fand die Mütze nagelneu auf seinem Kopfe. Und was hat er getan? Am Abende, als die Leichenknechte Giufà nahmen und ihn in die Kirche trugen, um ihn dann zu begraben, ging er hinterdrein und ging, ohne von jemand bemerkt zu werden, in die Kirche. Nach einer Weile, es mochte so gegen Mitternacht gewesen sein, schlichen etliche Diebe in die Kirche; sie kamen, um einen Sack Geld zu teilen, den sie gestohlen hatten. Giufà rührte sich nicht von seiner Bahre, und der von der Mütze verbarg sich hinter einer Tür und wagte kaum zu atmen. Die Diebe leerten das Geld auf einen Tisch, so daß er ganz voll wurde von Gold und Silber — denn zu jener Zeit lief das Silber wie das Wasser — und machten so viel Häufchen, wie sie Leute waren. Ein Dutzend Tari blieb über, und nun wußten sie nicht, wer es sich nehmen sollte. »Um einen Streit zu vermeiden,« sagte einer, »wollen wir es so machen: da ist ein Toter, und auf den wollen wir schießen, und wer ihn auf den Mund trifft, soll die zwölf Tari haben.« Alle billigten diesen Vorschlag: »Sehr gut! sehr gut!«; und schon hatten sie sich vorbereitet, um auf Giufà zu schießen. Als das Giufà sah, erhob er sich auf der Bahre und stieß ein Gebrüll aus: »Auf, ihr Toten, allesamt!« Was brauchte es bei den Dieben mehr? Sie ließen alles im Stich, und hilf mir, heiliger Reißaus, sie laufen noch immer. Als sich Giufà allein sah, stand er auf und eilte, um sich der Häufchen zu bemächtigen. Da kam aber auch schon der von der Mütze hervor, der sich, ohne sich zu mucksen, verkrochen gehabt hatte, und lief zu dem Tische hin, um das Geld zu packen. Genug: auf jeden kam die Hälfte und sie teilten das Geld. Ein Fünfgranistück blieb übrig; Giufà rief: »Das nehme ich mir!« »Nein, der Fünfer gehört mir.« »Mir gehört er.« »Pack dich, das ist nichts für dich; die fünf Grani sind mein.« Giufà erwischte eine Stange und stellte sich, um sie dem von der Mütze um den Schädel zu schlagen; er sagte: »Her mit den fünf Grani! die fünf Grani will ich!« In diesem Augenblicke kamen die Räuber zurück, um zu sehn, was die Toten machten; denn es däuchte sie allzu schmerzlich, das ganze Geld einzubüßen. Sie stellten sich hinter die Kirchentür, und da hörten sie diesen Wortwechsel und mächtigen Lärm wegen der fünf Grani. Sie sagten: »Dummköpfe! fünf Grani kommen auf einen, und dazu reicht das Geld nicht aus. Wer weiß, wie viel Tote aus dem Grabe gekommen sind!« Damit nahmen sie die Beine in die Hand und entflohen.
Giufà nahm die fünf Grani, lud sich seinen Geldsack auf und ging nach Hause.
GIufà hörte einmal am Morgen, als es dämmerte und er im Bette lag, die Pfeife blasen, und da fragte er seine Mutter: »Mutter, wer ist denn der, der vorbeigeht?« Seine Mutter sagte zu ihm: »Das ist der Morgensänger.« Dieser Morgensänger kam allmorgendlich vorbei. Eines Morgens stand nun Giufà auf und ging und tötete den Morgensänger, der ein Mann war, der die Pfeife blies; dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Mutter, den Morgensänger habe ich getötet.« Seine Mutter, die begriff, daß er den Mann getötet hatte, der die Pfeife geblasen hatte, nahm den Toten, trug ihn ins Haus und warf ihn in den Brunnen, der gerade ohne Wasser war.
Als Giufà den Mann tötete, war er von einem beobachtet worden, und der ging hin und erzählte es dessen Verwandten; alsbald machten sich die auf und führten bei Gericht Klage, daß Giufà den Morgensänger getötet habe.
Der Mutter Giufàs, die klug war, fiel es ein, daß sie einen Hammel hatte; den tötete sie und warf ihn in den Brunnen. Das Gericht kam zu Giufà, um den Totschlag zu bewähren, und die Verwandten des Toten kamen allesamt mit. Der Richter sagte zu Giufà: »Wohin hast du den Toten gebracht?« Giufà antwortete in seiner Dummheit: »In den Brunnen habe ich ihn geworfen.« Sie banden Giufà an einen Strick und ließen ihn in den Brunnen hinab; auf dem Boden angekommen, machte er sich ans Suchen. Er stieß und tappte auf Wolle, und da sagte er zu den Söhnen des Toten: »Hatte dein Vater Wolle?« »Mein Vater hatte keine Wolle.« »Der da hat Wolle; es ist dein Vater nicht.« Dann traf er auf den Schwanz: »Hatte dein Vater einen Schwanz?« »Mein Vater hatte keinen Schwanz.« »Dann ist das nicht dein Vater.« Dann fand er, daß der im Brunnen vier Füße hatte, und sagte: »Wie viel Füße hatte dein Vater?« »Mein Vater hatte zwei Füße.« Giufà antwortete: »Der da hat vier Füße; er ist dein Vater nicht.« Dann tastete er an den Kopf: »Hatte dein Vater Hörner?« Die Söhne antworteten: »Mein Vater hatte keine Hörner.« Giufà antwortete: »Der da hat Hörner; er ist dein Vater nicht.« Der Richter antwortete: »Giufà, ob mit den Hörnern, ob mit der Wolle, bring ihn herauf.« Sie zogen Giufà herauf und er hatte den Hammel auf der Schulter; das Gericht sah, daß es wirklich ein Hammel war, und sprach Giufà frei.
DIe Mutter Giufàs hatte ein kleines Mädchen, und das hütete sie wie ihren Augapfel. Als sie nun eines Tages zur Messe gehn mußte, sagte sie zu ihrem Sohne: »Giufà, schau, ich gehe zur Messe: die Kleine schläft; koch ihr den Griesbrei und gib ihn ihr zu essen.« Giufà kochte einen großen Topf Griesbrei, und als der gekocht war, nahm er einen großen Löffel voll und stopfte ihn der Kleinen in den Mund. Das Kind fing mächtig zu schreien an, weil es sich arg verbrannt hatte, und nach zwei Tagen starb es, da der Mund brandig wurde. Die Mutter wußte sich keinen Rat mehr mit diesem Sohne; sie nahm einen Stock und verprügelte ihn tüchtig.
DA Giufà ein halber Tölpel war, tat ihm niemand etwas zuliebe, wie ihn einzuladen oder ihm einen Bissen zukommen zu lassen. Einmal kam er in ein Pächterhaus, wo er etwas zu erhalten hoffte. Aber als ihn die Pächtersleute so zerlumpt sahen, so fehlte wenig und sie hätten die Hunde auf ihn gehetzt; und sie behandelten ihn so, daß er mehr krumm als gerade von dannen ging. Seine Mutter begriff die Sache und besorgte ihm schöne Hosen, ein Paar Strümpfe und eine Samtweste. Nun ging Giufà als Bauer gekleidet in dasselbe Pächterhaus; da hättet ihr Ehrenbezeigungen sehn können! Sie luden ihn zu Tische und überhäuften ihn alle mit Aufmerksamkeiten. Obwohl aber Giufà sonst nicht bis fünf zählen konnte, war er doch schlau genug, sich mit einer Hand den Wanst zu füllen und mit der andern das, was übrig blieb, in die Taschen zu stecken; und sooft er etwas einsteckte, sagte er: »Eßt nur, meine lieben Kleider; ihr seid es ja, die eingeladen worden sind.«
ES war einmal ein gewisser Giufà; zu dem sagte seine Mutter, als sie zur Messe ging: »Giufà, schau, ich gehe jetzt zur Messe: schau, da ist die Henne, die muß die Eier ausbrüten; nimm sie, füttere sie mit dem Mansch und setze sie dann wieder auf die Eier, damit sie nicht kalt werden.« Giufà bereitete also den Mansch aus Brot und Wein, nahm die Henne und fütterte sie, und fütterte sie auf die Weise, daß er ihr den Mansch mit dem Finger hineinstopfte; und dabei erstickte er sie und sie verendete. Als er sah, daß es mit ihr aus war, sagte er: »Wie soll ich es denn nun anstellen, daß die Eier nicht kalt werden? jetzt setze ich mich selber drauf.« Er zog sich Hosen und Hemd aus und setzte sich auf die Eier. Als dann seine Mutter heimkam, rief sie: »Giufà! Giufà!« Giufà antwortete: »Gluck, gluck, ich kann nicht kommen; ich bin jetzt die Henne und sitze auf den Eiern.« Seine Mutter schrie: »Du Nichtsnutz, du Nichtsnutz! du hast mir ja alle Eier zerdrückt.« Giufà stand auf, und die Eier waren ein Brei.
ES war einmal ein großer Herr, und der hatte einen seltsamen Einfall. Er sagte zur Winterszeit zu einem armen Teufel: »Wenn du dich getraust, es eine Nacht lang, so wie du aus dem Leibe deiner Mutter gekommen bist, am Ufer des Meeres auszuhalten, so gebe ich dir, wenn du am Morgen noch lebst, hundert Unzen; bist du am Morgen tot, so hast du die Wette verloren.« Dieserhalb wurden Wachen aufgestellt: »Gebt acht auf den da!«
In der Nacht fuhr nun ein Schiff vorüber. Der arme Wicht, der am Strande war, streckte die Hände aus, als ob er sich hätte an dem Lichte des Schiffes wärmen wollen. Der Morgen brach an, und die Wächter meldeten dem Herrn: »Herr, er hat die ganze Nacht nackt verbracht; um Mitternacht aber kam in einer Entfernung von hundert Meilen im Meere ein Schiff mit dem Lichte vorbei, und daran hat er sich gewärmt.« Da sagte der Herr zu dem, mit dem er gewettet hatte: »Ihr habt verloren; Ihr habt Euch gewärmt, und damit habt Ihr die Wette verloren.«
Der, der die Wette verloren hatte, ging zu Giucà. Giucà sagte: »Warum weinst du denn?« Er antwortete: »Heute Nacht bin ich demunddem auf seinen seltsamen Einfall eingegangen; und weil ich, als ein Schiff vorübergefahren ist, mit den Händen so gemacht habe, sagte er, ich hätte mich gewärmt. Wie wäre das möglich? ... Und jetzt habe ich die Wette verloren.« Giucà antwortete: »Hab keine Angst; bin ja ich da! Aber sag mir, teilen wir das Geld, wenn ich dir den Sieg verschaffe?« »Ja.« Nun versah sich Giucà mit einem Sack Kohlen und einem Hammel und zündete die Kohlen an dem einen Ende von Trapani bei den Kapuzinern an; dann nahm er einen Rost und stellte ihn in der Richtung über das Kloster bei der Loggia auf. Er nahm den Hammel und legte ihn auf den Rost, und das Feuer hatte er bei den Kapuzinern; und also begann er den Hammel ohne Feuer zu braten. Alle Leute, die dieses törichte Treiben sahen, den Hammel bei der Loggia und das Feuer bei den Kapuzinern, fragten ihn, was er tue; und Giucà sagte zu ihnen: »Ich brate diesen Hammel.«
Da kam auf einmal auch der von der Wette vorbei, und der sagte: »Was tust du, Giucà?« »Ich brate diesen Hammel.« »Ja wo ist denn das Feuer?« »Bei den Kapuzinern.« »Was soll das heißen? wie dumm!« »Verrückt freilich und dumm,« sagte Giucà; »wie hat sich aber dann der da an dem Lichte des Schiffes wärmen können, das doch hundert Meilen entfernt war? Wie man den Hammel hier nicht braten kann, so hat sich auch der da dort nicht wärmen können.«
Und nun erzählte Giucà den Leuten die ganze Geschichte, und der Herr mußte die Wette bezahlen.
VI.
Kalabrische Überlieferungen
ES war also einmal ein gewisser Hiohà. Der Vater und die Mutter wollten ihm gut: sie hielten ihn für etwas ganz besonders; aber Hiohà war ein Dummkopf. Was hat er nicht alles getan, dieser Hiohà!
Einmal schickten ihn der Vater und die Mutter, die sehr arm waren, Kutteln waschen. »Gib acht,« sagte die Mutter, als er wegging, »gib acht, daß du sie dort wäschst, wo viel Wasser ist.«
Nun begann Hiohà zu wandern. Er wanderte und wanderte, sah einen Bach und machte nicht halt. Er wanderte und wanderte, sah einen Fluß und machte noch immer nicht halt. Erratet ihr, wo er halt gemacht hat? Er ist bis ans Meer gegangen. Dort begann er die Kutteln zu waschen und abzureiben. Nachdem er sie eine Stunde abgerieben und gewaschen hatte, wußte er nicht, ob sie gut gewaschen seien.
Wen hätte er fragen sollen? Wen hätte er nur fragen sollen? Er sah in der Ferne ein Schiff mit Seeleuten drinnen. Da begann er zu pfeifen und mit den Händen Zeichen zu machen. Als die Seeleute diese Bewegungen sahen, kamen sie, weil sie nicht wußten, was es gebe, mit dem Schiffe zum Ufer. »Was willst du?« sagten sie zu ihm, und Hiohà sagte zu ihnen: »Sind diese Kutteln gut gewaschen oder nicht?«
»Der Teufel soll dich holen!« begannen die Seeleute; »der und jener soll dich holen! Und wegen so etwas hast du uns gerufen? Der Teufel soll dich holen!« Und damit gaben sie ihm eine Tracht Prügel, wirklich eine ordentliche Tracht.
Nun begann Hiohà zu weinen und sagte: »Was habe ich euch getan, daß ihr mich schlagt? Wie hätte ich denn sagen sollen, als ich das Schiff gesehn habe?«
»Du hättest sagen sollen,« sagten die Seeleute zu ihm: »Guten Wind! Guten Wind!«
Und so machte sich Hiohà davon.
EInes Tages sagte Juvadi zur Mutter: »Geh du aufs Feld arbeiten; ich bleibe zu Hause.« Und die Mutter antwortete: »Verrichte du alles; ich gehe aufs Feld. Laß die Katze nicht zu den Speisen, bring das Bett in Ordnung, gib acht auf die Gluckhenne und geh zum Flusse und besorge die Wäsche.« Juvadi antwortete: »Ja, ja, Mutter.«
Und so ging sie aufs Feld. Aber anstatt das Bett in Ordnung zu bringen, riß es Juvadi auseinander, nahm Polster und Strohsäcke und warf sie mitten ins Haus; und er füllte eine Schwinge mit Mist und beutelte ihn im Hause aus. Dann sagte er: »Ich bin hungrig.« Und er nahm und aß alle Speisen; hierauf nahm er einen Kessel und sott die Gluckhenne samt den Küchlein und aß sie. Dann tat er die Wäsche in einen Tragkorb und ging damit zum Flusse; er warf sie ins Wasser und ging.
Wie er so dahinging, traf er einen Esel, und den packte er beim Schwanz; der Esel schlug aus und verletzte ihn am Bein. Unter bitterlichen Tränen ging Juvadi nach Hause; er verschloß die Tür und setzte sich auf den Herd.
Am Abende kam die Mutter heim und rief an der Tür: »Juva’, mach mir auf.« Er antwortete: »Nein.« »Ist dir etwas geschehn?« »Ja.« »Und was ist dir denn geschehn?« »Die Katze hat die Speisen gefressen.« »Das macht weiter nichts; wir kaufen andere. Mach mir auf, Juva’.« »Nein.« »Warum denn? ist dir noch etwas geschehn?« »Ja.« »Und was denn?« »Die Gluckhenne und die Küchlein sind weg.« »Das macht weiter nichts; mach mir nur auf.« »Nein.« »Und warum denn nicht? ist dir noch etwas geschehn?« »Ja.« »Und was ist dir denn geschehn?« »Ich bin zum Flusse waschen gegangen, und das Wasser hat die Wäsche weggeschwemmt.« »Ach das macht weiter nichts; öffne mir.« »Nein.« »Was ist dir denn geschehn?« »Ein Esel hat mich am Beine verletzt.«
Nun erbrach die Mutter die Tür, und da fand sie das ganze Haus verwüstet. Sie wäre bald vor Schreck gestorben; aber dann nahm sie einen Stock, prügelte Juvadi tüchtig durch und jagte ihn aus dem Hause.
JUvadi sagte zur Mutter: »Ich gehe auf den Markt.« Die Mutter antwortete: »Kaufe einen Farren.« Sie gab ihm das Geld und Juvadi ging auf den Markt. Er kaufte einen schönen Farren und ging mit ihm nach Hause. Er kam bei den Mönchen vorbei und traf sie auf der Straße; kaum hatten sie ihn gesehn, so sagten sie: »Juva’, wo bist du gewesen?« Und Juvadi antwortete: »Ich bin auf dem Markte gewesen und habe einen Farren gekauft.« Die Mönche antworteten einer nach dem andern: »Ist es ein Farre oder ein Bock?« »Es ist ein Farre.« Es kam ein anderer Mönch dazu: »Juva’, was ist das?« »Es ist ein Farre.« »Ist es ein Farre oder ein Bock?« »Es ist ein Farre und kein Bock; ich habe ihn mit zwanzig Dukaten bezahlt.« Der Guardian sagte: »Willst du ihn mir verkaufen? ich gebe dir zehn Dukaten.« »Wenn es ein Bock ist, so nehmt ihn.« So gab ihm der Guardian zehn Dukaten und er ging nach Hause. Die Mutter sagte: »Was hast du gemacht?« »Ich habe das gemacht: Ich habe einen schönen Farren gekauft, bin bei den Mönchen vorbeigekommen und sie haben mir gesagt, es sei ein Bock; sie haben mir ihn abgekauft und mir zehn Dukaten gegeben.« Die Mutter nahm einen Stock, prügelte Juvadi durch und sagte: »Der Teufel soll dich holen! du hast dich also von den Mönchen beschwatzen lassen?«
Nun verkleidete sich Juvadi als Frau, mit einem Rosenkranze in der Hand, und ging in die Kapuzinerkirche und blieb dort. Als es Nacht geworden war, kam der Sakristan und sagte: »Geh jetzt; ich muß die Kirche schließen.« Er antwortete: »Laß mich aus Barmherzigkeit da schlafen.« »Ich gehe es dem Guardian sagen.« Er ging und der Guardian sagte: »Ja, ja, laß sie da schlafen.« Als es Mitternacht geworden war, ging er sachte, sachte in die Zelle des Guardians, stellte sich vor das Bett, zog einen Knüttel, den er unter dem Kleide verborgen hatte, hervor und begann den Guardian zu verprügeln, indem er sagte: »Ist es ein Farre oder ein Bock? ha? ist es ein Farre oder ein Bock? ha?« Und dabei schlug er tüchtig zu, bis der Guardian halbtot dalag; dann ging er. Am Morgen kamen die Mönche und da fanden sie den Guardian totelend. Alsbald liefen sie um Ärzte, um zu sehn, was es sei.
Juvadi ging nach Hause, kleidete sich als Arzt und ging weg, um vor den Kapuzinern herumzuschlendern. Ein Laienbruder kam heraus und sagte zu ihm: »Wer ist Euere Herrlichkeit?« Juvadi antwortete: »Ich bin ein fremder Arzt; ist hier jemand krank?« Der Mönch ging augenblicklich hinein, es seinen Brüdern sagen, und die ließen ihn hereinkommen. Als er drinnen war und seinen Kranken betrachtet hatte, sagte er: »Der hat Schläge bekommen.«
Nun schickte er alle Mönche, die dort waren, hinaus; der eine ging Kaffee machen, der andere Heilmittel holen. Als Juvadi ganz allein war, zog er den Knüttel unter dem Oberkleide hervor und begann den Guardian zu prügeln und sagte: »Ist es ein Farre oder ein Bock? ha? ist es ein Farre oder ein Bock? ha?« Und er ließ nicht eher von dem Guardian ab, als bis der schier tot war. Dann entwich er. Als die Mönche zurückkehrten und den Guardian in diesem Zustande sahen, begannen sie zu jammern und fragten ihn: »Wer hat dich geschlagen?« Der Guardian antwortete: »Der, der hier war.« Die Mönche sagten: »Wir wollen ihn suchen gehn.«
Und so setzten sie den Guardian auf einen Sessel und machten sich an die Verfolgung Juvadis. Der sah sie von weitem; da sagte er zu einem Manne, der mit dem Karste arbeitete: »Guter Mann, schau wie viel Leute dich prügeln kommen.« Der erschrak, warf den Karst weg und entfloh; nun nahm Juvadi den Karst und begann zu ackern. Die Mönche holten den andern ein und prügelten ihn weidlich durch; und der arme Teufel schrie: »Warum schlagt ihr mich? ich habe euch doch nichts getan.« Juvadi lachte von weitem, warf den Karst weg und ging nach Hause und sagte: »Nun habe ich mich für meinen Farren bezahlt gemacht.«
ES war Fastnacht. Juvadis Mutter schlachtete einen Hahn und kochte ihn mit Makkaroni; als Juvadi kam, aßen sie ihn. Nach dem Essen sagte Juvadi zur Mutter: »Mutter, wie heißt das, was wir gegessen haben?« Die Mutter antwortete: »Das war ein Morgensänger.«
Nun hörte Juvadi einen Mann, der auf der Straße sang; er ging hin, tötete ihn und brachte ihn der Mutter. Die Mutter begann zu schreien: »Du Tölpel, das war ein Mensch und kein Morgensänger.« Juvadi sagte: »Macht nichts, Mutter; ich stecke ihn in einen Sack und gehe ihn in eine Schlucht werfen.«
Auf dem Wege begegnete er einem Manne, der auch einen Sack trug, und zu dem sagte er: »Freund, was trägst du da in dem Sacke?« Der antwortete: »Ein Schwein.« Juvadi sagte: »Wollen wir tauschen?« Der Unglückselige sagte: »Ja«, und sie tauschten. Juvadi ging zu seiner Mutter nach Hause und sagte zu ihr: »Mutter, bring einen Kessel, damit wir das Schwein abbrühen. Schließ die Tür; ich muß einen Botengang machen.« Und er ging zu dem, dem er den Sack mit dem Toten gegeben hatte, und sagte zu ihm: »Was hast du getan? jetzt gehe ich zum Richter und zeige dich an.« Der andere sagte unter Tränen: »Sag nichts; ich gebe dir fünfzig Dukaten.« So nahm Juvadi den Toten und die fünfzig Dukaten. Dann ging er zu der Tür der Mönche, stellte den Toten auf die Füße und läutete an; der Sakristan öffnete die Tür von innen und der Tote fiel nieder. Der Sakristan sagte: »Steh auf! steh auf! was ist dir geschehn?« Juvadi kam hervor und sagte: »So also werden die Leute umgebracht?« Der Sakristan sagte: »Sag nichts; ich gebe dir fünfzig Dukaten.« Und Juvadi: »Wenn du willst, daß ich nichts sage, mußt du mir fünfzig Dukaten, eine Mönchskutte und den Toten geben.« Juvadi nahm den Toten, zog ihm die Kutte an, steckte ihm eine Pfeife in den Mund, setzte ihn auf den Abtritt der Mönche und kauerte sich nieder. Es kam der Guardian, um ein Bedürfnis zu verrichten; da fand er den, der dort saß, und er sagte: »Steh auf; ich muß ein Bedürfnis verrichten.« Dann packte er ihn und stieß ihn, und der fiel nieder. Der arme Guardian sagte: »Auf! auf! was habe ich dir denn getan?« Juvadi kam hervor und sagte: »So also werden die Leute umgebracht? jetzt gehe ich zum Richter und sag ihms.« Erschrocken sagte der Guardian: »Sei barmherzig und sag nichts; ich gebe dir hundert Dukaten, und wir begraben ihn.« Juvadi nahm die hundert Dukaten und sie legten den Toten ins Grab. Dann ging Juvadi voll Fröhlichkeit mit den zweihundert Dukaten nach Hause und sagte zur Mutter: »Mutter, wie viel hat mir der Morgensänger eingebracht! Jetzt bin ich reich geworden!«
EInes Tages ging Juvadi um Reisig, und da fand er einen Eichenast mit Eicheln dran; den nahm er auf die Arme und trug ihn mit viel Achtsamkeit weg. Als er nahe beim Orte war, setzte er sich darauf wie auf ein Pferd und zog ihn so weiter. An einem Fenster des Königs stand die kleine Prinzessin, und die begann aus vollem Halse zu lachen. Juvadi sah sie an und sagte: »Du sollst schwanger sein von mir.« Alsbald wurde sie schwanger, und nach neun Monaten gebar sie ein Mädchen. Der König war darüber so aufgebracht, daß er den Rat zusammenrief und sagte: »Ratet mir, was ich mit der machen soll, von der diese Schande kommt; ich kann es gar nicht glauben, was sie sagen.« Der Rat antwortete: »Lassen wir alle Männer des Reiches kommen, und da werden wir sehn, wen es Babba ruft.« Da befahl der König, daß sich alle Männer in seinem Hause einfänden. So kamen seine Barone, Fürsten, Ritter, Bürger und Bauern; aber das Kind rief niemand Babba. Nur Juvadi, der nicht kommen wollte, war übrig geblieben; aber der König zwang ihn, zu kommen. Kaum hatte ihn das Kind gesehn, als es sich auch schon in seine Arme warf und ihn Babba nannte. Nun rief der König den Rat von neuem zusammen und sagte: »Was für eine Strafe soll die erhalten, von der diese Schande kommt?« Sie antworteten: »Schließen wir sie in ein Faß und rollen wir es einen Abhang hinunter.« So ließen sie ein Faß machen und die Königin legte einen Sack mit Feigen und Rosinen hinein; und sie schlossen die Prinzessin, ihre Tochter und Juvadi hinein und gingen es von einem Abhange hinunterstürzen. Als es rollte, sagte Juvadi: »Laß mich heraus, laß mich heraus; ich gebe dir Feigen und Rosinen.« Und er warf Händevoll Feigen und Rosinen aus dem Fasse. Das blieb in einer Ebene stehn; Juvadi zerbrach es und sie gingen heraus.
In der Nähe war eine Hexe, die lachte so heftig, daß ihr eine Halsgeschwulst, die sie hatte, verging. Darüber ganz glücklich, sagte sie zu Juvadi: »Was willst du? ich kann alles und tue dir gutes.« Juvadi antwortete: »Schaff mir ein Haus; denn wir haben keine Wohnung.« Die Hexe nahm eine Gerte, machte einen Kreis rundum und sagte: »Hier soll ein Palast werden mit aller Bequemlichkeit der Welt.« So wurde dort ein schöner Palast und Juvadi ging ganz vergnügt mit der Prinzessin und der Tochter hinein. Und die Prinzessin sagte zu Juvadi: »Du mußt noch behext werden, damit dir deine Dummheit ausgetrieben wird.«
EInes Morgens hatte die Prinzessin Juvadi verloren; sie schrie in allen Gemächern und fand ihn endlich an einem Fenster. Dort pustete er mit dem Munde und machte Bu, bu ... bu, bu ... bu. Sie schrie: »Was machst du da?« Juvadi antwortete: »Ich puste auf die Fliegen und Wespen da, damit sie nicht hereinkommen; sie könnten uns beißen und wir müßten sterben.«
JUvadi war wieder einmal verloren und die Prinzessin konnte ihn nicht finden. Am Tage darauf fand sie ihn, wie er mit einem Kuhschwanze in der Hand in die Luft starrte und Bu, bu ... bu, bu ... bu, bu pustete. Sie sagte: »Juva’, was machst du da?« Und Juvadi lachte aus vollem Halse: »Ich habe ein Wildschwein getötet, und dann ist ein Wind gekommen und hat mich in die Höhe gehoben; ich habe mich aber so kräftig gewehrt, daß mir beim Hinundherreißen der Schwanz in der Hand geblieben ist.«
EIn andermal sagte Juvadi: »Ich gehe in den Hühnerstall, Eier holen.« Er ging, nahm ein Messer, tötete alle Hühner und hängte sie ringsum an die Wände. Sie gingen ihn suchen, fanden den Schaden und schrien: »Warum hast du das getan?« Und Juvadi: »Ich bin ein Metzger geworden. Was wollt ihr?«
Die Prinzessin nahm einen Stock und prügelte Juvadi weidlich durch; dann jagte sie ihn wegen all dieser dummen Streiche aus dem Hause.
JUvadi hatte ein Gärtchen, und dort war ein einzelner Kirschbaum. Er pflegte ihn mit aller Sorgfalt, aber der Baum trug nicht eine einzige Kirsche. Eines Tages verlor Juvadi die Geduld und sagte: »Jetzt will ich diesen vermaledeiten Baum fällen, der nichts trägt.« Er fällte den Kirschbaum und machte ein Kreuz daraus; das pflanzte er in das Gärtchen. Er glaubte, wenn er zu Jesus Christus beten werde, werde ihm der alle Gnaden erweisen; aber er mochte heute beten oder morgen oder übermorgen, eine Gnade sah er niemals. Da packte er erbost das Kreuz, warf es zur Erde, daß es in tausend Stücke zersprang, und sagte: »Dich kenne ich schon, wie du noch ein Kirschbaum warst.«
MAn erzählt, daß Juvadi eines schönen Tages einen Gevatter besuchen gegangen ist. Der Gevatter, dessen Weib gerade Brot bereitete, sagte zu ihm: »Willkommen, Juva’; bleib bei uns und hilf uns das Brot bereiten.« Während die Frau in der Küche war, um das Essen zu kochen, ging Juvadi nachsehn, ob der Teig aufgegangen sei; er kam in eine Kammer, deren Wände überall Ritzen hatten, durch die der Wind einundausging, und sagte: »Da machen sie Brot und das Haus ist voller Löcher; aber ich will das in Ordnung bringen.« Er nahm den Teig und besserte alle Wände aus, indem er alle Löcher verschmierte. Als die Gevatterin diesen Schaden sah, begann sie zu schreien: »Um Gotteswillen, um Gotteswillen! was tust du? wenn mein Mann kommt, bringt er mich um.« Juvadi sagte ganz entrüstet: »Statt mir zu danken, weil das Haus löchrig war, gibst du mir böse Worte.« Und er entwich.
EInmal ging Juvadi eine Gevatterin besuchen. Als sie ihn sah, sagte sie vergnügt: »Willkommen, Gevatter; es wird mir eine Freude sein, wenn du heute Morgen bei mir bleibst. Gib mir acht auf das Kindchen, das ich niedergelegt habe, und ich verrichte indessen die häusliche Arbeit.« Juvadi nahm das Kind; da er sah, daß sein Kopf ganz weich war, nahm er eine Nadel und stach hinein, so daß das Gehirn heraustrat. Und er sagte: »Madonna mia! da hat das Kind ein Geschwür und niemand denkt daran.« Als die Mutter das Kind tot sah, war sie ganz weg vor Schmerz und schrie: »Mein ... Kind ... mein ... Kind, ich habe dich einem Tölpel anvertraut.« Juvadi sagte: »Für mein gutes Werk erhalte ich einen schlechten Lohn.« Und er ging.
EInes Tages ging Juvadi hinaus, stieg auf einen Felsen, begann zu pissen und sagte zu den einzelnen Bächlein: »Du gehst dorthin, du dahin, du gehst rechts und du gehst links.« Eine Bande von Räubern, die unter dem Felsen waren und viel Silbergeld teilten, hörten ihn so reden; sie glaubten, die Häscher seien da, und entflohen. Juvadi stieg hinab, nahm alles Silber und kehrte, mit Geld beladen, heim.
EInes Tages ging Juvadi mit seinem Esel um Holz. Er saß auf einer Eiche und schnitt gerade an einem Aste, als ein Mann vorbeikam und zu ihm sagte: »Juva’, paß auf, du fällst herunter, wenn der Ast bricht.« Juvadi antwortete: »Kümmere dich nicht darum; ich sterbe noch nicht.« Aber als er das sagte, fiel er auch schon herunter, und es fehlte wenig, so wäre er tot gewesen. Nun sagte er zu dem Manne: »Guter Mann, wann werde ich denn sterben?« »Wann dein Esel drei Fürze tut.« Juvadi glaubte es und vergaß es keineswegs. Er mußte eine Anhöhe ersteigen, und der Esel, der zu schwer beladen war, ließ einen Furz. »Oh, jetzt geht es böse,« sagte Juvadi, »nun muß ich bald sterben.« Er ging weiter und hörte wieder, wie der Esel einen Furz ließ, und er zitterte noch mehr vor Angst. Als er dann den letzten hörte, wurde er ohnmächtig und fiel wie ein Toter zu Boden; und er blieb auf dem Wege liegen. Der Esel, der den Weg, wer weiß, wie oft gemacht hatte, ging mit dem Holze, aber ohne Juvadi, nach Hause. Als die Mutter den Esel ohne den Sohn kommen sah, erschrak sie und ging weg, um zu sehn, was ihm geschehn sei; sie fand Juvadi mit dem Gesichte nach oben auf dem Wege liegen. Und sie holte den Geistlichen, einen Bruder mit dem Kreuze, den Sakristan mit dem Weihwasser und vier Männer mit der Bahre. Sie luden ihn auf; aber sie klagten, weil er sehr schwer war, und setzten ihn alle zehn Schritte nieder. Als sie an eine Stelle des Weges gekommen waren, hob Juvadi den Kopf und schrie: »Dorthin geht.« Die, die ihn trugen, warfen ihn vor Angst, weil sie ihn tot glaubten, zu Boden, und der arme Juvadi zerschlug sich den Kopf und starb nun wirklich.
VII.
Kroatische Überlieferungen
EInmal war Nasreddin schwer krank und lag still und hilflos da. Seine Frau, die bei ihm saß, weinte, und das machte ihn unruhig. Da kam ihm ein Einfall, und er sagte zu ihr mit schwacher Stimme: »O weh, o weh! Hör auf zu weinen; zieh dich schön an, nimm deine besten Sachen und deinen ganzen Schmuck und mach dich so hübsch, wie du kannst.«
»Ach Effendi,« sagte sie und begann noch mehr zu weinen, »wie könnte ich das, wo du so krank bist?«
»Wenn du mich liebst,« bat der Hodscha, »dann tust du, was ich dir gesagt habe.«
Nun wurde in ihr die weibliche Neugier rege. »Nein,« sagte sie entschieden; »ich werde es nicht früher tun, als bis du mir gesagt hast, warum du es von mir verlangst.«
»Ich möchte es dir ja sagen, aber ich fürchte, du wirst dich dann über mich ärgern.«
»Nein, wahrhaftig nein.« Und zum Beweise schwor sie ihm, daß sie alles machen werde, wann sie den Grund gehört haben werde.
Und der Hodscha sagte: »Denkst du denn nicht auch, liebes Weib, daß Asrael, wenn er um meine Seele kommen und dich so schön gekleidet und geschmückt sehn wird, lieber dich mitnehmen wird als mich?«
In diesem Augenblicke hörte die Frau zu weinen auf.
DEr Hodscha saß vor seinem Hause und rauchte. Da kam sein nächster Nachbar und sagte nach dem gewöhnlichen Gruße: »Aber Hodscha, warum brällt denn dein Esel schon seit dem frühen Morgen?«
»Warum fragst du mich? frag ihn.«
EInmal ging der Hodscha Nasreddin spazieren; ein junger Zigeuner lief ihm nach und bettelte, er solle ihm etwas schenken. Dem Hodscha, der die Zigeuner haßte, fiels nicht ein, sich umzudrehn, geschweige denn ihm etwas zu geben. Plötzlich schrie der Zigeuner aus vollem Halse: »Schenk mir etwas, Herr, sonst werde ich etwas tun, was ich noch nie getan habe!«
Nasreddin drehte sich um, warf ihm einen Para zu und fragte ihn, was er zu tun beabsichtigt hätte. Darauf antwortete der Zigeuner: »Ja, Herr, hättest du mir nichts geschenkt, so hätte ich arbeiten müssen, und das habe ich noch nie getan.«
EInmal kam wieder sein nächster Nachbar zum Hodscha und fragte ihn, warum er seinen Hund habe die ganze Nacht bellen lassen, so daß er und die Seinigen im Schlafe gestört worden seien.
Nasreddin, der wohl zugehört hatte, lachte und antwortete: »Ich glaube, du wirst doch nicht von mir verlangen wollen, daß ich bellen soll.«
ALs Nasreddin einmal besonders gut aufgelegt war, erzählte er in einer Gesellschaft, daß er, als er in Stambul gewesen sei und in dem Garten des Sultans, dort Bienen gesehn habe, so groß wie Schafe.
Da fragte ihn einer von den Zuhörern: »Wie groß waren denn dann die Bienenstöcke?«
Nasreddin antwortete: »Gerade so groß wie bei uns.«
»Wie konnten denn da die Bienen hinein und heraus?«
»Ich bin gerade dazu gekommen, als sie hinein wollten; als sie mich aber bemerkt haben, sind sie erschrocken und weggeflogen. Deshalb kann ich euch nicht recht sagen, wie sie es anstellen, um hineinzukommen.«
NAsreddin ging einmal in den Garten, legte sich unter einen alten Birnbaum und schlief ein. Unterdessen kam ein Freund von ihm mit der Nachricht, daß seine Mutter gestorben sei. Nasreddins Sohn führte den Freund in den Garten, weckte den Vater und sagte zu ihm: »Vater, steh auf; Mujkan[10] Djehaić ist gekommen und hat die Nachricht gebracht, daß deine Mutter gestorben ist.«
»O, o,« sagte der Hodscha, »das ist ein bitterer Schmerz; und wie bitter wird er erst morgen sein, wenn ich aufwache!«
Damit drehte er sich auf die andere Seite und schlief weiter.
AUf einem Spaziergange erzählten einander zwei Schüler Nasreddins merkwürdige Geschichten und suchten sich gegenseitig durch Lügen zu übertrumpfen. Unter anderm sagte der eine: »Als ich einmal in Stambul war, habe ich einen Kohlkopf gesehn, unter dem sich dreihundert Leute verstecken konnten.«
Darauf antwortete ihm der andere: »Aber Bruder, das ist gar nichts gegen das, was ich in Athen gesehn habe, als ich dort war. Dort habe ich nämlich einen großen Kessel gesehn, an dem schmiedeten dreihundert Leute, und die standen so weit von einander, daß einer den andern nicht hören konnte.«
Nun sagte der erste: »Wozu soll denn so ein großer Kessel dienen?«
»Aber Bruderherz, wie kannst du nur so dumm fragen? um den großen Kohlkopf zu kochen, den du gesehn hast.«
EInes Abends zankten sich Nasreddin und seine Frau, und er sagte zu ihr: »Ich war wahrhaftig blind, als ich dich mit deiner Häßlichkeit genommen habe.« Deswegen schimpfte sie ihn zusammen, was sie nur konnte, und sagte schließlich zu ihm: »Die Eule hat auch an der Lerche etwas auszusetzen gehabt! Wie kannst du mir sagen, daß ich häßlich sei, wo du doch weit und breit der häßlichste Kerl bist!«
Das war für den stolzen Nasreddin zu viel, und er beschloß, ein Mittel zu suchen, um schöner zu werden. Nachdem er überall herumgefragt hatte, wandte er auch einige Salben und Pulver an, aber sein Ziel konnte er nicht erreichen.
Nun kamen eines Tages etliche Zigeunerinnen zu ihm, und die sagten ihm, sie würden ihn in ein paar Stunden so jung und schön machen, daß ihn jedermann bewundern werde. Voller Freude machte er die Sache mit ihnen ab.
Am nächsten Morgen stand er früh auf und schickte sein ganzes Gesinde aufs Feld und seine Frau zu ihrer Mutter; dann setzte er sich vors Haus, um die Zigeunerinnen zu erwarten. Um neun Uhr kamen sie. Sie gingen um ihn herum und besprachen ihn und redeten ihm ein, er werde noch an diesem Tage schön wie die Sonne werden, nur müsse er ihre Anordnungen befolgen. Er ließ sich täuschen und holte ein Faß, das sie ihm gezeigt hatten, und stellte es mitten ins Zimmer; sie befahlen ihm, unter dieses Faß zu kriechen, worauf sie ihn damit bedecken und dann herumgehn und ihn besprechen würden.
Als er ihnen gehorcht hatte und unter dem Fasse war, legten sie noch einige schwere Steine darauf; dann begannen sie, herumzugehn und dabei zu murmeln. Während aber einige um das Faß herumgingen und ihre Besprechungen vornahmen, machten die andern die Kisten und Kasten auf und nahmen alles, was sie wollten, im Zimmer sowohl, als auch in der Küche; und dann schlichen sie alle leise hinaus und liefen davon.
Als es nun völlig still geworden war, rief Nasreddin, sie sollten das Faß aufheben und ihn herauslassen; aber vergebens: es meldete sich niemand. Und seine ganze Stärke nutzte ihm nichts; er mußte warten, bis jemand nach Hause kommen werde. Erst in der Dämmerung kamen die Frau und die andern heim, und sie hatten eine schwere Mühe, daß sie die Steine vom Fasse herunterbekamen; und sie erstaunten, wie gründlich das Haus durchstöbert und ausgeplündert worden war. Nasreddin war, als er aus seinem Kerker befreit wurde, schier ohnmächtig, weil er nicht Luft genug gehabt und den ganzen Tag nichts gegessen hatte.
Im Gesichte war er, wie er gewesen war, und die schönsten Sachen waren gestohlen und weggetragen, und von den Zigeunerinnen war keine Spur und kein Laut. Jetzt sah er ein, daß er samt seiner Schlauheit der Gefoppte war.
VIII.
Serbische Überlieferungen
DIe Frau Nasreddins bekam einmal einen Anfall von Schüttelfrost, und da bat sie ihn, einen Arzt zu holen; er sprang sofort auf und ging. Als er aber schon im Flur war, rief ihm die Frau aus dem Fenster zu: »Es ist nicht mehr notwendig, den Arzt zu rufen; ich bin nicht mehr krank.«
Der Hodscha ging jedoch trotzdem zu dem Arzte und sagte zu ihm: »Meine Frau ist krank geworden und hat mich gebeten, einen Arzt zu holen. Als ich dann schon im Flur war, hat sie mir zugerufen, daß sie keines Arztes mehr bedarf. Ich bin aber trotzdem gekommen, um dir zu sagen, daß du nicht mehr zu kommen brauchst.«
ALs die Frau des Hodschas Nasreddin gestorben war, konnte man ihm keine Trauer anmerken. Nach einiger Zeit verendete ihm aber ein Pferd, und das machte ihn so traurig, daß er längere Zeit nicht aus dem Hause ging.
Da kamen die Leute zu ihm und fragten ihn, warum ihm um das Pferd mehr leid sei, als um die Frau, und er antwortete ihnen: »Als mir die Frau gestorben ist, sind die Nachbarn gekommen und haben mir Trost zugesprochen: ›Freund, mach dir nichts daraus, daß deine Frau tot ist; wir werden dir eine bessere und schönere finden‹, und was weiß ich noch. Seit mir aber mein Pferd fehlt, ist noch niemand gekommen, der mir gesagt hätte, er werde mir ein bessers Pferd verschaffen. Drum ist mir um mein Pferd mehr leid als um meine Frau.«
EInes Tages wurde der Hodscha Nasreddin auf dem Wege von Räubern angefallen; sie nahmen ihm sein Pferd, seine Kleider und sein Geld und dann begannen sie ihn zu schlagen.
»Warum schlagt ihr mich?« fragte sie Nasreddin; »ich habe wohl zu wenig Geld bei mir, oder ihr habt etwa zu lange auf mich warten müssen?«
EInmal fiel Nasreddin in eine Kotlache und bemühte sich vergebens herauszukommen. Schließlich sprach er bei sich: »Ich werde da nie herauskommen können, wenn ich mich nicht bei den Haaren packe und mich herausziehe.«
EInes Nachts wurde Nasreddin von seiner Frau aus dem tiefsten Schlafe geweckt, und sie sagte zu ihm: »Das Kind weint schon seit einer Stunde. Wiege es ein wenig; eine Hälfte des Kindes gehört doch dir.«
»Meine Hälfte soll weiter weinen,« antwortete Nasreddin; »wiege du nur deine Hälfte.« Damit kehrte er sich zur Wand und schlief ein.
NAsreddin begegnete einmal einem Freunde, den er schon lange nicht gesehn hatte, und der fragte ihn im Gespräche: »Wie gehts dir denn jetzt.«
Nasreddin antwortete: »Nun, ganz gut; mein ganzes Geld steckt in Getreide, was ich an Getreide habe, steckt in Mehl, was ich an Mehl habe, steckt in Brot, und was ich an Brot habe, ist alles in meinem Bauche.«
ALs der Hodscha Nasreddin eines Tages in der Moschee auf die Kanzel stieg, richtete einer, in der Meinung, der Hodscha werde antworten können, eine Frage an ihn; aber Nasreddin antwortete ihm, daß er es nicht wisse. Darauf sagte der Fragesteller: »Wenn du das nicht weißt, warum bist du dann so hoch hinaufgestiegen?«
Und Nasreddin gab ihm zur Antwort: »Ich bin so hoch hinaufgestiegen nach dem Maße dessen, was ich weiß; sollte ich aber nach dem hinaufsteigen, was ich nicht weiß, dann, Bruder, würde ich bis in den Himmel kommen.«
EInes Nachts hatte der Hodscha einen wunderbaren Traum, und am Morgen ging er sofort zum Kadi. Auf dessen Frage, warum er gekommen sei, antwortete er: »Ich habe heute Nacht einen wunderbaren Traum gehabt.«
»Ists möglich? ists möglich?« staunte der Kadi; »was hast du denn geträumt?«
»Mir hat geträumt, daß du und ich unsere Häuser getauscht haben, und ich habe dir hundert Asper aufgezahlt. Da nun heute alles verkehrt zu verstehn ist, so bleibt mir mein Haus und dir das deine, und ich bitte dich, daß du mir die hundert Asper gibst.«
EInmal pflanzte der Hodscha Zwiebeln, und da bespuckte er jede Knolle, bevor er sie in die Erde steckte. Als man ihn fragte, warum er das mache, antwortete er: »Nun, ich begieße sie, und das bekommen sie von mir mit; das übrige sollen sie vom Herrgott verlangen.«
DEr Hodscha ging einmal ins Dorf zu einem Freunde und saß bei ihm von Mittag bis Mitternacht; niemand kümmerte sich dort um ihn, und nicht das geringste wurde ihm angeboten. Da fing er zu gähnen an und setzte das so lange fort, bis ihn sein Freund fragte: »Hodscha, woher kommt das Gähnen?«
»Es sind da zwei Ursachen,« antwortete Nasreddin: »die eine ist der Hunger, die andere ist die Schläfrigkeit; aber schläfrig bin ich nicht.«
DEr Hodscha wurde gefragt: »Was wünschst du deiner Frau?«
»Wenn sie krank werden sollte, so gebe Gott, daß ich statt ihrer erkrankte; aber wenn die Zeit kommt, daß ich sterben soll, so gebe Gott, daß sie statt meiner sterbe.«
NAsreddin hatte eine Tür inmitten des Feldes gebaut, so daß er sie von seinem Hause sehn konnte; den Schlüssel verwahrte er zu Hause. Seine Frau fragte ihn, was das für ein Schlüssel sei, und er sagte, was er gemacht hatte, und fuhr fort: »Ich habe diese Tür gebaut, um die ehrlichen Leute von den unehrlichen unterscheiden zu können; die guten werden von weitem herumgehn, die schlechten aber werden geradewegs auf die Tür zugehn.«
Einige Tage später sah Nasreddin, daß neun Leute feldein auf die Tür zuschritten. Er ging sofort zu ihnen und fragte sie: »Wohin, Leute?«
»Wir haben Geschäfte,« antworteten sie; »was gehts dich übrigens an, daß du es wissen mußt?«
»Ihr seid Diebe und geht stehlen,« antwortete ihnen Nasreddin. »Nehmt mich auf in euere Gesellschaft; sonst werde ich euch als Diebe angeben.«
Nun waren die Leute wirklich Diebe, und sie waren sehr erstaunt, daß der Hodscha die Wahrheit erraten hatte; sie sagten zu ihm: »Es ist so; wir sehn, du weißt, was die Leute denken und womit sie sich beschäftigen. Komm also mit uns, wir wollen unser zehn sein.«
Als sie ins nächste Dorf kamen, sahen sie eine Hirtin mit ihrer Schafherde; sie schlichen sich näher heran und Nasreddin sagte zu seinen Gesellen: »Geht ihr ein bißchen in den Wald und ich will zu diesem Mädchen gehn und ihr einige hübsche Geschichten erzählen; und wenn ich ihr mit dem Finger die Sonne zeige, so kommt rasch hervor und treibt die Schafe weg.«
Gesagt, getan. Als Nasreddin sah, daß die Diebe zehn Schafe weggetrieben hatten, sagte er zu der Hirtin: »Gott befohlen, Kind; ich muß zu meinen Gesellen eilen.«
Er holte sie erst in der Nähe seines Hauses ein, und seine erste Frage war: »Wie werden wir jetzt diese zehn Schafe verteilen?«
»Herr,« sagten die Diebe, »du bist der älteste von uns und der gescheiteste und der gerechteste; und wie du sie verteilst, werden wir zufrieden sein.«
»Wenn es so ist,« sagte Nasreddin, »so mag Gott helfen. Wir sind unser zehn, und Schafe sind auch zehn; ihr seid euer neun. Nehmt ihr ein Schaf, so werdet ihr euer zehn sein; ich werde die andern neun nehmen, und so werden wir auch zehn sein.«
Da sagte einer von den Dieben: »Du Kerl von einem Hodscha, das ist nicht gerecht.« »Wenn es euch nicht recht ist,« antwortete Nasreddin, »so verklagt mich beim Kadi; ich werde ihm den ganzen Hergang erzählen, und er soll nach dem kaiserlichen Gesetze und dem göttlichen Rechte erkennen.«
EInmal machte der Hodscha Nasreddin im Monat Ramasan in einem Dorfe den Vorbeter; als der Ramasan zu Ende war, zahlten ihn die Bauern gut und er kehrte nach Hause zurück. Unterwegs begegnete er einem Räuber zu Pferde und der sagte zu ihm: »Eh, Hodscha, du hast viel Geld zusammengebracht. Teil es mit mir; für dich ist es zu viel.«
Nasreddin begann ihn zu bitten, er möge ihn ruhig ziehen lassen, aber es half ihm nichts. Während nun der Räuber vom Pferde stieg, bückte sich der Hodscha rasch, nahm einen Stein und wickelte ihn in sein Tuch; dann sagte er: »Wenn es denn nicht anders geht, da ist das Geld. Aber du mußt wissen, daß mir darum so leid ist, daß ich nicht imstande bin, dirs mit der eigenen Hand zu geben; ich werde es auf die Wiese dort werfen und werde weggehn, und du gehst hin und nimmst es.«
Der Räuber war einverstanden, und Nasreddin warf den eingewickelten Stein weit von sich. Voller Habgier lief der Räuber hin, ohne auf Nasreddin zu achten; der aber stieg auf das Pferd und ritt davon.
EInmal wurde Nasreddin von einem, dem er zweihundert Groschen schuldig war, geklagt, weil er nichts zahlte. Als ihn der Kadi fragte, ob er ihm das Geld schuldig sei und warum er ihn nicht zahle, antwortete Nasreddin: »Es ist wahr, ich bin ihm zweihundert Groschen schuldig; aber es sind schon mehr als vier Jahre her, daß ich ihn um drei Monate Frist gebeten habe, um das Geld aufzubringen. Er hat mir die Frist nicht bewilligt; wenn er mir aber keine Frist geben will, wie soll ich das Geld zusammenbringen?«
NAsreddin stand einmal um Mitternacht auf, ging vors Haus und begann zu krähen. Die Nachbarn, die das hörten, fragten ihn um den Grund, und er antwortete ihnen: »Ich habe heute viel Arbeit, und ich möchte gern, daß es früher Tag wird.«
DEr Hodscha wurde einmal gefragt, wie alt er sei, und er sagte: »Vierzig.« Als man ihn nach einigen Jahren wieder fragte, wie alt er sei, antwortete er wieder: »Vierzig.« Die Leute begannen zu lachen und sagten zu ihm: »Hast du uns nicht schon vor ein paar Jahren gesagt, du seist vierzig? und jetzt sagst du wieder vierzig.«
»Begreift ihr denn nicht,« antwortete der Hodscha, »daß ein ehrlicher Mensch immer bei dem bleiben muß, was er gesagt hat? Wenn ich euch jetzt sage, daß ich einen Gott habe, wie kann ich denn dann ein paar Jahre später sagen, daß ich mehrere hätte?«
EIn Bauer sagte eines Tages zu seinem Sohne, er solle heiraten. »Gut,« sagte der Sohn, »die Gelegenheit ist sowieso günstig; in unserm Dorfe ist ein Mädchen, ist eine Witwe und ist eine geschiedene Frau. Jetzt mußt du mir raten, welche ich nehmen soll.«
»Ich kann dir da nicht raten,« antwortete ihm der Vater; »aber in der Stadt habe ich einen Freund, der wird dir raten.«
Der Bursche ging in die Stadt; als er zu dem Freunde gekommen war, erzählte er ihm alles. Der jedoch antwortete ihm: »Ich kann dir auch nicht raten; aber hier in der Stadt lebt Nasreddin: such ihn auf, er wird dir raten.«
Der Bursche suchte Nasreddin überall, ohne daß ihm jemand hätte sagen können, wo er ihn finden werde, bis er auf einmal eine Schar Kinder traf, die Pferdchen spielten; er fragte eines von den Kindern, wo Nasreddin sei, und dieses antwortete: »Ich bin es.« Da der Bursche sah, daß ihm nichts andres übrig blieb, erzählte er dem Knaben alles. Und dieser sagte zu ihm: »Wenn du das Mädchen nimmst, so weißt es du; wenn du die Witwe nimmst, so weiß es sie.« Als aber der Bursche die geschiedene Frau erwähnte, da schlug ihn der Knabe mit der Peitsche über die Beine und ging wieder Pferdchen spielen.
Ärgerlich kehrte der Bursche zu dem Freunde seines Vaters zurück und sagte zu ihm: »Mein Vater hat mich nicht zu dir geschickt, damit du mich zu den Kindern schickst, sondern er hat mich zu dir geschickt, damit du mir rätst.« Und er erzählte ihm, was ihm Nasreddin gesagt hatte.
»Nun, er hat dir gut geraten,« sagte darauf der Freund; »wenn du das Mädchen nimmst, wirst du ihr befehlen, und wenn du die Witwe nimmst, so wird sie dir befehlen. Und daß er dich mit der Peitsche über die Beine geschlagen hat, damit hat er sagen wollen: Vor einer Geschiedenen lauf wie vor dem Teufel!«
DEr Hodscha wollte sich eines Tages rasieren lassen, kam aber an einen ungeschickten Barbier, der ihn bei jedem Striche mit dem Messer ein wenig verletzte. Nasreddin litt arge Qualen: die Tränen rannen ihm übers Gesicht und aus seinen Augen sprühten Funken. Unterdessen hörte man draußen einen Lärm, und Nasreddin fragte den Barbier, was das für ein Lärm sei.
Der Barbier schaute hinaus und sagte zu ihm: »In der Nähe ist ein Schmied und der beschlägt eben ein Pferd.«
»Ach,« antwortete Nasreddin, »ich dachte, es wird einer rasiert.«
NAsreddin hatte auf dem Markte einige Sachen gekauft und nahm einen Träger, der sie ihm nach Hause tragen sollte. Unterwegs verlor er den Träger; er suchte ihn den ganzen Tag, konnte ihn aber nicht finden.
Als er nun nach zehn Tagen mit zwei Freunden über die Straße ging, kam ihnen der Träger entgegen. Kaum sah ihn Nasreddin, so lief er in eine Nebenstraße; seine Freunde liefen ihm nach und riefen ihm zu: »Warum läufst du? Hier kommt doch der Träger, dem du neulich deine Sachen übergeben hast; er muß ja vor dir laufen, und nicht du vor ihm.«
Nasreddin antwortete: »Ich laufe vor ihm weg, weil er von mir den Lohn verlangen kann, daß er meine Sachen zehn Tage lang herumgetragen hat, und das würde mehr ausmachen, als alles zusammen wert ist. Dann wäre ja die Suppe teuerer als die Schüssel.«
DEr Hodscha hatte einen bösen Nachbar, mit dem er Haus an Haus unter einunddemselben Dache wohnte. Da er mit ihm immer im Streite lebte, gedachte er ihms einmal heimzuzahlen; er zündete sein Haus an, damit so auch das des Nachbars verbrenne, und lief aus der Stadt, damit nicht der Verdacht auf ihn falle.
Als dann beide Häuser brannten, sammelte sich eine große Volksmenge an; aber anstatt das Feuer zu löschen, schleppten sie aus beiden Häusern fort, was jeder tragen konnte. Die Leute sagten es Nasreddin, daß sein Haus brenne, er jedoch antwortete kaltblütig: »Schade, daß ich nicht zu Hause war; ich hätte auch etwas packen können. Weil ich aber nun beim Stehlen nicht dabei sein konnte, will ich mich jetzt wenigstens etwas wärmen hingehn.«
EInmal kam Nasreddin zu einem Freunde auf dem Dorfe, um bei ihm zu übernachten, und er war sehr hungrig. Der Freund war sehr arm, und an Speisen war nichts vorhanden als ein gesottener Kürbis, der gerade vom Feuer weggenommen worden war. Nasreddin sagte: »Gebt her, was da ist; ich falle vor Hunger um.«
Man legte den Kürbis auf einen Teller und setzte ihm ihn vor: Nasreddin langte zu und steckte eine Handvoll in den Mund; aber der Kürbis war so heiß, daß er ihm Zunge und Mund verbrannte, und Nasreddin mußte alles ausspucken. Nun fragte er: »Was ist das, um Gotteswillen?« und sie antworteten ihm: »Das ist Kürbis, Herr.«
Am nächsten Morgen zog Nasreddin weiter. Unterwegs sah er an einem Zaune etliche Kürbisse hängen, und fragte seinen Führer: »Was ist das?« »Kürbis, Herr,« antwortete der Führer.
Da hielt Nasreddin sein Pferd an, blies auf die Kürbisse, was er nur konnte, und sagte: »Pfui, Gott vernichte dich, du Unglückszeug!«
DEr Hodscha Nasreddin unterwies stets seine Schüler, wie sie sich gegen ältere Leute zu benehmen hätten, und lehrte sie unter anderm, daß sie, wenn einer niese, in die Hände klatschen und »Zum Wohlsein« sagen sollten. Die Schüler gehorchten ihm und taten immer so, wann er oder ein anderer älterer nieste.
Eines Tages fiel nun Nasreddin unglücklicherweise in einen Brunnen und begann um Hilfe zu schreien. Die Schüler kamen schnell hinzugelaufen und ließen ein Seil hinab; er packte das Seil und sie zogen ihn herauf. Schon hätten sie nur noch einen Ruck zu tun gehabt, daß der Hodscha seiner schlimmen Lage ledig gewesen wäre, da nieste er, naß und erkältet, wie er war. Sie ließen das Seil los, klatschten in die Hände und riefen, wie aus einem Munde: »Zum Wohlsein!«
Und der arme Hodscha plumpste wieder in den Brunnen hinunter.
DEr Hodscha wurde gefragt: »Wann wird das Gebären und Sterben aufhören?«
Er antwortete: »Wenn Paradies und Hölle voll sein werden.«
IM Schreiben war der Hodscha nie recht geschickt gewesen. Er las und schrieb zwar ein wenig, aber was er wußte, hatte er nicht aus dem Buche, sondern das machte seine natürliche Begabung; und es war auch eine Zeit, wo er gar nichts geschriebenes lesen konnte, weil er es erst lernte. Gerade damals brachten ihm nun die Bauern einen Bescheid des Kadis, damit er ihnen vorlese, was drinnen stehe. Er nahm den Bescheid und betrachtete ihn lange; da er aber seine Unwissenheit vor den Bauern nicht eingestehn wollte, so sagte er: »Also seht einmal, Leute, was euch der Kadi schreibt. Diese langen Buchstaben sagen, daß ihr ihm Heu bringen sollt, und diese runden sprechen von Eiern. Da ihr demnach wißt, was der Kadi schreibt, so bringt ihm Heu und einige Hundert Eier.«
Die Bauern taten dies, und der Kadi nahm alles und schwieg.
Wieder brachten die Bauern dem Hodscha einen Bescheid des Kadis und baten ihn, ihn ihnen vorzulesen. Er nahm die Schrift und sagte zu ihnen, als er die langen und die runden Buchstaben gesehn hatte: »Bringt dem Kadi Holz und viel weiße Zwiebeln.«
Die Bauern brachten auch das, und der Kadi war zufrieden. Er nahm alles und fragte sie: »Wer hat euch denn den Bescheid vorgelesen?« Und sie sagten, daß es der Hodscha Nasreddin gewesen sei.
Der Kadi ließ den Hodscha rufen und fragte ihn: »Verstehst du denn etwas von der Schrift?«
»Nein, ehrenwerter Kadi,« antwortete der Hodscha.
»O ja,« sagte wieder der Kadi, »du verstehst dich besser darauf als ich selber, da du so schön lesen kannst.«
EInmal hatte der Hodscha sein Haus ausgebessert, und es blieb ihm vor dem Hause ein Haufen Erde liegen. Als er nun von den Nachbarn gefragt wurde, wohin er diese Erde schaffen werde, antwortete er: »Nichts leichter als das; ich werde eine Grube machen und sie hineinwerfen.«
»Und was wirst du denn mit der Erde aus dieser Grube tun?«
»Ach, an eine so ferne Zukunft denke ich überhaupt nicht.«
EInmal ging Nasreddin nach Skutari. In der Nähe der Stadt sah er etliche Kinder, die miteinander spielten. Er trat zu ihnen und sie sammelten sich um ihn und fragten ihn: »Wohin, Herr?«
»In die Stadt da,« antwortete Nasreddin. »Aber wißt ihr, Kinder, sagt mir, was ich auf dem Markte kaufen soll, daß ich satt werde und dabei mein Geld behalte?«
Die Kinder antworteten ihm: »Da mußt du, Herr, ins Schlachthaus gehn, und dort kaufst du Ochsengedärm: das, was drinnen ist, ißt du und dann wäschst du die Därme gut aus und verkaufst sie. So kannst du dich ordentlich satt essen und bekommst noch Geld heraus.«
Als der Hodscha hörte, was die Kinder sagten, dachte er: Wahrhaftig, mir blüht in Skutari kein Weizen; wenn schon die Kinder so sind, wie werden erst die Erwachsenen sein! Es ist besser, ich mache mich davon.
Und damit ging er.
EInmal kam ein Türke zum Hodscha Nasreddin und bat ihn, ihm einen Brief zu schreiben; er wolle ihm gerne zahlen, was man gewöhnlich für einen Brief bezahle. Der Hodscha sagte: »Wem willst du den Brief schreiben lassen und wohin?«
»Meinem Sohne in Stambul,« antwortete der Türke.
Nasreddin fragte wieder: »Und welchen Preis soll ich dir für den Brief machen? ich habe nämlich drei Preise: billig, teuer und noch teuerer.«
»Du weißt, Hodscha, daß ich ein armer Mann bin; ich kann nicht viel zahlen: mach mir also den billigsten Preis, der überhaupt möglich ist.«
»Also, Freund,« antwortete Nasreddin, »der billigste ist, wenn ich dir den Brief schreibe und du ihn nach Stambul trägst und dann deinem Sohne sagst, was du ihm geschrieben hast. Den teuerern Brief, wenn ich den geschrieben habe und wenn er trocken ist, den kann ich selber nicht lesen. Am teuersten aber ist es, wenn ich den Brief schreibe und ihn selbst nach Stambul trage und ihn dort vorlese; denn meine Schrift kann außer mir niemand lesen, nicht einmal die Stambuler Gelehrten alle miteinander samt dem Scheich ul Islam.«
DEr Hodscha war mit dem Kadi befreundet und ging ihn öfter besuchen, um mit ihm zu plaudern. Eines Tages ritt er wieder ins Gerichtshaus; das Pferd band er vor dem Hause an und er ging zum Kadi hinein.
Während er beim Kadi saß und mit ihm sprach, wurde ein Mensch vorgeführt, und der wurde überwiesen, daß er ein falsches Zeugnis abgelegt hatte. Zu jener Zeit war für solche Verbrecher als Strafe festgesetzt, daß sie verkehrt auf einem Pferde sitzend durch die ganze Stadt geführt wurden. Da nun gerade das Pferd Nasreddins da war, wurde diese Strafe auf seinem Pferde vollzogen.
Ein paar Tage später wurde der Mensch wieder wegen eines falschen Zeugnisses ergriffen und mußte wieder zu Pferde durch die Stadt geführt werden. Und da sie bei Gericht kein Pferd zur Hand hatten, liefen sie zum Hodscha und verlangten sein Pferd.
Aber er antwortete ihnen: »Ich gebe mein Pferd nicht her; sagt lieber dem Kerl, er soll entweder dieses Handwerk aufgeben oder sich selber ein Pferd kaufen, damit er darauf reiten kann, wenn er etwas anstellt.«
DEr Hodscha trug einmal Getreide in die Mühle, und seine Frau hatte ihm den Sack mit dem Getreide zugebunden. Unterwegs ging der Sack auf, und er mußte ihn bis zur Mühle zehnmal neu zubinden.
Als er nach Hause zurückkam, machte er seine Frau tüchtig herunter und sagte zu ihr: »Wie hast du denn den Sack zugebunden? ich habe vielleicht zehnmal stehn bleiben müssen, um ihn zuzubinden.«
EInes Tages pflanzte der Hodscha Weinreben; ein Spaßvogel, der vorüberging, grüßte ihn: »Guten Morgen, Hodscha! Bist du schon müde?«
»Gott segne dich!« antwortete der Hodscha; »ich bin noch nicht müde.«
»Was machst du denn da?«
»Weinreben pflanze ich; siehst du das nicht?«
»Aber wann wirst du von ihnen Trauben bekommen?«
»Wenn Gott das Glück gibt, in drei Jahren.«
»Ja, warum pflanzst du sie denn dann jetzt, warum nicht erst im dritten Jahre? Bist du denn verrückt?« Mit diesen Worten ging der andere weg und Nasreddin setzte sich nieder und begann zu überlegen: Es ist wahr: er ist ein gescheiter Mensch; er hat recht mit dem, was er sagt. Damit warf er den Karst über die Schulter und machte sich auf den Heimweg.
Als seine Frau sah, daß der Hodscha so rasch wieder nach Hause kam, fragte sie ihn: »Was gibts denn? warum kommst du so bald schon zurück?«
Und er erzählte ihr, wie es war, und fuhr fort: »Segen über ihn, über diesen klugen Mann! ich hätte mich meiner Seele nicht darauf besonnen, daß es eine richtige Dummheit ist, heuer Weinstöcke zu pflanzen und erst nach drei Jahren Trauben zu verkosten!«
DEr Hodscha war bei regnerischem Wetter über Land gewesen. Als er heimkam, zog ihm seine Frau die Schuhe aus und hängte sie zum Feuer, damit sie trocken würden; er aber stand auf und sagte: »Bist du dumm! Warum tust du die Schuhe zum Feuer, damit sie verbrennen? Trag sie lieber vors Haus in den Mondschein; es ist ja draußen wie bei Tage.«
Die Frau gehorchte ihm und hängte die Schuhe vors Haus. Als sie sie dann am Morgen hereinholte, und als er bemerkte, daß sie von der Winterkälte und dem Winde steif geworden waren, sagte er: »Siehst du jetzt, um wie viel der Mond besser trocknet als das Feuer? ich verwundere mich auch gar nicht, daß er sie getrocknet, ja sogar geradezu ausgedörrt hat!«
IX.
Griechische Überlieferungen
EInes Tages nahm der Hodscha Nasreddin seinen Esel beim Zaume und zog ihn so hinter sich her. Einige Gassenjungen, die das sahen, beschlossen, den Esel zu stehlen, ohne daß der Hodscha etwas davon merkte, und einer von ihnen sagte zu seinen Kameraden: »Ich will die Sache durchführen; ihr müßt aber mit dem Esel sofort, wann ihr ihn habt, auf den Markt gehn und ihn verkaufen.« Und so liefen sie dem Hodscha nach.
Nach einem kleinen Stück Weges nahm der Knabe dem Esel den Zaum ab, legte sich ihn selber um und lief so, mit dem Zaume um den Kopf, hinter dem Hodscha her; unterdessen nahmen die andern den Esel und brachten ihn auf den Markt, um ihn zu verkaufen.
Nach einer Weile sah sich der Hodscha um, und da sah er, daß er anstatt eines Esels einen Menschen angehalftert führte. »Wer bist du?« fragte er ihn. »Ich bin dein Esel,« sagte der Gassenjunge, »und bevor ich ein Esel geworden bin, war ich ein Mensch; weil ich aber eines Tages meinen Eltern Kummer bereitet habe, haben sie mich verflucht und ich bin ein Esel geworden. Zuerst hat man mich an einen Bäcker verkauft, dann an einen Gärtner, und zum Schlusse habt Ihr mich gekauft. Eben jetzt, als Ihr mich hinter Euch herzogt, haben mich meine Eltern auf der Straße gesehn; sie hatten Mitleid mit mir und baten Gott und, siehe da, auf einmal bin ich wieder ein Mensch geworden!«
Verdutzt griff der Hodscha in seinen Bart und sagte nach einer kurzen Überlegung: »Was du da sagst, ist ja nicht unglaublich, wenn es auch nicht gerade mich hätte treffen müssen. Geh also, mein Kind, und betrübe deine Eltern künftighin nicht mehr.« Und damit entließ er ihn.
Da er aber ohne Esel nicht sein konnte, ging er auf den Markt, um einen zu kaufen. Dort sah er nun den seinigen, wie er von dem Ausrufer zum Verkaufe herumgeführt wurde; er trat leise an ihn heran und sagte ihm ins Ohr: »Du bist wieder ein Esel geworden, hast also deine Eltern wieder erzürnt. Vorwärts also, komm wieder in meinen Stall; du bist nicht danach, daß du wieder ein Mensch würdest.« Und völlig überzeugt, daß der Esel der seinige sei, nahm er ihn wieder zurück.
DEr Hodscha wollte seinen Esel verkaufen; er führte ihn hinaus und übergab ihn dem Ausrufer. Der beschrieb, indem er ihn herumführte, seine Vorzüge, daß er brav, jung, kräftig, schnell usw. sei. Die Käufer, die das hörten, überboten einander; da nun aber auch der Hodscha glaubte, sein Esel habe diese Vorzüge tatsächlich, wollte er nicht, daß er in fremde Hände komme, und begann auch selber mitzubieten. Und so blieb ihm schließlich der Esel; er nahm ihn also und führte ihn wieder nach Hause und erzählte die ganze Geschichte seiner Frau.
Die hatte an eben diesem Tage Lust nach Schlagsahne gehabt und hatte, während ihr der Milchhändler die Sahne zuwog, verstohlen und ohne daß er es bemerkt hätte, ihre goldenen Armbänder von den Händen gezogen und sie in die Wagschale zu den Gewichten geworfen, um den Milchhändler zu betrügen und mehr Sahne zu erhalten. Das mußte sie dem Hodscha erzählen und der sagte nun zu ihr: »Sehr gut, Frau; so wollen wir denn fortan alle beide unser Hauswesen fördern: ich draußen und du daheim.«
DEr Hodscha ging einmal in ein Bad. Die Wärter gaben ihm ein altes Badetuch[11] und ein beschmutztes baumwollenes Reibzeug[12] und behandelten ihn nicht so, wie es sich gehört hätte. Der Hodscha sagte nichts, hinterließ aber, als er aus dem Bade wegging, auf dem Spiegel zehn Asper, einen Betrag, den damals nur sehr reiche Leute geben konnten, und darüber waren die Wärter sehr erstaunt.
Nach einer Woche ging er wieder in dasselbe Bad, und nun setzten die Wärter eine Ehre darein, ihm alle Aufmerksamkeit und Hochachtung zu erzeigen. Der Hodscha sagte wieder nichts, hinterließ aber beim Weggehn nur einen Asper auf dem Spiegel. Wieder wunderten sich die Wärter, und sie sagten zu ihm: »Was ist das?«
Er antwortete ihnen: »Dieser eine Asper ist die Bezahlung für das Bad in der vergangenen Woche; die zehn Asper, die ich euch in der vergangenen Woche gegeben habe, sind die Bezahlung für das heutige.«
DEr Hodscha kaufte einmal auf dem Markte Gemüse und warf es in seinen Sack; dann bestieg er seinen Esel, um heimzukehren, und nahm den Sack auf seine Schultern. Unterwegs begegnete ihm einer und der fragte ihn, warum er den Sack nicht dem Esel auflege, sondern ihn selber trage.
Er antwortete: »Damit das arme Tier nicht gar zu müde wird.«
EIner gab dem Hodscha ein Hemd, damit er es auf dem Markte verkaufe. Das Hemd war aber gestohlen, und das wußte der Hodscha. Auf dem Markte wurde nun in der großen Menge dem Hodscha das Hemd gestohlen.
Als er zurückkam fragte ihn der, der ihm das Hemd gegeben hatte, um wie viel er es verkauft habe, und der Hodscha antwortete: »Der Markt war heute sehr flau, und darum habe ich es um deinen Preis verkauft, um so viel nämlich, wie du dafür gezahlt hast.«
DEr Hodscha brachte seinen Esel auf den Markt und übergab ihn dem Ausrufer. Es kam ein Käufer, und der wollte die Zähne des Esels betrachten, um sich über sein Alter zu unterrichten; aber der Esel biß ihn. Es kam ein anderer Käufer, und der hob ihm den Schwanz auf; aber der Esel schlug aus. Nun sagte der Ausrufer zum Hodscha: »Deinen Esel da kauft niemand; denn wer von vorn an ihn herantritt, den beißt er, und wer von hinten kommt, den schlägt er.«
»Das ist es ja,« antwortete der Hodscha; »ich habe ihn auch nicht hergebracht, um ihn zu verkaufen, sondern damit die Welt sieht, was ich die Zeit her von ihm zu leiden gehabt habe.«
EInmal zankte sich der Hodscha in der Nacht mit seiner Frau, und die gab ihm in ihrer Wut einen Fußtritt, daß er die Treppe hinunterkollerte. Als es Tag geworden war, fragten die Nachbarn, die diesen Lärm gehört hatten, den Hodscha, was geschehn sei, und er antwortete, daß er mit seiner Frau einen Streit gehabt habe.
»Sehr gut,« antworteten sie, »aber was war das für ein Lärm?«
»Bei dem Streite«, sagte er, »ist meine Frau sehr zornig geworden, und da hat sie meinen Kaftan mit einem Fußtritte über die Treppe hinabgestoßen.«
Als sie ihm aber vorhielten, daß ein Kaftan, wenn er hinuntergestoßen werde, nicht imstande sei, einen solchen Lärm zu verursachen, sagte er: »Ach, warum nötigt ihr mich so? begreift ihr denn nicht, daß in dem Kaftan ich gesteckt habe?«
EIn Freund ersuchte den Hodscha um ein wenig Geld und um etwas Frist. Der Hodscha antwortete: »Geld kann ich dir nicht geben, aber Frist gebe ich dir, weil du mein Freund bist, soviel du willst.«
EInes Tages hatte der Hodscha seinen Esel verloren; als er ihn suchen lief, fragte er die Leute, ob sie ihn gesehn hätten, sagte aber dabei gleichzeitig: »Preis sei dem Herrn!«
Man fragte ihn, warum er Gott preise, und er antwortete: »Ich preise den Herrn, weil ich nicht oben gesessen habe; denn hätte ich oben gesessen, so wären wir unfehlbar alle beide in Verlust geraten.«
DEr Hodscha hatte wieder einmal seinen Esel verloren; da ließ er den Ausrufer verkündigen: »Wer denundden Esel findet, der mag ihn als Finderlohn behalten samt Halfter und Sattel.«
EIner sagte zum Hodscha: »Dort tragen sie eine Gans.«
Der Hodscha antwortete: »Was geht das mich an?«
»Sie tragen sie zu dir ins Haus.«
»Was geht das dich an?«
EInes Tages kaufte der Hodscha eine Leber; als er sie nach Hause trug, begegnete ihm ein Freund, und der fragte ihn, wie er sie zubereiten werde. Der Hodscha antwortete, er werde sie so zubereiten, wie man das allgemein gewöhnlich tue. »Ach nein,« sagte der Freund, »es gibt eine andere Zubereitungsart, die werde ich dich lehren, und wenn du die Leber auf diese Weise zubereitest, so wirst du sehn, was das für ein Wohlgeschmack werden wird.«
Darauf sagte der Hodscha: »Im Gedächtnis kann ich das nicht behalten; schreib mir deine Anweisung auf einen Zettel, und ich schaue dann auf das Geschriebene und koche danach.«
Wie nun der Hodscha mit neugieriger Lüsternheit heimging, riß ihm ein Falke die Leber aus der Hand und stieg damit in die Höhe. Ohne irgendwie ärgerlich zu werden, zeigte ihm der Hodscha das Rezept seines Freundes und rief ihm zu: »Du bemühst dich umsonst, die Speise bringst du ja doch nicht fertig; die Leber hast du mir wohl genommen, den Zettel aber nicht.«
DEr Hodscha Nasreddin hatte, wenn er einen Schüler wegschicken wollte, damit er den Krug beim Brunnen fülle, die Gewohnheit, den Schüler zuerst zu prügeln und ihm erst dann den Krug einzuhändigen. Da fragte ihn einmal einer seiner Freunde: »Warum prügelst du eigentlich den Schüler, wann du ihm den Krug gibst?«
Nasreddin antwortete ihm: »Damit er achtgibt, daß er ihn nicht zerbricht; denn wann er einmal zerbrochen ist, dann ist es unnütz, ihn zu prügeln.«
IN der Zeit, wo der Hodscha Nasreddin sein Feld bearbeitete, ging er jeden Morgen hin, zeigte es dem Himmel und sagte: »Herr, dies ist das Feld deines Dieners; ich bitte dich, begieße es ordentlich, damit es Frucht trage.« Damit fuhr er eine lange Zeit fort, bis eines Nachts ein Platzregen fiel; und da sagte er: »Auf meinem Felde werden jetzt Ähren wachsen, so groß wie ich.«
Nachdem er am Morgen in heller Freude aufgestanden war, ging er sein Feld besuchen; als er aber hinkam, erkannte er nicht einmal den Ort mehr. Sein Feld war nämlich an einem Gießbache gelegen, und den hatten die von oben kommenden Wassermassen so überschwemmt und so anschwellen lassen, daß Nasreddin nicht mehr wußte, wo sein Feld war. Als er sah, in was für einem Zustande es war, erhob er Augen und Hände zum Himmel und sagte: »Du bist nicht daran schuld, Herr; schuld daran bin ich Dummkopf, weil ich dir mein Feld gezeigt habe.«
EInes Nachts beklettelte sich der Hodscha Nasreddin im Schlafe; als er dann am Morgen beim Erwachen sah, in was für einer Verfassung er war, sagte er zu seiner Frau, weil er sich vor ihr schämte: »Ach Weib, heute Nacht habe ich einen entsetzlichen Traum gehabt, so daß ich noch immer zittere. Da waren drei Minarete, eines auf dem andern, und in der Spitze des dritten steckte eine Nadel, und auf der Nadel war ein Tisch, und auf dem Tische saß ich, und ich habe wohl geschrien, weil sich der Tisch so bewegte, daß, wenn er gefallen wäre, auch ich mit ihm gefallen wäre, und ich hätte mich zum mindesten in tausend Stücke zerschlagen.«
Seine Frau sagte: »Wenn ich einen solchen Traum gehabt hätte, ich hätte mich sicher vor Angst beklettelt.«
Nun sagte Nasreddin: »Auch mir ist es so ergangen; aber behalte es bei dir und sag niemand etwas.«
EIn Bauer, der seinen Esel verloren hatte, bat den Hodscha Nasreddin, in der Moschee zu verkündigen, daß ihn der Finder seinem Herrn zurückgeben solle. Als das allgemeine Gebet vorüber war, sagte Nasreddin: »Muselmanen, wer von euch sein ganzes Leben lang keinen Kaffee und keinen Schnaps getrunken hat, wer nie geraucht hat, wer nie Karten, Brett oder Dame gespielt hat, wer nie die Geselligkeit gesucht hat, der trete vor, damit ich ihn sehe.«
Alle, die in der Moschee anwesend waren, dachten, daß keiner dasei, wie ihn der Hodscha beschrieben habe, und daß sich niemand unterstehn werde, vorzutreten; aber es trat doch einer vor, und der sagte zum Hodscha: »Ich habe Zeit meines Lebens weder Wein, noch Kaffee getrunken, habe keinerlei Spiel gespielt und war nie in einer Gesellschaft.«
Da drehte sich der Hodscha um und rief: »Wo ist denn der, der den Esel verloren hat? Schau, da ist einer, den nimm; einen größern Esel als den wirst du nie finden.«
EInmal kam ein Woiwode bei dem Dorfe des Hodschas Nasreddin vorbei; und die Einwohner schickten Nasreddin als ihren Gesandten zu ihm, damit er ihm die Huldigung aller Bauern darbringe. Als der Woiwode Wuchs und Gestalt Nasreddins sah, sagte er zu ihm: »Hat sich denn kein Mensch gefunden, den die Bauern hätten zu mir schicken können, daß sie mir dich geschickt haben?«
Unverzüglich antwortete Nasreddin: »Die Menschen, Herr, schicken sie zu den Menschen; mich haben sie zu dir geschickt.«
EIner von seinen Freunden fragte den Hodscha Nasreddin: »Wie gehts dir mit deiner Armut?«
»Sehr gut,« antwortete der Hodscha.
Und der Freund fragte weiter: »Wie kann es denn einem Armen gut gehn?«
Nasreddin antwortete: »Ich habe mich daran gewöhnt, mein Freund; darum gehts mir gut.«
EInmal baute der Hodscha einen Backofen. Als den seine Nachbarn besichtigten, sagte der eine, die Tür hätte nach Osten gehört, der andere nach Westen, wieder einer nach Süden, und kein einziger war mit dem Erzeugnis Nasreddins einverstanden.
Geärgert darüber riß Nasreddin den Ofen nieder und baute ihn nun auf einen Wagen. Die Nachbarn kamen wieder zur Besichtigung und begannen auch wieder zu tadeln, daß die Tür nicht die richtige Lage habe; aber als der erste sagte: »Die Tür sollte hier sein«, antwortete Nasreddin: »Wartet«, und drehte den Wagen, bis die Tür dort war, wo dieser Nachbar gesagt hatte. Und als ein anderer sagte: »Die Tür müßte dort sein«, drehte er sofort wieder den Wagen, und so tat er allen seinen Nachbarn Genüge.
Und er sagte: »Einen bessern Weg, so vielen Leuten und mir selber den Willen zu tun, habe ich nicht gefunden.«
DEr Hodscha kaute Mastix[13]. Als er dann zu Tische ging, nahm er das Stück Mastix aus dem Munde und klebte es auf die Nasenspitze. Einer von seinen Freunden fragte ihn: »Warum tust du das?«
Er antwortete: »Es ist ganz gut, wenn man das, was einem gehört, vor Augen hat.«
ETliche Leute fragten den Hodscha Nasreddin: »Hast du deine Schuld bezahlt?«
Er antwortete: »Bezahlt nicht, aber leichter gemacht habe ich sie mir.«
»Und wie«, sagten sie, »hast du sie dir leichter gemacht, ohne sie zu bezahlen?«
Nasreddin antwortete: »Ich habe sie verjähren lassen.«
DEr Hodscha Nasreddin war einigen Freunden Geld schuldig, und denen sagte er immer, daß er sie am Sonntage bezahlen werde; auf diese Weise drückte er sich um die Bezahlung. Eines Tages kamen nun mehrere Gläubiger zu ihm und fragten seine Frau, wie er sie bezahlen wolle. Sie antwortete ihnen, der Hodscha habe am Tage vorher genügend viel Distelsamen gekauft, den werde er auf dem Felde aussäen, die Disteln, die davon wüchsen, die würden sie auf die Straße streuen, wo die Tiere mit den Baumwollelasten vorüberkämen, und aus dem Erlöse für die Baumwolle, die an den Disteln hängen bleiben werde, würden alle Gläubiger bezahlt werden.
Über diese Antwort der Frau lachten alle übermäßig, aber sie entgegnete darauf und sagte zu ihnen: »Jetzt lacht ihr freilich, weil ihr die Sicherheit habt, bezahlt zu werden.«
DRei Männer, die ein Säckchen mit Nüssen gefunden hatten, kamen zu Nasreddin und baten ihn, die Nüsse nach Gottes Weise unter sie zu teilen. Nasreddin öffnete den Sack und gab dem einen ein paar Nüsse, dem andern etliche mehr und dem dritten alles, was der Sack noch enthielt.
Daraufhin sagten die drei zu ihm: »Du hast nicht ordentlich geteilt, Hodscha.«
Aber der Hodscha antwortete ihnen: »So teilt Gott, ihr Dummköpfe! dem einen gibt er viel, dem andern gar nichts; hättet ihr mir gesagt, ich solle sie unter euch nach Menschenweise verteilen, so hätte ich die drei Teile gleich groß gemacht.«
IN der Absicht, bei seinem Nachbar etliche Zwiebeln zu stehlen, stieg Nasreddin auf das Dach und versuchte, durch das Rauchloch in das Haus des Nachbars hinabzusteigen. Nun hielt er einen Schatten, den das Mondlicht machte, für einen Balken und setzte unvorsichtigerweise den Fuß darauf; so stürzte er vom Rauchloche hinunter und fiel in den Herdwinkel des Nachbars, wobei er sich den Fuß garstig brach. Auf diesen Lärm erwachte der Nachbar und er rief seinem Weibe zu, sie solle rasch Licht machen, damit er den Dieb greife.
Aber der Hodscha sagte zu ihm: »Beeile dich nicht, Nachbar; nach dem Sturze, den ich getan habe, wirst du mich nicht nur heute, sondern auch morgen hier haben.«
DEr Hodscha Nasreddin verkaufte die Gurken seines Gartens, und von dem dafür gelösten Gelde kaufte er einen Esel. Als er den nun einmal mit Holz beladen nach Hause trieb, glitt der Esel in einem Flusse, über den sie zu setzen hatten, aus, fiel nieder und ertrank. Ohne darüber auch nur im geringsten zornig zu werden, sagte der Hodscha: »Der aus dem Gurkengelde gekaufte Esel stirbt eben durchs Wasser.«
DEr Hodscha Nasreddin fragte seinen Sohn, ob er schon in seinem Leben eine süße Speise gegessen habe, und der Sohn antwortete mit Nein. Nun fragte ihn der Hodscha von neuem: »Was ist denn dann das, was du alle Tage ißt?« Der Junge antwortete: »Trockenes Brot.« Und Nasreddin sagte zu ihm: »Und glaubst du denn, daß es auf der Welt noch eine süßere Speise gibt als das trockene Brot?«
DEr Hodscha Nasreddin saß einmal in einem Garten, und da betrachtete er, wie schwach die Wurzeln der Kürbisse und Melonen seien im Gegensatze zu der Größe der Kürbisse und Melonen; und da er im Schatten eines Nußbaumes saß, fiel es ihm auf, daß umgekehrt der Nußbaum so groß und die Nüsse so klein seien. Und er sagte zu sich: »Eine merkwürdige Sache! Gott hat sich doch bei seiner Schöpfung wenig Mühe gemacht; sonst hätte er nicht die Kürbisse und Melonen, die nach ihrer Größe an großen Bäumen wachsen sollten, an kleinen Pflanzen geschaffen, die Nüsse aber, die ganz klein sind, umgekehrt an großen Bäumen.«
Während er noch diesen Gedanken und Zweifeln nachhing, fiel plötzlich durch einen starken Windstoß eine Nuß mit Heftigkeit vom Baume und traf ihn an der Stirn; das verursachte ihm einen außerordentlichen Schmerz, und nun sagte er: »Ach, Gott hat schon gewußt, was er tat, und ich habe es schlecht bedacht; denn wäre die Nuß, die heruntergefallen ist und mich getroffen hat, ein Kürbis oder eine Melone gewesen, dann weh mir! sie hätte mir wahrhaftig den Kopf zertrümmert.«
EInes Nachts ging der Hodscha Nasreddin aus, um in einem Laden zu stehlen, und nahm eine Feile mit. Er feilte gerade an dem Schlosse der Ladentür, als zufällig einer seiner Freunde daherkam; und der fragte ihn: »Was machst du da?«
Der Hodscha antwortete: »Ich spiele Geige.«
Nun fragte ihn sein Freund: »Aber man hört ja keinen Klang von deiner Geige?«
Nasreddin antwortete ihm: »Morgen wirst du schon den Klang hören.«
Am Morgen hörte er dann, daß der Laden von demunddem in dieser Nacht ausgeraubt worden war.
IN dem Viertel, wo der Hodscha Nasreddin wohnte, war ein Backofen, und den besuchte der Hodscha manchmal gegen Mittag und zog den Wohlgeruch der verschiedenen Braten ein.
Eines Morgens brachte nun der Mulazim[14] eine Gans und übergab sie dem Garkoch, damit sie zu Mittag fertig sei. Als sie gebraten war, nahm sie der Garkoch aus dem Ofen und legte sie zusammen mit den andern Speisen auf die
Bank; und er wartete auf den Mulazim, um sie ihm zu übergeben. Um diese Stunde kam dort Nasreddin vorbei, der damals der Kadi des Dorfes war, und er blieb vor dem Backofen stehn, um die Speisen zu bewundern; aber mehr als alles andere schien die Gans seine Lust zu reizen, und er fragte den Garkoch, wem sie gehöre.
»Dem Mulazim, Effendi,« antwortete der Garkoch.
»Schick sie sofort zu mir,« befahl der Hodscha.
»Aber was mach ich dann mit dem Mulazim? Was gebe ich ihm, wann er kommt?«
»Schick sie augenblicklich zu mir, sage ich dir,« sagte der Hodscha beharrlich und fuhr fort: »Es ist besser für dich, du hast den Kadi zum Freunde als den Mulazim. Schick sie und du wirst es nicht bereuen.«
»Aber was sage ich dem Mulazim, wann er kommt?«
»Dem sagst du,« antwortete der Hodscha, »daß sie inwendig aus dem Ofen weggeflogen ist, und kümmere dich weiter um nichts.«
Als der Garkoch die Beharrlichkeit des Kadis sah, schickte er ihm die Gans ins Haus, weil er ihn nicht verdrießlich machen wollte.
Nach fünf Minuten erschien der Mulazim und verlangte seine Gans.
Mit der unschuldigsten Miene nahm der Garkoch die Schaufel und fuhr damit in den Ofen, um scheinbar die Gans zu suchen; er drehte sie hieher, er drehte sie dorthin, aber umsonst.
»Merkwürdig,« sagte er, immer herumstöbernd, »sie muß weggeflogen sein.«
»Vorwärts, mach schnell,« entgegnete der Mulazim; »es ist meine Essenszeit und ich habe einen teuflischen Hunger.«
Aber die Gans kam nicht zum Vorschein.
Der Mulazim hatte unterdessen zu schreien angefangen, der Garkoch stocherte fortwährend weiter, wobei er immer wiederholte, die Gans scheine davongeflogen zu sein, und vor der Bank sammelte sich eine Menge Leute an. Schließlich verlor der Mulazim die Geduld und er stürzte sich auf den Garkoch; der riß die Schaufel aus dem Ofen, um sich damit zu verteidigen, aber dabei flog der Schaufelgriff einem Juden, der dabeistand, ins Gesicht und schlug ihm ein Auge aus.
Als der Garkoch sah, in welch schlimmer Lage er war, sprang er über die Bank und lief, um sich zu retten; aber ihm setzte nicht nur der Mulazim nach, sondern auch der Jude und die Freunde des Juden.
Auf dem Wege war eine Haustür offen und dort lief er hinein, um sich zu verbergen. In dem Hofe saß aber eine schwangere Frau, und als die sah, wie er plötzlich hereinstürzte und was für eine Menge ihn verfolgte, erschrak sie und tat eine Fehlgeburt.
Der Garkoch versteckte sich in einen Winkel, um nicht gefangen zu werden; aber zu denen, die ihn schon gejagt hatten, gesellten sich nun noch die Verwandten der Frau. Das Haus hatte zum Glücke auch eine Hintertür; durch die lief der Garkoch hinaus, die ganze Menge hinter ihm, und er rannte in eine Moschee, um sich zu retten, und stieg auf das Minaret. Da sie ihm aber auch dorthin nachkamen, warf er einen Blick hinunter; und weil er bedachte, daß sie, wenn er dort bliebe, heraufkommen und ihn niedermachen würden, stürzte er sich vom Minaret hinunter auf das Pflaster, just auf einen jüdischen Geldwechsler, der dort gebückt auf seiner Bank saß, und der war auf der Stelle tot.
Nun erreichten ihn seine Verfolger, und sie schleppten ihn vor den Kadi. Der hatte sich eben zu Tische gesetzt, um die Gans zu verzehren.
Sie fingen alle miteinander zu schreien an, was jeder von dem Garkoch erlitten hatte. »Still, der Reihe nach,« sagte streng der Hodscha, der augenblicklich den Tisch verließ und in sein Amtszimmer ging, wo das große heilige Buch war, nach dem er Recht sprach; und er sagte zu dem Mulazim: »Was willst du von dem Manne da?«
»Effendi, am Morgen habe ich ihm eine Gans gebracht, damit er sie brate, und jetzt sagte er mir, sie sei weggeflogen. Ich verlange, daß er mir meine Gans wiedergibt.«
Der Hodscha öffnete sofort das Buch, wandte einige Blätter um und las vor, daß alle hundert Jahre einmal ein solches Wunder geschehe, und es seien gerade hundert Jahre, seitdem das letzte geschehn sei; und glückselig sei der zu preisen, der dabei die Gans verloren habe, weil die ins Paradies geflogen sei und ihn dort erwarte.
Freudestrahlend entfernte sich der Mulazim. Als zweiter kam der Jude mit dem ausgeschlagenen Auge.
»Effendi, der Garkoch hat mir mit der Schaufel das Auge ausgeschlagen.«
Der Hodscha blätterte wieder in dem Buche und las, es sei natürlich recht und billig, daß sich nun der Garkoch hinstelle, damit ihm der Jude ein Auge ausschlage; weil aber nach dem Buche ein Auge eines Osmanen so viel wert sei, wie zwei eines Juden, müsse sich der Jude zuerst hinstellen, damit ihm der Garkoch auch noch das andere ausschlage, und dann dürfe er dem Garkoch eines ausschlagen. Der Hodscha hatte seinen Spruch noch nicht beendigt, so war der Jude schon unsichtbar geworden.
Als dritter kam der Gatte der Frau, die die Fehlgeburt getan hatte. Über diesen Fall schrieb das Buch, daß der Garkoch mit der Frau ein andres Kind machen solle. Es ist begreiflich, daß es auch der dritte Kläger vorzog, sich davonzumachen.
Zum Schlusse kam der Bruder des erschlagenen Geldwechslers.
Wieder wandte der Hodscha die Blätter um, und er fand, daß der Kläger den Garkoch auf dieselbe Weise töten solle: der Garkoch müsse sich nämlich unter das Minaret setzen, und er solle sich von oben auf ihn fallen lassen und ihn also töten.
Nachdem daher auch der letzte Reißaus genommen hatte, dankte der Garkoch dem Hodscha; und jetzt erinnerte er sich der Worte des Hodschas, daß es für ihn besser sei, den Kadi als den Mulazim zum Freunde zu haben.