2. Aus der von Mardrus besorgten Ausgabe von Tausend und einer Nacht

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IN den Jahrbüchern der alten Weisen, o König der Zeit, und in den Schriften der Gelehrten wird erzählt und durch die Überlieferung ist auf uns gekommen, daß in der Stadt Kairo, diesem Sitze des Frohsinns und des Geistes, ein Mann gewesen ist, der wie ein Dummkopf aussah, aber unter dem Äußern eines ungewöhnlichen Narren einen unvergleichlichen Kern von Verschlagenheit, Scharfsinn, Witz und Weisheit verbarg, ganz zu geschweigen, daß er sicherlich der vergnüglichste, unterrichtetste und geistreichste Mensch seiner Zeit war; mit seinem Namen hieß er Dschoha, und von Beruf war er nichts, gar nichts, wenn er auch gelegentlich in den Moscheen das Predigeramt ausübte.

Eines Tages sagten nun seine Freunde zu ihm: »Schämst du dich denn nicht, Dschoha, daß du dein Leben im Müßiggange verbringst und deine Hände samt den zehn Fingern zu nichts anderm brauchst, als um sie voll zum Munde zu führen? Und denkst du nicht, daß es die höchste Zeit wäre, dein Luderleben aufzugeben und dich den Sitten aller Welt zu fügen?«

Dschoha antwortete darauf nichts. Aber eines Tages fing er einen großen, schönen Storch mit herrlichen Flügeln, die ihn hoch in den Himmel trugen, mit einem wunderbaren Schnabel, dem Schrecken der Vögel, und mit zwei Lilienstengeln als Beinen. Und nachdem er ihn gefangen hatte, stieg er mit denen, die ihm Vorwürfe gemacht hatten, auf das Dach seines Hauses, und dort schnitt er dem Storche mit einem Messer die herrlichen Federn der Flügel und den wunderbaren langen Schnabel und die hübschen, so zierlichen Beine ab, stieß ihn mit dem Fuße hinaus und sagte: »Fliege! fliege!«

Entrüstet schrien ihn seine Freunde an: »Daß dich Allah verfluche, Dschoha! Warum diese Verrücktheit?«

Und er antwortete ihnen: »Dieser Storch hat mich geärgert und hat meine Augen verdrossen, weil er nicht so war wie die andern Vögel; jetzt aber habe ich ihn den andern ähnlich gemacht.«

[378.]

UNd einmal kam sein Nachbar zu Dschoha, um ihn zu einem Mahle einzuladen, und sagte zu ihm: »Komm zu mir essen, Dschoha.« Und Dschoha nahm die Einladung an. Und als sie alle beide vor dem Eßbrette saßen, wurde ihnen eine Henne aufgetragen. Und Dschoha gab es nach mehrern Kauversuchen auf, sich mit dieser Henne zu befassen, die eine alte war unter den allerältesten Hennen, und deren Fleisch zäh war wie Leder; und er begnügte sich, ein wenig von der Suppe, worin sie gekocht war, zu sich zu nehmen. Dann stand er auf, nahm die Henne, stellte sie in die Richtung nach Mekka und schickte sich an, sein Gebet über ihr zu sprechen. Und sein Wirt sagte betreten zu ihm: »Was willst du, Ungläubiger? Seit wann beten die Muselmanen über den Hühnern?«

Und Dschoha antwortete: »Du täuschest dich, Oheim. Diese Henne, über der ich beten will, ist keine Henne: sie hat nur die Gestalt einer Henne; denn in Wirklichkeit ist sie eine alte heilige Frau, die in eine Henne verwandelt worden ist, oder ein verehrungswürdiger frommer Mönch! denn sie war im Feuer, und das Feuer hat sie verschont.«

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EIn andermal war Dschoha mit einer Karawane ausgezogen und der Mundvorrat war gar spärlich und der Hunger der Reisenden war beträchtlich; und er wurde von seinem Magen so gepeinigt, daß er gern das Futter der Kamele verschlungen hätte. Als sie sich nun beim ersten Halt alle niedergesetzt hatten, um zu essen, zeigte Dschoha so viel Zurückhaltung und Bescheidenheit, daß sich seine Gefährten nicht genug wundern konnten. Sie drangen in ihn, das Brot und das harte Ei, das ihm zukam, zu nehmen, aber er antwortete: »Nein, bei Allah! eßt nur und seid zufrieden; ich wäre nicht imstande, ein ganzes Brot und ein Ei aufzuessen. Nehmt nur jeder euer Brot und euer Ei; mir gebt dann, wenn es euch beliebt, jeder die Hälfte von seinem Brot und seinem Ei: mehr verträgt mein Magen nicht, der ziemlich schwach ist.«

[380.]

EIn andermal, an einem sehr heißen Tage, hatte sich Dschoha in der ärgsten Sonnenglut auf den Weg gelegt und hielt seinen Freudenstifter entblößt in der Hand. Da kam einer vorbei, und der sagte zu ihm: »Schande über dich, Dschoha! was machst du da?«

Und Dschoha antwortete: »Schweige, Mann, und geh mir aus meinem Winde! siehst du nicht, daß ich meinen Kleinen Luft schöpfen lasse zu seiner Erfrischung?«