Anekdote

Von Rudolf G. Binding

Es scheint, daß es Witze gibt, die selbst der humorvollste Mensch nicht ertragen kann – nämlich wenn sie auf ihn gehen. Sie sind vielleicht zu gut, um ertragen zu werden. Dies wäre eigentlich kein Grund, aber ich weiß, soviel ich auch darüber nachdenke, keinen anderen für die Wirkung der folgenden Geschichte ausfindig zu machen, die eine Trübung einer guten Freundschaft nur wegen eines Witzes zur Folge hatte.

In einem kleinen Schwarzwaldbade trafen sich im Sommer 19… in einer Gesellschaft außerordentlich gebildeter Leute, wie sie der Zufall nur selten an solchen Plätzen zusammenführt, am Mittagstisch ein Oberhofprediger und ein schwäbischer Kandidat der Gottesgelahrtheit, welche die Geschicklichkeit des Wirtes für die Zeit ihres Aufenthaltes zu den Mahlzeiten nebeneinander placiert hatte. Der Oberhofprediger, froh, den hallenden Gewölben des Doms der Residenz und anderem entgangen zu sein, was ihn dort droben im Norden beengte, freundete sich mit dem frischen jungen Schwaben, der das Herz auf dem rechten Flecke und die Zunge auf keinem anderen hatte, rasch an. Da der Kandidat nur wegen eines Herzleidens seinen früheren Beruf, welcher der eines Forstmannes war, hatte aufgeben müssen, so war es begreiflich, daß er aus diesem eine große Anhänglichkeit für alle Tiere des Waldes und der Lüfte mit hinüber genommen hatte in Gottes Reich, dem er nun dienen wollte. So war es besonders die Menge der verschiedenartigsten Vögel, welcher seine stundenlange Beobachtung in den Anlagen des Parkes, in den Hecken der Straße und in dem bronzefarbenen Dunkel unter den sonnenbestrahlten Tannen galt. Dieser täglichen Gepflogenheit schloß sich der alte würdige Oberhofprediger, welchem die behutsamen Spaziergänge, wie sie dem jungen Schwaben vorgeschrieben wurden, gerade recht waren, eifrig an. Seine bisherigen Kenntnisse auf dem Gebiete der Vogelkunde mochten nicht viel über Noahs Taube, den Raben des Eremiten und den heiligen Geist hinausgehen, und einer allzu ausgiebigen Erforschung der vielen Arten, die dort in der gehegten Umgebung sich zusammenfinden, widersetzte sich sein Auge, das, wie er scherzhaft behauptete, wohl schon zu sehr nach innen gerichtet war, um nach außen noch sehr brauchbar zu sein. So kam es, daß er manchmal die gewöhnlichsten und bekanntesten Vögel verkannte oder als Seltenheiten beschrieb. Das alles aber hielt ihn nicht ab, aus der reinsten Liebenswürdigkeit und Freude an seinem jungen Freunde dessen Liebhaberei, so gut es eben ging, zu teilen.

Eines schönen Tages kam der Oberhofprediger von einem seiner Spaziergänge, den er aus irgendwelchem Grunde ohne die Begleitung des jungen Vogelkenners gemacht hatte, in ziemlicher Aufregung nach Hause. Er hatte einen ihm unbekannten, höchst merkwürdigen und seltenen Vogel gesehen, den er jedoch nicht weiter und genauer zu beschreiben vermochte, als daß er etwas Gravitätisches an sich gehabt und eine rot gefiederte Brust und ein graues Kleid zeige. Der Kandidat, der die ganze Tischzeit über sich mit seinem Nachbarn über dieses Wundertier unterhielt, ließ sich genau den Ort beschreiben, wo der Vogel gesehen war und glaubte sicher desselben an gleicher Stelle und zu gleicher Zeit ebenfalls ansichtig zu werden, hatte aber nicht die leiseste Vorstellung, um welchen Vogel es sich handeln könne. Dies betrübte den Oberhofprediger um so mehr, als er am nächsten Tag in der Frühe abreisen wollte und somit fürchtete, daß ihm der Wundervogel wirklich nur einmal in seinem Leben begegnet sein möchte und er nicht einmal Name und Herkunft desselben erfahren solle. Sein junger Freund indessen versprach ihm, sobald er den Vogel gesehen und bestimmt hätte, den Namen schriftlich mitzuteilen.

Am andern Morgen reiste der Oberhofprediger zu Tal, während der Theologie-Kandidat ungesäumt die Spur des Wundervogels aufnahm, welcher denn an der bezeichneten Stelle bald sich seinem geübten Auge vorstellte.

An demselben Abend trug mein Schwäblein schmunzelnd eine an den Oberhofprediger gerichtete Karte auf die Post.

»Ein instinktives Gefühl«, so schrieb er, »hat Sie ein besonderes Interesse an einem Vogel nehmen lassen, welcher ganz und gar nichts besonderes an sich hat. Es ist nämlich ein Dompfaff

Nun war der Oberhofprediger sicher ein humorvoller Mann und ertrug auch den feinen Witz über seinen Stand, wie es jeder, der einen Spaß versteht, erträgt. Aber diesen Witz hat er doch nicht vertragen. Es muß gesagt werden, daß es eine eigentümliche Laune des deutschen Sprachgebrauchs ist, denselben Vogel sowohl mit dem Ausdruck Dompfaff, als mit dem Ausdruck Gimpel zu belegen; denn im menschlichen Leben ist ein Dompfaff sicher kein Gimpel und ein Gimpel gewöhnlich kein Dompfaff. Aber, könnt ihr mir einen anderen Grund für die Verstimmung des Oberhofpredigers angeben, als daß der Zufall hier einen zu guten Witz gemacht hatte, den der junge Schwab mit seinen hellen Augen und seinem klaren Verstand nur entdeckte?