Die Banknote

Von Karl Federn

Diese Geschichte erzählte mir eine Freundin, als wir uns eines Tages über die seltsam trügenden Erscheinungen unseres Bewußtseins und Gedächtnisses unterhielten: Ihr Vater, zur Zeit, da die Sache sich ereignete, bereits ein älterer Mann, reich, vornehm, von sehr bestimmten Anschauungen und Gewohnheiten, hielt es für richtig, jeden Tag, wenn er das Haus verließ, in Brieftasche und Börse eine Tausendernote, zwei oder drei Scheine von je hundert, fünfzig und weniger Gulden bis zur kleinen Münze hinab, sorgfältig zusammengestellt und nachgezählt, bei sich zu tragen. Vor Tische – er wohnte für sich allein – pflegte er einen Spaziergang zu machen, um dann in einem der bekanntesten Gasthöfe der inneren Stadt zu speisen. Und so war er auch an diesem Tage ausgegangen, war wie immer zahlreichen Bekannten begegnet, hatte mit manchen einen Gruß gewechselt, mit andern länger und eingehend gesprochen, hatte vielleicht in einem Laden einen Einkauf gemacht, und wurde dann plötzlich, sei es von einem Gedanken, der ihm kam, sei es von irgendeinem Vorfall, einem gestürzten oder durchgehenden Wagenpferd oder sonst einem Ereignis, das einen kleinen Volksauflauf verursachte und auch seine Gedanken lebhaft beschäftigte, vollkommen hingenommen, so daß er noch bei seiner stets sorgfältig gewählten und froh genossenen Mahlzeit, bei dem Wein, den er als Kenner trank, über die Sache nachdachte. Dann nach dem schwarzen Kaffee und der Zigarre hatte er den Kellner mit einer Hundert-Guldennote bezahlt und den Rest in Scheinen und Münze zurückbekommen.

Als er im Laufe des Nachmittags bei einer Gelegenheit wieder Geld aus seiner Brieftasche nehmen wollte, vermißte er die Tausendernote, die darin sein mußte, – denn er hatte die Tasche, seitdem er das Hotel verlassen, nicht mehr berührt, – er mußte sich also geirrt und dem Kellner die Tausendernote gegeben haben.

Er kehrte sofort nach dem jetzt verlassenen Speisesaal des Hotels zurück und sagte dem Manne, der ihn seit langem bediente, in nicht ungütiger Weise, er, der Kellner, habe wohl seinerseits auch nicht bemerkt, daß er ihm aus Versehen die größere Note gegeben, und sie wahrscheinlich für die geringere genommen und als solche gewechselt … Der Kellner versicherte sehr höflich und bestimmt, aber nicht ohne eine gewisse Befangenheit, daß er lediglich eine Hunderternote von ihm zur Zahlung bekommen und dies sehr genau gesehen hätte, daß auch seine Rechnung vollkommen stimme, und daß der Gast im Irrtum sein müsse. Nach wenigen Sätzen, in denen jeder bei seiner Meinung blieb, sagte der alte Herr, er bedauere den Vorfall sehr und wolle auch nichts Schlimmes von ihm geglaubt haben, aber da es sich um einen bedeutenderen Betrag handle, sei er genötigt, die Sache dem Besitzer mitzuteilen und ihm das weitere anheimzustellen.

Der Zahlkellner, gleichfalls schon ein älterer Mann, schwieg darauf eine Weile bestürzt, dachte nach und sagte zuletzt: »Das möchte ich nicht; vielleicht habe ich mich doch geirrt …« und gab die fehlenden neunhundert Gulden heraus.

Mit einem peinlichen Gefühl für den Mann nahm der alte Herr das Geld und ging, und wurde auch in den nächsten Tagen durch das gleiche Gefühl im Genuß seiner Mittagsmahlzeit gestört. Bis Wochen vergingen und die Sache für ihn schon eine halb vergessene war, – als er eines Tags einen eingeschriebenen Brief erhielt, in dem eine Tausendernote lag, die ihm ein Freund mit vielem Dank für seine Liebenswürdigkeit zurückschickte.

Und da erst kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß er ja an jenem Vormittage auf seinem Spaziergang einem Bekannten begegnet war, einem gleichfalls sehr vermögenden Manne, der sich vorübergehend in Wien aufgehalten hatte und plötzlich und sofort abreisen mußte, und ihn für dringende Einkäufe, die er noch machen wollte, um jene Gefälligkeit ersucht hatte; daß er diesem Manne die Tausendernote eingehändigt, und daß, sei es eine Gedächtnisschwäche, mehr aber jener Vorfall, der ihn dann so sehr beschäftigte, jede Erinnerung daran in ihm ausgelöscht hatte.

Nun selber bestürzt und mit vielen Entschuldigungen gab er am nächsten Tag dem Kellner sein Geld zurück. »Ich wußte es ja,« sagte dieser und nahm die neun Hunderter und was er zur Entschädigung dazu erhielt, mit tiefem Dank. »Aber,« fragte der andre, denn das hatte ihn am meisten in Erstaunen gesetzt, »wie konnten Sie mir nur damals das Geld herausgeben?«

»Herr W.,« sagte der Mann, »ich habe ja gesehen, daß Sie es selbst glaubten. Wenn die Sache zum Prinzipal gekommen wäre … Ihnen hätte jeder geglaubt, und mir nicht. Wie hätt' ich's beweisen sollen? Ich bin Familienvater, und ich habe hier eine Stellung, die mir viel einbringt. Die hätt' ich verlieren können, und die ist mir mehr wert als neunhundert Gulden …«