Das seltene Buch

Von Hermann Hesse

Vor einigen Jahrzehnten schrieb ein junger deutscher Dichter sein erstes kleines Büchlein. Es war ein süßes, schwaches, unüberlegtes Gestammel von blassen Liebesreimen, ohne Form und auch ohne viel Sinn, wie es viele gibt. Wer es las, der fühlte nur ein schüchternes Gleiten zärtlicher Frühlingswinde und sah schemenhaft hinter knospenden Gebüschen ein junges Mädchen lustwandeln. Sie war blond, zart und weiß gekleidet, und sie lustwandelte gegen Abend im lichten Frühlingsgehölz – mehr bekam man nicht von ihr zu hören.

Dem Dichter hingegen, dem in diesen Versen die Welt umschrieben und gedeutet schien, war dieses ganz genug, und er begann, da er nicht ohne Mittel war, unerschrocken den alten, tragikomischen Kampf um die Öffentlichkeit, um Kritik, um Ruhm, um Liebe, um Gewinn. Sechs berühmte und mehrere kleinere Verleger, einer nach dem andern, sandten dem schmerzlich wartenden Dichter sein sauber geschriebenes Manuskript höflich ablehnend zurück. Ihre sehr kurz gefaßten Briefe sind erhalten geblieben und weichen im Stil nicht wesentlich von den Antworten ab, wie sie heutigen Verlegern in ähnlichen Fällen geläufig sind; jedoch sind sie sämtlich von Hand geschrieben und insofern tatsächlich wirkliche Briefe, als sie sichtlich für ihren einmaligen Zweck geschrieben und nicht einem im voraus hergestellten Vorrat von gleichlautenden Exemplaren entnommen sind. Ostwald hat recht, die Welt ist seither fortgeschritten.

Durch diese Ablehnungen, die er keineswegs verdient zu haben glaubte, gereizt und ermüdet, ließ der Dichter seine Verse nun auf eigene Kosten in 400 Exemplaren drucken. Das kleine Buch umfaßt 39 Seiten in französischem Duodez und wurde in ein starkes, rotbraunes, auf der Rückseite rauheres Papier geheftet (siehe den berühmten »Katalog für Bibliophilen« von Hofrat Lämmerschwanz, Seite 43, 769). Dreißig Exemplare verschenkte der Autor an Freunde. Zweihundert Exemplare gab er einem Buchhändler zum Vertrieb, und diese zweihundert Stück gingen bald darauf bei einem großen Magazinbrande zugrunde. Den Rest der Auflage, 170 Exemplare, behielt der Dichter bei sich, und man weiß bis heute nicht, was aus ihnen geworden ist (siehe die Abhandlungen hierüber von Lämmerschwanz und Wurmb im Archiv für exklusive Bibliophilie, Jahrgang I, 44 ff. und III, 89 ff.). Durch diese exzeptionellen Schicksale, den Brand und das spurlose Verschwinden jenes Auflagerestes, war das kleine Büchlein zur bibliophilen Seltenheit ersten Ranges prädestiniert; nur kannte damals noch niemand den Namen des gänzlich unberühmten Verfassers. Das Werkchen war totgeboren, und der Dichter verzichtete, vermutlich vorwiegend aus Erwägungen ökonomischer Art, einstweilen völlig auf weitere poetische Versuche oder doch auf deren Veröffentlichung.

Etwa zehn Jahre später aber kam er zufällig einmal dahinter, wie man zügige Lustspiele macht. Er legte sich eifrig darauf, hatte Glück und lieferte von da an jährlich seine zwei Komödien oder Possen, prompt und zuverlässig wie ein Fabrikant. Die Theater waren voll, die Schaufenster zeigten Buchausgaben der Stücke, Bühnenaufnahmen und Bildnisse des Verfassers. Dieser war jetzt berühmt, fast weltberühmt, verzichtete aber auf eine Neuausgabe jener Jugendgedichte, deren er sich nun vermutlich schämte. Er starb in der Blüte der Mannesjahre, und als nach seinem Tode eine kurze, seinem literarischen Nachlaß entstammende Autobiographie herauskam, wurde diese begreiflicherweise gierig gelesen. Aus dieser Veröffentlichung erst erfuhr die Welt von dem Dasein jener verschollenen Jugenddichtungen.

Seither sind jene zahlreichen Lustspiele aus der Mode gekommen und werden nicht mehr gegeben. Die Buchausgaben findet man massenhaft und zu jedem Preise, meist als Konvolute, in den Katalogen der Antiquariate. Jenes kleine Erstlingsbändchen aber, von welchem vielleicht, ja sogar höchst wahrscheinlich nur noch die dreißig seinerzeit verschenkten Exemplare vorhanden sind, ist jetzt eine Seltenheit ersten Ranges und wird von Sammlern mit Leidenschaft gesucht und mit jedem Preise bezahlt. Es figuriert täglich in den Desideratenlisten, nur viermal tauchte es bis jetzt im Antiquariatshandel auf und entfachte jedesmal eine hitzige Depeschenschlacht von bietenden Bestellern. Denn einmal trägt es doch einen berühmten Namen, ist ein Erstlingsbuch und überdies Privatdruck, dann aber ist es für manche Liebhaber auch äußerst interessant und rührend, von einem so berühmten, eiskalten Bühnenroutinier ein sentimentales Bändchen Jugendlyrik zu besitzen. Kurz, man suchte das kleine Ding mit Leidenschaft, und ein tadelloses, unbeschnittenes Exemplar davon gilt für unbezahlbar, namentlich seit auch einige amerikanische Sammler danach fahnden. Dadurch wurden auch die Gelehrten aufmerksam, und es existieren, außer den genannten bibliophilen Publikationen, schon zwei Dissertationen über das Büchlein, von welchen die eine es von der sprachlichen, die andere von der biographischen Seite beleuchtet. Ein Faksimiledruck in 65 Exemplaren, der nicht neu aufgelegt werden darf, ist längst vergriffen, und in den Zeitschriften der Bibliophilen sind immer wieder neue Arbeiten darüber angezeigt. Neuerdings streitet man sich namentlich über den mutmaßlichen Verbleib jener dem Brand entronnenen 170 Exemplare. Hat der Autor sie vernichtet, verloren oder verkauft? Man weiß es nicht; seine Erben sind im Auslande und zeigen keinerlei Interesse für die Sache. Die Sammler bieten gegenwärtig für ein Exemplar etwa das Doppelte wie für die Erstausgabe des »Grünen Heinrich«.

Wenn aber zufällig irgendwo einmal die fraglichen 170 Exemplare auftauchen und nicht sogleich von einem Sammler en bloc aufgekauft und vernichtet oder doch totgeschwiegen werden, dann ist das berühmte Büchlein wertlos und wird höchstens noch zuweilen, neben andern lächerlichen Anekdoten, in der Geschichte der Bücherliebhaberei flüchtig und mit Ironie erwähnt werden.