In der Frühlingsnacht

Von Hans Bethge

In einer wundervollen Frühlingsnacht schritt ein junger Dichter leichtbeschwingt durch die Villengegend der Stadt. Er kam an vielen duftenden Vorgärten vorüber und dann an einem, in dem der Flieder an großen Büschen besonders üppig blühte und duftete, und jetzt sah er, wie ein junges Mädchen in Weiß aus ihrem erleuchteten Zimmer auf den Balkon der Villa, die in dem Garten lag, hinaustrat.

Der Dichter blieb stehen und sah entzückt hinauf: ein reizendes, überraschendes Bild, dieses einsame, weißgekleidete, junge Ding, das sich da oben bei Nacht auf dem von einem feinen Gitter umgebenen Balkon gegen das rötliche Lampenlicht des Zimmers malerisch abhob. Fast unbewegt stand sie da, das Herz des Dichters klopfte laut, und er glaubte die Sehnsucht jener jungen Brust zu empfinden, die unruhige Sehnsucht, die es in dem engen Zimmer nicht mehr ertrug und nun ihre Zuflucht zu den Sternen und Düften der holdbewegten Mainacht nahm.

In Wirklichkeit war jenes junge Mädchen nicht schön, sondern häßlich von Angesicht, und ach, sie war nur deshalb auf den Balkon getreten, weil sie zuviel von einer schweren Speise genossen hatte, die ihr nun Übelkeit und Magenschmerzen verursachte; sie hoffte, daß ihr in der frischen Luft der Nacht besser werden würde.

Der Dichter ging, nachdem er sich eine Weile an der holden nächtlichen Erscheinung begeistert hatte, nach Hause und bildete eins seiner schönsten Gedichte, das später berühmt gewordene Lied von einem jungen, schönen Mädchen, das in der Frühlingsnacht weißgekleidet auf den Balkon ihres Zimmers hinaustritt und die sehnsüchtigen Gefühle ihres Herzens ängstlich hinaufwendet zu dem tröstenden Licht der Gestirne.