Das unterbrochene Erlebnis
Von Karl Lerbs
Ein Leutnant, dessen jungfröhliche Art sich unter dem harten Griff unerhörten Erlebens zu bewußter Männlichkeit gefestigt hatte, bestieg, seinen Anteil an den wilden flandrischen Kämpfen durch eine Fahrt in die lange entbehrte Heimat unterbrechend, in Brüssel den nach Deutschland bestimmten Zug. Er traf im Abteil mit einem Hauptmann zusammen, der vor dem Kriege in einem westfälischen Städtchen den wenig aufregenden Posten eines Amtsrichters ausgefüllt hatte und durch den nervenanspannenden Wachtdienst in einem belgischen Küstenort aus der leise beginnenden Beschaulichkeit zunehmender Jahre aufgerüttelt worden war. Da der ältere Offizier an der heiteren Offenheit des jüngeren ein rasch erwidertes Gefallen fand, verging ihnen die Zeit, da der Zug seinen Weg durch den regnerisch verhangenen belgischen Herbsttag nahm, in gutem Gespräch rasch genug.
Erst als der wirre Klirrklang der über viele Weichen hineilenden Räder sie aus dem Getriebe des ersten deutschen Bahnhofs entführte, wurde ihr angenehm empfundenes Alleinsein durch eine junge Dame unterbrochen. Indessen die neue Reisegefährtin sich mit anmutig runden, sicheren Bewegungen ihres geschmeidigen Körpers augenscheinlich für eine längere Fahrt einrichtete, tröpfelte das unwillkürlich verlangsamte Gespräch der Herren in spärlichen Worten weiter, da sie beide in der unauffälligen, aber gründlichen Art, wie sie Männern von Welt eignet, ihre Beobachtungen anstellten. Das übereinstimmende Ergebnis war die Feststellung großen natürlichen Reizes, der durch eine schelmische, naiv ungezwungene Koketterie eher vermehrt als vermindert erschien. So kam es, daß dem Leutnant das Zusammentreffen wie ein Gruß und Vorgenuß lange ersehnter friedlicher Heimatstage war, und er sah sich alsbald von rheinischer Fröhlichkeit, die das Abteil mit hellem Lachen und melodisch zwitscherndem Plaudern erfüllte, in ein heiteres Wortgeplänkel verstrickt, in dem er sich in aufquellender Frohlaune wacker behauptete.
Darüber entging es ihm, daß der ältere Kamerad allmählich in ein Stillschweigen verfiel, das seinen Grund in einer diesem selbst nicht recht erklärlichen Verstimmung hatte. Hätte jemand sie ihm als Ausfluß einer mißgünstigen Regung gedeutet, so würde er das sicherlich weit von sich gewiesen haben; immerhin gewann sie soviel Macht über ihn, daß er, obwohl seinem Reiseziel noch ziemlich fern, seinen Säbel einhakte und sich, aufbruchsbereit dasitzend, einem verdrossenen Spiel mit der Säbelquaste widmete. Bald aber mischte er sich, einem plötzlichen Antrieb folgend, in das Gespräch der anderen und geriet dabei in einen solchen, ihm selbst seit langem fremden Eifer, daß in dem anfangs spielerisch harmlosen Hin und Her launigen Wortgefechtes zuweilen die schärferen Waffen einer leichten Spannung flüchtig aufblitzten.
Diese seltsame Wendung der Dinge brachte es mit sich, daß in dem Leutnant, der erst nur dem prickelnden Regen seines nach langer Haft wieder lustvoll aufwallenden Blutes nachgegeben hatte, ein Plan entstand, der, anfänglich fast erschrocken und abweisend beiseite geschoben, bald sich unwiderstehlich aufdrängte. Als daher der unerleuchtete Zug durch den Schacht eines langen Tunnels toste, erhob sich nach einem letzten kopfschüttelnden Zögern der junge Offizier und tastete sich in herzklopfender Spannung vorwärts, um, ohne der möglichen Folgen seines Tuns zu gedenken, von den willfährig lockenden Lippen seines anmutigen Gegenübers in knabenhaftem Trotz die Bekrönung dieser wunderlich erregten Stunde zu pflücken. Da geschah es, daß er innehielt in dem unabweisbaren, alle Nerven durchzuckenden Gefühl, daß jemand neben ihm stehe; er tat einen unwillkürlichen, heftig zufassenden Griff ins Dunkle und hielt einen Gegenstand in den Händen, in dem er tief erschrocken die Säbelscheide des Hauptmanns erkennen mußte.
Es ist sicher, daß beide Herren sich nach dieser Begegnung wieder an ihre Plätze verfügten und die ihnen noch verbleibende kurze Spanne Dunkelheit dazu benutzten, ihre ins Wanken geratene Sicherheit und Unbefangenheit zurückzugewinnen. Nicht sicher dagegen ist, ob die junge Dame, die zu alledem Anlaß gewesen war, des unterbrochenen Erlebnisses inne ward. Denn beide Offiziere wagten keinen Blick in ihr Gesicht. Der Leutnant sah unverwandt zum Fenster hinaus, um nicht zu zeigen, daß ihn nach anfänglichem Ärger eine kaum zu bezwingende Lachlust anwandelte; und der Hauptmann, dem das Blut in die Ohren gestiegen war, saß vornübergebeugt, mit einer scharfen Falte zwischen den Brauen, und ließ den Zorn über sich selbst an der heftig zwischen den Fingern gewirbelten Quaste seines schuldig-unschuldigen Säbels aus.
Als indessen der Hauptmann, seinem Reiseziel nahe, von dem jungen Kameraden Abschied nahm, da sah der Leutnant in dem Gesicht des anderen ein gütiges und von leichter Traurigkeit überschattetes Lächeln, das von einer wehmütigen Resignation Kunde gab; und er umspannte die dargereichte Hand mit festem Druck. Er begriff plötzlich, daß jenem diese Stunde mehr bedeute als den überlegen belächelten Verzicht auf eine flüchtig lockende Tändelei. Und er blieb auf der ferneren Fahrt schweigsam und sinnend, da er sich nicht eines billig errungenen Sieges freuen mochte. Denn er fühlte tief, daß ihn in diesem Erlebnis ewiges und schmerzliches Schicksal mahnend gestreift hatte.