Der Intellektuelle

Von Peter Scher

Herr von X., ein wohlhabender Privatmann, sah sich, ehe es ihm recht zu Bewußtsein gekommen war, über Nacht als Landsturmmann im Kreise von Männern, zu deren äußeren Verhältnissen und innerem Wesen er soviel Beziehungen empfand, wie sich ihm etwa bei unvermitteltem Zusammenleben mit Marsbewohnern ergeben haben würden.

Als Norddeutscher, wenn auch seit längerer Zeit in Süddeutschland lebend, war er über die völkischen Eigenheiten der Bayern, denen er nun zugeteilt war, durch jenes theoretische Wissen unterrichtet, das sich den Gebildeten durch Überlieferung anekdotischer Einzelzüge leicht und scherzhaft zu vermitteln pflegt. Mit dem eigentlichen Volke war er, seiner Lebenshaltung gemäß, kaum je persönlich in Berührung gekommen, ohne darum auch nur im mindesten die Kraft und Ursprünglichkeit des Volkes niedrig eingeschätzt zu haben. Im Gegenteil – er neigte, wie wohl die meisten Angehörigen seines Standes, eher zu einer sehr ausgesprochenen Wertschätzung alles Volkstümlichen, und zwar eben auf Grund der von persönlichen Erfahrungen ungetrübten literarisch-anekdotischen Kenntnis der Volksseele.

Nun sah er sich auf einmal, gewaltsam aus seinem eigenen Nährboden gerissen, als einziger Intellektueller unter vielen vor die Aufgabe gestellt, in die kompakte Einheit der durch gemeinsame Interessen verbundenen zwanzig Mann seiner Stube einzudringen; sich – wenn anders er nicht riskieren wollte, in eine unerträglich abseitige Situation zu geraten – ihrem Kreis einzufügen; ja sich womöglich Geltung zu verschaffen. Hierzu veranlaßte ihn keineswegs bloß ein persönlicher Erhaltungstrieb, als vielmehr das seinem Charakter entsprechende Bestreben, niemals halb bei einer Sache zu sein … am wenigsten bei der großen Angelegenheit, von deren Notwendigkeit er sich, nachdem es einmal ernst geworden war, mit aller Entschlossenheit überzeugt hatte.

Die Versuche des Herrn v. X., sich seinen Kameraden anzupassen, hatten, wie häufig in solchen Fällen, damit eingesetzt, daß er sich bemüht zeigte, unter ostentativer Hintansetzung jeglichen Standesbewußtseins, kameradschaftliche Hilfsbereitschaft zu betätigen. Aber damit stieß er nur auf Mißtrauen und Ironien jeder Art – von der lächelnden Anspielung bis zum fast hämisch herausgeprusteten Spott. Vollends seine törichten Bemühungen, ihren Dialekt und ihre Ausdrucksweise »unauffällig« zu kopieren, forderte die anderen nur noch mehr heraus, ihm seine Ohnmacht zu Bewußtsein zu bringen.

So hatte Herr von X. die doppelte Last zu tragen, daß er, noch mit allen Fibern den plötzlichen Verlust aller höheren Lebensformen empfindend, in der neuen Umgebung ungeahnte Widerstände fand, wogegen die anderen im gleichen Maße bevorzugt erschienen, indem sie, ihr Leben ungefähr auf dem alten Niveau fortsetzend, zugleich am Rückhalt der Gemeinsamkeit mit ihresgleichen profitierten. Allerdings wurde dieses Mißverhältnis einigermaßen dadurch ausgeglichen, daß manche der ganz Unbemittelten, insbesondere die kleinen Gewerbetreibenden, hinsichtlich ihrer Geschäfte und Familien drückendere Sorgen empfanden als in normalen Zeiten. Aber diese Bedrückten empfanden dann wieder den Reichtum des Herrn v. X., von dem sie sich maßlos übertriebene Begriffe machten, als eine unerhörte Begünstigung, die ihm entsprechend angekreidet werden müsse.

In Verfolg dieses Rattenkönigs von Mißverständnissen und Verkennungen der Umstände geschah es denn wohl, daß von X.s Kameraden seine reichlichen Bier- und Zigarrenspenden niemals entgegennahmen, ohne zuvor durch Blicke und kleine beißende Bemerkungen ihm die Freude vergällt und damit sich den Genuß erhöht zu haben.

Obgleich nun von X., ein kluger Mensch und Lebenskenner, solche Kleinigkeiten nicht eben tragisch nahm, weil er die wahren Beweggründe erkannte, hatte er doch – besonders in der ersten Zeit – Momente tiefer Entmutigung. Einmal kam es sogar vor, daß er sich nachts, zwischen den schnarchenden Kameraden schlaflos liegend und grübelnd, zu dem folgenden empfindsamen Gedicht hinreißen ließ:

In der Nacht

Die Kameraden schnarchen hart und dröhnen
Ganz sagenhafte Töne durch den Raum;
Die wache Landsturmseele glaubt es kaum
Und muß sich erst so nach und nach gewöhnen.

Wie schließt mein Herz euch ruhende Soldaten
Und eure armen Träume in sich ein …
(Gäb' mir nur Gott, so ganz Natur zu sein,
Wie sie, mich arglos folternd, hier verraten!)

Der Schuster, rechts von mir, bewegt sich eben;
Ich weiß: ein Traumglück löst ihm alle Qual …
Gebräunte Haxe ist sein Ideal …
O mög sie groß und lieblich ihn umschweben!

Ein jeder macht in seinem kleinen Kreise –
Schmied, Fuhrmann, Gastwirt, Knecht und Assistent –
Bevor der Tag uns wieder eint und trennt,
Solch eine karg beglückte Heimatreise.

Beklommen seh ich auf die alten Knaben –
Ein alter Knabe selbst und heulend fast:
Ach, sind wir uns nur Nacht für Nacht zur Last,
Um Tag für Tag an uns vorbeizutraben?!

Am anderen Mittag saßen sie dann wieder, der kleine Schuster, der lange Fuhrmann, der dicke Gastwirt, der hagere Schankkellner, mit ihren Maßkrügen einträchtiglich beisammen, und auch die Bauern, mit denen die Städter sonst nicht immer in seliger Harmonie zusammenstimmten, waren – wenn es die unausgesprochene Verschwörung des »Ringes« gegen den Intellektuellen zu bekunden galt – untereinander ein Herz und eine Seele.

So wollte es wenigstens dem Herrn von X. scheinen – und vielleicht verhielt es sich in gewissem Sinne auch so. Nur … daß es dem Herrn von X. nie zu Bewußtsein kam, inwieweit er selbst an ihrem Mißtrauen dadurch mitschuldig war, daß er, der nicht aus sich heraus konnte, immer und immer wieder mit beleidigender Deutlichkeit erkennen ließ, wie gewaltsam er aus sich heraus wollte, um zu ihnen – – natürlich – – hinab zu gelangen.

Wie er sich, der geistige Mensch, seiner Selbstlosigkeit als eines Gebotes überlegener Kultur bewußt war (ohne sich doch dessen voll bewußt zu werden), so empfanden die Kameraden seine Selbstlosigkeit als Hochmut und zahlten ihm gemäß ihren primitiven Lebensformen und Ausdrucksmitteln kräftig heim.

Der Herr von X. ist sich dieser Wahrheit erst viel später bewußt geworden – nämlich dann, als er, durch Umstände in größere Distanz zu ihren physischen Verhältnissen gekommen, nicht mehr in Gefahr war, die Fühlung mit den Kameraden äußerlich zu suchen.

Es gelang ihm, ohne sich in ihre Sprache und Gebärden einzumischen, ihnen menschlich so nahe zu kommen, daß sich die Kameraden – allerdings nicht die einmal mißtrauisch und verstockt gewordenen seiner Stube, aber andere vom gleichen Stande – mit Respekt und ehrlicher Freundschaft zu ihm stellten.

Später, im Felde, wurde er sogar im besten Sinne des Wortes beliebt. Und das war, als er, seiner eigentlichen Bestimmung entsprechend, ein guter Führer und damit der beste Kamerad geworden war.