Der Dichter
Von Hans Bethge
Ein junger Dichter schlenderte müde und blaß durch die Straßen von Montmartre oberhalb Paris. Er war sehr einsam und unglücklich. Sein Magen war leer, auch sah er andere Künstler, ihre Mädchen am Arme, heiter an sich vorüberschreiten, er aber hatte keine Freundin, denn die Mädchen waren ihm nicht hold. Er sehnte sich nach Liebe und zugleich nach einer guten Mahlzeit, und er war recht zornig gegen das Schicksal.
Während er so dahinschritt, öffnete sich plötzlich neben ihm eine Tür. Ein Mädchen stürzte heraus, ein Mann hinterdrein mit einem Stock, den er auf den Rücken des Mädchens niederschwingen wollte. Aber das Mädchen entschlüpfte, und der Stock traf den Rücken des vorüberschreitenden Dichters, der einen Schrei des Schmerzes ausstieß, worauf er sich empört dem mit dem Stock bewaffneten Manne zuwandte.
Dieser, äußerst bestürzt, bat vielmals um Verzeihung und fragte, welche Sühne er dem Geschlagenen zuteil werden lassen dürfe. Er wies auf die geöffnete Tür und bat den Dichter, näherzutreten. Es zeigte sich, daß der Mann eine Speisewirtschaft besaß, die er vor kurzem von seinem zu früh gestorbenen Vater geerbt hatte. Der Dichter ließ sich nicht weiter nötigen und wurde in aufmerksamer Weise mit einem so wohlbereiteten und verschwenderischen Mahle bewirtet, wie er es seit langem nicht mehr zu sich genommen hatte. Während des Mahles erzählte ihm der junge Mann, daß jenes Mädchen, seine Geliebte, heute zu ihm gekommen sei, um ihm mitzuteilen, daß sie nichts mehr mit ihm gemein haben wolle, weil sie einen anderen liebe. Daher die Szene.
Nachdem der Dichter, der von dem Schlage schon längst nichts mehr spürte, mit vollem Behagen gegessen und getrunken hatte, verabschiedete er sich dankend, schlenderte vergnüglich die Straße hinauf, – und wer trat an der nächsten Ecke an ihn heran? Das Mädchen.
Es ergriff erregt seine Hand, küßte sie, bat vielmals um Verzeihung und fragte, welche Sühne es ihm, dem ihretwegen Geschlagenen, zuteil werden lassen dürfe. Er beschwichtigte die Demütige, sie schritten gemeinsam dahin, und als sie vor dem Hause angelangt waren, in dem er wohnte, bat er sie, mit in sein Zimmer hinaufzukommen, das seit langer Zeit von keiner Frau betreten worden war. Sie kam seinem Wunsche mit Vergnügen nach, riß ihm eilig die Kleidung vom Nacken und küßte ihn voll Liebe und Leidenschaft auf jene Stelle, wo er ihretwegen geschlagen worden war.
Noch niemals war dem Dichter so himmlisch wohl gewesen, wie an diesem Abend.
Später hat ihn das hübsche und vortreffliche Mädchen noch oftmals lachend auf jene Stelle geküßt, der er erstens ein lange entbehrtes köstliches Mahl und zweitens eine reizende Geliebte zu verdanken hatte.