Der Garibaldiner
Von Karl Federn
Es war an einem Mainachmittag des Jahres 1891 in Rom, als ich meinen Freund Cesare Salvadori aus Cefalù traf. Am Abend vorher hatte eine patriotische Gedenkfeier stattgefunden; die schwarzen Carabinieri, kriegerische und andere Vereine mit vielen Fahnen, die Garibaldiner mit ihren roten Hemden waren unter rauschender Musik durch die staubigen Straßen des glänzenden Rom aufs Kapitol gezogen: Salvadori war mit im Zuge gewesen, denn er war Garibaldiner. Sie wissen, was das heißt; Sie kennen die tausend Helden, die überall in Italien mit Verehrung und Begeisterung betrachtet werden, die für das Land und die Freiheit geblutet haben, und die nie sterben, weil, wenn einer von ihnen zu Grabe getragen wird, der Nächstälteste der Familie das rote Hemd anlegt, um die Ehre und den Vorteil dem Hause zu erhalten.
Als ich mit Salvadori vor dem Café Aragno saß, trug er das rote Hemd nicht mehr, sondern einen schlaffen schwarzen Tuchrock, und schlaff waren auch seine Züge, selbst der eisgraue Schnurrbart unter der Hakennase.
»Wie geht es Ihnen, Salvadori?« fragte ich. Den Toskano im Mundwinkel, den einen Fuß mißmutig über dem andern wippend, saß er da. »Schlecht,« war seine Antwort. »Man lebt, aber es geht schlecht. Wie Sie mich sehen, bin ich wieder ohne Stellung. Man tut nichts mehr für uns, man schreit, wenn wir vorüberkommen, aber man tut nichts.«
Nun war gerade kurz vorher Giovanni Nicotera, der sizilianische Baron und Revolutionär, gleichfalls ein ehemaliger Garibaldiner, Minister des Innern geworden. Daran erinnerte ich den Alten.
Die grauen Augen in dem verwitterten Kriegergesicht zogen sich zusammen.
»Ich bin bei ihm gewesen,« antwortete er und sah vor sich hin. »›Giovanni,‹ sagte ich ihm, ›du bist nun mächtig: du mußt etwas für mich tun.‹ Und er, ›mein Lieber,‹ sagte er, ›viel kann ich dir nicht bieten; es waren schon zu viele vor dir da. Aber wenn du unten in Calabrien, beim Präfekten von Catanzaro Amtsdiener werden willst: die Stelle ist frei. Anderes habe ich jetzt nicht. Vielleicht später; wir werden sehen.‹
Was wollen Sie? Ich nahm die Stelle an und fuhr nach Catanzaro. Es ging auch; bis eines Tags eine Deputation kam; aus Tiriolo, wegen einer Wahlsache. Sie wissen ja, wie das ist. Am Morgen sagt mir der Präfekt: ›Wenn die Deputation aus Tiriolo kommt, Cesare, bin ich nicht da.‹ ›Eccellenza,‹ sagte ich, ›es ist gut.‹
Und nun denken Sie: wie die Leute kommen – sie waren vier Stunden gefahren – waren drei davon alte Garibaldiner wie ich.
›Freunde,‹ sagte ich, ›es tut mir leid, aber der Herr Präfekt ist nicht da.‹ ›Cesare,‹ sagte der eine, der mich kannte, ›wir müssen den Präfekten sprechen. Und wir wissen, daß er da ist, ich habe ihn selbst am Fenster gesehen. Und du wirst uns anmelden.‹
Was wollen Sie, Herr? Es waren Garibaldiner; es war nichts zu machen. Ich habe sie angemeldet, und der Präfekt hat sie empfangen, und sie haben ihm einen heißen Kopf gemacht, wegen der Wahl, über die er nichts hatte hören wollen.
Am anderen Tage ließ mich der Präfekt in sein Bureau rufen: ›Einen Amtsdiener, der sich nicht nach meinen Weisungen richtet, kann ich nicht brauchen,‹ sagte er, ›Sie sind entlassen.‹
Ich habe ihn angesehen, Herr. Und dann sagte ich: ›Eccellenza, Sie können mich entlassen. Aber wenn ich morgen nach Rom fahre und zum Minister gehe und mit Giovanni Nicotera spreche, so werden Sie entlassen, und nicht ich. Aber, Eccellenza, Sie sind ein verheirateter Mann, Sie haben Frau und Kinder, und ich bin allein. Darum gehe ich, und Sie können bleiben.‹ Und so bin ich gegangen.«
»Ja, und Nicotera?« fragte ich, »hat er nichts mehr für dich getan?«
»Nun, ich war natürlich wieder bei Giovanni und sprach mit ihm. Er bot mir eine Stelle als Amtsdiener in Sardinien an. Aber dahin wollte ich nicht gehen. So ist es, Herr. Und so sitze ich hier und bin wieder ohne Stelle.«