Der schlaue Akademiedirektor

Von Carl Bulcke

Als der Professor und Kunstmaler D. damals vor zwanzig Jahren in K. seinen Dienst als Akademiedirektor antrat, fand er ziemlich heillose Zustände vor. Ein Übelstand war am größten: die Akademie war zu klein, und besonders war für den Unterricht der zahlreichen Kunstschüler nicht genügend Platz. Das betrübte den Akademiedirektor, und er machte sofort nach seinem Dienstantritt eine Eingabe an den Oberpräsidenten, schilderte den Sachverhalt und bat mit beweglichen Worten, da an einen Neubau vorläufig nicht gedacht werden konnte, wenigstens um einen Anbau an die alte Akademie. Auf diese Eingabe erfolgte indessen nichts; es fehlte wahrscheinlich an Mitteln, und der Oberpräsident schwieg. Der Akademiedirektor wiederholte nach einem halbem Jahre die Eingabe mit der gleichen Begründung, und wieder kam keine Antwort. So ging das weiter durch sechs, acht lange Jahre. Es wurde dem Akademiedirektor eine liebe Gewohnheit, Semester für Semester beharrlich und ohne Erfolg immer wieder dasselbe Gesuch vorzulegen.

Bis endlich eines schönen Tages der Oberpräsident antwortete: gut, er wolle in eine Prüfung der geschilderten Mißstände eintreten; aber vorher wolle er die Sache persönlich sich mal ansehn, und er käme dann und dann. Dies Schreiben brachte nun den Akademiedirektor in eine arge Verlegenheit: Denn einmal hatte er im Laufe der Jahre mit den vorhandenen Räumen ganz gut sich zu helfen gelernt, und zweitens hatten sich ausgerechnet in diesem Jahre so wenig Schüler gemeldet, daß in diesem Jahre wenigstens die zur Verfügung stehenden Räume prachtvoll ausreichten.

Doch der Akademiedirektor wußte sofort Rat: er versammelte sein Lehrpersonal und seine Schüler, erzählte ihnen die ganze Geschichte und sagte: »Kinderchen, wir machen die Sache so: Wenn der hohe Herr kommt, so steht ihr alle hübsch beisammen, die jüngeren im Vordergrund, unten in der Halle, und was da so vornean steht, wird dem hohen Herrn vorgestellt. Dann beschäftige ich den hohen Herrn eine Weile, ihr lauft was ihr könnt herauf in den Aktsaal und setzt euch fix an die Arbeit. Vornean setzen sich die älteren von euch. Dann kommen wir beide herauf, und ihr werdet alle noch einmal dem hohen Herrn vorgestellt. Dann beschäftige ich den hohen Herrn wieder eine Weile, ihr verteilt euch, was ihr laufen könnt, in die einzelnen Ateliers, und alles weitere überlaßt nur mir. Ich werde die Sache schon machen.«

Es ging auch alles ganz ausgezeichnet. Der Oberpräsident kam, die Vorstellung in der Halle wurde rasch erledigt, die zweite Vorstellung im Aktsaal glückte vorzüglich, der Oberpräsident sah sich mit gedankenlosen Augen alles an, bestätigte, daß hier und da ein Übelstand sei, der abgestellt werden müsse, nickte zustimmend zu den Erklärungen des Akademiedirektors, fragte gedankenlos noch dies und das, wie hohe Herren das so tun, und sprach in der zweiten halben Stunde seines Besuchs schon längst von Dingen, die mit dem Zweck seines Kommens nichts zu tun hatten, von Hasenjagd und Wintersport und anderen schönen Sachen. Der Akademiedirektor strahlte.

Und so nach einer Stunde verabschiedete sich dann der Oberpräsident, sprach seinen Dank für die freundliche Führung aus, murmelte etwas von langgehegter persönlicher Wertschätzung, und der schlaue Akademiedirektor führte den Oberpräsidenten die Treppe hinunter.

Auf der Treppe blieb der Oberpräsident stehen, dachte nach, und ihm schien etwas einzufallen. »Und im übrigen muß ich Ihr Prinzip loben,« sagte der hohe Herr freundlich. »Ich muß an die Zeit denken, als ich noch junger Landrat war. Wenn ich da mal haben wollte, daß ein Wald größer aussah, als er war, so ließ ich die Herren immer im Kreise herumfahren.«