Memlings Bild

(April 1473)

Von Paul Enderling

Paul Beneke stand vorn am Bug, wasserdurchnäßt und blutbespritzt.

»Smiet de Hakens röwer!« brüllte er durch Sturm und Kampfgeschrei.

Die Enterhaken packten das englische Schiff und fraßen sich gierig in das Holz. Ein Armbrustbolz zeichnete eine blutige Spur über Paul Benekes borstigen Schädel und riß seine Mütze weg in die schaumbespritzte See. »Wart, ick wull di!!« Er drohte wütend mit der Faust herüber. Dann stülpte er sich den Helm eines Gefallenen auf.

Nun stürmten die Danziger Matrosen hinüber auf den »Sankt Thomas«. Ein paar Minuten später glitt die burgundische Flagge nieder, unter der das englische Schiff gefahren. Die Schiffsbesatzung hielt die Hände hoch. Der Kapitän, der totenblaß am halbzersplitterten Mast hockte, winkte den hanseatischen Kapitän zu sich.

»Ihr seid Paul Beneke, den sie einen ›harten Seevogel‹ nennen. Ists nit so?«

»Hol det Mul!« Das galt einem schreienden Matrosen. Paul Beneke beugte sich zu dem gefangenen Gegner hernieder, der ihm seine Worte ins Ohr wiederholte. Er nickte nur.

»Dann ist's keine Schande für mich, gekapert zu werden,« sagte der Sterbende. Er stockte. Am Mast seines Schiffs stieg die Hansaflagge empor. Nun schwebte sie hoch oben und schlug fröhlich knatternd um sich.

Da überflog eine furchtbare Grimasse das Antlitz des Engländers. Getrieben von Scham und Grimm, versuchte er, das neben ihm liegende Enterbeil nach Paul Beneke zu schleudern. Es entfiel aber seiner kraftlosen Hand.

»Ick versteh' di, min Söhn,« sagte Paul Beneke nachdenklich und begab sich achselzuckend zur Schiffsluke, daraus seine Leute die Schätze des Schiffsbauchs holten, um sie zu dem eigenen großen Kraweel herüberzubringen.

Der Steuermann zählte die Kisten und Säcke, die man herüberschleppte. Das monatelange Kreuzen und Segeln war mit einem Schlag reich gelohnt. Die Mannschaft sang und gröhlte vor Freude bei jedem neuen Stück, das an die Oberfläche kam.

Nun war's ein hoher, flacher Kasten, der nach dem Stempel darauf der Handelsgesellschaft der Portunari in Brügge gehörte. Die Leute wußten nichts damit anzufangen.

»Upbreeken!« befahl Paul Beneke.

Mit den Beilen, die eben noch auf die Schädel der Feinde niedergekracht waren, brachen sie die Bretter auf.

Der Lärm verstummte. Auch die See, die in der ganzen Zeit des Kampfes als eine rechte Mordsee mitgebrüllt hatte, beruhigte sich. Leichte, weiße Schaumkrönchen tanzten noch auf den grünen Wellen. Eine Wolke verschob sich. Sonnenschein glitzerte auf den Panzern und Helmen, auf den Waffen und nun auf dem breiten Goldrahmen des großen Bildes, das einer aufgeklappt hatte.

… Der Erzengel Michael in funkelnder Rüstung hielt die Wage – ein frommer Beter kniete in der tiefen Schale, ein Verzweifelter jammerte in der nach oben geschnellten Schale. Christus saß auf dem Regenbogen und hielt Weltgericht über all die, so aus den Gräbern stiegen, der Seligkeit oder der Verdammnis entgegen.

Auf dem linken Flügelbild zogen die Seligen in den goldenen Himmelspalast ein, auf der rechten Seite stürzten viele in den Höllenschlund, der ewigen Qual entgegen …

Erst war's Mathias Groddeck, der die Mütze langsam abnahm und in die Knie sank.

Dann tat es der Steuermann. Und der Schiffsboden ächzte, als er es tat, und es krachte, als der Helm aufschlug.

Dann knieten die anderen Matrosen vor dem »Jüngsten Gericht«, das der Maler Memling gemalt.

Zulegt nahm Paul Beneke den Helm ab und beugte die Knie, indes das rote Blut langsam über die Stirn am rechten Auge entlang sickerte.

… Die Seligen gingen in das goldene Haus des Himmels. Christus blickte milde nieder, und die große Wage schwankte auf und ab …

Wohin würde einmal ihrer aller Weg gehen? Zur Rechten? Zur Linken? »Te Deum laudamus,« begann langsam mit heiserer Stimme Dietrich Bernecker, der ein entlaufener Mönch gewesen war und seit zwölf Jahren in geteerten Hosen herumlief.

Erst blickten sie ihn verwundert an. Dann nickten sie bedächtig und stimmten ein, so gut es ging.

… Die Engel stießen in die Posaune, als bliesen sie die Melodie dazu. Die vielen Toten stiegen aus den Gräbern und hoben betend die Hände …

Paul Beneke erhob sich. Sein Blick hatte den englischen Matrosen gestreift, der grinsend dem Gebahren der Sieger zusah. Er ging langsam auf ihn zu und schlug ihm die Mütze vom Kopf.

»Siehst du nit, dat hie Gottesdienst ist, min Söhn? Und weißt du nit, daß es sich geziemet, die Mütze vom Grindkopf zu nehmen?«

Das war der längste Satz, den Paul Beneke seit langem gesprochen.

Dann ging er befriedigt zu den Betern zurück.