Der Talisman
Von Oskar Wöhrle
Unteroffizier Bück, im Leben vor dem Kriege Theologe, ein kleiner, schmächtiger Mensch, dem man den Bücherhocker schon in der ersten Minute ansah, war der einzige von den Einjährigen-Unteroffizieren, der das Eiserne nicht hatte. Trotzdem, so ging die Meinung der ganzen Batterie, das heißt aller Kanoniere, hätte er es zehnmal eher verdient als mancher andere; denn er war ein Kerl, der mit einer unglaublichen Waghalsigkeit vorging.
Bei Sachen, vor denen es selbst den abgebrühtesten Infanteristen graulte, zeigte er, der Artilleriehilfsbeobachter, einen solchen Schneid, als hätte er Zeit seines Lebens mit den russischen Pimpatschen zu tun gehabt.
Galt's eine verlorene Patrouille vorzutreiben, Bück war dabei. Galt's eine feindliche Beobachtungsstelle auszuknobeln, Bück erknobelte sie. Galt's eine Leitung zu legen in schwierigem Gelände, im Artilleriefeuer, Bück legte sie. Und alle seine Verrichtungen tat er, dem Gefauche der blutgierigen Schrapnelle zum Hohn, mit einer Unbekümmertheit, als sei er unverwundbar.
Wir, seine Kameraden, warnten ihn mehr als einmal, sein Leben nicht so leichtsinnig aufs Spiel zu setzen.
»Ach was!« sagte er. »Was heißt Gefahr? Mumpitz! Mir tut keine Kugel was, ich habe einen Talisman.«
»Sie, der Bibelpflüger, einen Talisman?«
Er lachte nur zu unseren Erstaunungen und sagte in seiner etwas schüchternen Art:
»Und wenn ihr erst wüßtet, was für einen!«
Bück hat recht behalten. Er fiel keiner Kugel zum Opfer, er mußte in den giftigen Krallen des Typhus enden. Bei Blonie liegt er begraben.
Als die Batterie seine Sachen heimatfertig machte, wurde auch der Talisman gefunden, ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier. Darauf stand mit violetter Tinte geschrieben, in klaren, unerschrockenen Buchstaben:
»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh; denn es ist alles eitel.
Es fähret alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub.
Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes unterwärts unter die Erde fahre?
So sah ich denn, daß nichts Besseres ist, denn daß ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil; denn wer will ihn dahin bringen, daß er sehe, was nach ihm geschehen wird?«
Dieser Zettel wurde nicht mit weggeschickt. Er sei zu unchristlich, sagte der Feldwebel. Ich bat ihn mir aus. Als ich ihn späterhin, nicht ohne eine gewisse Bewegung, einem Kandidaten zeigte, zuckte der gleichmütig die Achseln: »Was ist denn da besonders Großes dabei? Die Stelle ist doch sattsam bekannt, siehe Prediger 3, Vers 19–22!«