Wie ein preußischer General einen Juden zum Offizier vorschlug

Von Rudolf G. Binding

Der General v. R–, Kommandeur einer Infanterie-Brigade, hatte in seinem Stab einen Ordonnanzoffizier. Diese Stellen wurden im Anfang des großen Krieges, mit dem der Sommer des Jahres 1914 die Welt überzog, vielfach nicht mit Offizieren besetzt, sondern mit solchen, die es werden sollten. In der Regel machte man, da die Infanterie an Offiziersaspiranten nicht geschwächt werden sollte, bei der Kavallerie eine Anleihe, und auf dieser Grundlage hatte der Rittmeister einer der Division unterstellten Schwadron den Befehl erhalten, zum Stabe des Generals v. R– einen Ordonnanzoffizier zu kommandieren. Der Rittmeister kommandierte den Vizewachtmeister der Reserve K– in die Stelle.

Der General war glücklich mit seinem Ordonnanzoffizier. Denn dieser war ein gebildeter, anstelliger junger Mann von gutem Aussehen, reiterlichen und anderen Fertigkeiten und trug sein Herz ziemlich am rechten Fleck. Der General konnte nicht umhin zu bemerken, wie nützlich sich K– bei ihm machte, wie gut seine Pferde gediehen, seit K– bei seinem Stabe war, wie dieser auch für sein, des Generals, leibliches Wohl in bester Weise sorgte, wie er selbst am liebsten nur mit K– auf Erkundung oder zu den Stellungen seiner Truppen ritt, da kein andrer sich auf der Karte so gut auskannte wie sein neuer Ordonnanzoffizier, und was dergleichen Tugenden mehr waren, die er an ihm entdeckte. Es vergingen kaum ein paar Wochen, so erhielt der Vizewachtmeister, der sich bei einigen Aufträgen hervorgetan und dabei bewiesen hatte, daß er sich aus englischen Granaten nicht einen Pfifferling machte, das Eiserne Kreuz.

Der General hielt auf seinen Stab. Als er die Zeit für gekommen erachtete, schrieb er an den Rittmeister einen Brief. Er stellte ihm vor, wie man doch einen so tüchtigen und tapferen jungen Mann nicht wohl weiter ohne die silbernen Offiziersachselstücke herumlaufen lassen dürfe, da er alle Eigenschaften und Voraussetzungen in sich vereinige, die für die Beförderung zum Offizier verlangt werden müßten. Indem er den jungen Mann nach seiner Beförderung für die planmäßige Stelle des Ordonnanzoffiziers bei seinem Stabe vorsehe, hoffe er nicht nur, ihm die Wege zu ebnen, sondern auch seine Fähigkeiten für die große Sache und das Vaterland in bester Weise auszunutzen.

»So erwarte ich denn, mein lieber Rittmeister,« schloß der General, »wenn es Ihnen recht ist, einen Beförderungsvorschlag für meinen prächtigen Vizewachtmeister. Denn Sie, als der Kommandeur der Schwadron, der er zurzeit noch angehört, müssen die Eingabe abfassen, die erforderlichen Nachweise und Unterlagen verschaffen und den Vorschlag an allerhöchst Seine Majestät richten. Ich aber werde ein Wort der Befürwortung zufügen können, das unserem Schützling von Nutzen sein wird. Es wird nicht fehlen. Schicken Sie mir morgen die Eingabe.«

Der Rittmeister tat, wie ihm befohlen war. Am folgenden Tage gelangte ein Vorschlag zur Beförderung zum Offizier im Beurlaubtenstande, wie ein derartiges Schriftstück sich zu nennen die Ehre hat, in die Hand des Generals, und alle Spalten, die die gestrenge Vorschrift für eine solche Urkunde verlangt, waren säuberlich gezogen und ordnungsmäßig ausgefüllt. Wohlgefällig überlas der General die über die Person seines Ordonnanzoffiziers gemachten Angaben. Da standen die Vornamen, da die Geburtsdaten, da der Beruf. Der Mann lebte in geordneten Verhältnissen; der General hatte sich nicht getäuscht. Seine Blicke wandten sich befriedigt den nächsten Spalten zu, die über Glaubensbekenntnis und die Namen der Eltern aussagten.

Und er erstarrte. Denn da, gerade unter dem Worte »Religion« stand – (ja! der General konnte es nicht in Abrede stellen) gerade unter dem Worte Religion stand das Wort: »mosaisch«.

Der General geriet in eine Aufregung ohnegleichen über diese Entdeckung. Daß die Angabe falsch sei, war bei der ihm bekannten Genauigkeit des Rittmeisters ausgeschlossen. Er stand vor der schrecklichen Gewißheit.

Alles, was preußisch in ihm war, sträubte sich hoch, und alles, was christlich war, nicht minder. Und der General war sehr preußisch und sehr christlich.

Was tun? Ganz abgesehen von dem Bilde, das sein Stab abgab, wenn ein Jude als Ordonnanzoffizier darin auftrat: wenn er, er, der General R–, einem Juden in den Offiziersstand verhalf, wankten die Grundfesten des Staates. Das war klar. Mochten andere tun, was sie verantworten konnten; da war er denn doch ein preußischer General.

Er ritt sogleich zum Rittmeister. »Haben Sie denn das gewußt, daß K– Jude ist?« rief er, – – »Jawohl habe ich das gewußt,« sagte der Rittmeister ruhig. »Aber dieser Jude weiß, was der Offiziersstand von ihm verlangt. Ich kann nicht finden, daß sein Glaube in irgendwelcher Weise seine Tapferkeit, seine Kenntnisse, seinen Anstand, alle jene Vorzüge beeinflußt, die der Herr General selbst, wie ich höre, an ihm oft genug gerühmt haben.«

»Das ganz gewiß nicht! gewiß nicht!« erwiderte der General »aber –: er hat doch Eigenschaften, die –, ich meine: jüdische Eigenschaften, die –«

»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der Rittmeister, »übrigens darf ich höflichst darauf hinweisen, daß der Herr General – bisher wenigstens – von diesen jüdischen Eigenschaften nichts bemerkt haben.«

Das war richtig. Wie war es aber auch nur möglich gewesen, daß er nichts bemerkt hatte!

»Sie wollen sich also nicht verstehen, Ihren Beförderungsvorschlag zurückzuziehen?«

»Aber Herr General!« sagte der Rittmeister, »Sie selber haben den Vorschlag doch einverlangt! Und wie sollte ich einen Beförderungsvorschlag für einen Untergebenen zurückziehen dürfen, den ich nach Pflicht und Gewissen eingereicht habe? Der Vizewachtmeister, der gestern ein so vortrefflicher Mann war, ist heute kein andrer, weil er ein Jude ist.«

Der General ging. So war nichts zu machen. Wenn er nicht den Rittmeister überzeugen konnte, daß K– ganz unerträglich jüdische Eigenschaften habe, würde er ihn nicht vermögen, den Beförderungsvorschlag zurückzuziehen. Aber der Rittmeister war doch nicht blind. Und K– mußte doch derartige Eigenschaften haben. – Der General zog die Weitergabe des Beförderungsvorschlags eine Zeitlang hin. Noch immer hoffte er den Rittmeister zu entwaffnen.

Tagtäglich fast verhandelte er den Fall. Und immer spielten die jüdischen Eigenschaften, die er an seinem Ordonnanzoffizier entdeckt haben wollte, die Hauptrolle in seinen Argumenten. Aber wenn er sie benennen wollte, so hatten sie Namen wie andere Eigenschaften und schienen ihn höhnisch anzusehen, als ob sie sagen wollten: auch du hast Eigenheiten. Und dennoch: der Vizewachtmeister hatte eben jüdische Eigenschaften, die bei einem preußischen Offizier ganz unerträglich zu denken waren. Davon biß keine Maus einen Faden ab.

So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte der General den Rittmeister wieder bei seinem Gegenstand. »Sie mögen mir sagen, was Sie wollen«, sagte er zu ihm, »K– hat jüdische Eigenschaften, eigentlich nur jüdische Eigenschaften! Sie müssen zugeben, daß er jüdische, unerträglich jüdische Eigenschaften hat!«

Der Rittmeister bedachte sich. So, wie es bisher gegangen war, kam er nicht weiter.

»Tja! Herr General,« sagte er auf einmal fast verwundert, »da er doch ein Jude ist, was soll denn der junge Mann andere Eigenschaften haben als jüdische?«

Da geschah etwas Merkwürdiges. Es erging nämlich dem General wie dem Knaben beim Tauziehen, der, fest gegen die Erde gestemmt, mit aller Kraft den Gegner zu sich herüberziehen will; jener aber läßt urplötzlich das Seil fahren. Der General fühlte sich am Boden. Er hatte zwar eine unbestimmte Empfindung, als ob bei diesem Sieg und dieser Niederlage nicht alles mit rechten Dingen zugehe, aber er vermochte es nicht zu fassen. Daß er der Sieger war, entging ihm. Die Tatsache, daß ihm der Boden entzogen war, blieb.

Er wußte nicht recht, wie ihm war. »Wenn Sie also wirklich meinen,« sagte er kleinlaut. Und da der Rittmeister bejahte, ging der General an den Tisch und schrieb, noch immer benommen von einem Beweis, der sich so seltsam gegen ihn zu wenden schien, ein »befürwortet« unter das Gesuch zur Beförderung des Juden.