Die Witwe von Ephesus

Früher fuhr ich jeden Nachmittag mit der Vorortbahn in die Stadt. Auf der Fahrt wurde rechts vom Gleis für wenige Sekunden zwischen Häusern ein Stück Friedhof sichtbar, mit Blumengräbern und Grabmonumenten. Auf einer neuen Grabparzelle war täglich eine schwarzgekleidete Frauengestalt zu sehen, die mit Schaufel, Harke und Gießkanne arbeitete, den Efeu aufband, die Sträucher beschnitt oder Blumen pflanzte. Es war offenbar eine Witwe, die ihren Mann dort begraben hatte. Nach einiger Zeit tauchte auf dem Grabgrundstück nebenan ein Mann gesetzten Alters auf, der, wie es schien, das Grab seiner gestorbenen Frau pflegte und mit der Nachbarin an Sorglichkeit und Liebe wetteiferte. Zuerst blieb jeder für sich. Eines Tages aber, als der Zug vorüberfuhr, sah ich die beiden Leidtragenden über den niedrigen Erdwall weg miteinander sprechen. Einige Tage später – es war ein heißer Sommer – fuhr mein Zug gerade vorbei, als der Mann der Frau ein gefülltes Weißbierglas hinüberreichte und sie zum Trinken einlud. Und wieder nach einigen Tagen hatte der Mann seinen Rock beim Arbeiten ausgezogen, er plauderte schon vertraulich heiter mit der Nachbarin, und die Große Weiße stand zwischen beiden auf dem kleinen Grenzwall, wie ein gemeinsamer Besitz. Jetzt aber mit Himbeerschuß. Und dann kam ein Tag, wo der Witwer hinübergegangen war zur Witwe, und wo sie ihm alle Herrlichkeiten ihres Grabgartens mit errötendem Eifer zeigte. Noch eine kurze Zeit, und ich sah die beiden Trauernden in dem Gärtchen der Frau auf einem Bänkchen vor dem Leichenstein nebeneinander sitzen, Hand in Hand, sich verliebt ansehend und schnell auseinanderfahrend, als der Zug vorüberrasselte. Fortan blieben die Gärtchen leer. Die Blumen vertrockneten, auf den Wegen wuchs Gras, und der Efeu überrankte die Namen der Toten.