Die Zeitungen

In einem Neubau hatten die Stubenmaler ihre Gerüste aufgeschlagen, um die Decken zu bemalen. Sie standen oben auf den Brettern, den Kopf im Nacken, Ornamente schablonierend und pinselnd. Unter dem Gerüst hatten zwei Tapezierer ihren Tisch aufgestellt. Sie waren beschäftigt, die unteren Wände mit Makulatur zu bekleben. Dabei unterhielten sie sich eifrig. Sie sprachen von den Berliner Tageszeitungen und konnten nicht recht einig werden. Der eine behauptete: »Das einzige vernünftige Blatt in Berlin ist die »Vossische«.« »Nein,« erwiderte der andere, »die »Kreuzzeitung« ist mir lieber.« »Die ist auch gut,« gab der erste zu, »aber nicht so gut wie die »Vossische.« »Tägliche Rundschau« geht übrigens auch an.« »Ach, damit bleib mir vom Leibe,« rief der zweite, »das ist lappriges Zeug. Dann kannst du ja auch nur gleich »Tageblatt« und »Lokalanzeiger« sagen. Und das sind doch die schlechtesten Blätter in Berlin. Mosse und Scherl, das ist Jacke wie Hose.« »Ein Blatt ist doch noch schlechter,« sagte der andere, »das ist das allerschlechteste.« »Na, welches?« »Der »Vorwärts«!« »Da hast du recht, mit dem ist überhaupt nichts anzufangen.«

Die Maler auf der Rüstung wurden unruhig. Einer rief hinab: »Na, ihr seid ja schöne Genossen. Der eine ist für die Junker, und der andere ist für die Bourgeois. Und ihr wollt Arbeiter sein?« Die Tapezierer antworteten grob, und ein Streit begann. »Wer so von dem »Vorwärts« spricht, ist ein Verräter,« schrie einer der Maler. »Und wer mir den »Vorwärts« hier auf den Tisch legt, dem schmeiß ich ihn an den Kopf,« schrie einer der Tapezierer zurück, »was verstehst du überhaupt vom Tapezieren!« »Na, vom Tapezieren versteh ich nichts, aber von der Politik verstehe ich was,« rief der Maler. »Was geht uns denn deine Politik an?« sagte verwundert der Tapezierer. »Wir reden hier doch von der Makulatur, von der Güte des Papiers.« »Ach so,« sagten die Maler, »sie reden von der Makulatur!«

Moral: Der Mensch ist immer noch mehr Tapezierer als Politiker.