Die Sonne sinkt …

I.

Nicht lange durstest du noch,
Verbranntes Herz!
Verheißung ist in der Luft,
Aus unbekannten Mündern bläst mich's an,
– Die große Kühle kommt …

Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage:
Seid mir gegrüßt, daß ihr kommt,
Ihr plötzlichen Winde,
Ihr kühlen Geister des Nachmittags!
Die Luft geht fremd und rein,
Schielt nicht mit schiefem
Verführerblick
Die Nacht mich an? …
Bleib stark, mein tapfres Herz!
Frag nicht: warum? –

II.

Tag meines Lebens!
Die Sonne sinkt.
Schon steht die glatte
Flut umgüldet.
Warm atmet der Fels:
Schlief wohl zu Mittag
Das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
In grünen Lichtern
Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

Tag meines Lebens!
Gen Abend geht's!
Schon glüht dein Auge
Halb gebrochen,
Schon quillt deines Taus
Tränengeträufel,
Schon läuft still über weiße Meere
Deiner Liebe Purpur,
Deine letzte zögernde Seligkeit …

III.

Heiterkeit, güldene, komm!
Du des Todes
Heimlichster, süßester Vorgenuß!
– Lief ich zu rasch meines Wegs?
Jetzt erst, wo der Fuß müde ward,
Holt dein Blick mich noch ein,
Holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.
Was je schwer war,
Sank in blaue Vergessenheit, –
Müßig steht nun mein Kahn.
Sturm und Fahrt – wie verlernt' er das!
Wunsch und Hoffen ertrank,
Glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!
Nie empfand ich
Näher mir süße Sicherheit,
Wärmer der Sonne Blick.
– Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
Silbern, leicht, ein Fisch,
Schwimmt nun mein Nachen hinaus …


Rainer Maria Rilke.

Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. – Erste Gedichte 1895. Frühe Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905. Neue Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912.