Liebesreime.

I.

Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche Lied
Kann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang;
Hört' ich jemals wieder einen süßen Klang,
Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied?
Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief,
O, wie wurde mir dabei die Seele weit;
Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief,
Hör' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.

II.

Ich hatte so viel dir zu berichten,
Neuigkeiten, allerhand Geschichten;
Aber nun bist du auf einmal so nah
Mit diesem Kinn und diesen Wangen,
Alle Gedanken sind mir vergangen –
Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde,
Nur eine Spanne von meinem Munde,
Den ich so lange, die Lippen zerbeißend, von weitem sah!

III.

Einen guten Grund hat's, daß mein Liebchen
Über alles schön und herrlich ist geraten:
Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen,
Mond und Sonne waren seine Paten.
Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen:
Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen.
Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne:
Wenn er lächelt, klingen alle Sterne.


Isolde Kurz.

Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters Hermann Kurz; lebt, unvermählt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz. – Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905.